Solidarität, Schwestern!

July 29, 2017

 

"Du kannst mit Kopftuch keine Feministin sein!"

In einem Interview für die KSTA* habe ich über mein Leben mit Kopftuch und natürlich über Feminismus geplaudert.  Ich kannte das Medium vorher nicht und war schon sehr aufgeregt, wie wohl die Kommentare auf deren Facebook- Seite ausfallen würden. Schrecklich, traumatisierend und voller falscher Unterstellungen. Ich sei hässlich, dumm und vieles mehr. Aber wirklich verletzt und in Schock gesetzt hat mich die Aussage "Du kannst mit Kopftuch keine Feministin sein."

Oh nein! Lebe ich nun seit über zehn Jahren in einer Lüge? Sind all meine Überzeugungen und Lebensentscheidungen, die auf Feminismus basieren, ungültig? Und wenn ja, WER darf das bestimmen?


"Weißt du, ich möchte echt nicht gemein sein, aber wir anderen Feministen haben Angst, als Rassisten dazustehen, wenn wir euer Kopftuch hinterfragen."
Wieso? Würde sich mein Gedankengut ändern, wenn ich es ablege? Wäre ich eine andere Person? Hätte ich eine andere Einstellung? Nein. Ich fühle mich aber mit Kopftuch einfach wohler. Einfach mehr ich. Ich lasse mir in mein Wohlgefühl nicht reinreden. Wären rote Schuhe für Brünette am Arbeitsplatz verboten, würde ich auch aufschreien! Wieso darf es im Jahr 2017 nicht jede Frau selber entscheiden? WIESO? Für mich ist es nicht nur ein religiöses Symbol, sondern ein Stück Identität, Herkunft und mit dem Wissen, ich kann es ablegen wenn mir danach ist, ist es für mich eine Option, aber kein Zwang. Schließt es die Tatsache aus, dass es vielen Frauen aufgezwungen wird? NEIN! Ich kann aber wenn es um mein Kopftuch geht, nur über mich reden, weil ich andere nicht bevormunden möchte. Jede Art von Zwang, vor allem dann, wenn es um den weiblichen Körper geht, muss bekämpft werden. Ich trage dazu meinen Teil bei, indem ich in Ägypten Vorträge halte und missbrauchte sowie beschnittene Frauen betreue und sie über ihre Rechte aufkläre und aktiv für Gleichberechtigung kämpfe. Noch nie zuvor habe ich öffentlich darüber gesprochen, da ich das nicht zur Schau stellen wollte. Es ermutigt aber andere dazu, dasselbe zu tun und auch zu helfen, deswegen rede ich nun offen darüber.


Hierzu eine Anekdote zu dem was passieren kann, wenn du aufgrund anderer dein Kopftuch abnimmst. Ich habe eine Freundin in Paris, die in der Marketingabteilung einer Firma arbeitet. Sie und ihre Kollegin haben marokkanische Wurzeln, sind aber beide in Frankreich geboren und aufgewachsen. Meine Freundin trug ein Kopftuch, ihre Kollegin nicht, aber sie beide sind gläubige Musliminnen. Noch dazu sieht ihre Kollegin europäisch aus und hat nicht wie wir, die Tschuschenkarte gezogen, wenn es um das Aussehen geht. Beide sind selbstständige, ambitionierte Frauen, die eine gute Position in einer Firma haben-  beide in der Marketingabteilung. Soweit, so gut. Eines Tages rief der Boss meiner Freundin sie zu einem Gespräch und erklärte ihr, dass er in einer Entscheidung zwischen ihr und ihrer Kollegin schwankt. Es geht um eine höhere Position und er weiß einfach nicht, für welche er sich entscheiden sollte. Es würde ihm aber helfen, würde sie das Kopftuch abnehmen, denn er möchte seine Marketingbeauftragte "herzeigen" können und andere Firmen mit dem Kopftuch nicht abschrecken, immerhin findet er, dass sie die bessere Arbeit liefert. Sie ging nach Hause, überlegte lange und nahm es dann tatsächlich für diese Stelle ab. "Ich habe mir das jahrelang erarbeitet und werde es mir nicht vom Kopftuch nehmen lassen. Ich werde es später wieder tragen, wenn ich selbstständig bin." So dachte sie und ging ohne Kopftuch in die Arbeit. Wochen später wurde die neue Abteilungsleiterin der Marketingabteilung ernannt- es war die andere. Als meine Freundin ihren Boss zu Rede stellte, sagte er:"Ich habe nie gesagt, Sie müssen es ablegen und Ihnen auch keine Stelle versprochen. Aber hätte ich vorher gewusst, dass Sie so leicht auf Ihre Prinzipien verzichten würden, hätte ich das früher gesagt."


