• Nunu Kaller

"Es gibt kein richtiges Leben im falschen"

In der Kategorie #Frauenstark werden euch Frauen vorgestellt, die eine inspirierende und motivierende Funktion für ihre Mitmenschen haben. Sie schreiben die Herstories unserer Zeit und Zukunft. Eine gesunde Gesellschaft lebt vom Miteinander und da wir so viele starke weibliche Persönlichkeiten haben, müssen diese mit ihren Ideen und Innovationen in den Vordergrund gestellt werden.

Fotocredit: Ida Kreutzer

1) Nunu, du schreibst und stehst für natürliche Schönheit - oder viel eher die eigene Einstellung über sich selbst - bist aktive Feministin und vor allem setzt du dich aber für mehr Bewusstsein in puncto Nachhaltigkeit ein. Wie findest du die Zeit für all das und wie ist es dir gelungen, deine Herzensthemen zu deinem Beruf zu machen?

"Interessante Frage, ich hab da eigentlich nie genau drüber nachgedacht, das hat sich alles organisch ergeben. Zuerst war da immer schon eine Leidenschaft zum Schreiben und ein großer Gerechtigkeitssinn (ich sag immer: Ich hab zwei viel ältere Brüder, ich war immer die erste, die wegen unfairer Behandlung geschrien hat, wenn die schon was durften und ich nicht). Dann kam die NGO-Arbeit, während der NGO-Arbeit dann die Idee zu www.ichkaufnix.com - und das Bloggen war für mich wie ein angenehmes Ventil neben der Pressesprecherinnenarbeit: endlich frei Schnauze schreiben können. Aus dem Buch, das aus dem Blog entstand, ergab sich dann der Job bei Greenpeace – bei der Stelle war die Österreich-Betreuung der Detox-Kampagne dabei (der Greenpeacekampagne zur globalen Textilproduktion). So ging es eigentlich immer weiter – mein Jobs hatten immer mit Kommunikation und Weltverbessern zu tun, und beides tu ich halt auch gern privat J Ich hab nur gelernt: Immer die Augen offen halten und sich Neues ausprobieren. Selbst, wenn man manchmal auf die Schnauze fällt, es zahlt sich aus. Und irgendwann lern ich das auch, in Stressphasen persönliche Grenzen zu ziehen." 2) Natürlichkeit wird immer „moderner“. Also weniger Make-Up, graue Strähnen zeigen, anstatt sie zu färben, auch Dehnungsstreifen sind heute ein Schönheitsmerkmal. Frauen trauen sich viel mehr, sich selbst zu sein und das auch via Social Media zu zeigen. In der Realität und selbst in den aktuellen Studien zeigt sich jedoch, dass Mädchen - sogar unter zehn Jahre - häufig ein verzerrtes Verhältnis zu ihre Körper haben und am liebsten „schlanker, größer und schöner“ wären. Was sind deine Gedanken dazu?

"Das Pendel schlägt auseinander. Aber bereits deine Frage impliziert eines: Frauen stehen zu ihren grauen Haaren und Dehnungsstreifen. Das heißt, sie haben etwas bereits realisiert, wo junge Mädchen noch nicht sind: Sie hatten genug Zeit, sich selbst anzunehmen. Eigentlich wäre es schön, wenn dieses Annehmen seiner selbst und des eigenen Aussehens automatisch von klein auf passiert – doch da spielen verdammt viele Faktoren rein, die das verhindern. Da ist zum Beispiel die Kosmetikindustrie, die uns anhand von komplett gephotoshoppten Bildern erklärt, wie wir aussehen sollen und das wir das nuuuuur durch ihre Produkte schaffen, oder die sozialen Medien, deren Algorithmus Selfies bevorzugt, am besten von Handys, die bei der Selfiekamera den Beautyfilter gleich eingebaut haben."

3) „Fuck Beauty“ - dein zweites und sehr lesenswertes Buch - was hat dich dazu animiert es zu schreiben und was hat sich für dich in den letzten zehn Jahren geändert/entwickelt, wie siehst du Sache mit der Schönheit heute, wie war das früher?

