Die Frau meines Sohnes

July 4, 2017

Note: #MAMASTE ist durch Zufall enstanden. In den letzten 10 Jahren habe ich Frauen/ Mütter auf der ganzen Welt zu unterschiedlichsten Themen interviewt und dabei sind einige interessante Geschichten entstanden. Bis dato hatte ich noch nicht die Gelegenheit diese überaus einzigartigen Erzählungen auf eine passende Plattform zu posten. Da ich nun eine eigene Mama-Seite habe (endlich) , wurde aus dem Wort #Namaste für mich #Mamaste. Die Leben dieser besonderen Frauen, die mir höchstprivate Dinge (mit dem Wissen ich würde sie irgendwann veröffentlichen) anvertraut haben, finden nun hier ihren verdienten Ehrenplatz. #Mamaste
 

 

 

 

Die blonde Überraschung:
Irgendwann stand er da und hatte eine Frau an der Hand. Mein Sohn hatte jahrelang die Welt bereist und als er entschied nach Hause zu kommen, nahm er eine Frau von denen mit. Mir persönlich hätten Pralinen eher etwas gebracht, aber nein, er stand da und stellte sie als "seine Frau" vor.

Ich mochte sie nicht. Sie war groß, schlank, kein Busen, kein Popo, wie ein Brett sah sie aus. Ja gut, sie hatte blaue Augen und lächelte ununterbrochen, aber wissen Sie was das Schlimmste war? Sie hatte nicht vor zum Islam zu konvertieren. Sie war nicht seine Freundin, es war für ihn keine Phase- sie war seine Frau! Sie hatten in England geheiratet und nun kam er mit ihr da her und wollte, dass sie Teil der Familie ist. Meine fünf Töchter waren mit ihren Männern und ihren Kindern anwesend, mein Mann war damals noch am Leben und vor uns allen sagte mein Sohn stolz:"Darf ich euch vorstellen, das ist Christine. Meine Christine. Wir haben geheiratet." Der Bub ist dumm, dachte ich. Wer weiß wie viele Männer ihre Männlichkeit in Madame Christine haben reinstoßen dürfen und wie oft? So sind sie doch, die weißen Frauen, oder? Jeder darf immer und zu jeder Zeit mit ihnen machen was das Herz begehrt und uns ehrbare Frauen beschimpft man, weil wir unsere Weiblichkeit hüten. Ich wollte schon meine Stimme heben und sie beide aus dem Haus schmeißen, als mein Mann sie beide zu Tränen gerührt  umarmte und das Mädchen willkommen hieß, als sei sie seine eigene Tochter. Mädchen, dass ich nicht lache, sie war über dreißig Jahre alt. Wissen Sie was das bedeutet? Bei uns zulande hat man da schon mindestens drei Kinder. Sie wollten nun bei uns seßhaft werden, in unserem Familienhaus. Nur noch mein Mann und ich lebten in diesem Haus, denn meine Töchter lebten in den Familienhäuser ihrer Ehemänner- das ist so üblich, dass die Frau ihrem Mann nachgeht. Frauen ziehen zu ihren Männern und nicht umgekehrt. Unser Familienhaus war also für meinen Mann, mich und die Familie meines Sohnes gedacht. Aber nie im Leben hätte ich mir auch nur erträumt, dass er eine Weiße Christin herschleppt. Ich hasste sie. Das habe ich ihr auch bei jeder Gelegenheit gesagt. Wissen Sie wie sie meinen Sohn kennengelernt hat? Man hatte ihn zusammengeschlagen und sie war die Krankenschwester, die ihn im Krankenhaus betreute. Wir gehen in ihren Ländern um zu arbeiten und zahlen damit manchmal mit unsere Leben. Und dann nennen sie uns Terroristen.

 

"Du bist nur ein Klo für Männer"

Wir haben immer gemeinsam gegessen, sie und ich. Die Männer waren in unserer Textilfabrik arbeiten. Sie konnte nicht kochen, sie hat mir in der Küche aber geholfen. Bei Tisch habe ich immer versucht sie zu demütigen. Ich wollte sie rausekeln. Ich hatte eine andere Braut für meinen Sohn im Sinn und war der festen Überzeugung, dass sich West und Ost nicht vermischen sollen. Da saß sie also, trank ihren Tee und ich konnte mir das nicht verkneifen:"Und, was denken deine Eltern, dass du hier bist?"

Sie schluckte:"Sie denken darüber so wie Sie es tun, denke ich. Wir haben keinen Kontakt mehr." Darauf ich:"Hm. Ich habe fünf Töchter, würde mir eine von ihnen den Rücken kehren, ich würde sie umbringen." Sie meinte:"Bei uns läuft das etwas anders." Damit provozierte sie mich und ich schlug hart zurück:"Ich weiß, ihr setzt eure Kinder so oder so vor die Türe, sobald sie 18 Jahre alt sind und trefft sie dann einmal die Woche zum Abendessen, weil ihr müsst. Bei uns ist es so, liebe Christine, dass wir unsere Eltern ein Leben lang respektieren und ihnen folgen, nicht nur solange sie unser Leben finanzieren." Ihr Gesicht lief rot an. Sie sagte nichts. Ich bohrte weiter:"Und wann habt ihr vor uns mit Enkelkinder zu beschenken?"

