Körper(ge)schichten

March 25, 2017

Note: In diesem Text werden die Gefühle und Gedanken von drei Frauen geschildert, aber aus der Ich- Perspektive. So, als sei es die Geschichte von einer. Wieso? Weil es um den weiblichen Körper geht und ich finde, dass wir diesen irgendwo alle gemeinsam teilen. Ich danke den Frauen, die mir ihre Geschichten anvertraut haben und mir erlauben, diese mit der Welt zu teilen. #MAMASTE

 

 

 

Ich hasse meinen Körper. Ich habe ihn schon immer gehasst. Ich war auch im Gesicht nie hübsch, schon als Kind nicht. Ich habe oft an Schönheitsoperationen gedacht. Größere Lippen, vielleicht auch eine kleinere Nase, aber ich hatte nie den Mut dazu. Ich schaue aus wie meine Mutter, sagt mein Vater immer. Als ich noch klein war, war sie eines Tages plötzlich weg. Ich kann mich nicht wirklich an sie erinnern, ich weiß, dass wir oft kuschelten, oder vielleicht sind das nur von mir eingebildete Erinnerungen. Ich kann mich an eine große, dunkelhaarige, schöne Frau erinnern, viel schöner als ich. Ich sehe sie nur verschwommen in meinen Erinnerungen, aber riechen tue ich sie sehr deutlich. Sie roch nach Zimt. Sie war Bäckerin oder so, aber sie war psychisch nicht ganz okay. Sie war depressiv, denke ich. Eines Tages war sie weg. Einfach so. Kein Brief, kein Abschied, nichts. Mein Vater sagt, dass ich ihr sehr änhlich bin, er ruft mich manchmal mit ihren Namen und vergisst, dass ich nicht sie bin. Mein Gesicht ist das einzige Andenken, das sie mir hinterlassen hat, weil Papa damals aus Wut alle Fotos zerrissen hat. Ich kann mein Gesicht also nicht verändern. So sehe ich sie wenigstens jeden Tag im Spiegel. Mein Körper ist nicht besonders. Langweilig. Ich weiß, dass mich mein Mann liebt, aber ich liebe mich selbst nicht. Ich habe Schuldgefühle, wenn ich zu viel gegessen habe. Ich liebe es zu essen, ich genieße das Essen, aber hinterher wünscht man sich, man hätte diesen blöden letzten Donut doch nicht gegessen. Irgendwann habe ich angefangen mich zu übergeben- absichtlich. Das erste Mal empfand ich Scham, ich habe geweint und schwor, das nie wieder zu tun. Am nächsten Morgen wog ich aber 300 Gramm weniger und machte es nach dem Abendessen wieder. Diesmal war ich erleichtert. Ich fühlte mich auch leichter. Entleert. Besser. Stärker. Zum ersten Mal hatte ich die Kontrolle über meinen Körper. Das ging monatelang so, aber nicht jeden Tag, sondern nur, wenn ich das Gefühl hatte, ich überfresse mich abends. In dieser Zeit habe ich über siebzehn Kilo abgenommen und musste eine Sache schockiert feststellen: Ich war nicht glücklicher. Ich dachte, ich würde mich selbst durch das Abnehmen lieber haben. Ich dachte, wenn ich einen schöneren, schlankeren Körper hätte, würde ich mich eher akzeptieren, stattdessen ging es mir aber schlechter und ich sah mich selbst nicht einmal mehr als Frau. Ich hatte immer die Vorstellung schlanke Frauen seien glücklicher. Selbstverliebter. Körperbewusster. Minus diese siebzehn Kilo, wog ich endlich wieder unter 70. Ich war mir nicht sicher, hätte ich vielleicht noch mehr abnehmen müssen, um diese Körperliebe zu empfinden? Muss man dazu unter 50 wiegen? Gibt es eine bestimmte Geheimzahl? Wann und wie muss mein Körper sein, damit ich mir wieder in den Spiegel schauen kann, ohne alles an mir ändern zu wollen? Hängebusen, Schwangerschaftsstreifen, Cellulite, Schwabelarme und Wackeloberschenkel. Wer liebt so etwas? Ich habe meinem Mann nie gesagt wie ich meinem Körper gegenüber empfinde und habe oft unter der Dusche geweint, damit er mich nicht so sieht. Er sollte niemals mitbekmmen, wie ich empfinde, das Bild das er von mir hatte musste stabil bleiben. Das Bild von der starken, selbstbewussten Frau, die ihrer Tochter dieses unabhängige Frauenbild vorlebt.  Den Blick in den Spiegel habe ich so gut es ging gemieden. Ich wollte das nicht sehen. Ich wollte mich nicht sehen.
