Aus multikultureller Sicht, distanziere ich mich nicht!

May 20, 2017

Die Mutter, die andere Wurzeln hat
Dies ist ein Mama-Blog. Hier kann man über Frauenthemen, Mamageschichten, Feminismus& Mutterschaft und manchmal auch über MultiKutli- Life lesen. Ich wollte nie, dass dieser Blog eine Plattform für meinen Migrationshintergrund bietet und diesen in den Vordergrund drängt. Ich wollte - wenigstens hier- einfach nur Lailas Mama sein, die über den ganz normalen Wahnsinn des Mutterseins schreibt.  Ich habe aber sehr schnell gemerkt, dass dies nicht funktionieren wird, weil meine Herkunft und auch meine Religion eine große Rolle in meinem Leben spielen und deswegen sehr wohl auch hier Platz finden sollten. Für jene Leser, die es nicht wissen, eine kurze Übersicht über meine Person:
Ich verdiene seit 6 Jahren meine Brötchen als freie Journalistin. Meine Hauptthemen sind: Feminismus und Musliminnen in Europa.

Meine Leser- Community auf diesem Blog ist gerade dabei sich aufzubauen und mich erfüllt das mit endloser Freude. Dennoch möchte ich meine Meinung zu bestimmten Themen mit diesem Eintrag klarstellen, damit meine Leser wissen wo ich stehe und von wem sie den Blog verfolgen, oder nach diesem Beitrag, entfolgen.

Ich distanziere mich nicht!
Ich bin Muslima. Und ich weiß, dass das manche abschreckt. Das Kopftuch- für das ich mich freiwillig entschieden habe- ist für viele ein Zeichen von Unterdrückung der Frau.

"Wieso unterstützt du den politischen Islam, indem du ein Kopftuch trägst?"
Ich unterstütze niemanden und nichts damit. Würde ich an den politischen Islam glauben, würde ich im Iran, oder in Afghanistan leben. Das ist für mich ein Glaubensgebot, eines von vielen, das ich gerne verrichte. Ich stehe auch hinter der Idee, die es vertritt, nämlich: Dass ich alleine darüber entscheide, wer was von mir sieht und meine Persönlichkeit im Vordergrund steht. Das heißt aber nicht, dass eine Muslima, die kein Kopftuch trägt für mich keine Muslima ist, ganz im Gegenteil. Es heißt auch nicht, dass eine Nichtmuslima, für mich keine gute Person ist. Das ist Bullshit.  Für mich sind Menschen- ganz besonders Frauen- Schwestern, bis sich das Gegenteil beweisen sollte, sprich: Man findet sich gegenseitig unsympathisch, oder anderes. Ich behandle Menschen nicht danach, woran sie glauben, oder nicht, sondern nach ihrem Charakter. Und NUR danach. Was Leute oft vergessen: Ich wurde ohne Kopftuch geboren- wirklich wahr- und hatte auch ein wunderschönes Leben davor.
" Wie kannst du als Muslima Feministin sein?"
Wieso nicht? Was spricht dagegen? Und wie schaut eine Feministin aus? Woran glaubt sie? Sind Feministinnen nicht unterschiedlich? Macht sie nicht gerade das interessant? Dass untesrschiedliche Frauen dasselbe anstreben? Frauen waren in der muslimischen Geschichte immer Geschäftsfrauen, emanzipiert und selbstbestimmt. Nur, weil ich ein Kopftuch trage, heißt das nicht, dass ich nicht selbstbestimmt bin. Erst recht weil ich eines trage und eine von vielen Musliminnen bin, die für mehr Rechte kämpfen, sollten bei unseren "Hassern" alle Glocken läuten! Nicht jede Victoria muss ihre Secrets herzeigen und sollte sie das doch tun, ist es alleine ihre Sache. Die Freiheit liegt nicht in der Entscheidung selbst, sondern darin, dass ich entscheiden kann.
"Woher kommst du WIRKLICH?"
Das ist eine sehr schwere Frage für mich. Ich bin mit 6 Monaten nach Österreich gekommen und lebte 26 Jahre dort. Ich fühle mich als Wienerin, die eben sudanische, ägyptische, türkische und englische Wurzeln hat. Ich bin multikulturell aufgewachsen, sehe aber eben aus wie ein Tschusch. In diesem Punkt habe ich europäisch gesehen die Arschkarte gezogen. Und ich werde meistens nur nach meinem Aussehen, das sehr südländisch ist, bewertet. Ohne Kopftuch war ich jahrelang die Negerschlampe und mit bin ich die Kopftuchmafia. Für mich wäre nicht alles Friede Freude Baklava, wenn ich das Kopftuch abnehmen sollte, man würde mich einfach nur in eine andere Schublade stecken.
Menschen lesen Boulevardzeitungen und denken, sie hätten mich durchschaut. Mich. Aber sie kennen mich gar nicht. Sie sehen das Kopftuch und schon wissen sie, dass ich eine Schweinefleischphobie habe, kein Deutsch kann, unterdrückt bin, ungebildet und meinem Cousin versprochen.

