Beschnittene Rosen

April 11, 2017

Note: #MAMASTE ist durch Zufall enstanden. In den letzten 10 Jahren habe ich Frauen/ Mütter auf  der ganzen Welt zu unterschiedlichsten Themen interviewt und dabei sind einige interessante Geschichten entstanden. Bis dato hatte ich noch nicht die Gelegenheit diese überaus einzigartigen Erzählungen auf eine passende Plattform zu posten. Da ich nun eine eigene Mama-Seite habe (endlich) , wurde aus dem Wort #Namaste für mich #Mamaste. Die Leben dieser besonderen Frauen, die mir höchstprivate Dinge (mit dem Wissen ich würde sie irgendwann veröffentlichen) anvertraut haben, finden nun hier ihren verdienten Ehrenplatz. #Mamaste
 

Blackout

Hast du dich schon einmal beim Rasieren geschnitten? Hat es weh getan? Aber sicher, es tut nur für den Moment weh und das Leben geht weiter, weil es verheilt. Was aber, wenn es nicht verheilt? Was, wenn das, was man dir da wegschneidet, nicht nachwächst? Ich bin in einem kleinen Dorf in Ägypten aufgewachsen. Meine Eltern waren einfache Leute, wir lebten zwar gut, aber wir waren einfach, würde ich sagen. Meine Großmutter - also die Mama meiner Mama- lebte mit uns. Mein Vater war Eisenbahnkontrolleur und war nur jede zweite Nacht zu Hause. Meine Mama war Hausfrau. Mein Vater betete regelmäßig und war sehr religiös. Er war nicht sehr gebildet, aber er war belesen. Meine Mutter betete nicht, aber sie trug ein Kopftuch, weil es die meisten Frauen in dem Viertel wo wir lebten auch trugen. Ich würde sagen, ich hatte eine glückliche Kindheit, bis es geschah. Meine Eltern wollten mich nicht beschneiden lassen. Mein Vater, der sehr religiös war, war strickt dagegen. Meiner Mutter war es egal, aber für meine Großmutter war es eine wichtige Sache. Für sie war eine anständige Frau einfach beschnitten. Eine Frau die nicht beschnitten ist, heiratet erst gar nicht. Es zeigt, sie komme aus schlechtem Haus. Mein Vater hat meiner Mutter immer gedroht, er würde sich scheiden lassen, solle meine Großmutter seine Abwesenheit nutzen und mich beschneiden zu lassen. Ich wusste damals mit sieben Jahren natürlich nicht, worüber sie sich da den Kopf zerbrochen haben. Ich wusste auch nicht, warum mich Vater manchmal unter der Woche mit in die Arbeit nahm. Eines Tages, mein Vater war beruflich in einer anderen Stadt und meine Mutter war einkaufen, gingen meine Großmutter und ich zu einer ihrer Freundinnen, die krank war. Wir wollten sie besuchen, so dachte ich. Auf dem Weg zu "ihrer Freundin" hat sie mir viele Süßigkeiten gekauft- was sehr unüblich war. Bei ihrer Freundin angekommen, merkte ich, sie sah gar nicht krank aus. Meine Großmutter nahm mich zur Seite und meinte": Die Tante da macht dir etwas weg, das du nicht brauchst. Es wird nur ganz wenig weh tun, aber danach geht es dir viel viel besser. Wenn du die nächsten Sekunden stark bist, nicht schreist und mitmachst, geht es auch ganz schnell vorbei." Ich tat was sie sagte. Sie hat mir erklärt, dass das "was ich nicht brauchte" zwischen meinen Beinen war und ich meine Unterhose ausziehen muss. Ich setzte mich auf den Boden hin, meine Großmutter hielt mir von hinten die Beine auseinander und die Dame, die vor mir hinkniete und mit einer unscharfen Rasierklinge das wegschnitt, was "ich nicht brauchte", tat es, als hätte sie niemals etwas anderes getan. Es tat höllisch weh. Und es blutete auch höllisch.  Als sie das merkte, schmierte sie mir etwas zwischen die Beine und hat mir die Beine auch noch eng zusammengebunden.  Was die Dame danach tat, tut mir im Herzen weh, wann immer ich mich daran erinnere: Sie nahm das, was sie mir wegschnitt und schmiss es in ein Papierkorb. Einfach so. Sie warf mich einfach so weg. Dieser Teil von mir war Abfall für sie. Nicht nur für sie, auch für meine Großmutter und wahrscheinlich auch für meine Mutter.


