Warum Väter keine Erziehungsarschlöcher sein sollten

July 27, 2017

 

             Fotocredit: Nikolic

 

Sie gelten noch immer als Exoten. Männer, die sich, abseits des Wochenend-Park-Ausfluges, vermehrt um ihre Kinder kümmern, oder gar mehrere Monate beim Neugeborenen daheimbleiben. Doch die Zeit der Bewunderung ist vorbei. Eine Bestandsaufnahme durch die Augen eines „Verlorenen“.

 

Text: Momcilo Nikolic

 

Meine Tochter kommandiert seit über zweieinhalb Jahren mein Leben. In ihren ersten Lebensmonaten ohne Worte und große Gesten, heutzutage mit meisterhafter Mimik, Intonation (Papaaaa) und liebreizend geformten Sätzen, die alle mit den Worten beginnen ‚Papa, darf ich vielleicht...‘. Hätte ich es damals gewusst, wie leicht ich von einem Kleinkind zu manipulieren bin, so hätte ich spätestens mit Beginn meiner Geschlechtsreife angefangen, mich dagegen zu stählern. Eine Immunität gegen jegliche Form des „Oh, wie süß“ aufzubauen. Vielleicht mehr mit Kuscheltieren gespielt, mehr Glücksbärchis geschaut oder ab und zu mal ein schwarz-rosa glitzerndes T-Shirt mit einem Einhorn-Motiv getragen. Der Gewöhnung wegen. Doch dieser Zug ist abgefahren.

 

Nun bin ich in einer Kinderkrippen-WhatsApp-Gruppe mit zehn anderen Müttern, war davor vier Monate mit meiner Tochter allein daheim und habe die – wohl schlimmste aller Phasen – Eingewöhnungszeit im Kindergarten mitgemacht. Ich bin tief in eine Welt der Erziehungswissenschaft (und Pseudowissenschaft) eingetaucht, diskutiere über die Folgen erziehungstechnischer Maßnahmen, verachte Impfgegner und finde rosa nicht mehr so schlimm, wie im Leben zuvor.

Aber, es war nicht nur meine Wenigkeit, die Veränderungen durchlaufen hat, betrachte ich die Zeit in der Retrospektive. Nachbarn, die meine Frau und mich jahrelang bestenfalls mit strengen Blicken ignoriert haben, grüßen plötzlich mit lächelndem Gesicht und strahlendweißen Zähnen; Fremde auf der Straße versuchen immer wieder meine Tochter und mich in freundliche Gespräche zu locken. Ähnlich Marktschreiern, die Waren verkaufen möchten.

Auch die taxierenden Blicke mir gegenüber sind vollends verschwunden - wenn ich nicht alleine unterwegs bin. Dazu muss man wissen, mein Erscheinungsbild lässt sich, möchte man es positiv sagen, eher als dunkelhäutigen und vollbärtigen Wikinger zeichnen (eine Mischung aus ‚Ragnar Lothbrok‘ und ‚Faxe‘ von ‚Wickie und die starken Männer‘), denn als allseits beliebten Schwiegersohn-Typus mit gekämmtem Schopf und Bauchmuskeln. Bisher liefen meine scheuen Ausflüge in die Welt da draußen quasi wie unter dem Radar ab. Wenig Kontakt oder gegenseitiges Interesse am Mitmenschen, geordnete Wegbahnen, geregeltes Partyleben. Kaum Small Talk und als Reaktion mir gegenüber ab und zu eine feindselige Abwehrhaltung auf dem Trottoir. Bis sie kam...

Auf Wiens Straßen werde ich nun angelächelt, gefragt, ob ich Hilfe brauche oder wie alt denn meine Kleine sei. Man erzählt mir von „anderen Ausländern“, die sich alle Söhne wünschen und enttäuscht sind, wenn beim Baby der Penis fehlt. Nicht bloß einmal werde ich um Rat gebeten, wenn es um das Thema Kindergartenplätze geht. Ich werde auch für meine vermeintlich zuvorkommende Art dem Kind gegenüber gelobt und erfahre von Omas alles über die Erziehungsfehler ihrer eigenen Kinder. Soviel zum Leben da draußen.

 

Mama-Diskriminierung

Im Netz dagegen - und das ist erschreckend - finden sich genügend Exemplare, in denen Mütter berichten, wie sie von der Außenwelt im Vergleich zu Vätern oft diskriminiert oder beschimpft werden. Beim Wickeln in der Öffentlichkeit, wenn das Kind im Supermarkt „herumrennt“ oder wegen scheinbarer Machtlosigkeit in einzelnen Momenten, wenn der Spross spinnt. Männer dagegen werden für ihre Bereitschaft Zeit mit Nachkömmlingen zu verbringen bei genau denselben Aktivitäten hochgelobt.