"Die Initialzündung habe ich im ersten Kapitel des Buchs beschrieben: Ich war auf Urlaub, alleine, und es war paradiesisch. Das Meer türkis, die Strände weiß, das Wetter traumhaft. Und ich fühlte mich unwohl, weil ich am Schiff (ich war auf einem Schnorcheltrip) den Rucksack, in dem mein Kleid war, iiiirgendwo verräumt hatte. Also musste ich nur im Bikini gekleidet sitzen – und das war immer ganz furchtbar, sitzen, der Bauch wirft Rollen, die Oberschenkel fließen förmlich auseinander auf die Bank. Doch plötzlich machte es * klick * in mir und ich dachte mir: Deppert, Kaller? Du bist im Paradies und konzentrierst dich darauf, wie dein Bauch aussieht? Das ist dem Paradies aber ziemlich wurscht! In dem Moment wurde alles anders, ich war so entspannt und konnte viel mehr genießen. Doch der Gedanke ließ mich nicht los, und kaum war ich zuhause, begann ich zu recherchieren: Bitte wo kommt das her, dass so viele Frauen sich optisch scheiße fühlen, und was gibt es für Gegebewegungen.

Für mich hat dieser Moment am Schiff alles geändert, ohne Übertreibung. Ich bin jahrelang durch Wien gelaufen und hab mich für den hässlichsten Besen schlechthin gehalten. Heute weiß ich: It´s not me, it´s society. Und bin (meistens) mit mir im Reinen. (Wir haben alle Tage, an denen wir das Gefühl haben, aus dem Spiegel schaut uns der Grinch entgegenen. Ist bei mir auch noch so, und ist ok so. Mein Grundgefühl ist aber ein anderes, positiveres als früher)." 4) Was fehlt dir persönlich im öffentlichen Diskurs, wenn es um das Thema „Selbstbild“ und „Schönheit“ geht? Was läuft gut, was läuft daneben?

"Ich denke, dass sich da grad schon sehr viel tut – und die sozialen Medien haben ja einen Vorteil, der gleichzeitig ein Nachteil ist, aber in diesem Zusammenhang ist er ein Vorteil: Man kann sich seine Blase aussuchen. Die Blase, in der ich mich zum Beispiel auf Instagram bewege, ist sehr divers, von dick bis dünn, quer durch alle Hautfarben, Nationen, Bildungsgrade sehe ich mir Frauen an, die zu sich selbst stehen. Das find ich wunderbar. Was mich allerdings immer wieder rasend macht, ist der Umgang miteinander online: Ich merke – jetzt nicht nur beim Thema Selbstakzeptanz, sondern auch und vor allem beim Thema Feminismus – wie sehr es gegeneinander geht, wie sehr sofort geshitstormt wird, wenn eine Person einmal was „falsch“ macht. Das empfind ich als sehr anstrengend und nicht gerade diskursfördernd." 5) Nehmen wir ein konkretes Beispiel: Eine Person hat ein durchschnittliches Gehalt, drei Kinder und kann sich einfach nicht die handgemachten 80-Euro Ballerinas oder den Bio 100-Euro-Pulli leisten, denn da bräuchte man ja noch die Hose, Unterwäsche, einen Mantel und die drei Kinder darf man nicht vergessen…muss sich diese Person schuldig fühlen, wenn sie bei Primark oder H&M einkaufen geht?

"Haha, lustig, genau diese Person nehm ich selbst auch ganz oft als Beispiel: Ich würde so einer Person niemals vorwerfen, wie sie konsumiert. Ich mache im Allgemeinen eigentlich nicht den KonsumentInnen den Vorwurf, sondern den Konzernen, die den Mist überhaupt erst produzieren (dieses Ding mit Angebot und Nachfrage und Freier Markt, das gibt’s doch alles längst nicht mehr, inzwischen steuert die Industrie die Nachfrage und schon lange nicht mehr der Markt selbst). Jede Person hat den Schalter in Richtung nachhaltigen Konsum woanders, nicht bei jeder macht es gleichzeitig „klick“. Nur was halt wirklich nie funktioniert: Menschen in nachhaltigen Konsum hineinshamen. Das ist doch sinnlos, aus schlechtem Gewissen heraus nachhaltig produzierte Kleidung kaufen, aber dabei die ganze Zeit denken, dass man bei Primark dafür die vierfache Menge bekommt, das funktioniert doch nicht lange. Nachhaltiger Konsum muss Spaß machenJ und übrigens: Das nachhaltigste Kleidungsstück ist das, das du gar nicht erst kaufst. Das heißt: Trag deine Kleidung so lange wie möglich, bring sie dann zum Second Hand und kauf dort neue Sachen. Damit handelt man sogar noch nachhaltiger als wenn man den gesamten Kleiderschrank auf Neuproduziertes in Bio und Fair umstellt. Und das kostet auch eine ganze Stange weniger." 6) Zum Thema Nachhaltigkeit. Du bist auf den „Textilschweden“ so richtig angefressen, dabei gibt es so viele andere gleichnamige Shops, die genauso Müll fabrizieren, warum fällt uns allen nur der Schwede ein, wenn es um "Fast Fashion" geht und mal so plump gefragt, damit das Verständnis für die Problematik besser hergestellt ist: Was ist falsch daran, ein T-Shirt um 5 Euro zu kaufen?

