• Magdalena Heinzl

Der (weibliche) Orgasmus

1) Wenn wir bei Frauen vom Orgasmus sprechen, wird oft in klitoralem und vaginalem Orgasmus unterschieden. Es gibt Studien, die sagen, dass 20% aller Frauen gar keinen vaginalen Orgasmus erleben (können). Dann gibt es andere Studien, die das Gegenteil belegen und angeblich kann man den vaginalen Orgasmus sogar trainieren. Könntest du hier ein wenig Licht ins Dunkel bringen? Was stimmt nun?


MH: "Also. Das ist ein riesen Thema! Grundsätzlich laufen alle Orgasmen irgendwie über die Klitoris. Wichtig: Die Klitoris ist nicht nur eine kleine Perle in der Größe einer Kidney Bohne. Die Klitoris ist ein komplettes Organ, welches Schwellkörper und Schenkel hat Die meist sichtbare „Perle“ (die auch von Vulva zu Vulva variieren kann) ist nur die Spitze des Eisbergs. Da sich die Schwellkörper der Klitoris um die Harnröhre und Vagina schlingen, werden diese auch bei vaginaler Stimulation durch z.B. Penetration mitstimuliert. Dieses unterscheiden in vaginal und klitoral ist leider noch recht stark durch Freud geprägt, da dieser ja meinte, dass der vaginale Orgasmus der einer reifen Frau ist und der klitorale Orgasmus eben der einer "unreifen" Frau. Das ist natürlich völliger Blödsinn und davon sollten wir uns auch bewusst distanzieren.

Nichts desto trotz kann es für Menschen mit Vulva unterschiedliche Qualitäten bzw. Empfindungen haben eher durch externe, oder interne Stimulation zum Höhepunkt zu kommen. Was nun besser/angenehmer oder weniger toll empfunden wird ist aber absolut individuell und nichts stetes. 
Das Schöne an dieser ganzen „komplexen“ Sache ist aber, dass man IMMER noch was dazu lernen kann und seine Wahrnehmungs- und Spürfähigkeiten erweitern kann. Individuell kann hier Sexualberatung oder Therapie helfen. Ich bin ja ein Fan davon Körper und Geist zu verbinden. Daher arbeite ich mit Menschen auch nicht nur über Gespräche (kognitiv), sondern auch mit Übungen für den Körper. Wahrnehmung und Spüren sind das A und O in der Sexualität.

Für manche Menschen braucht es diese Entladung in einem Orgasmus gar nicht, um ihre Sexualität als zufriedenstellen zu beschreiben. Es sollte keineswegs ein Marathonlauf zum Orgasmus werden, ohne den Weg dorthin zu genießen. Das passiert aber leider ganz oft. "



2) Kann Frau alleine durch Penetration zum Höhepunkt kommen?

MH: "Ja natürlich – geht auch durch bloße Berührung außen an den Vulvalippen und Klitorisperle oder aber durch bloße Muskelanspannung. Dazu muss aber die Spür und Wahrnehmungsebene gut ausgeprägt sein. Außerdem geht es um ein Erotisieren des eigenen Innenraums.

Wie oft hast du dir (Mensch mit Vulva) schon lustvoll etwas eingeführt oder lustvoll etwas vaginal aufgenommen? 
Das passiert tatsächlich bei den meisten Menschen recht selten. Unser Hirn repräsentiert aber natürlich unterschiedliche Körperteile auch nach dem, wie oft wir sie spüren, wahrnehmen und nutzen. Es kann also extrem hilfreich sein, wenn ich vaginal weniger wahrnehmen kann mich selbst zu berühren, mir Finger oder Sextoys einzuführen und einfach mal hinzuspüren, was fühle ich und wie nehme ich das wahr. Gibt es Stellen die sensibler sind als andere? Kann ich meinen Beckenbodenmuskel wahrnehmen. Was passiert, wenn ich mein Becken kippe oder kreise? Je öfter und regelmäßiger ich dies mache, umso besser wird die Spürfähigkeit. Beckenboden Training (nicht nur Anspannen sondern auch bewusstes Entspannen) kann hierbei ebenso helfen! 
Dazu müssten wir hald auch alle wieder mal einen Schritt in das Abenteuer wagen. Sich selbst und den eigenen Körper wieder mal neu zu entdecken. Meist ist es ja so, wenn wir mal rausgefunden haben, was uns gefällt bzw. wie wir uns selbst zum Orgasmus bringen können, dann machen wir das immer wieder so. Weil wir da sozusagen die Dr. Oetker-Garantie haben ;D Sich auf neue andere Berührungen einzulassen braucht also Mut, Neugierde und Geduld."


