Madame Rahman

August 14, 2017

Note: #MAMASTE ist durch Zufall enstanden. In den letzten 10 Jahren habe ich Frauen/ Mütter auf der ganzen Welt zu unterschiedlichsten Themen interviewt und dabei sind einige interessante Geschichten entstanden. Bis dato hatte ich noch nicht die Gelegenheit diese überaus einzigartigen Erzählungen auf eine passende Plattform zu posten. Da ich nun eine eigene Mama-Seite habe (endlich) , wurde aus dem Wort #Namaste für mich #Mamaste. Die Leben dieser besonderen Frauen, die mir höchstprivate Dinge (mit dem Wissen ich würde sie irgendwann veröffentlichen) anvertraut haben, finden nun hier ihren verdienten Ehrenplatz. #Mamaste

Die Erzählerin ist eine Bekanntschaft aus Texas.
Das Interview hat 2017 sattgefunden

 

 

Abschied

Ich habe meinen Mann kennengelernt als ich 13 Jahre alt war. Ich habe mich sofort in ihn verknallt. Er war ein Jahr jünger als ich, sah aber älter aus. Ich habe ihn das allererste Mal am Schulhof getroffen und wir wurden schnell Freunde. Aus Freundschaft wurde mit den Jahren - wie so oft- Liebe. Mit mitte Zwanzig haben wir geheiratet.  Ich habe niemals einen anderen Mann anziehend gefunden, ja, so etwas gibt es auch, wir hatten nur Augen füreinander.  Wir waren 30 Jahre lang verheiratet. 30 Jahre. 30 Jahre bin ich jeden einzelnen Tag neben ihm aufgewacht und habe ihm beim Älterwerden zugesehen. Wir haben zwei wunderbare Burschen auf die ich sehr stolz bin. Eines Tages wache ich aber auf und mein Mann, der liegt einfach nur da. Er wird nicht wach. Ich stelle fest, er ist von mir gegangen. Er war nicht krank, er hatte nicht einmal Husten, aber er schlief eines Nachts ein und wachte am nächsten Tag nicht mehr auf.

Ich saß eine Weile in einer Ecke, habe nicht begriffen, was hier passiert. Dann habe ich meinen ältesten Sohn angerufen, der sofort nach Hause kam und meinen anderen Sohn mitbrachte. Ich war in einer Schocksituation. Wenn Sie mich jetzt fragen würden, was danach passiert ist, ich habe keine Ahnung. Das nächste an das ich mich erinnern kann ist, dass es laut und voll in unserem Haus war. Ganz viele Leute, alle in schwarz gekleidet, trauernde Gesichter und viele Umarmungen. Tage später wurde es leer. Meine beiden Söhne waren da, beide gute Kinder, das haben wir gut gemacht, ja. Beide Ingenieure, aber in verschiedene Bereiche. Der Eine musste sich verabschieden, weil seine Frau kurz davor war ein Baby zu bekommen und der andere blieb noch bei mir, der hatte keine Freundin. Er musste dann aber auf Geschäftsreise gehen, für zwei Wochen. In diesen zwei Wochen habe ich gemerkt, dass ich nichts alleine tun kann. Ich kann nicht Autofahren, das hat mein Mann getan. Ich kann die Rechnungen nicht online bezahlen, das hat mein Mann getan, ich kannte mich mit diesen Maschinen nicht aus. Ich kann gerade einmal zum Supermarkt gehen, aber sonst, gar nichts. Als mein Sohn wieder da war, hat er mir das mit den Rechnungen online geregelt und ich weiß nicht wie er das gemacht hat, aber jetzt geht davon das Meiste automatisch und wenn nicht, melden sich die Zuständigen bei ihm, nicht bei mir. Wir sind eine wohlhabende Familie, ja, wir haben Geld. Geld war nie das Problem, aber ich habe mit meinem Mann nicht nur meinen besten Freund, sondern auch Beine, Arme, Hirn und Herz verloren. 

