Kaffeeflirt und volle Windeln

June 5, 2017

Neben all den fürchterlich unglücklichen Dingen, die einen als Alleinerziehende treffen, und über die ich ja schon zu genüge berichtet habe, gibt es da auch einige, die mehr als aufregend sind. Über diese möchte ich heute schreiben. 

Kurz nachdem klar war, ich würde von nun an Kinder, Geld und Alltag alleine bewältigen müssen, ging ich auf eine Party. Und Leute, ich habe keine Zeit auf Partys zu gehen, aber auf diese Party musste ich einfach gehen und das stand schon so lange fest, dass mein Ex sogar die Kinderbetreuung übernahm. Ich hatte mir für diesen Anlass extra Schuhe gekauft, welche mit Absatz und ich sag euch, ich sah so heiß aus, niemand hätte auch nur für eine Sekunde daran gedacht, ich könnte Kleinkind und Baby zuhause haben. 

Ich genoss die Aufmerksamkeit der Männer und die Blicke der Frauen. Ich liebte die kostenlosen Getränke und dieses Gefühl von Freiheit. Wann war ich das letzte mal so frei und sexy gewesen? Es war ewig her und ich wunderte mich, wie ich so lange auf Abende nur für mich verzichten konnte. Ich merkte, wie wichtig es war, auch mal eine andere Rolle zu spielen als die der Mutter. Ich spürte eine völlig andere Energie, eine komplett neue Aura von mir selbst. 

Klar, ich bin Mutter. Von Augen auf, bis Augen zu. Und auch auf dieser Party war ich Mutter, aber ich war auch Frau, Single, geheimnisvoll, stylish, witzig und sexy. Ich hatte keine Flecken auf meiner Bluse, schleppte keine acht Kilo Wickeltasche mit mir herum oder musste ein schreiendes Kleinkind mit Pflaster und "heile Segen Song" beruhigen. Ich musste noch nicht einmal das nächste "Kacka" meiner Großen fürchten, weil sie ja selig zuhause war und schlief. Ich war frei. Und das hat sich so gut angefühlt. 

Natürlich habe ich einen Typen kennengelernt und ihn auch nach der Party getroffen. Toller Mann, groß, intelligent und irgendwie interessant. Aber ich musste feststellen, dass ich noch nicht so weit war. Mein Herz noch zu gebrochen um Neues zuzulassen. Dennoch, ich hatte wieder ein Gefühl für mich als tolle Frau, als erotisches und durchaus witziges Wesen. Und ich hatte so viel Kraft schöpfen können, durch das Lebensgefühl, welches ich auf der Party hatte und bei den Dates mit dem Großen, Interessanten.

Wenn ich mich jetzt mit Freunden treffe, dann reden wir nicht mehr nur noch über den Alltagswahnsinn mit Kindern, sondern auch über Typen, Sex und die Träume vom Ausland, Wohnwagen, Freiheit, Verwirklichung. Ich stelle mir wieder mehr die Frage wer ich bin und was da alles in mir steckt. Ich fühle mich auf eine besondere Art nicht mehr blockiert. Durch die Trennung hat sich viel verändert und es hat sich einiges befreit. Ich sehe mich in meinem Alltag nun wieder mit meinen Augen, und nicht mehr mit seinen. Ich tue was ich will, koche was ich mag und denke an mich und meinen Bedarf. Ich kauf mir was ich will und ich zieh mich an, so wie es mir gefällt. Seine schlechte Laune muss ich nicht mehr aushalten und seine Probleme sind endlich nicht mehr meine. Und kein Streit mehr... Kein Streit. 

Und meine Fantasie, sie blüht in Farben und Formen wie schon lange nicht mehr. Ein bunter Regenbogen, voller Tatendrang und Optimismus. Jede Begegnung ist kostbar, und wenn die Kinder tatsächlich mal für zwei Stunden nicht bei mir sind, tja dann lauf ich wie ein aufgeregter Teenager durch die Stadt und bestaune mit funkelnden Augen die Schaufenster während ich lässig meinen Kaffee im Pappbecher schlürfe und so tue als wäre ich Single vom feinsten und der Fang des Lebens. 

Und meine Kinder, die sind zu meiner Crew geworden. Wir drei. Wir haben es uns so gemütlich gemacht in unserer Chaos Bude, schlafen aneinander gekuschelt im großen Bett und lachen gemeinsam über die kleinsten Dinge. Die Große und die Kleine sind schon jetzt so ein starkes Team, sie machen alles gemeinsam und halten nachts im Schlaf manchmal Händchen.

Auch wenn ich hin und wieder die schlechteste Mutter der Welt bin, völlig erschöpft und das reinste Nervenbündel, kreischend, jammernd und verzweifelt, so liegen wir doch jeden Abend wieder und wieder zusammen im Bett, und es wird gekuschelt und geknutscht, gelacht und gelesen und erzählt. Nichts und niemand stört und kein Haushalt wartet - weil ich bestimme, wie es in meiner Wohnung aussieht und niemand sonst. 

Es ist so, wie es eben gerade ist. Ich bin Single. Ich habe Kinder. Ich gehe Arbeiten. Ich bin Alleinerziehende. Ich glaube an die Liebe des Lebens und ich weiß, sie wird mir begegnen. Doch was ich nicht weiß, ist wann. Ich weiß in jeder Lebenssituation steckt eine Weisheit. Doch was ich noch nicht weiß, ist welche. Was ich jedoch ganz genau weiß, ist dass dies hier, mein aktuelles Leben ist, und es macht keinen Sinn sich dagegen zu wehren. Ich bedauere nichts, ich bin froh über meine Erfahrungen mit ihm und dankbar für jedes meiner Kinder. Ich bin froh über jeden Tag den ich erleben darf und über jede Begegnung die mich berührt. Gegenwehr erzeugt nur noch mehr Gegenwehr. Akzeptanz macht frei. Und ich will frei sein. 

 

In Liebe,

Isabella


Text: Isabella von Heyden

Isabella ist die Schreibmaschine hinter dem Blog "Freiheitsgeflüster". Dort schreibt sie über ihren Alltag als alleinerziehende Mami. Hier kannst du ihre FB-Seite liken un folgen.

 

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Fotocredit: wix.com

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