• Gabriele Rothuber

Wie schütze ich mein Kind vor sexuellem Missbrauch?!

Der 19. November ist der internationale Tag zum Schutz von Kindern vor sexuellem Missbrauch. Zu diesem Anlass wird Gabriele Rothuber, Dipl. Sexualpädagogin, Sexualberaterin und Geschäftsführung Fachstelle Selbstbewusst von mir zu genau diesem Thema befragt.

1) In letzter Zeit tauchen in den Medien vermehrt Fälle der Pädophilie auf.

Sind es tatsächlich mehr Fälle, oder werden sie nun einfach schneller

aufgedeckt?! GR:"Zuerst möchte ich unterscheiden: Pädosexualität ist nicht gleich Kindermissbrauch und nicht jeder Missbraucher ist pädosexuell! Pädosexuelle Menschen wollen/können Sexualität nur mit Kindern leben. Schätzungen gehen von 1% der männlichen Gesamtbevölkerung aus – wobei selbstverständlich nicht jeder 100. Mann auch sexuelle Handlungen mit Kindern durchführt! Viele holen sich therapeutische Hilfe (zB Sexualberatungsstellen) um NICHT übergriffig zu werden. Der Anteil Pädosexueller an den Missbrauchstätern liegt bei rund 10%. Dh der Großteil lebt Sexualität auch mit erwachsenen Partner*innen – bei denen ist Sex nur Mittel zum Zweck: sich eines Körpers zu bemächitgen, Macht auszuüben, das ist der Kick.

Und nein: die Fälle werden sicher nicht mehr, sie werden nur schneller aufgedeckt. Einerseits weil die Menschen sensibilisiert sind, viele Pädagog*innen sind besser geschult; und andererseits weil Missbrauchshandlungen heute mehrheitlich im Netz landen und damit beweisbar(er) sind." 2) Oft kommt es den Außenstehenden vor, als müsse man die Geschichten der

betroffenen Kinder hinterfragen, ihnen wird nicht sofort Glauben geschenkt, wieso? GR:"Die Täter*innen kommen aus dem nahen Sozialbereich, oftmals aus der Familie. Das kann und will man als Erwachsener einfach nicht glauben: der eigene Bruder, die Oma, der Cousin? Das ist so völlig unverständlich und außerhalb des Vorstellbaren. Kinder brauchen deshalb oft bis zu 7 „Anläufe“, bis ihnen geglaubt und geholfen wird. SO oft nehmen sie ihren ganzen Mut zusammen und machen Andeutungen oder erzählen etwas. So lange geht der Missbrauch weiter. Und dazu gehört ungeheuer viel Mut: der Täter / die Täterin machen dem Kind glauben, dass es schuld ist, wenn es etwas erzählt: schuld daran, dass es ins „Kinderheim“ muss oder Täter*in ins Gefängnis: das nennt man Schuldumkehr: das Kind will nicht ins „Heim“, will die geliebte Person nicht verlieren – nur der Missbrauch soll aufhören. Es fühlt sich also verantwortlich für die Taten und, dass diese nicht aufgedeckt werden.

Wenn Kinder Missbrauchshandlungen schildern muss ihnen jedoch unbedingt geglaubt werden. Sie erfinden so etwas nicht. Sollte Ihnen ein Kind etwas erzählen – holen Sie sich unbedingt Hilfe bei einem Kinderschutzzentrum." 3) Was können Eltern tun, um ihre Kinder weitgehend wie nur möglich vor

sexuellen Übergriffen zu beschützen und ist das überhaupt möglich? GR:"Eltern können viel dazu tun, um ihre Kinder zu stärken und zu selbstbewussten Menschen zu machen – starke Kinder werden nicht so leicht Opfer von sexuellem Missbrauch bzw. können sich schneller Hilfe holen.

Die folgenden Leitlinien für die Erziehung helfen Ihnen dabei:

1.Selbstwert stärken:

Nehmen Sie Ihr Kind an, so wie es ist – mit allen Stärken, Schwächen und Eigenheiten. Zeigen und sagen Sie Ihrem Kind, wie lieb Sie es haben und wie schön es ist, dass es da ist.

