Meine Eltern hatten Recht! #maximaCOMEPASS

April 1, 2017

Wer hätte das gedacht? Erst als Mutter habe ich gelernt meine Eltern zu schätzen. Als Kind war ich trotzig, als Teenager eine Dauer-Augenverdreherin und Türknallerin, die immer alles besser wusste und in einer Diskussion wollte ich oft nichts anderes erreichen, als zu beweisen, dass meine Mutti falsch liegt. Meine Mama, die eigentlich ein Nervenbündel in guter Figur ist, hat immer nur eines gesagt: Ich wünsche dir eine Tochter, die genauso ist wie du. Simsalabim: Nun habe ich tatsächlich eine Tochter und Überraschung: Sie ist mein Ebenbild. Noch eine Überraschung: Ich stelle erstaunt fest: Meine Mutti hatte Recht.

Mamaliebe:

Eines der schlimmsten Gefühle als Mami ist: wenn dein Kind etwas will, das du dir nicht leisten kannst. Wir konnten uns vieles nicht leisten, als ich noch ein Kind war. Als ich in der Volksschule war, waren Diddl- Bleistifte total trendy. Jeder hatte so einen Bleistift, wirklich JEDER- nur ich nicht. Ich wollte unbedingt auch so einen haben und Schokoriegel wie aus der TV- Werbung, nicht die billigeren Marken, die immer im Angebot sind und mit dem gelben Pickerl "Sonderangebot" markiert sind. Einmal habe ich nächtelang geweint, weil ich diesen Bleistift haben wollte, der damals vierzig Schilling gekostet hat und wir das Geld eigentlich für etwas anderes eher brauchten. Das wusste aber mein siebenjähriges Ich einfach nicht. Ich wollte den Diddl-Bleistift, die Spice Girls- Unterlage und auf jeden Fall die allerneuesten Glockenhosen. Mama versprach mir all das zu bekommen, sollte ich auf die nächste Ansage Null Fehler bekommen. Gut. Ich strengte mich an wie noch nie zuvor. Und tatsächlich: Null Fehler. Und auch tatsächlich: Mama hielt ihr Versprechen. Ich bekam alles was ich wollte. Später fiel mir auf, dass die Goldkette die sie trug, nicht mehr um ihr Hals gebunden war. Als ich sie danach fragte, sagte sie die Kette wäre beim Schlafen unangenehm und sie hätte sie deswegen abgenommen. Irgendwann später einmal, als ich älter wurde, ist mir klar geworden, dass sie die Kette verkauft hatte, um die von mir ersehnten Sachen kaufen zu können. Ich weiß noch genau, dass diese Kette von Omi war. Es war kein Erbstück oder so, aber trotzdem besonders, weil meine Omi in Ägypten lebte und wir sie nur im Sommer besuchten.