Irgendwann, eines Nachmittags, hörte ich Geräusche aus der Toilette. Ich saß im Wohnzimmer und es hörte sich so an, als würde sich jemand übergeben. Ich rannte hin und sah dann eine Szene, die mein Leben komplett veränderte: Meine vierjährige Tochter hatte ihren Finger im Mund und versuchte sich zu übergeben -absichtlich. Sie machte mir nach. In diesem Moment wäre ich am liebsten gestorben. Ich werde ihren Blick nie vergessen, sie dachte das sei ein geheimes Spiel und wollte mir deswegen nachmachen. Ich holte sie heraus, wir badeten gemeinsam, so wie wir es oft tun und als wir im Badewasser saßen, habe ich ihr erklärt, dass das was sie tat falsch war. Sie solle es bitte nie wieder tun. Ich küsste wiederholt ihre Handflächen und bat sie darum es für immer und ewig zu unterlassen. Als sie mich fragte, wieso ich es denn oft abends tat sagte ich ihr beschämt, dass ich einen großen Fehler damit begangen hätte. Einen Fehler, den ich nie wieder wiederholen werde.  Und wir versprachen uns gegenseitig, dass wir es beide nie wieder tun würden. Sie schlief nach dem Bad ein. Und ich wagte etwas zu tun, das ich seit Jahren nicht mehr getan hatte: Ich stellte mich nackt vor dem Spiegel hin und starrte. Ich starrte mich selbst an. Meinen Körper. Meinen nackten Körper. Tränen flossen, ich umarmte mich selbst, ganz fest und zum allerersten Mal wurde mir bewusst, dass mein Körper mein zu Hause ist. Mein Körper ist mein Haus. Darin wohne ich und es wird für mich kein anderes Daheim geben. Und obwohl ich mich in meiner Haut nie wirklich wohlfühlte, meine Schwangerschaftsstreifen nicht als "verdiente Tigerstreifen" so wie andere sehe, meine Cellulite meinen Körper bedeckt und ich auch mein Bäuchlein, das wahrscheinlich immer da sein wird, nicht mochte, so wurde mir aber eines klar: Dieser Körper, der mir nie gefallen hat, der auch nicht unglaublich attraktiv ist, der machte mir das allerschönste Geschenk der Welt. Er machte mich zur Mutter. Er hat mir geholfen meine Tochter nach ihrer Geburt zu ernähren. Und aus dieser völlig  neuen Perspektive konnte ich ihn doch nur lieben. Meine Tochter braucht mich. Meine Tochter braucht eine Mutter, die ihr Selbstliebe vorlebt. Sie ist für mich meine "10 Sekunden vor dem Ziel". Wenn man ganz kurz vor seinem Ziel ist und eigentlich keinen Atem mehr hat, dann holt man in den letzten Sekunden noch tief Luft und gibt noch ein letztes Mal sein Bestes. Diese Sekunden sind meine Tochter für mich. Selbstliebe ist ein Prozess. Den eigenen Körper zu lieben und dankbar für ihn zu sein ist auch ein Prozess. Es braucht Zeit, Geduld und viel Glauben daran, dass man es wert ist geliebt zu sein und das bist du. Das ist jeder von uns. Ich habe heute mein #Mamaste gefunden. Ich habe damit Frieden mit und zu mir gefunden. Ich würde lügen wenn ich sagen würde, dass ich mich heute jeden Tag auf´s Neue liebe und mein Körper für mich der allerschönste ist, aber ich bin an dem Punkt angelangt, wo es mir gut geht. Ich fühle mich wohl. Ich greife freudig zum letzten Donut und habe keine Schuldgefühle oder Bedenken. Auch meinem Mann habe ich mich geöffnet, der zu meiner Überraschung sehr wohl wusste, wie es in mir aussah. Ich möchte keine Mutter sein, die einfach geht, aufgibt und meine Tochter mit vielen Fragen hinterlässt. Ich will die Mama sein, die Fehler machen darf während meine Tochter zusieht, wie ich diese wieder gut mache. Ich will, dass sie meine Lebenszeugin ist. Sie soll Zeugin davon werden, wie ihre Mutter lebt. Man soll ihr nicht davon erzählen, sie soll es miterleben und es eines Tages ihren Kindern  erzählen. Und an dieser Stelle möchte ich auch anderen Frauen sagen, Mütter oder nicht: Liebt euch selbst. Ihr seid es euch wert. Euer Körper ist eure Geschichte und es sind nunmal nicht alle Geschichten perfekt, aber dafür einzigartig. Liebt eure imperfekte Perfektion, denn nichts anderes ist der weibliche Körper. Auch ihr habt ein #Mamaste, ihr müsst es nur finden- in euch. Geht in euch hinein und verliebt euch dort in das was ihr seid. Jeder muss seinen eigenen Kampf durchleben, über sich selbst hinauswachsen, fallen und wieder aufstehen. Das ist doch der Kern des Lebens, nicht wahr? So hart es auch klingt, umso schöner kann es sein, wenn man sich findet.

 

Note: In diesem Text werden die Gefühle und Gedanken von drei Frauen geschildert, aber aus der Ich- Perspektive. So, als sei es die Geschichte von einer. Wieso? Weil es um den weiblichen Körper geht und ich finde, dass wir diesen irgendwo alle gemeinsam teilen. Ich danke den Frauen, die mir ihre Geschichten anvertraut haben und mir erlauben, diese mit der Welt zu teilen. #MAMASTE

 

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Fotocredit: wix.com

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