• Hotel Mama

Von der Kindergruppenbetreuerin zur Kinderbuchautorin

Könntest du ganze zwanzig Jahre warten, bis zu deinen Traum lebst? Aygül ist genau das passiert....



1) Bitte stell dich kurz vor

Aygül: "Mein Name ist Aygül Ağırkaya Güneş ich bin der Dreh und Angelpunkt der Familie, Mama und Oma meiner Kinder, Enkel und für viele Kinder die ich in den letzten 26 Jahren während meiner Arbeit begleiten durfte."


2) Du bist in der Türkei geboren, hast auch Wurzeln in Azerbaijan und praktizierende Shiitin. Wie war es so aufzuwachsen und was waren/sind deine Gedanken und Gefühle, wenn du dich daran erinnerst.

Aygül: "In erster Linie bin ich praktizierende Muslimin. In meinem Geburtsort Iğdir, im Osten der Türkei waren wir als Azerbaijanische Türken und schiitischen Muslime damals keine Minderheit, anders als im gesamttürkischen Kontext. Meine Eltern wurden bereits dort geboren, daher verstanden wir uns immer als natürlicher Teil, das liegt aber auch daran, dass wir z.B. unsere Sprache sprechen und unsere Konfession frei ausleben konnten. Erst in der Schule wurde mir bewusst, dass es einen Unterschied zwischen verschiedenen Rechtschulen gibt, da beispielsweise nur von vier und nicht fünf Rechtschulen gesprochen wurde, die Schiitischen Strömungen und die Jafaaritische Rechtsschule wurden also einfach ausgeblendet. Das ist leider bis heute Realität."

3) Wie bist du nach Österreich gekommen und was hat es mit dir in diesen jungen Jahren gemacht?

Aygül: "Nach Wien bin ich durch meinen Ehemann gekommen, der bereits in Österreich arbeitete. Nachdem wir in der Türkei geheiratet haben kam ich ein Jahr später mit meinem ersten Kind hierher.

Ich war Anfang 20, junge Mutter und habe nach anfänglicher Begeisterung über all die neuen Eindrücke auch viel Einsamkeit in der Fremde gefühlt. Nach kurzer Zeit lernte ich dann aber meine bis heute beste Freundin kennen. Mein Mann war ja bereits einige Jahre alleinstehend hier und somit mit gleichgesinnten Männern aus aller Welt gut vernetzt. Sie waren für sich gegenseitig Familienersatz und Community. Dadurch, dass auch diese Männer dann heirateten und Familie gründeten, kam ich auch mit ihnen und ihren Frauen in Kontakt und wir wuchsen zu einer Gemeinschaft heran. Wir lernten gemeinsam voneinander die Religion. Die bewusste Beschäftigung mit meiner Religion fand erst hier statt."

4) Du hast gemeinsam mit deinem Mann eine schiitische Moschee gegründet - Was waren/sind die Reaktionen vom Rest der muslimischen Community?

Aygül: "Die Initiative ging von uns aus, aber gegründet haben wir mit einigen Familien gemeinsam. Die Reaktionen reichten von Begeisterung bis zu Skepsis. Im Grunde waren wir einfach mehrere Familien die die gleiche Sprache und Konfession teilten und unseren Kindern und uns einen Raum geben wollten, Kultur und Religion zu lernen und zu leben. Mit sunnitischen Geschwistern waren wir immer in gutem Kontakt, da gab es wenn dann ab und an maximal etwas Abstand ihrerseits durch Unwissenheit oder Vorurteile gegenüber Schiiten. Außerdem waren auch Familien unter den Gründern, bei denen z.B. ein Elternteil der hanefitischen und der andere Elternteil der jafaaritischen Rechtsschule angehören. Sowie man in jeder Moschee Muslime trifft, die verschiedenen Rechtsschulen folgen, ist es auch in unserer Gemeinde."


5) Was hat dir als junge Mutter gefehlt, um deinen Kindern deine Kultur/ Religion so beizubringen, wie du es gern gehabt hättest?