Sie stotterte:"Das ist eine sehr private Frage."
Ich lachte:"Privat? Ihr da drüben habt doch nichts Privates, ihr sonnt euch halbnackt vor Wildfremden und du redest jetzt von Privatsphäre?" Ich sah ihr an, dass ich einen wunden Punkt getroffen hatte. Und genau den wollte ich zum Bluten bringen:"Ich muss dir eine Sache gestehen. Ich denke ich weiß dein Geheimnis. Eine Frau in deinem Alter, die mit einem Araber nach Hause kommt und ihre Freiheiten hinter sich lässt- du kannst gar keine Kinder kriegen, nicht wahr?! Du bist damit keine richtige Frau in meinen Augen. Sondern viel mehr ein Klo für Männer, die nach dir suchen, wenn sie einmal ihre Männersachen erledigen müssen. Guten Appetit." Oh ja, die Wunde hat geblutet. Ich sah sie vor mir mit ihren Tränen kämpfen. Sie sagte nichts. Gar nichts. Sie hat auch meinem Sohn nichts davon erzählt. Das wüsste ich, sonst hätte er eine große Sache daraus gemacht. Er hat sie vergöttert. Ich war ihr gegenüber wie die böse Stiefmutter aus allen Märchengewesen , die wir früher als Kinder zu hören bekommen haben. Ich muss zugeben, sie hat versucht sich anzupassen. Sie hat sich sehr bemüht und auch wenn ich es damals geleugnet hätte, sie liebte meinen Sohn auch. So ging es einige Jahre. Können Sie sich das vorstellen? Sobald wir unter uns waren, habe ich sie auf die schlimmste Weise mental misshandelt, sie dagegen war immer respektvoll und zuvorkommend. Das hat sie nicht gespielt, das war sie. Und sie hat es nie meinem Sohn erzählt. Nie. Ich bin danach krank geworden. Sehr krank. Jede Bewegung tat in den Knien weh, ich war schlecht drauf, einmal war mir kalt, dann plötzlich heiß. Es war als hätte ich meinen Körper nicht mehr unter Kontrolle. Ich brauchte Hilfe beim An-und Ausziehen, beim Essen, beim Duschen- alles. Meine Töchter kamen nicht. Meine Töchter hatten ihre eigenen Leben. Es brach mir das Herz, dass sie nur einmal alle paar Wochen kamen, mir etwas zum Essen hinwarfen, aber keiner tatsächlich bei mir blieb, um mir zu helfen. Sie tat es. Sie tat alles. Sie hat mich in der Früh geduscht. Sie hat mich geputzt nachdem ich auf der Toilette war. Sie hat mich umgezogen. Sie hat mir die Haare gekämmt. Sie hat für mich gesundes Essen aus ihrer Heimat gekocht und Sport mit mir gemacht. Sie hat mir auf Englisch vorgelesen, beovr ich schlafen ging. Sie hat all das sehr liebevoll, geduldig und mit höchstem Respekt getan, obwohl ich schwach in ihren Händen lag und sie sehr leicht Rache hätte nehmen können, aber das tat sie nicht. Und mit jeder ihrer Taten habe ich mich schlechter gefühlt. Sie war ihm eine tolle Frau und mir eine bessere Tochter als meine eigenen. Was ich ihr gesagt habe und was ich ihr angetan hatte war schrecklich und unmenschlich, aber das ist noch nicht alles. Eines Tages kam mein Sohn weinend zu mir und ich dachte, das sei das Ende ihrer Beziehung, es geschah etwas. Aber warum jetzt, wo ich doch anfange sie zu mögen? Er sagte er könne es nicht länger für sich behalten und ich soll wissen, dass er keine Kinder bekommen kann. Er. Nicht sie. Sie konnte. Und ich hatte sie als Toilette bezeichnet. In diesem Augenblick war das wie eine "Wach-auf-Watsche". Er hatte das so lange mit sich getragen, dass er dachte, er müsse sich rechtfertigen und für ihn war es eben in diesem Moment richtig, weil er diesen Druck nicht mehr aushalten konnte. Ich ging zu ihr und entschuldigte mich aufrichtig für die vergangenen Jahre und mein widerliches Verhalten. Auf eine Frage wollte ich jedoch unbedingt eine Antwort haben:"Wieso hast du das mit dir machen lassen?" Sie griff nach meiner Hand und sagte:"Einige Menschen sind es wert, dass man für sie leidet. Und er ist es wert."
"Aber du hast ihm nie etwas erzählt."
"Weil man keinen Keil zwischen Mutter und Kind treibt. Da wo ich herkomme ist das so."
Ich war kein Stück besser, als jene Menschen, die andere Menschen im Ausland aufgrund von Herkunft und Religion schlecht behandeln. Ich war auch so, wenn nicht schlechter. Ich habe sie aufgrund von Herkunft und Religion erniedrigt und es damals nicht einmal bereut, im Gegenteil. Ich habe noch nie einen Menschen wie sie getroffen. Sie hat so viel Negatives von mir abbekommen und konnte kurz danach trotzdem lächeln und Liebe schenken. Christine, wenn alle Menschen in Europa so sind wie sie, dann bin ich ihnen allen eine große Entschuldigung schuldig.

 

Note: #MAMASTE ist durch Zufall enstanden. In den letzten 10 Jahren habe ich Frauen/ Mütter auf der ganzen Welt zu unterschiedlichsten Themen interviewt und dabei sind einige interessante Geschichten entstanden. Bis dato hatte ich noch nicht die Gelegenheit diese überaus einzigartigen Erzählungen auf eine passende Plattform zu posten. Da ich nun eine eigene Mama-Seite habe (endlich) , wurde aus dem Wort #Namaste für mich #Mamaste. Die Leben dieser besonderen Frauen, die mir höchstprivate Dinge (mit dem Wissen ich würde sie irgendwann veröffentlichen) anvertraut haben, finden nun hier ihren verdienten Ehrenplatz. #Mamaste

 

Fotocredit: wix.com

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