Feminismus ist (auch) Männersache

May 26, 2017

 

Feministischer Veganismus

Der Feminismus ist gerade hoch im Trend. Es ist äußerst faszinierend wie viele junge Damen sich plötzlich für ihn interessieren. Es ist in etwa wie der Veganismus: Jeder Zweite ist jetzt vegan, weil es sich so auf Instagram besser leben lässt. Es gibt Menschen, die seit Jahrzehnten feministisch denken und wieder andere, die seit Urzeiten vegan leben, dies aber nicht jedem auf die Nase binden. Für sie heißt es nicht "yolo", sondern "i bin so".
Was ist der Feminismus? Wie schaut er aus? Wie lebt eine Feministin? Gibt es darauf überhaupt eine allgemeine Antwort? In den Medien wird sie immer als männerverachtende, verzweifelte, ledige und behaarte Frau dargestellt, die viel zu viel fordert. Dabei wollen wir bitte nur eines: Gleichberechtigung.
Wer uns auch immer das blöde Binnen- I geschenkt hat, kann es gern behalten, dafür sollten die Gehaltsunterschiede zwischen Mann und Frau aufgehoben werden. DAS wäre schon einmal ein guter Anfang. Vom Binnen- I kann ich mich nicht ernähren, es sorgt für keinen Respekt und auch das Bewusstsein der Menschheit hat sich dadurch nicht viel geändert. Kein Bisserl. Denn immer noch muss Frau sich für ihre Kleidung rechtfertigen und darf nicht anziehen was sie möchte. Immer noch muss sie sich doppelt und dreifach beweisen und immer noch gilt sie als schwach, obwohl sie genau das Gegenteil ist und leistet.

 

Die Frau, die zu Fuß geht
Das hier ist natürlich an erster Stelle ein Mamablog. Aber alle Mütter sind Frauen und deswegen, werden hier auch Frauenthemen veröffentlicht. Feminismus nimmt nämlich auch in der Mutterschaft keinen Urlaub, jedenfalls gilt das in unserem Haus. Wer mich feministisch erzogen hat, war jedoch nicht meine Mutter, sondern mein Vater.
Meine Mutter ist eine typische Ägypterin, die sehr an Traditionen festhaltet. Als ich achtzehn war wollte sie, dass ich mich auf jene Events, wo "viele mögliche zukünftige Ehemänner" anwesend sein würden, blicken lasse und mich "mädchenhaft" genug verhalte, damit ich einem dieser jungen Männer auffalle. Ich war alles andere als "mädchenhaft" und mich hat der Hamoudi aka Muttershöhnchen - Sohn der Nachbarin einer Freundin- nicht interessiert. Mich haben damals alle Hamoudis nicht interessiert. Ich wollte lesen. Ich wollte reisen. Ich wollte schreiben. Ich wollte eigentlich nach Hogwarts. Ich dachte, dass nur meine Mutter dieses veraltete Denken vom "Dressieren der eigenen Tochter zur Ehefrau" hatte, weil sie das aus Ägypten nach Österreich mitgenommen hatte, damit lag ich aber komplett falsch. Ich habe genug Freundinnen, deren Mütter genauso dachten, die aber Europäerinnen sind.  Wieso erziehen Frauen ihre Töchter manchmal - wenn auch unbewusst- dazu, sich auf das Eheleben vorzubereiten, als sei es das Heiligtum dieser Welt?
Auf der Hochzeit einer Freundin- ich war damals erst 22- sah die Mutter der Braut zu mir und meinte:
"Du musst auch bald heiraten, sonst fährt dieser Zug bald für dich ab."


Gelassen sagte ich darauf:" Ich gehe liebend gern zu Fuß."


Und dieses blöde Zug-Beispiel habe ich als ledige Frau mindestens 1000 Mal gehört. Mal lächelt man, mal hat man eben die Nase voll davon. Viele Mütter haben bestimmte Regeln für ihre Töchter und grenzenloses Verständnis für ihre Söhne. (auch hier gilt: Nicht nur Musliminnen und nicht nur arabischer Herkunft, sondern wirklich bunt gemischt.)
Es sind genau diese Frauen, die die eigenen Söhne zu Weicheiern erziehen und uns dazu zwingen, zu den Männern zu werden, mit denen wir uns eigentlich binden wollten.
Wenn dann so ein Hamoudi auf mich trifft, habe ich das Gefühl ihn bemuttern zu müssen. Das will ich aber nicht. Ich will Liebe, ich will einen gleichwertigen Partner, ich will Augenhöhe, ich will, dass er in mir den Menschen sieht der ich bin, damit er die Frau in mir nicht bricht, sondern stark genug ist, um mich stark sein lassen zu können.
Woher nehmen sich diese Mütter die Dreistigkeit und den Glauben zu wissen, dass mir zu meiner Glückseligkeit ein Mann - natürlich ihr Sohn- fehlt und nur dieser mich vervollständigen kann? Und diese Art zu denken habe ich nicht nur bei meinen Landsmenschen beobachtet, sondern in mehreren Gesellschaften und sogar in Europa herrscht sie noch, zwar in anderen Szenarien, aber mit demselben, bitteren Beigeschmack. Diese Beobachtungen sitzen mir so tief in den Knochen, dass ich angefangen habe Fragen zu stellen. Egal wohin ich reise, ich quatsche Leute an und stelle in einem lässigen Gespräch Fragen. Das ist ja mein Job: Fragen zu stellen.
Auf Nusa Lembongan, einer kleinen Insel in Indonesien, meinte unser Gastgeber:" Frauen arbeiten hier genauso wie Männer, wenn nicht mehr. Nein, Frauen sind hier die Männer."
Was für eine erfrischende Antwort und Lebensweise, das war viel hoffnungsvoller, als das "Feminusmus ist schwul", das ich als Antwort bekommen habe, auf einem Schulhof in Wien und nein, der Teenager, der das von sich gab war definitiv kein Türke.

