Mein Sohn weiß nicht wer ich bin

May 30, 2017

Note: #MAMASTE ist durch Zufall enstanden. In den letzten 10 Jahren habe ich Frauen/ Mütter auf der ganzen Welt zu unterschiedlichsten Themen interviewt und dabei sind einige interessante Geschichten entstanden. Bis dato hatte ich noch nicht die Gelegenheit diese überaus einzigartigen Erzählungen auf eine passende Plattform zu posten. Da ich nun eine eigene Mama-Seite habe (endlich) , wurde aus dem Wort #Namaste für mich #Mamaste. Die Leben dieser besonderen Frauen, die mir höchstprivate Dinge (mit dem Wissen ich würde sie irgendwann veröffentlichen) anvertraut haben, finden nun hier ihren verdienten Ehrenplatz. #Mamaste

 

 

Ferne

Ich habe mir mein Leben so nie vorgestellt. Und um ehrlich zu sein, ich würde es so auch keinem wünschen. Als ich das Jobangebot im Ausland bekommen habe, war ich schwanger. Man sagte mir, es sei ein Mädchen. Meine Eltern starben als ich noch ein Kind war und ich lebte mit meiner Tante zusammen. Als ich meinen Mann heiratete, war sie froh, mich losgeworden zu sein. Ich wurde schnell schwanger und irgendwann mitten in meiner Schwangerschaft, haben wir im Viertel von möglichen Auslandsjobs gehört. Nur für Frauen, als Dienerinnen in reichere Länder für Familien, die auch stinkreich sind. Ich habe das Angebot gelesen und hatte schon Phantasien und Zukunftsträume von einem größeren Haus, mein Kind würde schöne Kleidung tragen und vielleicht sogar eine Privatschule besuchen. Mein Mann und seine Mutter waren begeistert, denn ich würde umgerechnet so viel verdienen, dass es gar nicht nur noch Traumvorstellungen wären. Und er würde hier als Fahrer weiterarbeiten. Ich wartete also bis ich mein Kind auf die Welt brachte. Meine Schwiegermutter war meine Hebamme und sie meinte, ich solle das Kind nicht sehen. Ich solle auch nicht das Geschlecht wissen und es schon gar nicht in den Arm nehmen, denn würde ich eine Bindung zum Kind aufbauen, würde ich den Job nicht lange machen und  bald wieder aus dem Ausland kommen. Meinem Kind zuliebe also, soll ich mich schnell erholen und fernbleiben. Genau das tat ich. Ich wusste nicht einmal den Namen meines Kindes.

 

"Du bist nur eine Dienerin"
In meiner neuen Umgebung angekommen, sah alles von außen sehr rosig aus. Ich hatte mein eigenes Zimmer mit Bad und Küche. Meine Madame und ihr Mann waren sehr nett. Deren drei Kinder waren äußerst gut erzogen. Ich war für alles zuständig- von Sauberkeit bis Erziehung, war alles mein Gebiet. Ich machte es gerne, denn die Bezahlung und auch der Umgang stimmten. Jeden Monat überwies ich Geld nach Hause und konnte kaum erwarten, dass das erste Jahr vergeht, um mein Kind zu besuchen. Ich habe mir so oft ihr Gesicht vorgestellt- der Arzt meinte, es sei ein Mädchen. An dieser Vorstellung hielt ich fest und malte ihr ein Gesicht, eine kleine Persönlichkeit und gab ihr sogar einen Namen. Nur dieser Gedanke gab mir Kraft. Ich wollte das Beste für sie. Ich wollte, dass sie eines Tages eine bessere Zukunft hat als ich und dafür schuftete ich. So vergingen nicht ein Jahr, sondern drei. Immer dann, wenn ich nach Hause wollte, reichte das Geld nicht aus. Erst nach drei Jahren, konnte ich es mir leisten. Als ich nach Hause ankam, fand ich eine andere Frau zu Hause mit meiner Schwiegermutter. Mein Mann war noch nicht nach Hause gekommen. Und im Wohnzimmer saß ein kleiner Junge. Ich sah ihn an und wusste sofort, er war mein Sohn. Meine Schwiegermutter machte mich mit der neuen Frau meines Mannes bekannt, die meinen Sohn für mich erzog. Er dachte sie sei seine Mutter. Ich bewahrte nach außen hin die Ruhe, aber in mir kochte es. Ich wollte meinen Sohn nicht traumatisieren, denn für ihn war ich eine Fremde. Als mein Mann nach Hause kam, gingen wir zwei für ein Gespräch aus dem Haus. Seiner Meinung nach war das die beste Entscheidung, denn ein Kind braucht Mutter und Vater. Ich wäre sozusagen die Mutter, die für das Geld das Land verlassen hat. Als er das sagte, wollte ich ihn umbringen! Anstatt mir treu zu sein, unseren Sohn zu erziehen und ihm von mir zu erzählen, hat sich alles so gewendet, dass ich das Gefühl hatte im falschen Film zu sein. Ich stand vor einer großen Entscheidung: Soll ich wieder zurück und meinem Sohn das bieten, was ich niemals hatte, oder soll ich hier bleiben und ihm klarmachen wer ich bin?
Ich entschied mich für ersteres. Ich wollte, dass mein Sohn so gut lebt, wie nur möglich. Ich wollte mich voll und ganz für ihn aufopfern und das tat ich auch. Ich reiste wieder zurück und ein Jahr später starb der Mann meiner Madame. Einige Monate später heiratete sie einen jüngeren Mann, der es nur auf ihr Geld abgesehen hatte- und auf mich. Das erste Mal schlich er sich in mein Zimmer als ich schlief. Er legte sich zu mir und ich konnte seinen Atem in meinen Nacken spüren. Er hielt mich fest und flüsterte:" Ich gebe dir Geld, wenn du tust was ich sage. Wenn du dich wehrst, oder es Madame erzählst, bringe ich dich um und keiner wird nach dir fragen, du bist nur eine Dienerin."
Ich tat was er sagte- alles. Nicht aus Angst, aber ich brauchte das Geld. Ich fühlte mich wie eine Toilette, in die er sein Geschäft verrichtet hatte. Als er fertig war, ging ich unter die Dusche und wusch mich. Mehrmals. Ich wollte seinen Geruch und seine Tat von mir waschen. Es ging monatelang so weiter, bis ich einen anderen Job fand und von dieser Familie weglief. Es war ein Job in einem Kosmetiksalon. Ich habe dort Landsfrauen getroffen, hatte endlich wieder das Gefühl von Zugehörigkeit und Geborgenheit. Eine meiner Kolleginnen hatte fast genau dasselbe durchlebt wie ich. Auch ihr Mann hatte plötzlich eine andere Frau, aber ihre Kinder wussten sehr wohl, wer sie war.

