Wenn das Leben ruft

June 23, 2017

Note: #MAMASTE ist durch Zufall enstanden. In den letzten 10 Jahren habe ich Frauen/ Mütter auf der ganzen Welt zu unterschiedlichsten Themen interviewt und dabei sind einige interessante Geschichten entstanden. Bis dato hatte ich noch nicht die Gelegenheit diese überaus einzigartigen Erzählungen auf eine passende Plattform zu posten. Da ich nun eine eigene Mama-Seite habe (endlich) , wurde aus dem Wort #Namaste für mich #Mamaste. Die Leben dieser besonderen Frauen, die mir höchstprivate Dinge (mit dem Wissen ich würde sie irgendwann veröffentlichen) anvertraut haben, finden nun hier ihren verdienten Ehrenplatz. #Mamaste

 

 

Ich hatte niemals Geldprobleme. Das war für mich niemals ein Thema, denn ich komme aus einer sehr wohlhabenden Familie. Die letzten Generationen meiner Familie waren alle Kunsthändler. Ich bin die einzige aus meiner Familie, die nicht nur Kunsthändlerin ist, sondern auch selber Kunst herstellt. Ich mache Vasen. Wenn ich das jetzt so erzähle, klingt das fast lächerlich. Wissen Sie wie viel eine Vase von mir kostete? Manche über 10.000 Euro. Und wollen Sie wissen was daran der wahre Witz ist? Es gibt Menschen, die das kaufen. Ich muss aber fair sein, denn wahrscheinlich war der Name meiner Familie der Grund, warum man mir diese Kunst abkaufte, denn meine Großeltern und Ururgroßeltern haben dafür gesorgt, dass sich unsere weiteren Generationen nicht mehr um das Geld sorgen müssen. Ich war eine gutaussehende, positive und immer lachende Frau. Ich hatte auch Grund zu lachen, denn ich war finanziell unabhängig, mit der Liebe meines Lebens seit vielen Jahren zusammen und hatte mein eigenes Kunststudio- also quasi mein Büro- neben unserem Haus, das eine wunderschönen Lage in der Natur hatte. Mein Mann war alles andere als ein Künstler, er war Rechtsanwalt, ein sehr erfolgreicher. Sie sehen also, unser Leben war perfekt. Wir hatten keine Kinder, ich muss aber auch gestehen, ich bin eine Frau, die niemals Kinder wollte. Ja, auch uns gibt es und wir wollen dann später auch keine, aber für mich war es schon später, ich bin ja weit über 40.
Mein Mann wollte auch keine Kinder haben, wir hatten einfach einander und das hat uns greicht. Wir waren ein unabhängiges, jungebliebenes Paar, das gute Freunde hatte und das war schön so. Aber so läuft das Leben nicht, nicht wahr? Irgendwo muss doch ein Haken sein. So perfekte Spuren kann man im Leben nicht hinterlassen...oder? Auch ich hatte einen Haken. Mein Haken war Leukämie. Und als mir meine Ärztin sagte, ich hätte Leukämie, Sie werden es nicht glauben, aber im ersten Moment habe ich gelacht. Alles Geld der Welt...ich habe alles Geld der Welt und es hilft mir in diesem einen Fall, in dem es für mich echt darauf ankommt, gar nichts.
Was soll ich sagen, ich war schockiert. Ich habe mich immer gesund ernährt, Sport gemacht, wenig Alkohol getrunken und Leute belächelt, die das Gegenteil taten - da stand ich nun und hatte Leukämie. Ich bin die Starke in der Beziehung. Ich habe damit gerechnet, dass mein Partner zusammenbrechen würde, wenn ich es ihm sage. Er war aber wie ein Fels - mein Fels- in der Brandung. Er hat seine Emotion geschluckt, wochenlang über meine Krankheit gelesen, damit er sich damit auskennt, ist zu allen Terminen der Chemotherapie mitgekommen. Die Klinik wurde ab sofort mein zweites zu Hause. Ich habe es nicht in den Wald hinausgeschrien, sondern es zuerst für uns behalten. Irgendwann hatten wir dann einige Freunde zum Abendessen bei uns eingeladen, zwei andere Paare und eine Freundin. Die Freundin meinte, ich sehe erschöpft aus. Ich habe es ihnen dann zusammen mit meinem Mann bei Tisch erzählt. Tränen flossen, die Tage danach gab es nonstop Anrufe, ob ich "eh nichts brauche" und "wir sind für dich da"- Nachrichten. Wissen Sie, wenn man eine so schlimme Krankheit hat, wo man weiß, dass es vielleicht bald aus ist mit dem Leben und  einem die eigene Zeit vor den Augen abläuft, dann sieht man alles viel genauer. Man schaut hin. Die Menschen in deinem Umfeld werden sichtbar und alle Masken fallen.  Irgendwann rief mich eine Nummer aus dem Ausland an und ich hob ab. Es war eine sehr vertraute Stimme, nämlich die einer vergessenen Freundin. Wir hatten uns vor über 10 Jahren gestritten und nicht mehr miteinander gesprochen. Sie hat von meinem Zustand erfahren und wollte den Kontakt wieder herstellen. Ich hatte in den letzten Jahren oft an sie gedacht, traute mich aber nie mich zu melden, zumal ich der Bösewicht in dem Ganzen war und Angst hatte, sie würde mich abwürgen- das hätte mein Ego nicht ertragen. Sie wagte den Schritt auf mich zuzugehen. Von da an haben wir fast täglich telefoniert, sie lebte auf einem anderen Kontinent, aber wir haben es geschafft, fast jeden Tag zu videochatten.

