• Gabriele Rothuber

Kindgerechte Aufklärung – wie geht das?

Seit dem 24.11.1970 ist an österreichischen Schulen der sog. Aufklärungsunterricht verpflichtend. Wir alle wissen – entweder aus eigener Erfahrung oder aus der mit unseren Kindern – dass das auch heute noch sehr unterschiedlich gehandhabt wird. Es ist sehr stark vom Können, Wissen, Wollen einzelner Lehrpersonen abhängig. Fix in der Ausbildung ist Sexualpädagogik auch heute noch nicht. Deshalb ist es wichtig, dass sich Lehrpersonen, die die Aufklärung nicht selbst machen, externe Expert*innen an die Schule holen können. Diese haben den Vorteil, dass sie nicht benoten, man sie alles fragen kann, sie wissenschaftlich fundierte und aktuelle Antworten geben – und dass sie dann auch „wieder weg“ sind.


Da Kinder bereits vor dem Schuleintritt viele Fragen haben und sich mit ihrem Körper und dem der anderen beschäftigen, ist es auch für Kleinkinder wichtig, dass sie an Erwachsene kommen, die ihnen Antworten geben. In vielen Kindergärten wird mittlerweile ganz selbstverständlich über Körperteile, Liebhaben, Babys etc gesprochen.

Was Sie in der Familie machen können, erfahren Sie hier.


Ab wann sollte aufgeklärt werden. Was tun, wenn keine Fragen kommen? 

Aufklärung ist ja viel mehr als mit Kindern über Sexualität zu sprechen. Sie beginnt beim Benennen von Körperteilen, das heißt eigentlich am Wickeltisch.

Aus der psychosexuellen Entwicklung weiß man, dass Kinder sich sehr früh für „Fragen zur Sexualität“ interessieren: meist wird ihnen mit zwei oder drei Jahren der Geschlechtsunterschied bewusst – dass es Menschen gibt, die untenrum so aussehen wie sie und welche, die anders aussehen. Ca mit vier interessiert die Frage, wo die Babes herkommen – da reicht es noch, wenn man sagt „aus dem Bauch der Mama“. Meist gegen 5 wollen sie dann wissen, wo die rauskommen und mit 6 wie die Babies denn da reingekommen sind. Dh Kinder könnten VOR dem Schuleintritt soweit aufgeklärt sein, dass sie wissen, wie sie entstanden sind. Auch, wenn sie IVF-Kinder sind oder adoptiert wurden etc.

Es gibt absolut keine Frage, die Kindern nicht beantwortet werden kann und sie “auf später“ vertrösten sollte. Dieses „später“ kommt womöglich nie wieder, weil sie nie wieder fragen. Sie spüren, dass das Thema bei ihrem Gegenüber „gar nicht geht“.

Kinder, die nicht fragen, brauchen trotzdem Basisinfos, zB Namen für alle Körperteile – und auch über Sexualität.

Aufklärung ist ein wichtiger Baustein in der Prävention von sexuellem Kindesmissbrauch! Je früher sie aufgeklärt sind, desto früher sind sie geschützt – weil sie sexuelle Übergriffe einordnen können. Aufklärung wirkt dem entgegen: „Wer nichts weiß muss alles glauben!“


Wie sieht kindgerechte Aufklärung aus? 

Altersgemäße, sensible Aufklärung orientiert sich an der Lebenswelt der Kinder – Fragen treten oft früher auf, wenn ein Geschwisterchen kommt.

Wer früh beginnt, das Thema Sexualität als ganz normales, unaufgeregtes Thema in der Familie zu etablieren –tut sich auch viel leichter. Kleine Kinder wollen uns nicht herausfordern, sie wollen einfach nur Antworten auf ihre Fragen, weshalb die Dinosaurier ausgestorben sind, wie der Regen in die Wolke kommt und wie die Babies in den Bauch kommen. Je näher Kinder in Richtung (Vor)Pubertät gehen, desto peinlicher wird die ganze Sache meist für beide Seiten. Und wer mit 10 mit der Tochter noch nicht über die Regel oder mit dem Sohn über den ersten Samenerguss gesprochen hat (ein Thema, das noch völlig tabu zu sein scheint und Jungs oft völlig verzweifeln lässt, weil sie denken, wieder ins Bett gemacht zu haben), braucht sich nicht zu wundern, wenn sie das nicht mehr von den Bezugspersonen hören möchten.