"Eure Männer vergewaltigen unsere Töchter."

Das sagte eine ältere Dame zu mir, nachdem eine Kölnerin angeblich in der Silvesternacht 2016/2017 von einem Flüchtling vergewaltigt wurde. Später fand man heraus, dass diese Geschichte erfunden war. Was soll ich darauf sagen? Meiner Meinung nach, sollte jeder Mann, der sich an eine Frau gegen ihren Willen vergreift, kastriert werden. Ich finde es gibt keine Entschuldigung dafür, dass man einen Menschen so etwas antut. Ich habe eine Tochter und wenn sie wer gegen ihren Willen berühren würde, geschweige denn vergewaltigen, ich würde ihn umbringen. Mit meinen bloßen Händen. Seine Herkunft wäre mir dabei jedoch egal. Und genau DAS ist der Punkt. Für mich spielt es keine Rolle wo wer herkommt, sondern was er tut.
"Warum distanziert ihr Muslime euch nicht von den terroristischen Attentaten auf der Welt?"
Ich kann mich von nichts distanzieren und für nichts entschuldigen, das ich nicht getan habe. Ich habe niemals von einem Österreicher verlangt, dass er sich vom Fritzl distanziert. Ich habe mir nach dieser Causa auch niemals vorgestellt, dass jeder Österreicher vielleicht seine Tochter im Keller hat und diese schwängert. Ich habe mir niemals erwartet, dass sich Deutsche von heutigen Nazis distanzieren, nur weil es ein dunkler Fleck in deren Geschichte ist, der sehr wohl noch existiert, auch in Österreich. Für mich ist jeder Mord ein Terror. Der IS hat mit dem Islam den ich kenne nichts zu tun. Ein Islamischer Staat geht nicht und besetzt islamische Länder, denn diese sind schon muslimisch. Wo ist hier die Logik? Wenn ich den "Islam verbreiten" möchte, dann gehe ich doch nicht in ein muslimisches Land! Das ist für mich eine Terrororganisation, die von Männern in Anzügen gesponsert wird, die ganz und gar nicht muslimisch sind.
"Der Islam ist eine Religion, wo Männer machen dürfen was sie wollen."
Nein. Aber einige nehmen sich das Recht, ja und diese verabscheue ich.
Ich verabscheue es, wenn Männer ihre Frauen nicht auf Augenhöhe behandeln. Ich verabscheue es, wenn Männer Entscheidungen für Frauen treffen, oder diese minder behandeln. Ich verabscheue es, wenn Männer Frauen zu etwas zwingen.
In der muslimischen Community wird kritisiert, gestritten und wir sind uns nicht immer mit allem einig. Ich persönlich streite mit vielen Männern und auch Frauen, die meiner Meinung nach dafür sorgen, dass Stereotype bestätigt und nicht widerlegt werden. Menschen nehmen sich Rechte die sie brauchen und wenn man seine eigenen Rechte nicht kennt, ist man arm dran. Ein Mann darf dir nichts aufzwingen. Du bist für das verantwortlich, was du willst. Du darfst frei entscheiden, musst aber mögliche Konsequenzen auch tragen können. Diesen und nur diesen Islam kenne ich. Es gibt aber den Islam nicht. Es gibt die Muslima nicht und es gibt- garantiert- die Frau im Kopftuch nicht. Warum? Weil wir sehr viele sind und wir sind sehr unterschiedlich. Alle Blondinen sind auch nicht gleich. Und es gibt sehr viele Dinge, die Menschen problemlos akzeptieren, wenn sie nicht von Muslime kommen, wie zB: Dreiecksbeziehungen, Amokläufe, Ehrenmorde, etc. Dann sind es ja auch "nur" Einzelfälle, die in der Medienberichterstattung ohne Herkunft und Religion abgedruckt werden.
"Passt euch an, wenn ihr hier leben wollt!"

Habe ich doch schon. Ich spreche die Sprache. Ich arbeite und zahle hier Steuern. Ich interagiere mit den Menschen in dieser Gesellschaft. Aber es gibt dann ein kleines Bisschen Identiät, das ich gern behalten würde. Es gibt ein kleines Bisschen ICH, das mir gehören DARF.
Wenn ein Österreicher entscheidet im Ausland zu leben, redet er trotzdem auf Deutsch mit seinen Kindern. Sie bekommen vielleicht auch Lederhose und Dirndl. Sie essen österreichische Spezialitäten- auch im Ausland. Wieso? Weil das ein Stück Heimat ist. Es ist ein Stück Identität, das niemandem weh tut. Wenn wir also Kopftücher tragen und mit unseren Kindern auf andere Sprachen sprechen, mach wir das nicht, um euch zu provozieren, oder uns von euch abzuheben, sondern, weil es ein Teil unserer Identität ist. Nicht mehr und nicht weniger.