Gewaltfreie Erziehung: Jegliche Form von Gewalt (Liebesentzug, Beschimpfen, Anschreien, Klapse, Ohrfeigen ...) beeinträchtigt die Entwicklung des Selbstwertgefühls massiv und ist gesetzlich verboten.

2.Altersgemäße Aufklärung:

Gut aufgeklärte Kinder wissen, was Sex ist und wo er hingehört – zu Erwachsenen oder älteren Jugendlichen, aber nicht zwischen Erwachsene und Kinder. Sie haben Namen für alle ihre Körperteile und können benennen, wenn ein Übergriff passiert ist.

Sie wissen, dass man das mit Kindern nicht machen darf. Nicht aufgeklärten Kindern ist schnell einredbar „das machen alle Nichten mit ihrem Onkel, das ist lustig, angenehm… ich zeig dir, wie das bei Männern aussieht, ein Zugenkuss geht“ etc. Täter*innen nutzen oft die Neugierde der Kinder aus oder titulieren Handlugen als „Hygienemassnahmen“. (Übrigens darf Volksschulkindern ekeln, wenn man über Aufklärung spricht: „ja, das kann man sich nicht vorstellen, dass das vielleicht mal schön sein kann – das darf niemand mit einem Kind machen“ – so haben Sie Prävention gemacht, ohne Kinder zu ängstigen).


Wer beim Thema Sexualerziehung abblockt oder antwortet: „da bist du noch viel zu klein“, zeigt dem Kind: mit dem Thema kannst du nicht zu mir kommen! Dh das Kind sucht sich andere Quellen, wo es seine Antworten findet. Und die Bezugsperson vertut die Chance, dass Kinder mit unangenehmen Erfahrungen im Thema Sexualität/Körper zu ihnen kommen, weil ja bereits über die lustigen, schönen Dinge wie Liebhaben etc. nicht gesprochen werden kann.

Hier ein Tipp: Kinderbücher sind immer ein guter Einstieg ins Thema. Da Sexualerziehung aber immer auch Wertevermittlung ist, sollten Sie sich vorher Text und Zeichnungen ansehen und entscheiden, ob Sie sich damit wohl fühlen. (Tolle Kinerbuchrezensionen gibt es auf https://www.gefuehlsecht.at/category/der-blog/page/2/


3. Die "Präventions-Botschaften" als stärkende Haltungen in der Erziehung:

Wenn Kinder diese Grundsätze im Alltag ganz selbstverständlich erleben, können sie auch in schwierigen Situationen danach handeln.

Mein Körper gehört mir

Kinder sollen so bald wie möglich und so viel wie möglich mitbestimmen können, wenn es um ihren Körper geht. Das betrifft z.B. Essen, Kleidung, Frisur: Kinder können nicht alles allein entscheiden, aber mitbestimmen (und mit zunehmendem Alter mehr). Ich darf NEIN sagen. Natürlich kann ein Nein nicht immer durchgehen, das Nein sollte jedoch gehört und ernst genommen werden. Kinder sollen lernen, Dinge zu hinterfragen – auch wenn das im Familienalltag manchmal anstrengend ist.

Meine Gefühle sind richtig und wichtig

Nehmen Sie die Kinder in ihren Gefühlen ernst. Vermeiden Sie Sätze wie "Da brauchst du doch nicht wütend/traurig sein." Sprechen Sie auch über "schwierige" Gefühle wie Wut, Angst oder Scham und helfen Sie den Kindern, damit umzugehen.

Ich entscheide, welche Berührung ich mag

Kinder dürfen jede Berührung ablehnen, die ihnen nicht angenehm ist – auch das Bussi von der Oma. Stärken sie Ihrem Kind den Rücken dabei. Freundlichkeit und Höflichkeit sind nicht an körperliche Berührungen gebunden.

Ein schlechtes Geheimnis darf ich jemandem erzählen

Vermitteln Sie Ihrem Kind, dass es sich immer an Sie wenden kann: "Ich bin für dich da, du kannst mit allem zu mir kommen. Nichts ist so schlimm, dass du es mir nicht erzählen könntest." Wenn ein Kind mit einem schlechten Geheimnis zu Ihnen kommt, loben Sie den Mut und schimpfen Sie nicht.