Papaliebe:
In der Volksschule sind wir einmal gefragt worden, was unsere Väter arbeiten. Meiner war Kellner, Lkw-Fahrer und Zeitungsverkäufer- gleichzeitig. Am Wochenede verkaufte er Essiggurken und Wassermelonen im Prater. Er hat mich immer mitgenommen, weil ich die Kunden angequatscht habe, diese mich niedlich fanden und deswegen Trinkgeld hinterließen. Aber als ich stolz in der Klasse erzählte, was mein Papa so macht, haben mich die anderen ausgelacht. Dabei war ich noch gar nicht fertig gewesen, ich wollte noch sagen, dass er vom Kursalon (wo er als Kellner arbeitete) nachts tonnenweise Eiscreme mitbrachte und wir mitten in der Nacht gegessen und gelacht haben. Er weckte meine Brüder, meine Mama und mich, wir saßen im Bett und haben dort königlich gespeist und schliefen dort zu fünft ein! Nach jeder Fahrt mit dem LKW, hat er mir Postkarten aus fremden Ländern mitgebracht, wenn er außerhalb von Wien war. Aber das interessierte keinen. Die anderen haben nur gelacht, weil mein Papa weder Polizist, Beamter, Arzt oder Lehrer war. Damals war mir das so peinlich, dass ER mir peinlich wurde. Ich wollte den anderen gefallen. Ich wollte eines Tages etwas Besseres werden und nicht, dass ich meinen Kindern eines Tages peinlich werde. Niemals. Aus diesem Grund wollte ich Medizin studieren. Ich wollte Ärztin werden. Nicht etwa, weil es mich interessierte, sondern weil ich Gray´s Anatomy toll fand, meinem McDreamy auf den Fluren eines Krankenhauses begegnen, mit diesem schöne kleine Babys und viel Geld machen wollte und dieser Kittel mich abheben lassen würde. Du bist dann nicht einfach ein Normalsterblicher, sondern Arzt! Damit hast du das ganze Leben lang für dein Ansehen gesorgt! Menschen würden dir zu Füßen liegen, Männer würden dich mit ganz anderen Augen sehen und deine Kinder würden immer stolz auf dich sein. Was will man mehr? So sah ich das Leben. So sah und behandelte ich Menschen und so sah ich mich selbst vom Volksschulalter bis kurz vor der Matura. Zu dieser Zeit habe ich durch eine Freundin die Liebe zum Filmemachen und Schreiben entdeckt. Und weil ein Filmprojekt in der Schule gut gelaufen ist, habe ich umgedacht. Was, wenn ich nicht Medizin, sondern Theater studiere?! Was, wenn ich nicht McDreamy, sondern mich selbst finde? Meine Mutter war dagegen, mein Vater stand hinter mir. Er hatte mich nie als Ärztin gesehen, meinte er. Er sah mich labern. Auf einer Bühne, im Fernsehen, im Radio, oder als Journalistin, so in die Richtung, aber in keinem Krankenhaus. Er hat meine Entscheidung sehr verteidigt, obwohl er genau wusste, was ich von ihm hielt. Ich werde nie vergessen, dass er keinen einzigen Tag an mir zweifelte, auch nicht, als ich das Theater-Studium abbrach, um Publizistik zu studieren. In dieser Zeit habe ich viele Jobs nebenei gemacht, um auf ein gutes Taschengeld zu kommen. Neben der schlecht bezahlten Praktika und der Uni habe ich als Ordinationshilfe gearbeitet, in einer Druckerei und natürlich in den berühmten Callcenters. Manchmal musste ich ganz früh in der Ordination sein. Ich weiß noch genau, dass ich damals fast alleine in der U-Bahn saß und die Leute beobachtete, die mit halbgeschlossenen Augen die U-Bahn putzten. Und hier dämmerte es mir: Die machen das für ihre Kinder. Die machen das, damit es ihre Kinder eines Tages besser haben als sie es heute haben. Die machen das, damit ihre Kinder keine U-Bahn-Fenster putzen müssen. Wie kann man auf solche Leute nicht stolz sein? Wie kann man nicht auf Menschen stolz sein, die über ihre eigenen Grenzen gehen, damit es uns gut geht? Und was machen wir? Uns ist es peinlich, weil es uns nicht fancy genug ist. Wir verdrehen unsere Augen. Uns ist nix gut genug. Wir wollen das neue iphone und ein Urlaub in Marakkesch, weil Instagram gerade voll damit ist.
Heute - viel zu spät- weiß ich, ich wäre keine gute Ärztin geworden. Ich bin eben was ich bin: Eine Nachteule, die gerne schreibt, damit ihr Geld verdient und selbst im Schlaf faselt. Und ich habe trotzdem meinen McDreamy gefunden, nämlich den liebsten und haarigsten Menschen auf dieser Welt, mit dem ich zusammen eine kleine Person gemacht habe, auf die ich stolzer nicht sein könnte.


Zeitmaschinenwunsch:

Wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte, würde ich diesen Tag ändern, an dem mich die Kinder ausgelacht haben. Nicht ihre Reaktion würde ich ändern, sondern meine. Es wäre mir wurscht gewesen. Gleichgültigkeit ist echt ein Luxus. Dass dir einfach wurscht ist, was andere denken, das ist ein Geschenk von dir an dich, das viel Arbeit und Zeit braucht. Gönn´ es dir! Heute habe ich dieses Ziel erreicht, aber damals als Kind, hatte ich das natürlich nicht. Irgendwann einmal habe ich meinem Vater diese Geschichte erzählt und er meinte ganz gelassen:"Als Kinder sind uns unsere Eltern immer peinlich, das ist ein Wachstumsprozess. Wichtig ist, dass wir als Erwachsene dankbar sind und es nicht zu spät ist, diese Dankbarkeit zu zeigen. Unsere Eltern leben ja nicht für immer." Bis heute fragt er - manchmal sogar wildfremde Leute auf der Straße- "Kennen Sie die Menerva Hammad, die Journalistin, die manchmal im Fernsehen ist? Das ist MEINE Tochter! Da schaun´s, gell?!" Und er ist einer der Gründe warum ich meinen Nachnamen nach der Heirat nicht gewechselt habe. Ich gehöre zu meinem Papa. Ich nehme ihm das nicht weg. Ich bleibe für immer seine Tochter und das soll man wissen. Wenn mein Name in irgendeinem TV-Beitrag eingeblendet ist, oder neben einem Zeitungsartikel steht, soll sein Name dort mitstehen. Ich habe ihm früher manchmal das Gefühl gegeben er sei nicht genug und das ist die verdiente Wiedergutmachung, denn er ist mehr als ich jemals verdienen würde. Deine Eltern geben dich nie auf. Sie lieben uns bedingungslos und das verstehen wir erst, wenn wir selber zu Eltern werden. Davor ist diese bedingungslose Liebe für uns einfach nicht greifbar genug. Mit der Geburt meiner Tochter wurde ich zur besseren Tochter, weil ich nun weiß, wie mich meine Eltern sehen und wieso sie so handelten, wie sie in manchen Situationen handelten.
Meine Mama und mein Papa sind wie Tom& Jerry in Menschen-Version. Früher konnte ich sie oft nicht verstehen, heute wünsche ich mir auch nur halbsogut wie die Beiden mit meinen Problemen als Mama umgehen zu können. Dieses Nachvollziehen kommt viel zu spät, aber umso dankbarer bin ich heute für diese Schutzengel, die ich Eltern nennen darf. Gott beschütze sie alle, unsere Eltern.

 

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