Du kannst dich mal! ... Umarmen

May 19, 2017

 

Bevor du Mutter wirst:

Als ich siebzehn war, hatte ich einen Bombenkörper. Schlanke Arme, schöner, praller Busen, flacher Bauch, straffe Beine und glatte Haut. ALLES WAR PERFEKT, aber so habe ich damals natürlich nicht gedacht. Ich wollte einen noch größeren Busen, noch schlankere Arme und einen noch flacheren Bauch. Ich war eine der Molligsten in meiner Schulklasse und das, obwohl ich gar nicht mollig war. Ich fühlte mich - verglichen mit den anderen Mädels- zu dick. Ich fühlte mich zu dunkelhäutig, hielt meine Haare für zu lockig und ich mochte meinen Körper einfach nicht. Viele Frauen denken, wenn sie abnehmen würden, wären sie glücklicher, oder sie würden sich selbst mehr lieben...zu denen gehörte ich damals ganz sicher.

Die Entstehung der Wampe:
Als ich anfing zu studieren, schenkte mir meine Mama einen Laptop. Diesem Laptop habe ich die Entstehung meiner Wampe zu verdanken. Der Laptop - auf dem ich übrigens auch diesen Blogeintrag schreibe- wurde zu meinem TV, meiner Lernstube, meinem besten Freund und nebenbei wurde immer herzhaft gegessen. Wochenlang wurden Serien angeschaut und gefuttert bis zum Abwinken. Im Sitzen habe ich alles gemacht und so kam die eben genannte Wampe auf die Welt und blieb auch da. Nicht nur das, als Journalistin recherchiere ich nicht nur - manchmal stundenlang- am Laptop, sondern schreibe auch all meine Storys darauf. Und durch dieses Sitzen wurde die Wampe geboren.

Was die Geburt eines Kindes mit deinem Körper anstellt:

Zehn Jahre später wurde ich schwanger. Ich hatte eine vaginale Geburt, die 12 Stunden lang dauerte. Am ersten Tag danach stellte ich mich nackt vor den Spiegel und mir kam das Kotzen. Die Wampe hing. Immerhin wuchs sie monatelang, war extrem gedehnt und wurde dann plötzlich "entleert". Es war als hätte man einen Luftballon aufgeblasen und dann die Luft wieder herausgelassen. Die Wampe konnte schwabbeln. Die Wampe hatte dicke lila Streifen. Nicht nur das: 3 Tage danach schoss die Milch in meinem Busen ein, meine Brüste sahen aus wie Silikonmöpse und waren extrem schwer. Heute ( 16 Monate später) sehen sie aus wie ausgelutschte Kniestrümpfe und was einmal schön, groß und prall war, sind jetzt zwei hängende Säcke, über die ich garantiert stolpern würde,  wäre da kein BH, der sie hochhebt.
Das Pralle ist weg. Da war doch einmal ein schöner Busen, zwei wunderschöne Brüste, aber nun sind sie weg. Ernie und Bert, ihr habt euch nicht einmal von mir verabschiedet und das werde ich euch nie verzeihen! Meine Tochter hingegen findet ausgerechnet meine Wampe sehr beeindruckend, umarmt sie liebevoll, wenn ich sie grade stille und wir haben ihr sogar einen Namen gegeben- "Sonja". Ich hasse Sonja!!!
Die Tränensäcke unter meinen Augen sehen aus wie lachende Gesichter- die mich jeden Tag in der Früh auslachen, wenn ich in den Spiegel schaue- und mir fallen beim Haarewaschen so viele Haare aus, dass ich froh bin, ein Kopftuch zu tragen. Von Schwabbeln und Hängen gibt es auf meinem Körper weit und breit kein Ende und während ich in diesem Tief der Unstraffheit stecke, finde ich beim Aufräumen ein Foto. Ein altes Foto von mir in einem Bikini und einer Figur, für die ich heute töten würde. Ich weiß aber genau, dass ich damals auch nicht zufrieden war und selbst damals noch dünner sein wollte. Ich weiß, dass ich niemals mit meinem Körper zufrieden war- niemals. Niemals. Hier hat es Klick gemacht: Ich bin Mutter einer Tochter. Ich bin aber vor allem eine Frau, die ihrer Tochter das Frausein vorlebt und das soll auf keinen Fall der Hass gegen den eigenen Körper sein.

Umarm´ dich mal!
Man kann seinen Körper hassen. Man wird aber keinen anderen mehr bekommen. Also freundest du dich lieber mit dem an was du hast, oder du verbringst den Rest deines Lebens damit, ihn zu hassen, also quasi: dich selbst. Damit meine ich nicht, dass man Schwabbelmania akzeptieren soll, aber sich bei seinem Körper dafür zu bedanken, dass er dir dein Kind geschenkt hat, wäre schon einmal ein guter Anfang. Kinder hinterlassen Spuren. Unfälle hinterlassen Spuren. Zeit hinterlässt Spuren. Das verdammte Leben hinterlässt auf deinem Körper Spuren, also sei nicht zu streng zu ihm. Umarme ihn, trainiere ihn, lass ihm Zeit und gönne ihm auch ab und zu etwas Unstraffheit, Fett und Zucker. Wenn ich mir heute in den Spiegel schaue, dann werfe ich mir selber Luftküsse zu und flirte mit mir. Ab und zu bekomme ich auch Popschklapser- von mir selbst- um mich selber daran zu erinnern was für einen tollen Hintern ich habe (der ist so groß, der bräuchte eine eigene Postleitzahl). Auch meine Tochter findet ihn toll und benutzt ihn manchmal als Trommel. Verrückt? Ja, vielleicht, aber das ist viel besser, als traurig wegzuschauen. Das ist viel besser, als sich nicht zu lieben. Ich lache zu meinen Tränensäcke zurück, manchmal winke ich auch, finde meinen Hautton nun schön, weil ich eingesehen habe, dass jeder Hautton auf seine eigene Weise schön ist, verwende kein Shampoo mehr für meine Haare, sondern Kaffee und Seife, mache Sport, tanze viel- mit Sonja, der Wampe- habe mich mit Ernie und Bert wieder vertragen, denn immerhin ernähren sie noch meine Tochter, da kann man auch einmal eingehen...ich habe Frieden damit gefunden, dass ich mein Essen zwar zeitlich regle, aber trotzdem Pizza esse, wenn mir danach ist. Wenn mein Mann nach dem letzten Schokokuchen fragt, sage ich vergnügt mit vollem Mund:"Fokokuchen, welcher Fokokuchen?!" Und dann lachen wir beide über meine "Konsequenz". Die Tage danach wird eben gesünder gegessen, aber Bewegung gibt es jeden Tag. Balance. Balance tut gut, nicht nur dem Körper, sondern auch dem Geist.
Es geht mir nicht mehr um das Abnehmen, sondern um das Wohlgefühl, das ich endlich erreicht habe. Selbstliebe kennt keine Zahl. Selbstliebe ist ein Gefühl und zwar ein sehr schönes. Vor allem geht es mir aber darum, dass ich mit meiner Tochter spielen kann und Treppen hochsteigen, ohne , dass ich nach drei Stufen keine Luft mehr bekomme. Es geht gar nicht mehr um straffe Haut, prallem Busen und einen flachen Bauch, sondern um mich und meinem Selbstwert - genau das möchte ich meiner Tochter vorleben.

 

 

 

Mit diesem Beitrag bewerbe ich mich für den diesjährigen Eltern!BlogAward von Scoyo.

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