Die Welt zwischen Pink und Blau

March 14, 2017

Die gewohnten Fragen:

Als Mutter einer Tochter wird man oft strenger unter die Lupe genommen, als man es gern hätte. "Warum trägt deine Tochter blaue Kleidung?", "Warum hat sie mehr Autos als Puppen zum Spielen?", "Wieso hat sie bis jetzt noch keine Ohrringe?", "Warum trägt sie fast nie Röcke?", "Wie kannst du es nur zulassen, dass sie sich schmutzig macht- und das als MÄDCHEN?!"
Im Gespräch mit anderen Müttern, wurde mir klar: Auch Mütter von Buben werden nicht in Ruhe gelassen: "Warum darf dein Bursche mit Puppen spielen?", "Warum darf er sich die Nägel lackieren?", "Wenn der als Kind schon so herumheult, dann wird er aber kein richtiger Mann."

Ob Madl oder Burli also, verschont bleibt keine Mami, die abseits von Pink und Blau denkt.

 

Wo liegt eigentlich das Problem?
Warum nicht? Warum um alles auf der Welt sollte meine Tochter (die erst 2 Jahre alt ist) keine blaue Kleidung tragen und was ist verkehrt an Spielzeugautos? Wenn sie ihre Ohrringe später als andere bekommt, macht sie das weniger Mädchen? Sie mag Röcke nicht allzu gern, na und, dafür liebt sie pinke Tütüs. Sie ist ein Kind, ich hoffe doch sehr, dass sie sich schmutzig macht, im Sand spielt und endlosen Spaß hat.


Was ist daran verkehrt?

 

Wenn wir unseren Kindern beibringen, dass Rosa und Puppen nur für Mädchen sind, Blau und Autos nur für Burschen, dann haben wir in Zukunft ein noch größeres Problem als das, das wir heutzutage schon haben. Wir schreiben das Jahr 2018 und bis heute gelten Männer in Ballettstrümpfen als "schwul" und Frauen die boxen sind "Mannsweiber". Und auch hier kann ich mir folgende Frage nicht verkneifen:
Was ist an schwulen Männern und Mannsweibern verkehrt? Ich habe eher die Beobachtung gemacht, dass Burschen, die mit Puppen spielen später die verständnisvolleren Männer werden. Buben, die weinen "dürfen", werden später Männer, die über ihre Gefühle reden können. Mädels, die abseits von Prinzessin und Rosa denken, entdecken ganz neue Wege -nein- sie schaffen sie!

Und genau an dieser Stelle gilt es ganz deutlich zu sagen: Mädels, die Rosa gern haben und Burschen, die Autos über alles lieben, sind genauso tolle und einzigartige Kinder. Es gibt kein Kind, das nicht einzigartig ist- meine Meinung.
Mittlerweile betrachte ich Mütter, die sich dazu genötigt fühlen, für Mädchen alles andere als Rosa und für Burschen alles andere als Blau kaufen zu müssen, weil sie sonst indirekt in "das altmodische Muttermuster" verfallen würden.
Ich habe mich selbst dabei erwischt, als meine Tochter unbedingt eine Spielküche haben wollte, ich aber zögerte, ihr diese zu kaufen, weil es zu einem Frauenbild gehört, das Frauen meiner Generation doch versuchen zu ändern. Ich habe dann erkannt, dass meine Tochter damit etwas anderes verbindet, als ich. Sie will doch nur spielen. Sie ist ein Kind. Und ganz nebenbei: Ich koche sehr gerne. Gut, mein Mann würde meine Kochkünste eher als "Foodpoisoning" betiteln, aber gerne koche ich auf jeden Fall. Nicht die Fraben sind das Problem, auch nicht einzelne Spielzeugchen, oder Sportarten, sondern wir Eltern.
Es sind unsere Erwartungen und der von uns ausgeübte Druck. Wir sind der Haken. Der blöde Haken, der umgelenkt werden muss, der sitzt in unseren Köpfen fest. Wenn Kinder selbst entscheiden dürfen womit sie spielen, welche Farbe sie anziehen wollen und frei davon träumen dürfen was sie wohl eines Tages werden, erst dann sind sie frei von unseren unsichtbaren, aber sehr wohl spürbaren Fesseln. Ja, in den letzten paar Zeilen kommt das Wort "dürfen" sehr oft vor, ein so einfaches Wort, das aber eigentlich ein Privileg ist. Etwas einfach so zu dürfen, nur weil ich es möchte, ist für so viele Kinder nicht selbstverständlich. Auch für einige Erwachsene ist es keine selbstverständliche Sache. Kauft euren Kinder weniger, viel weniger Dinge, aber lasst sie dafür dürfen dürfen. Lasst sie entscheiden dürfen, lasst sie weinen dürfen, lasst sie ausprobieren dürfen, lasst sie Fehler machen dürfen, lasst sie schreien dürfen, lasst sie laut sein dürfen, lasst sie schlecht gelaunt sein dürfen, lasst sie ausschlafen dürfen, lasst sie nackig durch die Wohnung gehen dürfen, lasst sie Kostüme zum Supermarkt tragen dürfen, lasst sie spielen dürfen, lasst Mädchen dürfen, lasst Burschen dürfen, lasst sie bitte einfach dürfen. Dürfen tut so gut. Wer darf, der lässt auch andere dürfen. Wer darf, der schätzt es eines Tages als Erwachsener, dass seine Eltern ihn haben dürfen lassen und lässt dann auch seine Kinder vieles dürfen.

Wertlose Erziehung gibt es nicht:
Hier spricht kein Moralapostel. Ich glaube nicht an wertlose Erziehung. Richtig und Falsch sind zB Werte und ich erziehe meine Tochter danach. Du darfst niemanden hauen. Du darfst niemandem etwas gegen seinen Willen wegnehmen. Das hast du richtig gemacht, bravo! Das sind alles Werte. Vieles dränge ich ihr nicht auf, weil es zu MEINER persönlichen Einstellung gehört, aber Werte gebe ich sehr wohl mit und zwar ganz viele. Immerhin ist es meine Verantwortung wie sie eines Tages andere Mitmenschen behandeln wird. Ich liebe zB Meerjungfrauen. Sie sind einfach mein Fetisch. Und nur, weil ich die so toll finde, fast täglich schwimmen gehe und gern Muscheln sammle, ist Laila von ihrer Geburt an automatisch meine kleine Meerjungfrau gewesen, die unbedingt Meerjungrauen lieben MUSS, weil ich ja Meerjungfrauen liebe. Mit der Zeit habe ich gelernt: Nein, sie muss nicht. DAS muss sie nicht. Das ist kein Wert, das ist eine Einstellung- nämlich meine, die ich ihr unbewusst aufgezwungen habe. Sie mag das Meer zwar, schwimmen tut sie auch gern, aber wirklich von den Socken haut sie der Meerjungfrauenkram nicht. Was sie sehr wohl mag: Cowboyzeug. DAS ist IHR Ding. Das DARF sie. Weil sie es so viel lieber hat. Es ist zwar ein total banales Beispiel, aber es veranschaulicht  sehr gut wie diese banalen Dinge unser Leben wohl beeinträchtigen können, wenn wir nicht früh genug Acht darauf geben, was für eine große Rolle diese kleinen Details spielen.

 

 

 

 

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