Die Opfer, die eine Mutter bringt
Ich reiste danach viel, arbeitete hier und da. Ich bereiste die Welt und habe einmal als Dienerin gearbeitet, dann als Kellnerin, als Babysitterin, als Kosmetikern und Köchin. Es gibt keinen Job, den ich nicht gemacht habe. Mehr als zwei Drittel davon wurde immer zu meinem Sohn geschickt und er kannte mich als seine Tante. Zirka einmal alle drei Jahre habe ich den Sommer zu Hause, mit ihm verbracht. Die Frau meines Mannes war ihm eine gute Mutter gewesen, so viel muss ich zugeben. Er aß mit Messer und Gabel, war höflich zu älteren Menschen, gut in der Schule und kommunizierte wie ein Erwachsener. Ich habe in den Ferien immer realisiert, dass meine Entscheidung besser für ihn war. Ich wollte seine Welt nicht auf den Kopf stellen. Wissen Sie, manchmal tut die Wahrheit nicht gut. Manchmal tut sie nur weh. Und das bringt dann keinem etwas. Ich muss seine Liebe nicht haben, dafür liebe ich ihn umso mehr. Das weiß er auch. Und mit der Frau meines Mannes entwickelte sich eine reine Freundschaft. Wie soll ich auch die Frau, die meinen Sohn so erzogen hat, nicht lieben? Sein Vater und seine Großmutter jedoch, konnten mir gestohlen bleiben. Ich hatte zu Hause nun ein eigenes Haus und mein Sohn sowie seine "Mutter" verbrachten den Sommer dort mit mir. Die anderen möchte ich nicht wieder sehen, sie bekommen aber weiterhin Geld von mir. Irgendwann hatte ich es endlich geschafft und genug gespart, um nach Hause zu gehen- für immer. Ich kaufte eine kleine Farm und wollte von ihr leben. Ein finanzielles Polster hatte ich auch, eher ein ganzes finanzielles Bett, so viel hatte ich gespart. Er dachte immer noch ich sei seine Tante. So lebten wir jahrelang, bis seine andere Mutter starb. Eines Tages wachte sie einfach nicht mehr auf. Sie war nicht krank. Gar nichts. Sie wachte aber einfach nicht mehr auf. Nach ihrer Beerdigung sagte er zu mir:"Sie sagte immer du warst ihr eine gute Schwester. Ich sehe sie in dir, ich sehe auch dich als meine Mutter.Ich habe nur noch dich, du weißt, dass auf Vater und Großmutter kein Verlass ist. Alles was für sie zählt ist Geld."
In diesem Moment verspürte ich endlose Glückseligkeit. Er sah mich als Mutter. Er sah mich als seine Mutter. Er wurde von ihr wie ein eigener Sohn geliebt und er liebte mich, ohne zu wissen wer ich war. Ich sagte es ihm auch nie. Er liebte mich wie seine Mutter, das ist alles was ich je wollte.

 

Note: #MAMASTE ist durch Zufall enstanden. In den letzten 10 Jahren habe ich Frauen/ Mütter auf der ganzen Welt zu unterschiedlichsten Themen interviewt und dabei sind einige interessante Geschichten entstanden. Bis dato hatte ich noch nicht die Gelegenheit diese überaus einzigartigen Erzählungen auf eine passende Plattform zu posten. Da ich nun eine eigene Mama-Seite habe (endlich) , wurde aus dem Wort #Namaste für mich #Mamaste. Die Leben dieser besonderen Frauen, die mir höchstprivate Dinge (mit dem Wissen ich würde sie irgendwann veröffentlichen) anvertraut haben, finden nun hier ihren verdienten Ehrenplatz. #Mamaste

 

 

Fotocredit: wix.com

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