Übrigens kann man gar nicht „nicht Sexualerziehung machen“: wie ich auf eine Frage reagiere, ob ich antworte, auf irgendwann vertröste etc. – all das transportiert Werte, Einstellungen, Gefühle etc.


Sexualerziehung daheim sollte nicht „das eine Gespräch“ sein, sondern vielmehr als langfristige Begleitung gesehen werden. Auch in der Schule ist es wichtig, dass das Thema in all seinen spannenden Facetten in unterschiedlichen Schulstufen unterschiedlich behandelt wird.


Was ist eigentlich „kindliche Sexualität“? Gibt es das wirklich?

Ja klar, Kinder sind ja geschlechtliche, sexuelle Wesen – das kommt nicht erst in der Pubertät. Man subsummiert darunter zB kindliche Neugier wie etwa die sog. Schau- und Zeigelust, den Körper erforschen,

sich selbst auch an Penis oder Vulva berühren und bemerken, dass das angenehme Gefühle auslöst. Oder wenn Kinder sich gegenseitig erkunden wollen. Auch die Fragen (siehe oben) gehören zu diesem Themenkreis dazu.


Wie verhält man sich als Elternteil am besten, wenn man bemerkt, dass die Kinder sich selbst entdecken und erforschen? Entweder alleine oder mit Freunden. Was sage ich? 

Diese Aktivitäten sind völlig altersadäquat in Kindergarten und Vorschule – und werden, wenn die Scham noch nicht eingesetzt hat (dies ist bei vielen Kindern erst im Volksschulalter der Fall) oftmals auch in von Erwachsenen als unpassend empfundenen Situationen getätigt: etwa im Morgenkreis im Kindergarten, bei der Geburtstagsfeier der Oma etc.

Es ist hier natürlich wichtig, als Erwachsene einen Rahmen vorzugeben: bei der kindlichen Masturbation kann man etwa sagen: „Wenn dir das angenehm ist, dann mach das bitte in deinem Zimmer“ (man soll Kinder ja auch vor den Blicken Erwachsener schützen).

Wenn es um die Erkundungsspiele mit anderen geht, das gegenseitige Körpererforschen, dann sollten ebenfalls Regeln klar sein: die Kinder, die mitspielen, machen das alle freiwillig! Sie sind in etwa gleichem Alter oder Entwicklungsstand. Alle wissen, dass man jederzeit stopp sagen darf. Und dass man sich nichts in Körperöffnungen stecken darf (ja auch nicht in Nase oder Ohren). Und die Erwachsenen schauen drauf, dass nicht ein sehr dominantes oder grobes Kind die anderen überredet und dass auch noch etwas anderes gespielt wird. Sollte das Spiel einen zwanghaften Charakter entwickeln, sollten wir eingreifen.

Jedes Spiel kann kippen. Auch in der Sandkiste – etwa wenn ein Sand auf einem Kopf landet. Deshalb ist es gut, wenn man immer wieder mal nachfrägt: „ist das für alle / dich in Ordnung?“



Was erzählt man alles? Welche Bücher können hilfreich sein?

Wenn man sich Aufklärungsbücher besorgt, ist es wichtig, dass man sie vorher gut durchsieht: Aufklärung ist immer auch Wertevermittlung: dh die Bilder, der Text… all das sollte mir als Bezugsperson gefallen. Sonst wird es peinlich, wenn wir das Buch gemeinsam ansehen.


Ein paar Beispiele, wie auf Kinderfragen reagiert werden kann:


- Was ist der Unterschied zwischen Buben und Mädchen?

„Die meisten Buben haben einen Penis, die meisten Mädchen eine Vulva.“

Selbstverständlich können Sie auch Kosenamen verwenden. Den Kindern ist es egal, welche Worte sie lernen. Spätestens mit Schuleintritt sollten sie allgemein verständliche kennen.