Wieso schreibe ich das alles in einem Mama- Blog?
Weil ich Mama bin. Ich bin nicht mehr eine alleinstehende Frau, die nur für sich verantwortlich ist, sondern eine Mutti. Ich werde niemals vergessen, was die Musiklehrerin meiner Tochter einmal zu meinem Mann und mir sagte:"Ich bin echt positiv überrascht, Ihr Mann geht so liebevoll mit Ihnen und der Kleinen um, dass man gar nicht glaubt, was man so in der Zeitung über euch liest." Ich habe nicht gewusst was ich darauf sagen soll, mein Mann hingegen fand das lustig. Es gibt unheimlich viele schöne Erlebnisse, die meine Tochter und ich genießen durften. Den Eltern in der Schwimmgruppe meiner Tochter ist egal, dass ich einen Burkini trage. Sie hat eine tolle Schwimmlehrerin. Wir gehen in viele Indoor- Spielplätze und wir haben bisher - fast- immer neue Freunde kennengelernt und sehr offene Menschen getroffen. Meine Familien-Blogger-Kollegen sind für mich Gold wert. Ich hatte auch im Berufsleben überwiegend tolle Kollegen. Ich hatte grenzgeniale Studienkollegen, die das Studium erst aushaltbar gemacht haben. Mein Mann und ich verreisen sehr viel und auch wenn etwas Negatives passiert, nehme ich etwas Positives heraus, weil ich es kann. Ich kann damit umgehen, dass mich wer schimpft, oder anspuckt. Ich möchte aber nicht, dass jemand damit umgehen muss, der es nicht kann. Wie mein Kind. Wie dein Kind. Wie unsere Kinder. Und das ist es, was mir den Schlaf manchmal raubt: UNSERE Kinder.
Ich habe einmal in Ägypten einen Typen verprügelt, ich habe auch in Österreich schon einen verprügelt und ich würde jeden und immer verprügeln, der mir gegen meinen Willen zu nahe kommt, OHNE dafür alle Männer seiner Nationalität oder Religion darum zu bitten, sich davon zu distanzieren. Ich weine dann zwar wie ein Baby, sobald ich zu Hause angekommen bin, aber ich kann in der Situation damit umgehen, wenn etwas passiert. Was ich nicht möchte ist, dass es jemandem passiert, der vielleicht nicht damit umgehen kann. Ich möchte nicht, dass man als Frau damit umgehen muss. Ich möchte erst gar nicht, dass es jemandem passiert. Egal wem. Egal wo. Egal wie.

 

...
Ich könnte Bücher füllen, so viele Behauptungen, Fragen und Unterstellungen wirft man mir und anderen Musliminnen nach, weil wir eben "sichtbare" Musliminnen sind. Was ich mir wünsche ist, dass es eines Tages keine Rolle mehr spielt, wer woran glaubt, oder nicht. Dass Menschen von überall auf der Welt zusammen sitzen und über das Wetter reden, anstatt über Herkunft und Religion. Es sollte für uns kein Denken in geographische Grenzen geben, denn die Welt ist groß. Die Welt sollte unser aller zu Hause sein dürfen, ohne Grenzen, denn wir alle haben Wurzeln in der Welt, von denen wir nichts wissen und wer hätte gedacht, dass ausgerechnet meine Urlioma Engländerin war? Die Leute, die sich über die Flüchtlinge aufregen, sollten bitte ihre Geschichtsbücher herausnehmen und noch einmal über Kolonialismus lesen und dann noch ein wenig über die heutige Weltpolitik. Das Elend klopft an, wenn man es bestellt und das haben wir in Europa getan und tun es noch. Es gäbe keine erste Welt, wenn die dritte Welt nicht die Rechnung dafür gezahlt hätte. Schlimmes aus der Geschichte wiederholt sich, weil wir Menschen uns nicht verändern. Es hat in unseren Köpfen noch nicht "Klick" gemacht. Wir haben Angst und verkrichen uns, anstatt uns gegenseitig die Hände zu reichen. Wir bauen Mauern um uns herum und denken, das sei ein Schutz. Was wir in Wirklichkeit tun ist jedoch, uns abgrenzen- voneinander.

 

Einfach nur Menerva

Ich bin froh darüber, dass ich einen bunten Freundeskreis habe, dass ich Blogger-Kollegen habe für die ich tagtäglich dankbar bin, die ich sehr schätze und für die ich eine gleichwertige Kollegin bin, für meine Familie, die mir immer den Rücken stärkt und dafür, dass meine kleine aber feine Leser- Community sich die Zeit nimmt und meinen Blog verfolgt. Ich bin ein Mensch, der auch mal Fehler macht, politisch inkorrekt labert, über pervese Witze lacht, oder sogar welche erfindet, manchmal bin ich auch eine Rabenmutter und schreibe auch noch stolz darüber, weil ich weiß, dass ich nicht die Einzige bin, aber vor allem und zu aller erst bin ich einfach nur die Menerva.

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Fotocredit: Asma Aiad

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