3) Wie stimuliert man als Frau am besten die Klitoris? Den inneren sowie äußeren Teil?

MH: "Zunächst muss hier gleich mal eins vorweg gesagt werden. Es gibt Menschen, die einen ganz selbstverständlichen Zugang zu ihrem Körper und auch ihren Genitalien haben. Aber es gibt auch Leute, die sich da nicht so leichttun. Das kommt auch immer ein bisschen darauf an, wie wir sozialisiert und aufgewachsen sind. Oftmals wird uns ja vermittelt, dass die Genitalien (vor allem aber Vulven) etwas Schmutziges sind, oder voller Scham. Alleine die Begriffe Schamlippen sind zum schämen – deshalb sage ich auch Vulvalippen oder Charmelippen. Es heißt ja auch nicht Schameichel oder Schamhoden! So kann es erstmal komisch klingen, wenn ich jetzt empfehle, die Genitalien anzuschauen und zu berühren auf verschiedenste Arten. Wichtig wäre hierfür, sich einfach mal den Stress rauszunehmen. Am besten eine gemütliche, angenehme Atmosphäre schaffen und sich dann mal in eine bequeme Position bringen. Tief einatmen und wieder ausatmen. Versuch mal, dass sich beim Atmen nicht nur der Brustkorb hebt, sondern auch der Bauch. Wie fühlt es sich an in die Seiten des Rückens zu atmen? Einfach mal nur auf die Atmung konzentrieren kann schon ein erster Schritt sein, seinen Körper besser zu spüren. Und dann kann‘s weitergehen – auf was auch immer du Lust hast – aber hier ein paar Ideen von mir.


Wie Mensch mit Vulva/Vagina möchte – das ist extrem individuell. Manche mögen Berührungen mit den Fingern, Händen, andere pressen sich gegen ein Kissen oder einen anderen Gegenstand, wiederum andere nutzen den Duschstrahl und wieder andere verwenden gerne Toys (egal ob vibrierend, klopfend, saugend oder nicht). All diese Formen können natürlich auch variieren. Das ist so individuell wie die Sexualität jedes Menschen sowieso.

Hier aber trotzdem ein paar Ideen, die „Frau*“ gerne mal ausprobieren kann.

Mit einzelnen Fingern über die Vulva streichen nach oben und unten, links und rechts. Was verändert sich, wenn ich die ganze Hand nehme? Hier kann man natürlich auch Tempo und Druck verändern. Sind festere Berührungen angenehmer oder sanfte? Verändert sich das während der Stimulation?

Manche finden es klasse, durch sanftes Tippen an den Vulvalippen stimuliert zu werden. Das kann wie ein sanfter Frühlingsregen oder ein Sommergewitter sein – wie es sich hald besser anfühlt.

Man kann auch die Vulvalippen sanft auseinanderziehen und spüren, was dieser leichte Zug für Empfindungen auslöst.

Beliebt sind oftmals auch kreisende Bewegungen mit einzelnen Fingern oder der flachen Hand. Hier kann man auch die Kreisbewegungen größer und kleiner werden lassen.

Auch Hinspüren ob man eher oberhalb der Klitorisperle oder seitlich sensibler ist. Wie sieht es rund um die Vaginalöffnung aus, oder am Damm, oder rund um den Anus. Auch hier können Massagen oder diverse Stimulationen als sehr angenehm empfunden werden.


Bei all diesen Ideen gilt, mach nur das, worauf du Lust hast und spüre gut in dich rein. Hier kann man immer auch Druck und Tempo verändern. Auch mit Kälte und Wärme kann man sich mal ausprobieren. Finde ich es prickelnd, wenn meine Hände sehr kalt sind oder eher warm? Was macht es, wenn ich das Becken kippe oder kreise? Wie verändert sich meine Atmung. Was passiert mit meiner Lust, wenn ich tief in den Bauch atme oder nur sehr oberflächlich in den Brustkorb? Was ist, wenn ich die Luft anhalte?

Ihr seht – dies sind nur kleine Impulse und die sind schon unglaublich divers."