Neuanfang

So vergingen ein paar Jahre. Ich lebte alleine, zu Weihnachten kamen die Jungs und Oma war ich auch schon. Die Einsamkeit war grausam. Ich liege in einem Bett für zwei Personen, in meinem Haus ist ein Badezimmer mit zwei Waschbecken und der Stuhl in dem er gerne las, der war immer leer. Jeden Tag ging ich zum Supermarkt, kaufte frisches Obst und Gemüse und ging dann wieder nach Hause. Eines Tages klopft es aber an meiner Tür. Das passiert nie. An diesem Tag geschah es. Ich öffne die Tür und vor mir steht meine Nachbarin, Madame Rahman. Sie ist um einiges älter als ich, hat marokkanische Wurzeln, war aber ihr ganzes Leben lang in Frankreich. Ihr Mann war Amerikaner, deswegen kam sie von Frankreich nach Amerika, aber auch das war schon über 40 Jahre her und sie ist schon sehr lange Witwe gewesen.  Sie hat etwas Düsteres an sich, das aber auch sehr interessant ist. Sie lacht nicht viel. Sie lächelt nicht einmal. Ich traf sie immer am Gehsteig, wir waren keine Freunde, aber wir haben uns immer gegrüßt, wie es sich eben gehört. Nun stand sie da und sobald die Tür aufging sagte sie mit französischem Akzent:"Wieso dauert das so lange? Was machen Sie da drinnen?" Ich verstumme total veriwirrt, sie schiebt mich zur Seite und geht in mein Haus hinein. Sie setzt sich auf den von mir genannten Stuhl und verlangt ein Glas Wasser. Sie nahm einen Schluck und fragte dann:"Wieso sehe ich Sie nicht mehr auf dem Gehsteig draußen? Wo bleiben Sie?" Ich stotterte:"Mein Mann ist gestorben, falls Sie es nicht mitbekommen haben, Madame Rahman." Sie fuchtelte mit ihrer Hand herum:"Jaja, das weiß ich noch, ich schickte Ihnen damals teure Blumen. Menschen sterben, das ist aber schon Jahre her. Wieso hocken Sie zu Hause herum? Das ist meine Frage." Ich wusste nicht, was die Frau wollte, am liebsten hätte ich sie hinausgeschmissen. Ich setze mich auf das Sofa neben ihr hin und fragte sie so höflich es mir gelang:"Madame Rahman, was wollen Sie?" Sie sah mir in die Augen und ihre Aura änderte sich sofort als sie sagte:"Sie haben einen Menschen verloren den sie liebten, das habe ich auch. Wir leben aber weiter und wir würden sie bitter enttäuschen, wenn wir dieses Leben nur sinnlos durchatmen würden. Sie atmen noch. Sie leben noch. Sie haben noch Zeit übrig, bevor Sie Ihren Mann wiedersehen, deswegen heben Sie Ihren amerikanischen Hintern in die Höhe und fangen Sie ein neues Kapitel an. So und nicht anders würde es auch Ihr Mann für Sie wollen. Drei Jahre sind genug, meine Liebe." Sie sagte diesen Satz, stand auf und war auf ihren Weg hinaus als ich sagte:"Polnischer Hintern. Ich bin Polin." Sie lachte zum allerersten Mal:"Ich war einmal mit einem Polen zusammen, deren Hintern sind schöner als die amerikanischen Popos."
Ich gab es ungern zu, ja, irgendwo hatte sie Recht. Irgendwo musste die Trauer auch bald enden. Aber ich habe mich zu Hause wohlgefühlt, ich wollte nicht hinaus und mit Leuten reden. Worüber auch? Ich war Bibliothekarin und das sehr lange, aber das ist doch langweilig. Mein Mann war Immobilienmakler mit eigener Firma, daher kam das ganze Geld. Madame Rahman meinte, ich solle Autofahren lernen. Für den Rest meines Lebens nur noch zum Supermarkt laufen, wäre lächerlich. Und wissen Sie was, ich habe Autofahren gelernt, ich habe ein Steve Jobs Handy und ich weiß, was ein Emoji ist. Ich liebe Emojis! Ich schicke meinen Söhnen jeden Tag Emojis, damit sie wissen, dass es mir gut geht und ich noch lache. Es gibt in unserer Nähe auch ein Seniorentreffen, wo ich hingehe. Dort habe ich einige nette Damen kennengelernt und wir gehen am Wochenende gemeinsam zum Teich hier in der Nähe und füttern die Enten. Ich belege einen Kochkurs, in dem man lernt mexikanisches Essen zu machen und dort gibt es ausgesprochen liebe Menschen, aus aller Welt. Ich kann "Scheiße" auf Arabisch sagen, aber auch schöne Wörter, wie "Habibi" (=mein Schatz) und ein wenig Spanisch. Madame Rahman kommt auch ab und zu, um zu schauen, ob mein polnischer Hintern noch in Bewegung ist.  Ich weiß nicht was ich getan hätte, wenn diese Frau an jenem Tag nicht in mein Haus gestürmt wäre. Wahrscheinlich würde ich jetzt gar nicht mit Ihnen reden.

 

 Illustration: Kathrin Honesta

 

Note: #MAMASTE ist durch Zufall enstanden. In den letzten 10 Jahren habe ich Frauen/ Mütter auf der ganzen Welt zu unterschiedlichsten Themen interviewt und dabei sind einige interessante Geschichten entstanden. Bis dato hatte ich noch nicht die Gelegenheit diese überaus einzigartigen Erzählungen auf eine passende Plattform zu posten. Da ich nun eine eigene Mama-Seite habe (endlich) , wurde aus dem Wort #Namaste für mich #Mamaste. Die Leben dieser besonderen Frauen, die mir höchstprivate Dinge (mit dem Wissen ich würde sie irgendwann veröffentlichen) anvertraut haben, finden nun hier ihren verdienten Ehrenplatz. #Mamaste

 

Please reload

  • Facebook Social Icon
  • Instagram Social Icon
Recent Posts

July 8, 2019

June 20, 2019

June 13, 2019

November 28, 2018

Please reload

  • Facebook Social Icon
  • Instagram Social Icon

©2019 Made with multicultural Humor since July 2016