Eine Jüdin, eine Christin und eine Muslima

August 1, 2017

Note: #MAMASTE ist durch Zufall enstanden. In den letzten 10 Jahren habe ich Frauen/ Mütter auf der ganzen Welt zu unterschiedlichsten Themen interviewt und dabei sind einige interessante Geschichten entstanden. Bis dato hatte ich noch nicht die Gelegenheit diese überaus einzigartigen Erzählungen auf eine passende Plattform zu posten. Da ich nun eine eigene Mama-Seite habe (endlich) , wurde aus dem Wort #Namaste für mich #Mamaste. Die Leben dieser besonderen Frauen, die mir höchstprivate Dinge (mit dem Wissen ich würde sie irgendwann veröffentlichen) anvertraut haben, finden nun hier ihren verdienten Ehrenplatz. #Mamaste

 

Die Erzählende war die Nachbarin meiner Großmutter in Ägypten und lebt heute nicht mehr. Ich habe sie 2006 interviewt und sie ist kurz danach gestorben.
Möge ihre Seele in Frieden ruhen.


Wir waren drei
Weißt du, was Freundschaft ist? Freundschaft, die sich anfühlt wie Familie und noch viel familiärer ist, als die eigene Familie? Wir waren drei: Eine Muslima, eine Christin und eine Jüdin. Alle drei Ägypterinnen und Nachbarn, zu einer Zeit, in der das normal war, da waren deine Eltern noch gar nicht geboren und deine Großeltern noch Kinder. Wir waren wie gesagt Nachbarn, so haben wir einander kennengelernt. Ich war in der Mitte, die Muslimin war über mir und die Christin ein Stockwerk drunter. Jeden Morgen, wenn unsere Männer das Haus verließen und in die Arbeit gingen, kamen die zwei anderen zu mir. Die Muslimin war begnadete Köchin und man roch ihr Essen schon auf der Straße. Sie hat Kekse gebacken, die mit Dattelpaste gefüllt waren. "Maamoul", so nennt man diese Kekse. Die hat sie jeden Morgen mitgebracht und die Christin brachte ihren Frust gegen Männer mit, obwohl sie ihren Mann vergötterte- er war auch ein sehr netter Mann. Sie war Feministin und Lehrerin an einer Mädchenschule, man hat sie aber immer wieder gefeuert, weil sie den Mädchen zu offen über Fortpflanzung und Selbstbefriedigung erzählt hat. Also war sie lange arbeitslose, aber ambitionierte und aktive Feministin. Ich war die Künstlerin und genäht habe ich auch. Die reichen Damen standen bei mir Schlange, um von mir Kleider genäht zu bekommen. Jeden Tag habe ich die zwei gesehen, jeden Tag haben wir geredet und zwar über Mode, Schauspieler, Liebe, Männer, Paris, Musik und alles, worüber Freunde reden- fast 30 Jahre lang.
 


Irgendwann waren Juden aber nicht mehr in Ägypten willkommen, wegen der beiden Kriege gegen Israel. Aber Israel repräsentiert nicht alle Juden. Viele ägyptische Juden sind nach Israel gegangen, viele aber auch nicht. Mein Mann wollte auch dahin, er war von der Idee besessen, aber ich konnte nicht. Ich bin in Alexandria geboren und ich wollte diese Stadt nicht verlassen. Ich sehe auch nicht ein, wieso ich nun eine neue Heimat suchen sollte. Er ging als man ihn feuerte. Ich blieb. Die Christin flog samt ihrer Familie nach Kanada. Sie gab bei der Botschaft an, man würde sie aufgrund ihrer politischen und feministischen Einstellung in Ägypten diskriminieren. Sie wollte eine bessere Zukunft für ihre Kinder und in Ägypten würde alles den Bach runtergehen. Zwischen mir und der Muslimin gab es keine Gespräche mehr. Fast 30 Jahre lang haben wir einander tagtäglich gesehen, teilen so viele Erinnerungen miteinander und nun sieht sie mich nicht mehr als vollkommene Ägypterin an. Eines Tages sagte sie zu mir:"Wenn du mich siehst, dann grüße mich nicht. Für mich bist du gestorben."

Das Problem waren damals ganz klar die Medien. Jeder Dieb war plötzlich Jude, jeder Mörder auch, einfach alles Böse war jüdisch. Ich hatte das Gefühl, der zweite Weltkrieg würde sich wiederholen, diesmal in Ägypten und verstand aber ihre Haltung mir gegenüber nicht, da sie mich zu dieser Zeit mental unterstützte, weil mein Onkel in einem KZ starb und ich lange brauchte, um das zu verarbeiten.

