Beim Leben meiner Schwester

June 28, 2017

Note: #MAMASTE ist durch Zufall enstanden. In den letzten 10 Jahren habe ich Frauen/ Mütter auf der ganzen Welt zu unterschiedlichsten Themen interviewt und dabei sind einige interessante Geschichten entstanden. Bis dato hatte ich noch nicht die Gelegenheit diese überaus einzigartigen Erzählungen auf eine passende Plattform zu posten. Da ich nun eine eigene Mama-Seite habe (endlich) , wurde aus dem Wort #Namaste für mich #Mamaste. Die Leben dieser besonderen Frauen, die mir höchstprivate Dinge (mit dem Wissen ich würde sie irgendwann veröffentlichen) anvertraut haben, finden nun hier ihren verdienten Ehrenplatz. #Mamaste

 

Hoppala und Hallelujah

Ich war nie intelligent. Ich war immer durchschnittlich. Auch schon in der Schule. Ich hatte immer durchschnittliche Noten und wusste danach nicht sofort was ich studieren möchte. Ich bin dann einfach mal ein Jahr gereist. Ich habe in Spanien als Au-Pair gearbeitet und mir hat das so gut gefallen, dass ich dann länger geblieben bin. Als ich aber zurückkam, wusste ich immer noch nicht genau, was ich nun studieren möchte. Ich war fast 20 Jahre alt und hatte keine Ahnung, was ich nun mit meinem Leben anfangen wollte. Meine jüngere Schwester war da ganz anders als ich, sie war in allem perfekt. Sie sah perfekt aus, hatte perfekte Noten, wusste genau, sie würde Medizin studieren und hat das dann auch mit Bravour getan. Ich habe drei unterschiedliche Studienrichtungen angefangen und dann abgebrochen, weil alles so trocken und nicht greifbar war, habe ich eine nach der anderen einfach aufgegeben. Kurz darauf bin ich schwanger geworden und für mich war das kein "Hoppala", wie es andere sehen würden, sondern ein "Hallelujah". Ich bin in diese Rolle so hineingewachsen, dass sie mich komplett erfüllt hat. Ich bin einfach gerne Mutter. Das ist das, was ich gut kann. Wenn ich arbeiten würde, dann nur, um mein Leben zu finanzieren, aber das hatte ich nicht nötig, weil mein Mann genug verdient. Wir sind jetzt nicht reich oder so, aber wir haben alles was wir brauchen. Auf das erste Kind folgte das Zweite, dann das Dritte und das Vierte. Ich war eine zeitlang entweder schwanger, oder habe gestillt. Alle vier kamen hintereinander und für mich war das das allerschönste auf der Welt. Das war eben meine Berufung. Natürlich habe ich mich oft mit meiner Schwester verglichen, die als Chirurgin arbeitete, während ich mit meinen Schulkindern zu Hause zu tun hatte und für mich selber nichts erreichte.

 

Neue Rolle

Mein ältester Sohn war schon immer übergewichtig und ist deswegen in der Schule oft gehänselt worden. Es ging einmal so weit, dass er total zusammengeschlagen nach Hause kam und auf seinem Rücken stand "Schwein" mit einem Filzstift geschrieben. Die Direktorin sowie die Lehrerin unternahmen nichts und weil ich kein Fan von Selbstjustiz bin, habe ich ihn aus der Schule genommen. Ich habe dann angefangen ihn zu Hause zu unterrichten. Ich dachte, ich probiere es aus, da er total traumatisiert war. Es gefiel ihm so sehr, dass sich auch seine Noten enorm besserten. Es ging ihm dann auch mental viel viel besser, nämlich so gut, dass er von sich aus meinte, er wolle mehr Sport treiben, was er dann auch ganz selbstständig tat. Er war wie ausgewechselt. Meine anderen Kinder wollten dann auch von mir zu Hause unterrichtet werden, weil der Unterricht in der Schule nicht so kreativ sei wie bei mir, meinten sie. Ich habe die Idee sehr begrüßt, weil ich Spaß an der ganzen Sache hatte. Aus Angst ich würde meine Kinder vom Rest der Welt isolieren, habe ich mich mit anderen Mütterin in Kontakt gesetzt, die dasselbe machen. Wir haben einander immer am Wochenende mit den Kindern getroffen, teilweise haben die Kinder einander auch alleine getroffen. Die meisten der Kinder hatten ähnliche Erfahrungen wie mein Sohn gemacht und dadurch gab es unter ihnen kein Mobbing. Das war so ein erleichterndes Gefühl. Meine Kinder wurden von mir unterrichtet, legten die Prüfungen aber an den Schulen ab und hatten trotzdem Freunde. Für mich ist das heutzutage die ideale Art und Weise, wenn es um Bildung geht und ich habe das nicht bereut. Auch wenn ich aber so empfinde und die Noten meiner Kinder um einiges besser wurden, so fehlte mir die Anerkennung. Die Anerkennung, die man einer Chirurgin schenkt, nachdem sie ein Leben rettet. Die Anerkennung, die man einer intelligenten Frau schenkt, wenn sie etwas Kluges macht oder sagt. Die Anerkennung, die einen in dem was man tut einfach bestätigt. Egal was ich im Leben vollbracht habe und mag es noch so wenig sein, ich habe immer auf das Leben meiner Schwester geschaut und wollte am liebsten mit ihr tauschen. Für alle anderen war sie die Ärztin und ich die Mutter. Sie ist die Lebensretterin und ich die Gebärmaschine. Sie ist die Intelligente und ich die Doofe. Sie ist die Gutaussehende und ich die ewige After-Baby-Look-Frau. Wie hätte ich da bloß mithalten können? Mit dieser Last lebte ich viele Jahre. Fast jeden Tag.