Dies mag in der öffentlichen Wahrnehmung der Seltenheit solcher Bilder - Vater mit Kind – geschuldet sein, mindert aber dennoch nicht den schalen Beigeschmack rund um diese Thematik. Sich um sein Kind zu kümmern und es zu erziehen, ist, besonders für Väter, im 21. Jahrhundert keine herausragende Gunst mehr, die man gewährt, sondern eine Normalität im System funktionierende Partnerschaft.

Dies kann als Mahnung verstanden werden, nicht allzu streng zu differenzieren und sich von alten Klischeebildern der Frau als logische Kinderbetreuerin zu verabschieden. Oder aber auch als Aufruf gedeutet sein, sich als Mann auf das Kind einzulassen und die Möglichkeit der Karenz oder des Papa-Monats zu nutzen. Allein um der normierenden Außenwelt wikingerlike eins über die Rübe zu ziehen.

Wenn ich darüber nachdenke, ist genau das das Stichwort, wenn es darum geht sein Kind nach bestem Wissen und Gewissen auf diese Welt vorzubereiten. Zuallererst muss man wie ein nordischer Krieger kämpfen, um allen Einflüsterern klar zu machen, dass man jetzt selbst für sein Kind verantwortlich ist. Hat man sich von der Einflussnahme der eigenen Eltern, die ihre Erziehungsmethoden aus Erfahrung und vom Hörensagen haben – und jene womöglich vor zwei bis vier Jahrzehnten vielleicht en vogue waren – geschützt und das Kind gleich einer Katze als das eigene Revier markiert, so beginnt das Wühlen durch die millionenfachen Erziehungswelten.

 

Mit Wissen und Willen

Erziehung ist mittlerweile eine boomende Industrie geworden. Witzige YouTube Kanäle wie die vom „How to Dad“ oder hilfreiche Sachbücher von zum Beispiel Hetty van de Rijt und Frans X. Plooij namens „Oje ich wachse“, „The Happiest Toddler on the Block“ von Harvey Karp und Tipps vom Familientherapeuten Jesper Juul scheinen (trotz vereinzelter Kritik) ihre Berechtigung zu haben, wenn sich alles um die Fragen Durchschlafen, Nahrungsaufnahme, verschiedene Entwicklungsphasen des Babys (ihr werdet Trotz lieben) oder allgemeine Entspannung dreht.

Dem stehen aber diverse Ratgeber gegenüber, die mehr an das Trollen im Internet erinnern, als an durchdachte Sachbücher. An ihrer Spitze finden sich im deutschsprachigen Raum Annette Kast-Zahn und Hartmut Morgenroth mit ihrem Werk „Jedes Kind kann schlafen lernen“. Ein literarischer Exkurs:

Während bei Karp, Juul und Rijt/Plooij Nähe, Empathie und Verständnis (zeigen) im Vordergrund stehen, versuchen Kast-Zahn und Morgenroth den Leser davon zu überzeugen, die beste Methode das Kind zum Durchschlafen zu bringen, wäre es, es zu brechen. Man kann deren Geschreibe nicht anders betiteln – eine Bekannte nannte es sogar Nazimethoden. Kurzum, es geht um das berühmte „Schreien lassen“ im Bett und, dass die Zeitintervalle, in denen man das Kind ins Zimmer beruhigen und trösten kommt, immer größer werden sollten.

 

Eltern wird tatsächlich geraten ihr Baby allein in einem Raum und von Mal zu Mal länger kreischen zu lassen. Was die Autoren aber nicht begriffen haben: Der einzige Effekt, den das Neugeborene bei dieser Methode lernt, ist jener, dass einfach Niemand helfen kommt. Es gibt irgendwann auf - und dies wird als „nach wenigen Tagen Geschrei ruhige Nächte“ verkauft. Abseits davon, dass nur hartherzige Menschen ein so kleines Wesen tatsächlich hilflos liegen lassen können, scheinen auch Eltern, die dieser Methode vertrauen, etwas gänzlich falsch zu verstehen.

 

Laut Harvey Karp regen sich Babys und Kleinkinder am meisten auf, wenn sie missverstanden werden. Sie können ihre Wünsche und Bedürfnisse noch nicht richtig in Worte fassen, was dazu führt, dass sie immer zorniger, ergo lauter werden. Ignoranz hat da meist eine konträre Wirkung, möchte man das Kind und die Situation beruhigen. Karp empfiehlt deshalb die „Spiegel-Methode“, mit der man die Gefühlslage des Kleinkindes mit einer maximal 50%-Intensität des Schreihalses widergibt und ihm zeigt, man versteht, was es möchte. Man könnte lange Abhandlungen über diese Spiegelmethodik, dem Umgang mit der Trotzphase, die elterliche Egoproblematik, gewaltlose Erziehung (laut Schätzungen des Vereins Kinderschutz sind über 8.000 Vorschulkinder in Österreich von schwerer körperlicher Gewalt betroffen) und als Elternteil über die Wiederentdeckung des Spielplatzes schreiben.