"Erstens: Weil sie die ersten waren, die das System der global produzierten billigen Mode erfolgreich in die Welt gebracht haben.

Zweitens: Weil sie mich wahnsinnig machen, wenn sie auf nachhaltig tun. Das halte ich für so verlogen! Da sind mir inzwischen sogar Konzerne, die Mist produzieren, aber wenigstens nicht so tun, als ob dieser Mist in Wahrheit superökologischer Biodünger wäre, tausendmal lieber. Ich bin extrem allergisch auf Greenwashing, und der Textilschwede beherrscht diese Disziplin halt recht gut.

Und zum Fünf-Euro-Shirt: Wir sehen immer nur das fertige Produkt und den Preis. Was wir nicht sehen, sind die vielen Arbeitsschritte, die da rein gehen: Das Ausbringen und Ernten der Baumwolle, das Spinnen, das Weben, das Färben, der Zuschnitt, das Nähen, die Endfertigung. Entlang der ganzen Lieferkette gibt es Unmengen an Arbeitsschritten, die nicht automatisiert werden können, sondern von Menschenhänden ausgeführt werden. Obendrein reist so ein Shirt sehr weit, bis es bei dir im Schrank liegt: Baumwolle aus Indien, Weberei in der Türkei, Färbung in China, Nähen in Bangladesch und dann kommt es zu dir ins Regal. Bei JEDEM Preis kann man rechnen, dass gut 70 Prozent erstmal an die verkaufende Firma gehen und nicht in die Lieferkette. Bleiben 1,50 für die Produktion. Und jetzt rat mal, wie viel davon zum Beispiel bei der Näherin bleibt. Ich halte das für Sklaverei, was da in der Textilbranche teilweise abgeht, und will das nicht unterstützen." 7) Noch bei der Nachhaltigkeit. Mein Eindruck ist, dass es für viele ein Trend ist. Also einige verdrehen bei dem Wort schon die Augen, andere brennen dafür und dazwischen ist die breite Masse, der das wo vorbeigeht. Aber vor allem fällt mir eines auf: Man kann es nicht komplett richtig machen. Also man kann zB vegan sein, aber trotzdem Fast Fashion kaufen. Mann kann Fair Fashion kaufen, auf Fleisch verzichten, aber zB Urlaub auf die Bahamas machen und da hockt man eben im Flieger, was wieder nicht nachhaltig ist. Kann es dein eine Person 100% „richtig“ machen? Oder worum geht es eigentlich bei der ganzen Nachhaltigkeit?

"Frei nach Adorno: Es gibt kein richtiges Leben im Falschen. Du kannst nie alles richtig machen. Es gibt immer Bereiche, in denen man Kompromisse machen muss. Aber man kann sich halt schon Gedanken machen, wie schlau es ist, jede Woche zehn Plastikflaschen zu verbrauchen, wenn die Wasserleitung und eine auswaschbare Glas- oder Metallflasche es auch tun. Oder ob man wirklich einen Kleiderschrank braucht, der übergeht vor Sachen, die man sowieso nie anzieht. Ich nenn das, was heute Nachhaltigkeit genannt wird, ganz oft schlicht Hausverstand. Muss ich mir jedes Mal im Supermarkt ein neues Sackerl nehmen oder warats schlau, wenn ich dran denk, eines immer eingesteckt zu haben? Und im Supermarkt: Brauch ich wirklich Erdbeeren im Winter? Im Namen der „Convenience“ rennt halt sehr viel falsch, finde ich. Was ich aber nicht gut find: Wenn man sich eh schon bemüht, dann doch schwach wird und die Erdbeeren kauft und sich dafür tagelang schämt und schlecht fühlt. Wem ist dann geholfen? Man selbst fühlt sich besch...en, und das eine Packerl Erdbeeren ist der Erde glaub ich auch recht dulli. Natürlich ist es absolut wichtig, ein Zeichen zu setzen und den Kauf solcher Produkte zu boykottieren. Wenn aber die Richtung stimmt und die Erdbeeren die Ausnahme bleiben und nicht zur Regel werden, find ich es nicht schlimm. Viel schlimmer find ich, wenn jene Menschen, die bereits ihr Verhalten und ihren Konsum umstellen und bereits verstanden haben, dass das innerhalb ihres Wirkungskreises ein guter Hebel ist, sich die gesamte Verantwortung für den Klimawandel allein auf ihre Schultern heben, weil sie von der Last des Themas überfordert sind. Denn die produzierenden Firmen, die sind die mit dem viel größeren Hebel (und nein, ich kicher jetzt grad üüüberhaupt nicht... hihi, größerer Hebel)." 8) In deinem ersten Buch „Ich kauf´ nix“ erklärst du, warum, aber auch vor allem wie du dich auf „Shopping-Diät“ gesetzt hast. Ein ganzes Jahr lang. Auf welche Produkte hast du da genau verzichtet und wie ging es dir währenddessen und danach, aber vor allem: Wie kam es überhaupt dazu?