Es war für sie nicht leicht auf ihre Prinzipien zu verzichten, sie dachte, man würde sie so eher akzeptieren und ihre Prinzipien würden ihr im Weg stehen. Auf diese hat sie verzichtet und wurde trotzdem- oder gerade deswegen- nicht mehr respektiert, sondern als Heuchlerin dargestellt.

 

Du bist du- von fetten Beinen und Harry Potter
Lass´ dir nicht vorschreiben, was du anziehen, glauben und sein sollst. Wenn dir danach ist ein Minirock zu tragen, dann tue das, wenn du dich im Kopftuch wohler fühlst, dann trage das. Wenn du nackt durch die Straßen gehen möchtest, dann bitteschön, aber machte dich selbst nicht zum Objekt und klebe dann das Etickett Freiheit drauf. Deine Freiheit findet IN deinem Kopf statt. Und es ist in Ordnung die Einstellung anderer als fragwürdig zu empfinden, weil "du so wie sie nie leben könntest", aber solang die Person damit gut zu leben scheint, hast du das zu respektieren. Wir müssen alle bewusst netter und solidarischer sein, weil wir echt scheiße miteinander umgehen. Eine Bloggerin, die ich gerne lese ist dariadaira.
Und ich finde diese Frau einfach liebenswert, weil sie sich dahinstellt und durch ihre Lebenseinstellung dezent auf alle Pseudo-Fashionblogger kackt, die nur Fake-Life Zeug posten und sich selber als "Influencer" und "Person des öffentlichen Lebens" bezeichnen. Ich hätte mir nie im Leben gedacht, dass diese Frau Hasskommentare bekommt und so irrt man sich: Unter Bilder von ihr auf Instagram sind Kommentare wie "Du hast fette Beine", oder "Du bist dämlich und dumm wie Brot" keine Seltenheit. WIESO? Wieso nimmt sich jemand die Zeit und beleidigt jemanden dermaßen, anstatt diese negative Energie auszuatmen und in etwas Positives umzuwandeln? Aber nicht nur die berühmteste Bloggerin in Österreich, sondern auch die weltklasse Autorin J.K. Rowling muss sich auf Twitter so einiges gefallen lassen. Das sind zwei Damen, die damit umgehen können und drüberstehen. Was ist aber, wenn man mit seiner Boshaftigkeit jemanden erwischt, der nicht drüberstehen kann? Der durch Druck zB in Depression verfällt und sich darin verliert. Wie viele homosexuelle Teenager begehen Selbstmord, weil sie jeden Tag am Schulgang ihre Sexualität verteidigen müssen und als abnormal gelten? Wie viele Musliminnen werden vor ihren Kindern auf der Straße attackiert und wie vielen Frauen wird eingeredet, dass sie nicht schlank genug, schön genug, Frau genug sind und wieso kämpfen wir nicht alle dagegen an- zusammen!

 


"Aber Menerva, du unterstützt mit dem Kopftuch eine Ideologie, die frauenfeindlich ist."
Oh please, give me a Break!
"Und wen unterstützt du? Michael Kors?"
"Für wen hungerst du?"
"Welchem Modediktat unterliegst du- Leggings und Messy Bun?"
Wären das nicht auch voll gemeine Unterstellungen von mir?

