Schlechtes Gewissen

May 7, 2017

 Schlechtes Gewissen

Mit der Geburt meines ersten Kindes machte ich erstmals Bekanntschaft mit einer ausgesprochen unsympathischen Dame.

Sie ist die perfekte Frau und Mutter – zumindest sagt sie mir das. Sie ist schlank, sportlich, immer top gestylt und geschminkt. Ihre beiden Kinder werden rund um die Uhr von ihr betreut und nebenbei arbeitet sie auch noch. Vollzeit versteht sich.

Ihr Mann genießt selbstverständlich auch ihren Perfektionismus und hat keinerlei Wünsche offen. Und ihren Haushalt, wie soll ich den beschreiben? Einfach tadellos – Was eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit ist, weil sich das alles in meinem Kopf befindet. Und dort drinnen ist es alles andere als tadellos.

 

Ich stehe in meiner Küche und blicke über den Esstisch ins Wohnzimmer. Dort sitzt mein Großer auf der Couch und schaut sich selig eine Folge Biene Maja an. Plötzlich steht sie da, meine liebe Bekannte: „Tztztz! Hast du nicht immer gesagt, deine Kinder werden die ersten Jahre keinen Fernseher kennen?“

Schnell versuche ich mich zu rechtfertigen: „Jaja, natürlich! Aber die Biene Maja ist schon okay. Außerdem musste ich den Großen kurz beschäftigen, damit ich in Ruhe das Mittagessen wegräumen und die Küche putzen kann!“ Leise lasse ich meine Kaffeetasse verschwinden und mache mich an die Arbeit. Den Kaffee kann ich ja nachher auch noch trinken.

Es wird Nachmittag, die Sonne scheint und der Frühling protzt mit seiner Herrlichkeit. Ich versuche meine Kinder für den Spielplatz fertig zu machen. Eine gar schwierige Angelegenheit, da sich eins der Kinder in der Trotzphase befindet und das Vorhaben „Schuhe anziehen“ ein gewisses Maß an Kooperation erfordert. Nachdem der Kleine und ich schon fertig dastehen und nur mehr los wollen, wirft sich der Große tränenreich zu Boden und beschwert sich, warum er nicht als Erster fertig angezogen wurde. Was folgt ist ein Schweißausbruch meinerseits und das Versprechen: „Wenn du jetzt brav bist, gibt’s nachher auch was Süßes!“

Das Kind springt wie aus der Pistole geschossen auf, hat quasi im Flug die Schuhe an und wir können endlich das Haus verlassen.

Am Weg zum Spielplatz bekomme ich Besuch.

„Aha. Jetzt sagst du also schon >Trotzphase<. Interessant. Du weißt doch, dass sich dieses Verhalten Autonomiephase nennt, und du ganz anders hättest reagieren sollen. Mit Süßem bestechen… wie vulgär! Wir haben das doch schon besprochen. Man soll sich auf die Ebene des Kindes begeben, und es in seinen Gefühlen auffangen. Bedürfnisorientierte Erziehung hast du dir vorgenommen. Du machst es doch ganz falsch!“

Ich bin leicht genervt, aber sehe meinen Fehler ein. „Nun gut „Etwas Süßes“ kann ja auch eine Banane sein!“ versuche ich mein Missgeschick noch zu retten. „Und außerdem: So wie sich der Große gebärdet, bleibe ich bei der „Trotzphase“. Das hat mit Autonomie nix mehr zu tun!“ reagiere ich dann selbst auch trotzig.

Endlich am Spielplatz angekommen sind die Kinder entfesselt. Der Große erklimmt das Klettergerüst, der Kleine lässt sich den Sand aus der Sandkiste schmecken. Ich bin zufrieden, setze mich auf die Bank und gewähre mir ein paar Minuten Auszeit mit meinem Handy.

„Willst du denn nicht auf deine Kinder achten? Was ist, wenn der Große vom Gerüst fliegt? Was ist, wenn der Kleine nun auch Steine isst? Du solltest vielmehr mit ihnen gemeinsam spielen.“

Schnell springe ich auf, putze alibihalber etwas Sand aus dem Mund des Kleinen und stelle mich neben das Gerüst um den Großen zu sichern. Ich komme mir blöd vor. Genau wie in der Volksschule beim Geräteturnen. Da musste ich auch manchmal sichern obwohl ich nicht mal wusste, was ich da zu tun hatte.

Endlich wird es Abend. Die Kinder bekommen eine Jause und wir begeben uns ins Badezimmer. Eigentlich sollten sie noch unter die Dusche, aber sie sind definitiv zu müde. Auf das Schreikonzert habe ich keine Lust, und so gibt es nur eine Katzenwäsche und ein gemeinschaftliches Zähneputzen. Als die Kinder im Bett liegen und ich daneben sitze und darauf warte, dass sie ENDLICH einschlafen, flüstert sie mir ins Ohr:

„Pfff… Jetzt bist du auch schon zu bequem um die Kinder zu duschen? Sie waren den ganzen Nachmittag draußen, wer weiß wie dreckig sie sind? Mit viel Geduld und Verständnis hättest du das bestimmt noch hinbekommen!“

Ich werde müde, ich bin mir nicht sicher, ob es wegen des dauerhaft schlechten Gewissens ist oder weil der Tag einfach zu anstrengend war.

 

Nachdem die Kinder eingeschlafen sind, begebe ich mich ins Wohnzimmer. Ich blicke auf die Uhr, und muss feststellen, dass der Hauptabendfilm vor einer halben Stunde angefangen hat. Ich drehe enttäuscht den Kopf zur Seite und sehe die beiden vollen Wäschekörbe in der Ecke stehen, die darauf warten gebügelt zu werden.

Und da steht sie wieder, in ihrer vollen Pracht. Mit erhobenem Finger predigt sie:

„Du hättest die Wäsche vorgestern gleich machen sollen, da war es nur ein Korb. Da hättest du jetzt weniger zu tun. Außerdem solltest du dir für morgen schon überlegen, was du kochst, und wie du den Tag mit deinen Kindern gestaltest – wenn du planst tust du dir leichter. Weiters gibt es bestimmt genug Lektüre um dich über die Autonomiephase weiterzubilden – so etwas wie heute, sollte dir NIE WIEDER passieren. Du könntest jetzt auch ein kleines Workout machen, damit du in Form bleibst – weil, wenn wir uns ehrlich sind, hast du das bitter nötig. Nutze die Zeit, wenn die Kinder schlafen!“

 

Ich höre mir mein schlechtes Gewissen aufmerksam an. Ich nicke verständnisvoll und gelobe Besserung bevor ich sie für heute verabschiede.

Ich lasse den Tag nochmal Revue passieren: Ich habe gesundes Essen gekocht, war mit den Kindern an der frischen Luft und die Zähne wurden geputzt. Ich finde, ich kann mit meiner Leistung für heute doch zufrieden sein.

Danach mache ich mir einen warmen Kakao und kuschle mich mit einer Packung Mignonschnitten auf die Couch. Meine Bekannte, das schlechte Gewissen, wird morgen ohnehin was zum Motzen brauchen…

 

Text von: Maggie Kramer

 

 

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