4) Welche Rolle(n) spielt hier der Partner?! Irgendwie habe ich den Eindruck, dass die Klitoris für viele Männer unauffindbar ist und wenn sie dann doch gefunden wurde, dann können viele nicht damit umgehen. Ich habe eine Frage mehrmals gestellt bekommen "Wie erkläre ich meinem Freund, wie er meine Klitoris zu berühren hat"?

MH: "Kommunikation ist das A und O im Bett oder allgemein in Beziehungen. Leider haben wir nur selten bis gar nicht gelernt über Sexualität (vorurteilsfrei) zu sprechen. Viele Menschen berühren sich ja selbst nicht mal „da unten“ und haben keine Ahnung, was ihnen selbst gefällt. Da wird dann oft vom Gegenüber erwartet, dass diese*r wissen müsste, was man mag bzw. was einem gefällt. Wichtig ist darüber reden, oder auch mal vor dem anderen zu masturbieren, oder die Hand des anderen nehmen, um Bewegungsabläufe etwas ins Gefühl zu bekommen. Aber vor all diesen Punkten steht IMMER zuerst die Auseinandersetzung mit sich selbst und dem Körper als sexuelles Instrument. Ideal wäre es, wenn jeder Mensch völlig autonom über die eigene Lust und Sexualität bestimmen könnte. Dann hätten wir (egal mit welchem Menschen) immer die Möglichkeit phänomenalen Sex zu haben. Es beginnt immer bei uns selbst."


5) Welche Rolle spielt der Kopf beim Sex und wie schaltet man am besten ab? Das ist nämlich auch nicht so leicht, wie es klingt.

MH: "Ja, wer kennt das nicht. Wenn permanent die Gedanken um den Job, die Hausarbeit, die anstehenden Veranstaltungen etc. kreisen und man kaum Ruhe findet. Grundsätzlich empfiehlt es sich, sich auf die Atmung zu konzentrieren oder bewusst wieder in den Körper rein zu spüren, wenn man merkt, dass man schon wieder abdriftet. Es ist aber auch völlig okay, während dem Sex zu sagen, boah ich kann das grad nicht oder ich hab keine Lust mehr. Auch das ist völlig in Ordnung und normal. Wenn wir aber im Dauerstress sind und gar nicht mehr abschalten gilt es bewusst daran zu arbeiten, wieder mehr Ordnung in das gedankliche Chaos zu bringen und zu schauen, was mir selber hilft, mich wieder gut auf eine Sache zu konzentrieren oder auch fallen zu lassen. 
Vielleicht hilft dir ein guter Duft, warmer Kerzenschein, ein heißes Bad oder auch Sport dabei, dich in deinem Körper wieder gut spüren zu können. Hier gibt es leider kein Patent-Rezept, das immer wirkt. Oftmals helfen aber schon 5 bewusste Atemzüge, um sich wieder ins Hier und Jetzt zu bringen."


6) Gibt es vielleicht Positionen, die die Klitoris besser stimulieren?

MH: "Verschiedene Stellungen bringen unterschiedliche Qualitäten in der Stimulation. Da kommt es auch wieder voll darauf an, welche Form der Berührung ich angenehm und toll finde. Grundsätzlich hat jede Stellung das Potenzial, die Klitoris zu stimulieren. Da heißt es wiederum ausprobieren. Gerade bei penetrativem Sex erlebe ich es aber in der Beratung oft, dass viele Menschen mit Vulva sich wenig bewegen und eher den passiven Part übernehmen. Man muss jetzt auch keine akrobatischen Verrenkungen hinbekommen – aber versuch mal dein Becken zu kippen, zu kreisen, deinen Brustkorb rhythmisch mitzubewegen oder auch ganz tief zu atmen. Na, merkst du einen Unterschied? Mit unserem Becken können wir sehr wohl auch steuern, wo im Inneren unsrer Vagina die Stimulation wie intensiv sein soll."


7) Was muss noch erwähnt werden?


MH: "Setzt dich nicht unter Druck und nimm dir einfach mal bewusst Zeit für dich und deine Lust. Entdecke deinen Körper. Dazu kann es auch spannend sein, sich die eigene Vulva mal genauer anzusehen. Spür in dich hinein. Und sei beruhigt in dem Wissen, dass es nie zu spät ist, um den Sex zu haben, den du dir wünscht."





Magdalena Heinzl, BA MA

Sozialarbeiterin, Sexualpädagogin, Theaterpädagogin (i.A.)






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