Diese Ideologie ist die einzige, die uns Frauen erlaubt uns scheiden zu lassen und uns mit den Männern gleichstellt. Ja, das ist für heute kein relevantes Thema mehr, aber damals - vor 1500 Jahren- war das sehr wohl fortschrittlich. Ich zitiere hier gerne die Arabistin und Islamwissenschaftlerin Angelika Neuwirth, die das im Bezug auf Frauenrechte im Koran sagt (ihre Forschung ist darauf fokussiert):


"Natürlich ist der Koran kein Nachschlagwerk für soziales Verhalten. Weite Kreise gehen heute davon aus, dass man alle Normen des Islam bereits im Koran finden kann. So war der Koran aber nicht gedacht. Es wandte sich als Verkündigung an Leute, die andere Normen kannten und bereit waren, diese Normen infrage zu stellen. Der Koran bildet Verhandlungen über verschiedene Normen ab. Dass man die relativ wenigen rechtlich relevanten Anweisungen dann systematisiert und zu einem Teil des islamischen Normenkanons, der Scharia gemacht hat, ist eine andere Sache. Die spätere Rechtsliteratur reflektiert nicht dieselben Verhältnisse wie der Koran. Das zeigt sich besonders deutlich am Bild der Frau, das ja in der islamischen Rechtsliteratur ganz anders aussieht als im Koran. Gerade hier markiert der Koran einen revolutionären Fortschritt: Er stellt die Frau vor Gott auf gleiche Ebene mit dem Mann, was zur damaligen Zeit einmalig ist. Beide Geschlechter werden im jüngsten Gericht auf dieselbe Weise beurteilt. Das klingt von heute aus betrachtet vielleicht irrelevant, aber das ist es nicht. Zur damaligen Zeit war die Gleichstellung der Frau mit dem Mann noch ganz undenkbar – es gab sogar noch Diskussionen darüber, ob die Frau überhaupt eine Seele habe. Die Frau wurde sehr ambivalent beurteilt und ihr Rechtsstatus war in vielen vorislamischen Gesellschaften ausgesprochen ungünstig. Der Koran rückt die Frau auch in wichtigen weltlichen Dingen auf die gleiche Ebene mit dem Mann, sie besitzt Rechte und kann sogar erben, ist also keineswegs entmündigt."

"Na du bist aber sehr emanzipiert für eine Muslima, hast du gerade Penis gesagt?"
Solche Aussagen sind herzallerliebst. Das ist so, als würde ich sagen:
"Na du bist aber g´scheit für eine Blondine."
"Na du hast aber eine gute Figur, dafür, dass du Mutter bist."
"Na du hast aber einen großen männlichen Freundeskreis, dafür, dass du eine Lesbe bist."
"Na du hast aber ein langweiliges Leben, dafür, dass du Sex Worker bist."
Nein, nein und noch einmal NEIN! Solche Aussagen sind einfach nicht okay, weil man damit einer Person unterstellt zu einer bestimmten Gruppe zu gehören und sie in eine Ecke drängt, in die sie vielleicht gar nicht möchte. Damit erstickt man jede konstruktive Diskussion im Keim und hat am Ende eine Person, die denkt sie hätte einer anderen gerade ein Kompliment gemacht, doch diese ist einfach nur - zurecht- beleidigt.
 

Religion und Feminismus schließen einander nicht aus!
Es gibt nicht nur muslimische, sondern auch christliche und jüdische Feministinnen, die gläubig in der Religion und feministisch im Leben sind. Erst letztes Jahr durfte ich mit Gabriele Kienesberger, Julia Kaldori und Brigitte Hornyik in einer Runde sitzen und über Gott, die Welt und Religion plaudern. Da saßen also eine Christin, eine Jüdin, eine Muslima und eine Atheistin zusammen und hatten nichts füreinander übrig, als puren Respekt und lautes Gelächter- SO geht es auch! Ich möchte niemanden belehren, aber falls es jemanden wirklich interessiert, wie gläubige Feministinnen sind, dem empfehle ich das Buch "Faithfully Feminist" aus der Serie "I speak for myself". Da schreiben Frauen aus mehreren Religion über ihre Sicht der Dinge und warum es so etwas wie "den" Feminismus nicht gibt. Er ist bunt, er hat viele Geschichten, unzählige Gesichter und ist nicht nur Frauensache.

