• Amel Hamdi

Was tun, wenn mein Kind von anderen Kindern abgewiesen wird?


Fotocredit: wix.com

Es kann eigentlich überall passieren: Am Spielplatz, im Kindergarten, in der Schule oder auch unter Geschwistern, dass das eigene Kind abgewiesen wird. Das ist natürlich keine angenehme Situation, gehört aber zum Alltag vieler Kinder und überfordert nicht nur sie, sondern auch ihre Eltern. Lebens-und Sozialberaterin Amel Hamdi weiß, wie Eltern in den einzelnen Fällen zu handeln UND auf keinen Fall zu handeln haben.

1. Beispiel: Das abgewisesene Kindergartenkind Amel Hamdi: Es bestehen zwei mögliche Ursachen: das traurige und einsame Kind hat im frühen Kindesalter (0-2J.) zu wenig Zuneigung, zu wenig Wertschätzung und Bestätigung erhalten. Es braucht positive Botschaften, die nicht an erbrachte Leistungen gebunden sind. Botschaften die es nur wegen seines „Seins“ erreichen wie z.B.“Hallo Ahmed, ich freue mich dich zu sehen!“ od. „Schön, dass du da bist!“ Eine freundliche Berührung oder Umarmung kann auch zum Gefühl der Sicherheit beitragen. Hier müssen die Eltern wirklich sehr reflektiert sein, denn oft heißt es, wir kuscheln eh genug oder geben genug Aufmerksamkeit. Die zweite Ursache wäre, das Kind verfügt schon über eine gewisse innere Stärke und Stabilität, sodass die anderen Kinder diese starke Energie spüren und nicht damit umgehen können. Hier greifen sie zum einfachsten Weg, indem sie das Kind ausschließen oder „es meiden“. Da diesem Kind natürlich nicht bewusst ist, dass es über diese Stärke verfügt, könnte es zu Schuldgefühlen kommen. Hier gilt es, weiter das Kind zu stärken und es zu ermutigen, erste Schritte zu den anderen Kindern zu unternehmen. Wenn man aber genauer hinschaut, wird das Kind (wenn überhaupt) nur dann gelobt, wenn es eine Leistung erbracht hat, wobei der Maßstab ob es überhaupt eine Leistung ist, bei den Eltern bleibt. Z.B. das Kind ist voll zärtlich zum neuen Geschwisterchen und versucht es zu trösten, wenn es z.B. weint. Für die Mutter ist es meist nichts Besonderes und geht einfach unter, oft wird das Kind auch „beschuldigt“ schlechte Absichten zu haben „tu deiner Schwester nichts!“. Hier geht es um ein unerfülltes Bedürfnis und da sind in erster Linie die Eltern gefragt. Es gilt: Loben, Loben, Loben und volle Aufmerksamkeit. Wendet man das über Tage, evtl. Wochen an, wird sich das Kind deutlich entspannen und in der Gruppe auftauen. In der Regel wird es nun selbst Kontakt aufnehmen, seine Zeichnungen zeigen, andere Kinder anlächeln usw. In dieser Phase auch mit dem Kind über seine Gefühle sprechen, auf die Angst eingehen. Fragen, wen es sich als FreundIn im Kindergarten vorstellen kann und ermutigen den ersten Schritt zu tun. Eltern können mit PädagogInnen einen Termin für ein Gespräch vereinbaren. Sie weihen die PädagogInnen in die eigen Verhaltensäderungen gegenüber dem Kind mit ein und bitten sie um Unterstützung im Kiga (mehr Aufmerksamkeit, Loben, Achtsamkeit, …) soweit es ihnen natürlich möglich ist. Die Hauptaufgabe liegt selbstverständlich bei den Eltern und wenn zuhause das Bedürfnis erfüllt wird, dann reicht es meist auch für den Kindergarten oder die Schule. Was Eltern vermeiden sollten: Die Angst ignorieren und nicht darauf eingehen. Tadeln, Strafen, Kritisieren. Die anderen Kinder als böse, schlecht, nicht erzogen oder sonstiges zu bezeichnen. (Löst noch mehr Unsicherheit aus die sich später hinter Arroganz verbirgt). Den PädagogInnen oder anderen Erwachsenen (vor allem vor dem Kind) die Schuld geben (stört das Urvertrauen und die positive Haltung). 2. Beispiel: Ein Schulkind zieht in eine komplett neue Umgebung/ Schule Amel Hamdi: Das Kind verlässt die sog. Sicherheitszone, dort wo alles bekannt, klar und sicher ist und betritt ein unbekanntes Terrain. Angst, Unsicherheit und Zweifel sind vor allem in der ersten Zeit, völlig normale Begleiterscheinungen von Veränderung. Auch bei uns Erwachsenen treten in so einer Situation die gleichen Emotionen auf. Hier ist es wichtig, das Kind ernst zu nehmen, wenn es nach Hause kommt und erzählt bzw. sollten Eltern Neugierde und Interesse zeigen, wenn das Kind eher zurückhaltend mit Erzählungen ist. Wie fühlt es sich in der Klasse? Wie gefällt ihm die Klasse als Raum, das Mobiliar? Kennt es schon Namen seiner Mitschüler? Wie ist es in der Pause? Wie sieht der Schulwart aus? Wie schmecken die Brötchen vom Buffet?...Mut zusprechen, Geschichten aus der eigenen Kindheit erzählen (ähnliche Situation). Es können kleine Überraschungspäckchen für die Mitschüler vorbereitet werden, die das Kind dann in der Klasse verteilt. Die Persönlichkeit stärken – DU entscheidest wer dein Freund ist! Kind zum Agieren motivieren. Nicht dramatisieren oder zu früh eingreifen – Kind könnte Opferhaltung einnehmen.

