Zwei Freunde

May 15, 2017

 

Das erste Bild, welches jemals von euch gemeinsam gemacht wurde, zeigt euch mit circa zwei Monaten. Ihr liegt auf einer Decke und schaut mit großen Augen in die Kamera. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ihr dort nebeneinander auf dem Rücken gelegen habt, der eine pausbäckig und glatzköpfig, der andere lang und dünn. Du warst ein Tragebaby, wolltest immer nur zu Mama auf den Arm. Nicht eine Sekunde durfte ich dich ablegen. Aber dort, auf der Decke unter dem Spielebogen, war es plötzlich okay. Ihr habt euch den ganzen Nachmittag nicht einmal angesehen, nur zwischendurch fuhr mit unkontrollierten Bewegungen ein Ärmchen oder ein Beinchen durch die Luft, traf den anderen auf der Nase oder am Bauch. Dann ließt ihr ein kurzes Schnauben hören, was verdächtig nach kichern klang. Ich weiß noch wie ich dachte: "Das ist der Beginn einer echten Männerfreundschaft."

 

Mittlerweile seid ihr fast zwei Jahre alt. Der Spielebogen wurde in den Keller verbannt und eure Bewegungen am Spielplatz sind kontrolliert und geschmeidig. Ab und zu ertönt ein Kichern oder ein lautes Lachen. Immer wieder nehmt ihr euch an den Händen, zeigt euch gegenseitig spannende Dinge und steckt die Köpfe zusammen. Ihr seid jetzt schon Meister im Streiche aushecken.

Manchmal streitet ihr euch, weil ihr beide das gleiche Spielzeug haben wollt, oder der eine den anderen im Eifer des Gefechts über den Haufen gerannt hat. Lange dauern diese Streits nicht und irgendwie müssen sie ja auch sein. Die Regeln einer Freundschaft müssen ausgelotet und Fronten geklärt werden. Und spätestens wenn du um ein zweites Stück Laugenstange für deinen Freund bittest, oder er dir seinen schönsten Bagger überlässt, ist alles wieder gut.

 

Mit meinen fast 28 Jahren habe ich eine Erfahrung gemacht, die dir bisher erspart geblieben ist. Freundschaften können zerbrechen. Menschen ändern sich, gehen getrennte Wege und Gefühle werden verletzt. Manches vergisst man, anderes tut auch nach Jahren noch weh.

Ich habe immer die Menschen beneidet, die diese eine bestimmte Person in ihrem Leben haben. Diese Kinder, die bei einem in der Klasse waren oder in der Nachbarschaft wohnten und bei denen man einfach wusste: Die sind beste Freunde! Die, bei denen man immer das Gefühl hatte: Die brauchen nicht groß zu reden, die wissen was der Andere denkt. Die dürfen sich gegenseitig den Kopf zurecht rücken, aber stehen vor dem Rest der Welt immer füreinander ein.

Der Gedanke, dass du so einen Menschen gefunden hast, erfüllt mich mit großer Freude. Noch seid ihr klein und ihr werdet sicher in den Jahren die kommen den ein oder anderen Test bestehen müssen. Aber die besondere Verbindung zwischen euch ist spürbar und sie wirkt sich auf alle in eurem Umkreis aus. Auch wir Eltern sind eng zusammen gewachsen und so habt ihr nicht nur einen Vertrauten gefunden, sondern eine zweite Familie bekommen. Da sind Menschen von denen ich weiß, dass sie für dich da sein werden.

 

Draußen platschen dicke Tropfen gegen die Scheibe, eure Regenkleidung ist an der Garderobe zum Trocknen aufgehängt. Wir Mütter trinken Kaffee, erzählen uns von kleinen und großen Sorgen. Ihr sitzt am Tisch und malt auf einem großen Blatt Papier. Die Linien eurer Buntstifte treffen sich, verschwimmen ineinander, zeichnen ein gemeinsames Bild.

Ich staune immer wieder darüber, wie großzügig ihr Beiden seid, wie liebevoll ihr miteinander umgeht und wie viel ihr von einander lernt. Und mir scheint, die wichtigste aller Lektionen habt ihr schon damals mit knapp zwei Monaten begriffen, auf der Decke unter dem Spielebogen: Das Leben ist so viel einfacher, fröhlicher und spannender mit einem Freund an deiner Seite.

 

Wir Eltern erhoffen uns so viel für unsere Kinder. Und manchmal haben wir so viele Zweifel: Ist das, was wir geben genug, um unsere Kinder glücklich zu machen? Werden sie erreichen, was sie sich wünschen? Ich habe diese Zweifel bei euch beiden nicht. Wer im Alter von ein paar Wochen genug Persönlichkeit besitzt, um sich zielsicher den Freund fürs Leben auszusuchen, der kann alles schaffen.

Ihr beide zusammen, ihr werdet das schon machen.

 

Text von: Kira
Kiras
Heimat ist das wunderbare Münster in Nordrhein-Westfalen, Deutschland. Ihr Sohn Julian wurde im Juli 2015 geboren und seitdem jongliere sie ihr Muttersein, ihre Ehe, die Arbeit, Freundschaften und Hobbies mal mehr und mal weniger erfolgreich, aber immer glücklich und mit einer Menge Elan.

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