"Ich habe dich gehen lassen."
Jahre später gab es nur noch sehr wenige Juden in Ägypten. Ich war eine von ihnen. Ich habe mit meiner Schneiderei gut Geld verdient, wohnte noch imselben Haus und roch immer noch das Essen, das meine ehemalige Freundin kochte. Sie war eine gute Frau, so werde ich sie immer sehen. Eines Tages wurde ich krank und ihr Sohn hat es mitbekommen. Er hat mich immer heimlich besucht und mir meine geliebten Maamoul von ihr mitgebracht. Ich hatte eine starke Grippe und fühlte mich so hilflos wie ein Baby. Da klopfte es an der Tür und ich konnte mich nicht bewegen. Ich lag im Bett und dachte mir:"Na die Person wird schon bald verschwinden, wenn keiner aufmacht." Aber die Tür ging auf. Es hatten nur zwei Personen einen Ersatzschlüssel und eine davon war in Kanada. Da kam sie, nach Jahren der Ignoranz und sagt zu mir:"Du siehst ja scheiße aus!" Ich lachte:"Und du bist immer noch die unfreundlichste Person auf Erden." Sie hatte mir Essen mitgebracht, frischgewaschene Kleidung und wir redeten nichts. Sie fütterte mich, aber wir redeten trotzdem nichts. Dann haben wir beschlossen, gleichzeitig das Schweigen zu brechen:"Es tut mir Leid", sagten wir zusammen. Sie verwundert:"DU? Wieso du? Du hast nichts getan." Ich nickte:"Doch, ich habe dich gehen lassen." Stille.
Sie sagte:"Ich rechne es dir hoch an, dass du nicht nach Israel gegangen bist. Und, dass du Recht von Unrecht unterscheiden kannst, auch, wenn es im Moment nicht leicht ist." Sie erhob ihren Kopf und sah mich an:"Ich habe dich immer als Schwester gesehen, auch, wenn ich zu dumm war, um mit dir zu sprechen. Ich habe dir immer Kekse mit Hussein geschickt." Ich lachte:"DAS wusstest du?" Sie lachte auch:"Aber natürlich."
Es war wie damals. So, als wären keine Jahre vergangen, als sei kein Blut in Kriege geflossen, als seien Religionen in einer Freundschaft nicht von Bedeutung. Sie starb um die 15 Jahre später. Ich konnte an ihrer Beerdigung nicht teilhaben, weil ich es psychisch nicht geschafft habe. Ich verfiel in einer Depression, weil ich es nich ertragen konnte, ohne sie zu leben. Monate später besuchte ich ihr Grab und als ich davor stand, war da eine andere Frau, auch so eine alte Oma wie ich, aber diese hier trug Desiger-Kleidung und roch nach teurem Parfum. Und es mag sein, dass sie die Welt bereiste und in Markenklamotten umhüllt war, aber dieses Gesicht, das kenne ich gut: Das war das meiner Yvonne. Sie war um so vieles älter geworden, so wie ich auch. Sie sah mich und erkannte mich sofort!!!! Sie kam zu mir nach Hause und wir plauderten über das Leben, den Tod und die Jahre. Ihre Schwägerin kannte eine Nachbarin bei uns im Haus, die ihr vom Tod unserer Freundin erzählte und sie erzählte ihrem Bruder davon, dass Amira- die Muslima- starb. Der wiederrum erzählte es seiner Schwester- Yvonne- die gerade in Ägypten war, weil er ja wusste, dass sie ihre Freundin war. Die Welt ist ein Dorf, sagt man, nicht wahr? Ja, das ist sie, das ist das Leben aber auch: kurzlebig. Nicht Religionen sind böse, sondern Menschen sind es. Wir können uns aber auch dagegen entscheiden, böse zu sein. Ich habe meinen Mann seit damals nicht mehr gesehen. Er kam nicht mehr zurück, hat mir auch nie geschrieben, oder angeklopft. Nichts. So, als hätte ich für ihn nie existiert. Amira starb und Yvonne reiste bald ab. Wir waren drei und sind es auf einer gewissen Art und Weise noch, weil ich in Gedanken mit ihnen spreche, aber was ist von uns übrig geblieben? Die Erinnerung. Die bleibt. Ich hätte vieles geändert, würde ich die Zeit zurückdrehen können. Ich hätte Amira nicht gehen lassen. Ich hätte Yvonne geschrieben. Ich hätte mehr gelebt.

 

*Die Namen  der Damen wurden geändert.

 

Note: #MAMASTE ist durch Zufall enstanden. In den letzten 10 Jahren habe ich Frauen/ Mütter auf der ganzen Welt zu unterschiedlichsten Themen interviewt und dabei sind einige interessante Geschichten entstanden. Bis dato hatte ich noch nicht die Gelegenheit diese überaus einzigartigen Erzählungen auf eine passende Plattform zu posten. Da ich nun eine eigene Mama-Seite habe (endlich) , wurde aus dem Wort #Namaste für mich #Mamaste. Die Leben dieser besonderen Frauen, die mir höchstprivate Dinge (mit dem Wissen ich würde sie irgendwann veröffentlichen) anvertraut haben, finden nun hier ihren verdienten Ehrenplatz. #Mamaste

 

 

Fotocredit: wix.com

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