Wie aus Andy Asya wurde

April 15, 2017

Note: #MAMASTE ist durch Zufall enstanden. In den letzten 10 Jahren habe ich Frauen/ Mütter auf der ganzen Welt zu unterschiedlichsten Themen interviewt und dabei sind einige interessante Geschichten entstanden. Bis dato hatte ich noch nicht die Gelegenheit diese überaus einzigartigen Erzählungen auf eine passende Plattform zu posten. Da ich nun eine eigene Mama-Seite habe (endlich) , wurde aus dem Wort #Namaste für mich #Mamaste. Die Leben dieser besonderen Frauen, die mir höchstprivate Dinge (mit dem Wissen ich würde sie irgendwann veröffentlichen) anvertraut haben, finden nun hier ihren verdienten Ehrenplatz. #Mamaste

 

Andy

Oft habe ich ihn mir angesehen und dachte es mir insgeheim. Ich muss zugeben, ich war nicht wirklich überrascht, dass es so gekommen ist. Nicht etwa, weil er mit Puppen gespielt, oder sich die Nägel lackiert hat, nein, das war normal. Ich bin Erzieherin, ich weiß, dass das nichts zu bedeuten hat. Sein Haarschnitt war es. Der war ihm heilig. Er war sieben Jahre alt und hatte schulterlange Haare. Schönes, glänzendes, kastanienbraunes Haar, das in der Sonne herbstrot schimmerte. Mein Bub, mein kleiner Bub, der ganz tief in seinem Herzen, gar kein Bub war. An einem Nachmittag ging mein Mann mit unserem Sohn zum Friseur und Andy kam weinend zurück. Er hatte keine langen Haare mehr, sondern ganz kurze. Er war am Boden zerstört. Das war für mich die Bestätigung. Wie gesagt, ich denke ich wusste es schon immer, aber man kann sich nicht sicher sein, wenn das Kind es nicht selber sagt. Oder, wenn man seinem Kind nicht zuhört. Er hat eigentlich immer nur davon geredet, dass er ein Mädchen ist, auf die Mädchentoilette gehen möchte, Tütüs schön findet, seine Haare lang tragen möchte und wie ein Mädchen denkt, das in einem Bubenkörper gefangen ist. Wir dachten, er würde einfach nur seinen älteren Schwestern nachreden. Wir dachten, es sei normal, dass ein Bub, der mit zwei viel älteren Schwestern aufwächst, etwas Femininität abbekommt. Es war aber nicht nur etwas Femininität gewesen und auch nicht wegen seiner Schwestern, es war er. Er ganz allein.
Er kämpfte mit sich. Ich merkte das. Haare wachsen nach, aber so viel anderes nicht. Er war wochenlang depressiv wegen seiner Haare. Niemand meinte etwas Böses, wir dachten es sei "normal" ihm die Haare zu kürzen, aber als ich ihn fragte, wie er sich nun fühlte und warum es ihm nicht gefiel sagte er:"Ich schau jetzt aus wie ein Bub." Gut, das war sehr deutlich. Er sagte es wieder und wir hörten wieder nicht zu. Wir ignorierten. Weil es nicht normal war, oder?! Stell dir einmal vor dein Sohn sagt dir, dass er eigentlich ein Mädchen ist. Was wäre deine Reaktion? Oder wenn deine Tochter dir sagt, dass sie gerne einen Penis hätte?! Was sagt man darauf am besten? Ich wusste es nicht. Ich habe es wieder ignoriert. Wir haben so getan, als sei alles perfekt, gut gespielt, als Familie. Er hat mitgemacht. Er wollte uns nicht verletzen, aber ich habe gemerkt, dass einige meiner Sachen anfingen zu verschwinden. Lippenstifte, Schuhe, BHs, Röcke und andere Dinge. Ich habe beschlossen ihm zu folgen. Er sagte er würde zum Fußball gehen, aber in Wahrheit ging er wo anders hin, das fühlte ich. Eines Nachmittags folgte ich ihm und merkte schon am Weg, dass er in eine ganz andere Richutng ging. Es war in einer Schule, einer Tanzschule...Ballett. Mein Sohn, der mittlerweile schon zehn Jahre alt war, fälschte meine Unterschrift und zahlte von seinem Taschengeld seine Ballettstunden- so dachte ich. Ich setzte mich ganz hinten in der letzten Reihe hin, damit er mich nicht sehen konnte und ich sah ihn tanzen. Eine der anderen Mütter sah zu mir rüber und sagte" Ihre Tochter ist äußert hübsch."  