Ich darf mir immer Hilfe holen

Hilfe holen und annehmen sind keine Schande – seien Sie Vorbild und geben Sie Ihrem Kind Handlungskompetenzen, indem Sie schwierige Situationen gedanklich miteinander durchspielen: "Was könntest du machen, wenn wir uns hier im Einkaufszentrum verlieren?"

Ich bin nicht schuld, wenn jemand etwas Schlimmes mit mir macht.

Die Verantwortung liegt immer beim Erwachsenen und niemals beim Kind. Auch bei häuslicher Gewalt."


5) Meistens werden sexuelle Übergriffe erst nach ihrem Geschehen publik und dann

ist der Schaden schon angerichtet. Wie kann man sein Kind hier unterstützen, um

das Erlebte zu verarbeiten?

GR:"Dazu braucht es sicherlich professionelle Hilfe. Die Folgeschäden sind für Kinder größer, wenn es um eine geliebte Person geht und sie dadurch in ihrem Urvertrauen erschüttert wurden. Wie Sie betroffene Kinder am besten unterstützen, erfahren Sie ebenfalls im Kinderschutzzentrum."


6) Findest du als Sexualpädagogin, dass an unseren Schulen - sagen wir im

deutschsprachigen Raum - genug Aufklärung im Sexualkundeunterricht stattfindet?

Was ist gut, was läuft schief? GR:"Definitiv NEIN. Wir haben in Österreich zwar den Grundsatzerlass Sexualpädagogik, der zu regeln versucht, dass Sexualpädagogik in unterschiedlichen Schulstufen aufbauend durchzuführen ist. In diesen Genuss kommt aber wahrscheinlich kaum jemand. Oftmals ist es ein punktuelles, einmaliges Gespräch, bei dem Lehrpersonen wie auch Schüler*innen froh sind, wenn es vorbei ist. Deshalb holen sich immer mehr Pädagog*innen externe Sexualpädagog*innen: wir benoten nicht, sind danach wieder weg, uns kann man alles fragen, wir sind immer am aktuellen Forschungsstand etd.


Auch setzt sie meistens viel zu spät an: Kinder sind heute sehr früh mit Pornografie konfrontiert – der Erstzugang ist oftmals früher als die altersadäquate Aufklärung durch die Eltern oder Schule. Dabei beginnt „Aufklärung“ am Wickeltisch: wenn ich ALLE Körperteile benenne. Man kann einfach keine Sexualerziehung machen: ob, wie, wann ich etwas sage oder antworte – all das transportiert Werte. Meistens sind die Kinder da um einiges weiter als die Eltern, die ganz verwundert sind, wenn 4jährige wissen wollen, woher denn die Babys kommen ;-) – da reicht ein „aus dem Bauch der Mama“ völlig aus. Wenn sie mit 5 oder 6 dann wissen wollen, die „die Babys da reingekommen sind“, ist es Zeit für Fakten – nicht hochwissenschaftlich, sondern kindgerecht erklärt.

Wie Sie darauf antworten können finden Sie in unserer Eltern-Broschüre: https://www.selbstbewusst.at/portfolio/elternbroschuere/


Da die wenigsten von uns jedoch eine so tolle Aufklärung hatten, dass wir sagen könnten: „Genauso mach ich das mit meinem Kind!“, gibt es ein paar Tipps: seien Sie ehrlich: „meine Eltern haben mit mir nicht darüber gesprochen, für mich ist das nicht so leicht, aber ich versuche es…“; nehmen Sie sich Zeit: „eine spannende Frage. Ich muss mir erst überlegen, wie ich sie dir beantworte“ – und dann bitte wieder auf das Kind zugehen, wenn Sie sie gefunden haben."


Im Übrigen brauchen auch Kinder, die scheinbar keine Fragen haben, Basisinfos: Aufklärung = Kinderschutz (siehe weiter oben).


Kostenlose Webinare für Eltern zu diesen Themen: https://www.selbstbewusst.at/portfolio/darueber-reden/


Informationsvideos zum Thema Kinderschutz: https://www.die-moewe.at/de/kampagne


Bärenstark Talk: „Kinder wirksam schützen“: https://www.youtube.com/watch?v=auGXjQRaGSw&t=704s


Gabriele Rothuber,

Dipl. Sexualpädagogin,

Sexualberaterin und

Geschäftsführung

Fachstelle Selbstbewusst



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