Auf einer Haltestelle musste eine Schwangere von einem Zehnjährigen(!), der auf der Bank saß, mit den Worten:"Wer ficken kann, der kann auch stehen", abgewimmelt werden. Sie und ich staunten nicht schlecht und sie blieb tatsächlich stehen. Wir waren beide baff. Auch er war kein Türke, auch kein Araber. In Texas meinte unser Fahrer er habe zwei Töchter, so etwas wie einen festen Freund gäbe es nicht. Wenn, dann nur Verlobung und dann bald eine Hochzeit. Die Jüngere dürfe vor der Älteren nicht heiraten. Sein Sohn dagegen, dürfe alles, wenn er einmal groß ist, denn er wird ja ein Mann. Seine Kinder sind alle unter zehn Jahre alt, er macht sich trotzdem über solche Dinge Gedanken. "Und nur weil sein Sohn im Stehen pinkelt, darf er eines Tages eine Freundin haben, seine Töchter aber nicht", dachte ich mir leise. 
Überrascht war ich hingegen in der Türkei, wo es nicht nur Vorträge zu feministischen Theorien mit anschließenden Diksussionen gibt, sondern auch beruflich selbstständige Frauen, die alle in Europa herrschenden Theorien über die muslimische Frau mit Migrationsblabla aussehen lassen wie alter Käse.


Ladylike...not
Irgendwann habe ich ihn gefunden, den Menschen, der den Menschen in mir sieht und stark genug ist, um mich auch stark sein zu lassen. Heute haben wir gemeinsam eine Tochter und einige Menschen denken, ich sei viel zu feministisch in ihrer Erziehung, denn immerhin ist sie (mit 16 Monaten!) zu burschikos. Sie spielt mit Autos, ist auch manchmal in Blau gekleidet und isst vom Boden- was ganz und gar nicht ladylike ist. Wenn ich diesen Menschen vergnügt erzähle, dass ich mir manchmal auf der Straße die Unterhose aus´m Popscherl ziehe, wenn keiner hinschaut, dann hat sich das mit dem ladylike so oder so erledigt. Auch als Mutter mache ich bemerkenswerte Beobachtungen in dieser von uns erfundenen "Rollengeschichte". Immer wieder fragen mich Leute, wie ich es schaffe Mutter zu sein, den Haushalt zu schmeißen und auch noch zu schreiben. Mir wird diese Frage ständig gestellt. Meinem Mann wurde sie nicht gestellt. Kein einziges Mal. Und ich bin mit dieser Erfahrung nicht die Einzige. Nicht nur das: Wir Frauen denken oft, dass Elternsein reine Frauensache ist, auch das ist meiner Meinung nach falsch. Wenn mein Mann Zeit mit unserer Tochter verbringt, tut er mir damit keinen Gefallen, sondern ist Vater. Wenn wir uns den Haushalt aufteilen, dann hilft er mir genauso wenig, denn er lebt ja mit mir in diesem Haushalt. Als Mann, der in Ägypten von einer berufstätigen Mutter erzogen wurde, findet er das selbstverständlich.

Warum Feminismus (auch) Männersache ist
Weil sie Väter sind, Brüder, Söhne, Partner, Freunde und vor allem: die Welt mitgestalten. Feminismus ist nicht nur Frauensache und auch kein Trend, denn er ist nichts Neues, er hat nur unterschiedliche Gesichter, die sich mehren und verbreiten. Ja, es gibt mehrere Ansätze und Schulen, aber es geht grundsätzlich darum, dass die Stimmen der Frauen gehört und respektiert werden. Gleichstellung, bittschen.
Es ist eine Sache, die uns alle etwas angeht, weil wir gemeinsam leben und auch unsere Kinder gemeinsam erziehen sollten - als gleichwertige Partner, die ihre Kinder jenseits von Geschlecht mit denselben Regeln erziehen.

 

 

 

Fotocredit: wix.com

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