Er hatte mittlerweile wieder lange Haare gehabt, war um einiges größer und ob ich es mochte oder nicht, er sah aus wie ein Mädchen, ein sehr hübsches Mädchen. Er bewegte sich auch wie ein Mädchen, war zierlich und tanzte wie eine Göttin. Als ich ihn dort sah, wusste ich, dass ich es nicht mehr ignorieren konnte. Ich konnte nicht mehr so tun, als sei das eine Phase, die irgendwann einmal vergehen würde. Als er zu Hause ankam, war ich schon längst dort gewesen und wusste nicht, wie ich mich verhalten sollte. Seine älteste Schwester, die zu dem Zeitpunkt schon zwanzig Jahre alt war, hat sich bei der Balletschule als seine Erziehugsberechtigte ausgegeben. Als Mutter war ich natürlich stolz, dass sie ihm beigestanden ist, aber auch enttäuscht von ihr, dass sie so etwas verheimlichte. Als ich es herausfand, habe ich mit ihr gestritten- laut. Er bekam es mit, brach in Tränen aus und sperrte sich ins Badezimmer ein. Ich hatte das Gefühl, dies seien die unterdrückten Emotionen der letzten Jahre gewesen, die er da ausbrechen ließ. Er drohte von innen, er würde seinen Penis abschneiden. Ich war auf der anderen Seite und konnte nichts tun. Noch nie in meinem Leben fühlte ich mich so hilflos. Seine Schwester stand mir gegenüber und sagte:"Wenn er sich etwas antut, bist du schuld!" Ich sah, dass sich ihre Lippen weiterbewegten, aber ich habe nicht gehört was sie sagte. Sie sagte dann laut zu ihm:"Andy, komm bitte raus. Wenn es Kleider und Röcke sind, dann bekommst du sie. Du bekommst alles was möchtest, aber komm bitte raus. Wir lieben dich, auch als Mädchen!" Sie sah mich an und ihrem Blick nach wollte sie, dass ich auch etwas sage. und das tat ich:"Andy, ich verstehe dich jetzt. Ich habe dich tanzen gesehen. Wir finden eine Lösung, aber komm bitte raus." Er kam raus. Als mein Mann und meine andere Tochter zu Hause waren saßen wir zusammen und ich sagte nicht viel, nur einen Satz:"Ab heute ist "er" "sie" und wer ein Problem damit hat, der kann von mir aus gehen." Mein Mann ging. Ich glaube nicht an Gott, habe ich nie. Ich meine, sehen Sie sich doch die Welt an, in der wir leben. Aber als mein Mann ging und ich nicht wusste wo er war und ob er wieder kommen würde, hatte ich das Bedürfnis mit ihm zu reden- mit Gott. Ich sah zum Sternenhimmel, sprach, weinte und ließ alles raus. Und es tat gut, auch wenn ich nicht genau wusste, zu wem ich da gesprochen habe, aber es nahm mir eine große Last. Zwei Wochen später kam mein Mann zurück. Er sagte, er musste sich von Andy verabschieden und war deswegen weg gewesen. Er musste sich von der Idee verabschieden, dass er einen Sohn hatte. Heute blicke ich manchmal hinauf zum Himmel und sage "Danke", dafür, dass mein Mann wieder gekommen ist und sich so verhielt, als hätten wir immer schon drei Töchter gehabt.