3. Beispiel: Ein Kind wird zB auf dem Spielplatz von einem anderen Kind körperlich angegriffen: Amel Hamdi: Harmonie ist gut, doch Streit ist für Kinder wichtig und ein Bestandteil des Alltags mit dem sie umgehen müssen. Im Wettstreit messen sie ihre Kräfte und lernen dabei, sich und andere einzuschätzen. Es geht auch darum die eigenen Interessen gegen den Widerstand anderer durchzusetzen und auch dass es sich wehren kann. Wenn das Kind geschlagen wird und nichts unternimmt um sich zu wehren, muss die Mutter bzw der Vater eingreifen. Es ist hier wichtig zu verstehen, dass das schlagende Kind die Aggression nicht bewusst wählt, sondern es ist häufig das einzige Mittel der Kommunikation, das es kennt. Deshalb dürfen Eltern so ein Verhalten nicht persönlich nehmen. Es ist auch nicht hilfreich (für das eigene Kind) das schlagende Kind zu schimpfen oder zu tadeln. Niemand hat das Recht sich in die Erziehung anderer Kinder einzumischen. Auch der Versuch die Eltern „zu erziehen“ ist hier nicht angebracht. Vielmehr sollte der Fokus auf das eigene Kind sein: Hingehen, ruhig das Kind aus der „Gefahrenzone“ nehmen bzw. begleiten, fragen ob alles ok ist, was los war, zuhören, Verstehen,… Zuhause das Thema „sich wehren“ gemeinsam besprechen, vielleicht aus einem Buch zum Thema vorlesen, auf keinen Fall tadeln oder schimpfen. Je nach Alter, kann das Kind lernen „Du darfst mich nicht schlagen!“ laut und deutlich zu sagen, wenn es zu einem Vorfall kommt. Prinzipiell gilt – im Innern am Selbstwert des Kindes arbeiten und im Außen kann z.B. ein Kampfsport sehr hilfreich sein um die Haltung, Persönlichkeit, Ausstrahlung zu stabilisieren.