Aygül: "Zu Beginn einen Raum und die Gemeinschaft, die wir dann gegründet haben. Ein Stück Zuhause für die, die in der Fremde nach Familie sehnten. Was bis heute fehlt sind kindgerechte Bücher und Materialien, die den Kindern die Religion und kulturelle Aspekte näherbringen."


6) Du hast sehr lange etwas gearbeitet, dann kam Corona und schwups! wurdest du Buchautorin. Was war vorher dein Beruf und was für Bücher schreibst du?

Aygül: "Nach meiner Ausbildung zur Kindergruppenbetreuerin schrieb ich eine Bewerbung, bekam den Job und bin bis heute das Urgestein der elternverwalteten Kindergruppe.

Durch meine chronische Erkrankung wurde ich dann freigestellt, da ich zu Begin noch einige Male in der Kindergruppe gearbeitet habe, merkte ich schnell das Bedürfnis der Kinder über diese neue Situation zu sprechen und die Umstände kindgerecht erklärt zu bekommen. Auch mit meinen Enkeln führte ich Gespräche und nutzte dann die Freistellung um endlich den Traum eines eigenen Kinderbuches umzusetzen.

Das erste Buch trägt den Titel „Als der Virus in den Wald kam /Ormana gelen virüs“ und beschreibt eine Tiergemeinschaft, die gemeinsam Mittel und Lösungen für ein Überleben in der Pandemie finden. Das zweite Buch ist über den Fastenmonat Ramadan, in dem ich aus der Sicht meines ersten Kindes die wichtigsten Aspekte dieses Monats kindgerecht erkläre. Auch das dritte Buch ist bereits fertig geschrieben, illustriert und gelayoutet. Darin erzähle ich eine Geschichte meiner Kindheit, ich bin auf einem sehr schönen Bauernhof mit einer großen Familie großgeworden und habe daher viele Anekdoten die ich beispielsweise den Kindern meiner Kindergruppe immer wieder erzähle. In dem Buch geht es um eine freche Henne, die überall ihren Schnabel hereinsteckte und deren Neugier sie im Endeffekt versehentlich im Plumpsklo führte. Wir hatten zu den Tieren ganz besondere Beziehungen, im Grunde wird das sicher eine Bücherreihe, da meine sieben Geschwister und ich einige Geschichten erleben durften.

7) Noch einmal zurück zu deinen Büchern: Wieso ausgerechnet dieses Genre?

Weil ich als Mutter damals bereits das Bedürfnis nach solchen Büchern hatte und zum Anderen die Arbeit mit den Kindern seit über 20 Jahren dieses Bedürfnis und den Drang diese Lücke zu schließen verstärkte."


8) Was sollen Kinder und Eltern aus deinen Büchern lernen?

Aygül: "Werte die mir wichtig sind, die ich versuche weiterzugeben sind Gemeinschaftlichkeit, Zusammenhalt und Offenheit miteinander. Es kann so einfach sein, offen aufeinander zuzugehen, miteinander zu arbeiten und füreinander eine Unterstützung und Bereicherung zu sein."


9) Wieso sind deiner Meinung nach Kinderbücher, die Religion/Kultur altersgerecht erklären, wichtig?

Aygül: "Weil Kinder nach Erklärungen suchen, die sie abholen wo sie stehen. Kinder machen sich die Welt so einfach und denken noch nicht in diesen Ausschlüssen und komplizierten Denkmustern wie wir. Ich wünsche einfach, dass es für alle Kinder Literatur gibt, in der sie sich wiederfinden können und repräsentiert fühlen. Auch Mehrsprachigkeit ist so ein wichtiger Aspekt, daher sind die Bücher auch auf Deutsch und Türkisch. Es sollte kein Kind aufwachsen und das Gefühl haben, dass die Sprache die es Zuhause hört und spricht weniger wert sei, als die der Mehrheitsgesellschaft."




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Kontakt: ayguels.buecher@safinah.at