Asya

Für uns als Familie, war es nun an der Zeit zusammenzuhalten. Denn der erste und wichtigste Schritt, war noch nicht getan. Andys Name und Geschlecht auf allen Dokumenten musste geändert werden, er wechselte die Schule, er musste in Therapie gehen und Hormonblocker nehmen, damit sein Testosteron "geblockt" wird und wir warteten auf eine Bestätigung, damit er Östrogen nehmen durfte. Das Medizinische war zwar teuer, aber keine Belastung. Die Schule dagegen war der Horror. Er hatte es dort nicht leicht. In welche Toilette soll er gehen? Die Reaktionen der Lehrer und auch der Kinder war einfach schockierend, als er sich als Mädchen outete. Kinder können so grausam sein. Keiner akzeptierte ihn. Er hatte eine schwere Zeit. Unsere Nachbarn sind aus Pakistan, leben aber schon sehr lange im Haus neben uns. Ich mochte die nicht. Niemals. Die riechen und kleiden sich komisch, sprechen unverständlich, haben einen eigenartigen Glauben und sind kulturell einfach ganz unterschiedlich als wir es sind. Ich bin keine Rassistin, aber ich habe die nicht einmal zurückgegrüßt. Ich habe sie gekonnt ignoriert, bis ich meinen Sohn, der nun meine Tochter war, mit einem blauen Auge aus ihrem Wohnzimmer abholte. Irgendein Schlägertyp in der Schule hatte ihm das blaue Auge verpasst und das hatte meine pakistanische Nachbarin gesehen, als sie ihre Tochter- die auf derselben Schule war- abholen wollte. Sie nahm dann meine Tochter- Asya- mit. Asya. So wollte er von nun an heißen. Er liebte die ägyptische Geschichte, weil meine ältere Tochter besessen von ihr war. Asya, so hieß die erste Frau des Pharaos. Sie hat Moses als Baby am Nil gefunden. Und so wurde aus Andy eben Asya. Ich hielt nie etwas von fremden Kulturen und von Religionen hielt ich auch nichts. Ich war jemand, der alles was anders ist, nicht in meinem Leben haben wollte. Und da stand nun eine Frau, die mir in nichts ähnelte und wusste, dass ich sie verachtete, meine Tochter beschützte, obwohl ich sie die letzten zehn Jahre behandelt habe wie Dreck. Ich hielt sie auch für Dreck, bis ich mich mit ihr unterhielt. Sie war gebildet, sie war kreativ und sie war sehr nett...ich war ignorant. Meine älteste Tochter, die Ethnologie studiert hat, würde sagen, ich war xenophob. Wir blieben nicht in Aberdeen. Wir gingen nach Texas. Mein Mann bekam dort eine Stelle als Universitätsprofessor angeboten und nahm sie sofort an. Es war für uns wie ein Zeichen. Das konnte kein Zufall sein, dass er genau dann, dieses Angebot bekommen hat. Wir wollten mit Asya eine ganz neue Seite aufschlagen, so, dass sie für sich frisch starten konnte, als Mädchen. Neues Land, neue Leute, neue Schule, Andy gab es nicht mehr. Nie mehr.
Ich vermisste ihn. Manchmal. Meine älteren Mädels, Gwen und Kate, waren zu dem Zeitpunkt schon erwachsene Frauen. Gwen lebte alle paar Monate wo, einmal in Gambia, dann in Marokko, lange in Ägypten- natürlich- oder auf irgendwelchen Inseln. Kate war Künstlerin, sie heiratete sehr jung und lebte mit ihrem Mann in Paris. Mein Mann, Asya und ich zogen alleine nach Texas, in den Woodlands. Nun leben wir schon so lange hier, fast seit 10 Jahren. Inzwischen bin ich schon Großmutter geworden und die Mädels besuchen uns einmal im Jahr. Asya ist Tänzerin und Model. Können Sie das glauben? Und es kommt keiner darauf, dass sie nicht immer eine "sie" war. Wissen Sie warum? Weil sie es immer schon war. Wir konzentrieren uns so sehr auf das, was unsere Kinder zwischen die Beine haben, machen demnach Regeln und bauen Hierarchien auf, anstatt sie einfach Menschsein zu lassen. Und wissen Sie warum? Wegen den Leuten. Wir wollen unheimlich gern und um jeden Preis akzeptiert werden, von Leuten, die wir nicht kennen und verbiegen deswegen das, was unsere Kinder sind: Menschen. Ich muss sagen, obwohl ich immer noch nicht ganz daran glaube, dass es ihn gibt, manchmal, bevor ich schlafen gehe, schaue ich in den Sternenhimmel und flüstere ein kleines "Danke". Ich habe drei gesunde Töchter und zwei gesunde Enkeltöchter und ich würde nichts an unserem Leben ändern. So wie es ist, ist es gut. Ich weiß nicht genau wo meine "Gebte" ankommen, aber ich weiß, irgendwo kommen sie an.

 

Note: #MAMASTE ist durch Zufall enstanden. In den letzten 10 Jahren habe ich Frauen/ Mütter auf der ganzen Welt zu unterschiedlichsten Themen interviewt und dabei sind einige interessante Geschichten entstanden. Bis dato hatte ich noch nicht die Gelegenheit diese überaus einzigartigen Erzählungen auf eine passende Plattform zu posten. Da ich nun eine eigene Mama-Seite habe (endlich) , wurde aus dem Wort #Namaste für mich #Mamaste. Die Leben dieser besonderen Frauen, die mir höchstprivate Dinge (mit dem Wissen ich würde sie irgendwann veröffentlichen) anvertraut haben, finden nun hier ihren verdienten Ehrenplatz.

 

Fotocredit: wix.com

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