Als mir die Haare abfielen und meine stolze Lockenmähne nur noch aus vereinzelten Strähnchen bestand, beschloss ich Tücher zu tragen, so wie die afrikanischen Frauen es tun. Ich fand diese Turbans immer schon sehr schön. Man sah es mir an. Und man sah mir an, dass es mir grottig ging. Ich habe meinem Partner angeboten in Freundschaft auseinander zu gehen. Er wollte aber nicht. Er stand mir bei und war in sexueller Hinsicht und allgemein ein wahrer Gentleman, der mich nicht unter Druck setzte. Eines Tages überraschte ich ihn im Warteraum der Klinik und er saß in Tränen da. Er hat die ganze Zeit seinen Schmerz für sich behalten und sich selbst unter Druck gesetzt, damit er alleine damit klar kommt. In jener Nacht haben wir uns ausgesprochen und das war eines der besten Gespräche, die wir je als Paar hatten. Er hat mir auch offenbart, dass eine unserer engen Freundinnen sich ihm näherte, seitdem ich meine Krankheit offiziell bei unseren Freunden gemacht habe. Ich wusste es, ich hatte es gemerkt, dachte aber es sei vielleicht ein Hirngespinst. Sie hat ihm SMS, die deutlich als sexuelle Anmache zu verstehen waren und halbnackte Fotos von sich geschickt. Ich habe abrupt den Kontakt zu ihr abgebrochen. Ohne etwas zu klären, dazu hatte ich keine Zeit. Zeit, das was das Einzige, das ich nicht hatte. Eines Tages saß ich im Garten der Klinik und war an der Infusion gebunden, als ich eine Dame hörte die telefoniert. Auch sie war gerade an ihrer Infusion gebunden, sie saß aber auf der Bank weiter weg. Mein Mann war gerade eine Jause holen, ich saß alleine da und las ein Buch. Ich konnte genau hören, was die Dame sagte:" Schatz, ich möchte bitte, dass du mich die nächsten paar Wochen nicht besuchen kommst. Nein, du und dein Bruder, ihr kommt bitte nicht morgen. Der Papa weiß, dass ich das nicht möchte, ihr geht stattdessen etwas ganz Cooles machen. Natürlich, wir können immer telefonieren, ich möchte nur nicht, dass ihr die nächsten Wochen herkommt. Doch natürlich, mir geht es gut, aber ich will nicht...(schluchzen)...ich möchte nicht, dass ihr eure Sommerferien in der Klinik verbringt. Fahrt auf Urlaub, habt Spaß. Ich liebe dich. Ich habe dich so lieb, das weißt du gar nicht, wie lieb ich dich habe. Und (in zitternder Stimme) wenn ich wieder gesund bin, dann schauen wir uns gemeinsam die Welt an, bauen das Baumhaus fertig und die Männer bleiben draußen- das ist unser Mädelsbau. Pass auf dich auf. Und auf deinen Bruder."
Ich habe mich dann weggesetzt und musste weinen. Ich hielt mich immer für stark und stabil, dann telefoniert neben mir eine Mutter, die sich von ihrer Tochter schon fast verabschiedet und ich breche in Tränen aus. Das war einer der Momente, wo ich dankbar war, keine Mutter zu sein.
Die Chemotherapie war zu Ende, die Krankheit aber nicht. An diesem Punkt war es für mich okay. Es war mir nicht egal oder so, aber ich habe Frieden darin gefunden, dass meine Zeit abgelaufen ist. Die Ärztin meinte, wir bräuchten einen Stammzellenspender. Nun ja, mein Mann kam nicht in Frage. Ein Stammzellenspender ist jemand, der ...wie soll ich das sagen...das ist ein Mensch, der genetisch so etwas wie dein Zwilling ist, weil unsere Gewebemerkmale aufeinander zustimmen müssen. Erstaunlicherweise klappt das in Europa ziemlich gut, ich habe einmal eine Studie gelesen, dass 4 von 5 einen Spender finden. Vielleicht war ich einfach der Fünfte? Ich ging aus der Klinik raus, fest entschlossen, mein Geld und meine übrige Zeit für Gutes einzusetzen. Ich habe aus meinem Studio eine Kunstschule gemacht und Kunstbegeisterte gratis unterrichtet. Ich habe fast mein ganzes Geld gespendet und das nicht nur in Europa, sondern weltweit und für viele Zwecke. Kennen Sie die Mutantenschule aus dem Film "The X- Men"? So hat mein Haus ausgesehen. Lauter junger begabter Künstler, die dem Haus an Leben gaben. Mein Mann und ich hatten plötzlich mehr als zehn Kinder.
Irgendwann läutete mein Telefon. Es war die Nachricht, dass es tatsächlich einen Spender für mich gab. Und es war so, als küsste mich das Universum ins Leben zurück. Ich wurde behandelt und darf doch noch länger leben, als gedacht. Meinen Spender durfte ich nicht sofort kennenlernen, dazu muss man fast 2 Jahre warten. In der Zwischenzeit hatte ich aber viel gelernt. Über Menschen. Über Freunde. Über den Wert von Geld und über mich selbst.
Ich habe die Tage gezählt, das sage ich Ihnen, nur, damit ich diese Person kennenlerne. Wie dankt man jemandem, der einem das Leben rettet? Wie begrüßt man so jemanden? Wie oder was sagt man? Mein Mann und ich arrangierten ein Treffen mit dem Spender und wir saßen in einem Cafe, wo wir auf den Spender warteten. Da kam eine rothaarige, große und verjüngerte Version von Julia Roberts hinein, ich wusste sofort, dass sie das war. Ich habe auch etwas von Julia Roberts, sagen mir immer alle. Sie könnte vom Alter her meine Tochter sein. Ich sah ihr in die Augen und sah Leben- mein Leben. Sie saß da und nippte schüchtern an ihrem Kaffee, als hätte sie nichts Bedeutendes getan, dabei hat sie mir das Leben gerettet. Und wissen Sie was, sie hat ein bezauberndes Lachen.