4. Beispiel: “Ich bin anders“ Amel Hamdi: Jedes Kind ist einzigartig und jeder Mensch macht im Laufe seines Lebens die Erfahrung, dass er sich von anderen unterscheidet. Das macht die Menschen unverwechselbar und interessant. Würden alle Menschen sich ähnlich verhalten und gleich aussehen, wäre es langweilig und auch Weiterentwicklung wäre nicht möglich. Deshalb sollte prinzipiell die Einzigartigkeit des Kindes immer wieder betont werden. Die Eltern müssen hierfür von bestimmten „Normen“ wegkommen und dürfen das Kind nicht in ein Uniformes Korsett zwängen, sondern es unterstützen, wenn es sein „ICH“ entdeckt. Deutlich unterstreichen, wie schön es ist und dass es sich von anderen unterscheidet.Bewusst nach Unterschieden suchen und diese betonen, auch die Verhaltensweisen die zunächst als störend empfunden werden, in einen positiven Rahmen stellen – „Mein Kind ist ein Zappelphilipp.“ Könnte auch bedeuten: „Mein Kind will alles von der Welt erfahren, es ist neugierig.“ Oder „Mein Kind ist Bewegungsfreudig.“Das Kind nach allen Kräften fördern, so dass es von sich selbst ein positives Bild bekommt. Das Selbstwertgefühl des Kindes stärken.Dem Kind dabei helfen, Selbstvertrauen und eine eigene Identität zu entwickeln.5. Das Kind nabelt sich ab ab ca. dem 12. Lebensjahr, beginnen Kinder „anders“ zu werden. Sie distanzieren sich von den Eltern, Freunde haben mehr Gewichtung. Wenn Eltern versuchen diese Phase zu verstehen und sich in die Welt des Kindes einzufühlen, werden sie diese Veränderung auch nicht als „Verlust“ des Kindes und somit auch nicht dramatisieren und persönlich nehmen. Eltern sind oft sehr fordernd in dieser Phase. Die Erwartungen von Vernunft sind meist sehr hoch. Hier hilft oft die Erinnerung an die eigene Pubertät und wie man sich in dem Alter mal gefühlt hat und was wichtig war.Auch wenn es hart ist, aber in dieser Zeit (zw. 12 – 18) entwächst das Kind und beginnt den Sprung ins Erwachsenenleben zu üben. Sie orientieren sich zunehmend außerhalb der Familie und hier zeigen sich erste Resultate: wurde das Kind immer gestärkt, konnte es lernen den Eltern zu vertrauen, gab es immer ein offenes Ohr,konnte es immer – ohne etwas zu befürchten – mit Sorgen kommen, wurde es ernst genommen und wertgeschätzt, sind die Bedürfnisse gesättigt – dann wird es nie den Draht zu den Eltern verlieren. Der Draht wird sich dehnen, sich dem Leben anpassen, aber nie reißen. In diesem Fall sollten die Eltern keine Panik bekommen, wenn das Kind „komisch“ wird. Sie sollten geduldig sein, Verständnis zeigen und loyal bleiben. Haben die Eltern aber in der Erziehung (meist unbewusst) Fehler gemacht, die sich jetzt als Resultat - in Form von Abweisung und eine größere Distanz - beim Kind zeigen, dann müssen sie jetzt noch einmal Gas geben: Gute Gelegenheiten schaffen, um Erwachsenengespräche zu führen – nicht von oben herab, also erzieherisch – sondern eher freundschaftlich. Sich mit dem Kind anfreunden – dabei auf die Sprache, Verhalten, Humor, Emotionen achten. Verständnis zeigen. Sich als Fels in der Brandung anbieten und es auch sein. Einladungen aussprechen – Kino, Essen, Bummeln,…Besondere Überraschungen – an Interessen des Kindes orientieren – Modenshow, Kurztrip, div. Messen und Ausstellungen,…Es ist wichtig, sich vor Augen zu halten: Der Bruch wird kommen! Die Kinder werden und müssen ihren eigenen Weg finden. Sie müssen Energie aufbauen, die sie zum Losbrechen benötigen. Eltern dürfen das nicht persönlich nehmen, denn wie die Geburt ist dieser Trennungsprozess schmerzhaft, aber dennoch positiv.

Amel Hamdi ist Lebens-und Sozialberaterin in Wien.

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