Rosenblüten
Ich wachte auf und war in meinem Zimmer. Was in der Zwischenzeit passiert ist, weiß ich nicht mehr. Aber Papa war am Schimpfen. Ganz laut. Seine Stimme zitterte, so als würde er weinen. Er kam zu mir ins Zimmer herein, seinem Gesichtsausdruck zufolge war er überrascht, dass ich wach war. Sein Gesicht war voller Tränen, er kniete sich zu mir hin und entschuldigte sich ununterbrochen und fragte, ob es mir gut ging. Er trug mich zum Dorfarzt, der mich untersuchte und "die Wunde" desinfizierte. Er drohte meinem Vater mit einer Anzeige. Mein Vater erklärte ihm die Situation beschämt und wir zogen nach Kairo. Nur er und ich. Er trennte sich von meiner Mutter. Kairo. Kairo ist für uns Dorfkinder der große Traum. Jeder möchte nach Kairo, in die große Stadt, die nie schläft. Wir hatten eine kleine Wohnung- mehr ein Zimmer- in Kairo und mein Vater arbeitete als Schuhmeister. Das ist das, was er eigentlich immer machen wollte. Er erklärte mir, dass er mich beschützen würde und, dass Mutter und ihre Mutter einen großen Fehler begangen hätten. Ich habe damals echt nicht verstanden was los war und alles woran ich denken konnte ist: Wahrscheinlich habe ich etwas getan, wofür mich meine Großmutter bestraft hatte. Vater wurde deswegen sauer und wir zogen weg. Aber was ich genau getan hatte, das wusste ich nicht. Die Jahre vergingen. Ich hatte mein Studium in Geschichte fast abgeschlossen, wurde zur erwachsenen Frau, vor allem im Kopf und mir wurde sehr wohl bewusst, was mir da fehlte und, dass ich es sehr wohl brauchte. Mein Vater und ich waren wie Pech und Schwefel. Er war meine ganze Welt und ich seine. Bis ich Idris traf. Idris war der schüchterne Nachbarssohn, der mir jeden Freitag bevor er zum Freitagsgebet ging, eine Rose vor die Haustür legte und dann einfach verschwand, ohne etwas zu sagen, eben weil er so schüchtern war. Er wusste nicht, dass ich wusste die Rosen würden von ihm kommen und eines Tages habe ich ihn gefragt, ob er sich mit mir treffen möchte. Meine emanzipierte Art gefiel ihm sehr.

So trafen sich eine Geschichtsstudentin und ein angehender Kinderarzt auf einen Spaziergang. Wir heirateten später und nie hätte ich gedacht, dass es einen Mann gibt, der so geduldig, liebevoll und zärtlich ist. Er wusste von mir. Er wusste, dass da etwas fehlte, aber er hat mich immer als volle Person gesehen und begehrt. Durch die Erziehung meines Vaters habe ich gelernt, mich selbst als ganze Person zu sehen, weil ich eine bin, sagte er immer. Es ist aber auch sehr schön, wenn man dieses Gefühl vom eigenen Partner vermittelt bekommt. Äußerst schön. Als ich schwanger wurde, dachte er es sei ein Bub. Seine zwei Schwestern hatten je 3 Burschen und er dachte, das sei ein Zeichen dafür, dass auch wir einen Buben bekommen würden. Aber wir bekamen ein Mädchen. Ein wunderschönes Mädchen, das nicht einmal über meine Leiche beschnitten werden würde. Wir sind beide klar dagegen. Mittlerweile haben wir drei Töchter - die drei schönsten Rosen, die ich je von ihm bekommen habe- und ich spreche sehr offen mit ihnen über ihre Körper. Es ist wichtig, dass man eine gesunde Beziehung zu seinem eigenen Körper hat. Ich erziehe sie so, dass ich sie in keiner Weise beschneiden möchte. Ich möchte sie bilden, ich möchte, dass sie sich frei entfalten können und ich bin froh, dass mir mein Vater diese Chance gegeben hat. Bringt nicht euren Töchtern bei ihre Beine zu schließen, bringt eher euren Söhnen bei, dass man keiner Frau gegen ihren Willen zwischen die Beine greift. Ich habe nun drei Töchter und ich gebe mein Bestes, damit sie mit Selbstrespekt zu Frauen heranwachsen. Meine Mutter und ihre Mutter waren keine religiösen Frauen. Sie sind kranken Traditionen nachgelaufen. Ich kenne keine gläubigen Muslime, die ihre Töchter beschneiden. Keine. Aus diesem Grund habe ich Geschichte studiert, ich wollte Antworten. Weibliche Genitalverstümmelung hat nichts und wieder nichts mit dem Islam zu tun.

 

Wiedersehen
Eines Tages war ich mit meinen Mädels spazieren und ich sah eine sehr alte Frau auf dem Gehsteig sitzen. Sie verkaufte Taschentücher (das machen Bettler in Ägypten sehr oft). Sie saß da, streckte ihre Hände aus und blickte auf den Boden. Sie kam mir sehr bekannt vor. Ich warf noch einen Blick auf sie und erkannte meine Großmutter. Ich spürte eine endlose Wut, ging hin, legte ihr eine Münze in die Hand und ging. Unsere Blicke trafen einander kurz. Sie erkannte mich nicht einmal. Glauben Sie mir, Ahnungslosigkeit hat keine Religion.

 

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