"Ich hab ein Jahr lang keine Kleidung, keine Schuhe, keine Taschen, keinen Schmuck, kein Klimbimzeux gekauft. Weil ich da einfach einen blinden Fleck hatte: Meine Wohnung ist eingerichtet aus willhaben und alten Sachen. Mein Obst- und Gemüsekonsum ist halbwegs saisonal (das mit den Tomaten krieg ich nicht immer hin, zugegeben). Ich hab kein Auto, bin in der Stadt mit Öffis und Fahrrad unterwegs und damit sowieso viel schneller überall als mitm Auto. Aber bei der Kleidung hats mich halt immer ausgehängt. Ich war shoppen, um mich abzulenken, mich zu trösten, mich zu belohnen, aber gebraucht hab ich die Sachen längst nicht mehr. Da zog ich eben die Reißleine und gut wars! Das Projekt hat mein Leben verändert und in Sachen Konsum einen echten Paradigmenwechsel in mir ausgelöst. Ich war seither mit sehr wenigen Ausnahmen (v.a. Unterwäsche – leider gibt’s die in Fair nicht in meiner Größe) nicht mehr Fast Fashion kaufen." 9) Was sind deine Tipps für Menschen, die nachhaltiger leben möchten, sich aber im Low-Budget-Bereich bewegen?

"Ich hatte letztes Jahr die Ehre, bei einem weiteren Buch mitarbeiten zu dürfen: Just share it! – in dem es um verschiedene Möglichkeiten des Tauschens und Teilens geht. Und das ist auch gleich mein erster Tipp: Tauschen, ausborgen, teilen. Man muss nicht alles neu kaufen. Man kann sich auch vernetzen und Dinge ausborgen.

Ansonsten sind meine Tipps relativ bekannt: Überleg dir vor dem Kauf wirklich, ob du das brauchst. Kauf bei Obst und Gemüse bio und saisonal (das Preisargument lass ich da nicht gelten, wer sich weniger verarbeitete Produkte und weniger Fleisch kauft, spart und hat mehr Geld für qualitativ hochwertigeres Essen).

Was mir halt oft auffällt: Unsere Geiz-ist-Geil-Mentalität ist anstrengend. Es gibt alle möglichen Produkte inzwischen von sauteuer bis supergünstig, egal, ob Kopfhörer, Wohnwand oder Jeans. Aber am Ende des Tages steht halt trotzdem immer die Frage: Brauch ich das jetzt wirklich? Auch wenns „günstig“ ist?" 10) Was sind deine top Tipps für Menschen, die sich so wie sie aussehen nicht lieben können und daran verzweifeln?

"In diesem Fall kann ich nur sagen: Es ist ein langer Weg, hat bei allen andere Abzweigungen. Mir persönlich hat die Auseinandersetzung damit geholfen, was eigentlich der Grund ist, warum ich mich hässlich fühle. In Fuck Beauty habe ich versucht, die verschiedenen Gründe aufzufächern. Was mir in schlechten Tagen besonders hilft: Dankbarkeit. Mein Körper ist so viel mehr als nur die Schale. Er funktioniert seit mittlerweile 38 Jahren ohne gröbere Unterbrechungen einwandfrei, er lässt mich dieses wunderbare Ding namens Leben erleben, er lässt mich spüren, empfinden, denken. Dafür kann man auch mal dankbar sein und dann wird sehr schnell unwichtig, ob die Oberschenkel dick oder die Brüste zu klein sind."

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