Nicht alle Menschen kommen mit „eindeutigen“ Genitalien auf die Welt – sie bezeichnet man als intergeschlechtlich. (Weitere Infos siehe: www.vimoe.at)


Wie kommen die Babies in den Bauch: für Kinder ab ca 5 oder 6 Jahren ist folgende Definition passend: „wenn sich ein Mann und eine Frau ganz lieb haben, dann kuscheln die, vielleicht sogar nackt. Und das allerengste, das man kuscheln kann, ist wenn die Scheide den Penis aufnimmt. Und wenn die weiterkuscheln kommen aus dem Penis ganz viele Samenzellen. Wenn die eine Eizelle im Bauch der Frau treffen, kann ein Baby entstehen“


WICHTIG: es darf gelacht / gekichert werden, wenn Sie mit Ihren Kindern „darüber“ reden! Und Kinder dürfen sich auch davor ekeln! Im Volksschulalter würden viele Kinder lieber irgendwann mal adoptieren, als DAS zu machen – und sie bedauern oftmals ihre Eltern, dass die das „dreimal machen mussten“ – weil wir 3 Geschwister sind ;-)  bestärken Sie Ihr Kind in diesen Gefühlen: „Ja, das kann man sich als Kind gar nicht vorstellen, dass das später mal schön sein kann, wenn man erwachsen ist – das darf auch niemand mit einem Kind machen!“ So haben Sie „Prävention gemacht“ ohne Ihr Kind zu ängstigen. (-> siehe Interview mit Gabriele Rothuber)


TIPP: wenn Sie erst lernen müssen, wie man Kindern diese Fragen beantwortet: lesen Sie selbst Kinderbücher – zB „Klär mich auf – 101 echte Kinderfragen rund um ein aufregendes Thema“ (Band 1 und 2).

Verschaffen Sie sich Zeit! Nicht alles muss sofort beantwortet werden. Meist sind die Kinder da ein bisschen weiter als die Eltern ;-)

„Das ist eine tolle Frage, ich muss mir erst überlegen, wie ich sie dir beantworte“ – und damit dann bitte auf das Kind zukommen. Oder bleiben Sie authentisch: „Mich haben meine Eltern leider nicht gut aufgeklärt. Ich möchte das bei dir anders machen. Diese Frage überfordert mich gerade, ich geb dir die Antwort morgen.“


Es ist wichtig, dass Kinder wissen, dass sie mit ihren Fragen zu den Eltern kommen können. Wer mit seinen Kindern nicht über die „Sonnenseiten“, all das Schöne der Sexualität sprechen kann, darf sich nicht wundern, wenn Kinder mit den „Schattenseiten“ – etwa Missbrauchshandlungen nicht zu ihnen kommen. Wer das Thema tabuisiert, ist keine gute Ansprechperson.


AUFKLÄRUNG = KINDERSCHUTZ

Lassen wir Kinder in so einem wesentlichen Lebensbereich nicht alleine und überlassen wir die „Aufklärung“ nicht anderen: Freund*innen, Jugendlichen und digitalen Medien. Sondern begleiten wir sie, damit sie hoffentlich lange mit ihren Fragen zu uns kommen!


Kostenlose Online-Eltern-Seminare: https://www.selbstbewusst.at/portfolio/darueber-reden/

Weitere Infos in der Elternbroschüre der Fachstelle Selbstbewusst:

https://www.selbstbewusst.at/portfolio/elternbroschuere/


Aufklärungsbücher für alle Alersgruppen: https://www.gefuehlsecht.at/tag/aufklaerungsbuch/

Fragen zum Nachdenken: Wann wurde ich aufgeklärt? Wer hat mit mir über welche Themen gesprochen? Welche Themen waren tabu? Wie hätte ich es mir gewünscht?





Gabriele Rothuber,

Dipl. Sexualpädagogin,

Sexualberaterin und

Geschäftsführung

Fachstelle Selbstbewusst

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