 

Mein Bruder vong Harampolizei her
Wer glaubt, dass Musliminnen von der eigenen Community immer nur unterstützt werden und es keinen internen Konflikt gibt, der hat sich gewaltig geirrt. Wenn junge Männer davon phantasieren, wie sie ihre Männlichkeit in eine Jungfrau penetrieren wollen und sich irgendwann, wenn es ihnen mit der Ersten zu langweilig wird, noch eine Zweite dazunehmen- DANN muss daran gearbeitet werden, um die Köpfe der Frauen mit Wissen und Möglichkeiten zu füllen, die sich mit solchen Idioten binden. Einige dieser Männer lassen auch mit sich reden und ändern mit Zeit und Erfahrung auch ihren Standpunkt, was ich als Fortschritt erkenne. Viele junge Musliminnen ziehen nun vom Elternhaus aus und das, obwohl sie ledig sind. Junge muslimische, feministische Männer werden auch immer mehr. Es muss nicht immer Schwarz oder Weiß sind, denn wir Menschen sind bunt gemischt und das ist auch gut so. Arbeit, Support und der Glaube an das Gute im Menschen müssen Vorrang haben. Die Poetin Nikita Gill bringt es mit folgenden Worten auf den Punkt: "If he says your Body is ruined because it has been touched by another man´s hands before his, ask him how many women´s bodies have his hands ruined and what is wrong in his mind, with a man´s hand, that they only know how to ruin a woman´s Body, rather than to love it?"
Ja es gibt sie, die Männer die uns soooo gerne über das Frausein belehren und darüber, wie wir ein Kopftuch, oder einen Minirock zu tragen haben und diese sollten wir systematisch zur Vernunft bringen- die Vernunft sagt, dass du anziehen sollst was du verdammt noch einmal willst!  Wir muslimische Feministinnen kriegen also von beiden Seiten die Kacke ab und und es wird uns - ob mit oder oder Kopftuch- STÄNDIG gesagt, was wir zu tun& zu tragen haben- dachte ich! Die Wahrheit ist, dass uns Frauen weltweit gesagt wird, was wir nun anziehen sollen, es werden außerdem Politik und Mode auf unsere Rücken gemacht, ohne, dass man uns vorher fragt. Schau´ bewusster in deinen Spiegel, schau´bewusster in deine eigene Seele und verliebe dich in dein Dasein, denn dann, wirst du andere nicht verurteilen. Glückliche Menschen haten nicht! Und du wirst- mit Sicherheit- so einen Harambrudi, oder Zwangsbefreier im Leben treffen, aber man kann sich von solchen Menschen nur distanzieren und Mädels in ihrer Weiblichkeit so weit bestärken, dass sie zu sich stehen, ganz egal wie wild der Sturm auch wird.


Wer ist also die muslimische Feministin?
Sie ist der Film zum Buch und wenn du sie verstehen willst, dann musst du das Buch ganz einfach lesen. Sie ist unberechenbar und du weißt nicht, wie sie denkt, wenn du sie nicht kennst, denn wir sind KEINE homogene Gruppe, sondern Individuen, die unterschiedlich denken. Redet mit uns, nicht zu oder über uns. Es ist in Ordnung anderer Meinung zu sein. Es ist in Ordnung die Idee der kopftuchtragenden Muslima zu verstehen und trotzdem dagegen zu sein. Was aber nicht in Ordnung ist, sind Bevormundungen und Unterstellungen.
 

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