Ich habe mich jedoch auf die oben genannten Beispiele beschränkt, deren Zweck es ist, exemplarisch zu zeigen, wie komplex die Erziehungskultur in diesen Zeiten geworden ist.  Interessierte finden für alle Fragen, die sich auftun, zahlreiche (auch kinderlose) Menschen, die alle ihre eigenen Antworten haben. Und sie mehr als bereitwillig teilen. Dabei sind Elternforen und Web-Blogs und Podcasts und dergleichen Netzfundstücke noch gar nicht miteingerechnet.

 

Was man aber als Querleser und -zuhörer, der ich nun mal bin, tatsächlich mitnehmen kann, ist das individuelle Eingehen auf das eigene Kind. Und Nähe zu geben, wo benötigt. Niemand ist perfekt, und wenn Jesper Juul sagt: „gute Eltern machen täglich 20 schwere Erziehungsfehler“, so ist das gerade deshalb kein Grund sich in tristester Misere zu suhlen, sondern neutral an die Sache heranzugehen, wenn es verlangt ist.

Denn, niemand wird jeden Tag zu jeder Stunde als Elternteil seine Contenance (von Würde gar nicht zu sprechen) behalten können, wichtig ist, wie man mit dem Konflikt umgeht. Das Baby entwickelt so genannte „Big Feelings“, mit denen es nur schwer umgehen kann. Wut, Zorn und Trauer gehören hierzu zu den extremsten Gefühlen, die - wohl oder übel - alle nacheinander in den ungünstigsten Situationen auftreten werden. Entwickelt man als Erziehungsberechtigter ein Verständnis für diese Vorgänge im Inneren der Kleinen, so wird man gute Konfliktlösungswege finden und dem Kind damit mehr beibringen, als wenn man es bei jeder neuen Episode versucht zu brechen, damit es schweigt. Jesper Juul nennt es „ein Leuchtturm sein“.

 

No Wonder Woman (Job)

Egal ob Leuchtturm, Wikinger oder eine andere (See)Bezeichnung – Erziehung und sich um das Kind kümmern, ist längst kein „One-Woman-Job“ mehr. Bei der Zeugung Spaß zu haben und sich dann innerhalb der Karriere oder anderweitig zurückzuziehen, ist so, wie, wenn man bei „Mensch ärgere dich nicht“ ein „Leo“ ausruft, wenn den eigenen Figuren droht, wieder zum Start zurück zu müssen. Freunde haben einst den Begriff „Spielarschloch“ in meine Welt gebracht. Für Leute, die eigentlich nett sind, aber beim Brettspiel zu Stalin und dergleichen mutieren.

 

Kinder sind, auch wenn man mit ihnen die besten Spiele spielen kann, kein Spielzeug (spätestens, wenn sie zu schwer zum Werfen sind), dennoch kann man den oben erwähnten Begriff auf Väter umlegen, die sich nicht in das Leben ihrer Kinder involvieren wollen und sie einfach „Erziehungsarschlöcher“ nennen.

Neben dem Alleinlassen des Partners in einem der schwierigsten Jobs, die es gibt, ist es auch die Tatsache, dass man sehr viel verpasst, nutzt man nicht die Chance dabei zu sein. Um zu sehen, wie sich das eigene Fleisch und Blut entwickelt und etwas Wichtiges über sich selbst zu lernen. Denn auch Kinder spiegeln ihr Umfeld und jene Personen, die oft da sind. Meine kleine Tochter ist zwar (noch) kein Wikinger, aber fragt man sie heute, was sie am liebsten ist, so antwortet sie gerne mal „ein Pirat“. Mein Pirat.

 

 

Und ein bisschen Statistik:

Laut Innenministerium haben seit Beginn des neuen Kindergeldkontos im März über 1.000 Väter einen Antrag für den „Papamonat“ gestellt. Darunter versteht man die Möglichkeit zwischen 28 und 31 Tage nach der Geburt daheim zu bleiben. Dies wird mit 700 Euro entlohnt. Beim Kindergeldbezug dagegen zeigt sich ein 19.4 prozentiger Väteranteil.

 

 Momcilo ist Vater, Politikwissenschaftler, Fantasy-Nerd, Biber-Alumni, freier Journalist, auf der Suche nach einer Redaktion, die verrückt genug ist, um ihn einzustellen.
 

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