Schein und Sein
Irgendwann, viele Jahre später, mein ältester Sohn hatte schon die Matura hinter sich, geschah etwas Eigenartiges. Sie klopfte unerwartet an meiner Tür und wollte "paar Tage da bleiben." Sie war schon immer bei mir willkommen und wusste nichts von meinem Empfinden ihr gegenüber. Wir waren abseits von meiner Eifersucht ganz normale Schwestern, die ein enges Bündnis haben. Mein Haus liegt etwas abgelegen, eher im Grünen und in der Nähe von einem See. Es ist nicht nur ruhig, sondern auch sehr angenehm, wenn man der Stadt entkommen möchte. Sie kam also an, war total außer sich, hatte einen kleinen Trolley dabei und wollte über nichts reden, sondern schlafen. Als sie dann aufwachte, saßen wir in der Küche und hatten Kaffee. Ich stand mit dem Rücken zu ihr, kochte das Abendessen während sie ihren Kaffee trank und aus dem Nichts heraus sagte sie:"Weißt du was, ich wollte dir das nie sagen, aber ich habe dich schon immer beneidet. Du hast echt alles was ich immer wollte." In diesem Moment dachte ich, ich hätte mich verhört. Oder habe ich etwa laut gesagt was ich denke? Nein, das war doch sie, die gesprochen hat, oder? ich drehte mich um, setzte mich zu ihr, legte meine Hand auf ihre Schulter und sie sprach weiter:"Ja, mein Job ist super. Du hast diesen Kittel, der dich vom Rest der Menschheit hervorhebt, verdienst viel Geld, bist Ärztin, aber das ist alles nur Schein. Die Wahrheit ist, dass ich um jede OP mit anderen kämpfen musste, mich doppelt beweisen musste, weil ich eine Frau bin, oder, weil ich nicht mit dem Oberarzt schlafe. Ich habe eine schicke Wohnung, in der ich mich nicht aufhalte, weil ich ständig in die Notaufnahme gerufen werde und all meine Kolleginnen die Kinder haben, regen sich auf, dass sie diese nicht sehen. Du...du hast es richtig gemacht. Wenn ich nicht mehr bin, dann hinterlasse ich einen blöden Kittel. Wenn du nicht mehr bist, hinterlässt du 4 Menschen, die alle ein Teil von dir sind und das auch noch an Generationen weitergeben werden."

So sah sie mich? Das war also ihre Idee von mir? Ich hatte davon keine Ahnung. Ich war so sehr damit beschäftigt sie zu beneiden, dass ich mein Leben nicht für beneidenswert hielt. Wenn ich irgendwo ein "Restart" -Button gefunden hätte, dann hätte ich diesen gedrückt und aus dem Nichts kommt dann meine kleine Schwester und haltet mir einen Spiegel vor die Nase. Ich habe sie mütterlich in die Arme genommen und ihr meine Sicht der Dinge auch erklärt. Sie hat genauso verwundert reagiert wie ich. Ich habe an diesem Nachmittag sehr viel gelernt. Es mag sein, dass du dein Leben nicht magst. Es mag sehr wohl sein, dass du ganz viele Dinge anders getan hättest, wenn du könntest. Aber eine Sache ist ganz sicher: Egal wie elend dir dein Leben vorkommt, es gibt Menschen da draußen, die es gerne hätten. Das macht uns nicht besser oder schlechter, sondern einfach nur zu ganz normalen Menschen. Ich finde, dass das ein Grund mehr ist, um einfach ab und zu dankbar für das zu sein, was man hat.

 

Note: #MAMASTE ist durch Zufall enstanden. In den letzten 10 Jahren habe ich Frauen/ Mütter auf der ganzen Welt zu unterschiedlichsten Themen interviewt und dabei sind einige interessante Geschichten entstanden. Bis dato hatte ich noch nicht die Gelegenheit diese überaus einzigartigen Erzählungen auf eine passende Plattform zu posten. Da ich nun eine eigene Mama-Seite habe (endlich) , wurde aus dem Wort #Namaste für mich #Mamaste. Die Leben dieser besonderen Frauen, die mir höchstprivate Dinge (mit dem Wissen ich würde sie irgendwann veröffentlichen) anvertraut haben, finden nun hier ihren verdienten Ehrenplatz. #Mamaste

Fotocredit: wix.com

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