Tatsächlich ist sie Lehrerin und ich habe ihr eine Menge Geld dankend angeboten, aber sie hat abgelehnt. Sie hatte überhaupt kein Interesse daran, obwohl sie es hätte brauchen können. Sie hat ihren Vater nie kennengelernt und ihre Mutter starb an Leukämie als sie sieben Jahre alt war. Sie kam zu einer netten Pflegefamilie und als sie alt genug war, hat sie Stammzellen gespendet, weil ihre Mutter keinen Spender hatte.

Von dem Tag an war sie für uns wie eine Tochter und obwohl ich nie Kinder haben wollte, so könnte ich mir heute ein Leben ohne sie nicht mehr vorstellen.

 

Note: #MAMASTE ist durch Zufall enstanden. In den letzten 10 Jahren habe ich Frauen/ Mütter auf der ganzen Welt zu unterschiedlichsten Themen interviewt und dabei sind einige interessante Geschichten entstanden. Bis dato hatte ich noch nicht die Gelegenheit diese überaus einzigartigen Erzählungen auf eine passende Plattform zu posten. Da ich nun eine eigene Mama-Seite habe (endlich) , wurde aus dem Wort #Namaste für mich #Mamaste. Die Leben dieser besonderen Frauen, die mir höchstprivate Dinge (mit dem Wissen ich würde sie irgendwann veröffentlichen) anvertraut haben, finden nun hier ihren verdienten Ehrenplatz. #Mamaste

 

 

 

Fotocredit: wix.com

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