Die Genitalverstümmlerin

October 20, 2017

Note: #MAMASTE ist durch Zufall enstanden. In den letzten 10 Jahren habe ich Frauen/ Mütter auf der ganzen Welt zu unterschiedlichsten Themen interviewt und dabei sind einige interessante Geschichten entstanden. Bis dato hatte ich noch nicht die Gelegenheit diese überaus einzigartigen Erzählungen auf eine passende Plattform zu posten. Da ich nun eine eigene Mama-Seite habe (endlich) , wurde aus dem Wort #Namaste für mich #Mamaste. Die Leben dieser besonderen Frauen, die mir höchstprivate Dinge (mit dem Wissen ich würde sie irgendwann veröffentlichen) anvertraut haben, finden nun hier ihren verdienten Ehrenplatz.In diesem Sinne: #Mamaste

 

"Alle Frauen in meiner Familie waren von Beruf Beschneiderinnen. Ich habe schon als Kind bei meiner Mutter zugesehen, wie sie es bei anderen Mädchen in meinem damaligen Alter tut. Das war sozusagen mein Praktikum. Als ich zum ersten Mal ein Mädchen beschnitt, war ich neunzehn Jahre alt. Ich habe mich danach geschämt und hatte ein großes Schuldgefühl, das ich gar nicht beschreiben kann. Als ich meiner Mutter davon erzählte, sagte sie, dass Kinder nicht wissen, was gut für sie ist, die Eltern aber schon. Wir seien wie Ärzte, sagte sie zu mir. Wir heilen sie. Kinder gehen nicht gerne zu Ärzten, zu uns eben auch nicht. Die "Tahara" ist  Arabisch für "Reinheit".  Wir machen diese Mädchen rein für das Leben. Fälschlicherweise werde ich immer für eine Muslimin gehalten, ich bin aber keine. Ich komme aus einem kleinen Dorf im Süden Ägyptens, in dem es wenige Muslime gibt, aber ich habe schon viele Musliminnen beschnitten. Ich habe diesen Beruf fast 25 Jahre lang gemacht.
Die Klingen wurden sterilisiert, dem Mädchen wurde etwas Süßes gegeben, es saß mit gespreizten Beinen vor mir, wurde von der Mutter festgehalten und ich schnitt einen winzigen Teil der Klitoris ab. Ohne Betäubung. Danach werden ihre Beine zusammengebunden, damit sie nicht verblutet und die Wunde gut heilt. Meistens waren die Mädchen zwischen acht und zehn Jahre alt. Es gibt verschiedene Arten von Beschneidungen. Es gibt Beschneiderinnen, die alles entfernen: Klitoris, Schamlippen, einfach alles und nähen dann noch die Vaginalöffnung fast ganz zu. Das ist in Ägypten nicht üblich. Üblich ist hier, dass ein winziger Teil der Klitoris weggeschnitten wird.

Die ersten Jahre waren für mich eine Qual und ich hatte das Gefühl, dass ich da etwas Falsches tue. Mit den Worten meiner Mutter in meinem Kopf "Wir sind wie Ärzte und das ist das Beste für diese Mädchen", dachte ich, dass ich ihnen einen Gefallen tue. So ging es über zwanzig Jahre lang, bis eines der Mädchen zwei Tage nach der Beschneidung verblutete und starb. Ihre Eltern und ich wurden vom Arzt, der den Todesgrund eruierte, angezeigt. Wir kamen ins Gefängnis, aber ich weiß nicht, wie lange sie dort blieben. Ich wusste nicht, dass Beschneidungen in Ägypten verboten und strafbar seien. Ich wusste es nicht, weil wir nie einen Fernseher hatten und ich auch nie Zeitung las. Ich kann zwar lesen und schreiben, aber ich habe mich nie weitergebildet. Anscheinend gibt es Werbekampagnen und Weiterbildungskurse, die einem erklären wieso das falsch ist, aber das habe ich all diese Jahre nicht mitbekommen. Ich wusste nicht, dass das was ich tat, strafbar ist. Ich hatte es immer im Gefühl, dass ich etwas Falsches tue, aber dachte mir immer, es war unser Familienjob, wieso sollte es falsch sein? Im Gefängnis erst- und zwar viel zu spät- habe ich angefangen mir Gedanken darüber zu machen, warum ich das überhaupt gemacht habe und ich hatte keine Antwort. Meine Mutter hatte es mir immer so erklärt, dass es ein Brauch ist, der die Lust der Frau etwas senken soll, denn Frauen, die in wärmeren Gebieten aufwachsen, haben eine zu große sexuelle  Lust. Wenn ich heute darüber nachdenke merke ich erst, was für ein Humbug das ist. Ich habe diesen Humbug geglaubt. Ich habe im Gefängnis die Gefängnisaufseherin bestochen, damit sie mir Bücher reinschmuggelt. Ich habe alle großen Religionsbücher gelesen, nirgendwo steht etwas von einer Beschneidung bei Frauen, oder Mädchen. Nirgendwo. Ich kann mich sogar an einen Vers im Koran erinnern, der besagt, dass der Mensch in seiner perfekten Form geschaffen wurde. Er ist perfekt. An ihm muss nicht geschnippelt werden. Ich habe mich zutiefst geschämt und wochenlang geweint. All diese Frauen, denen ich ihre Lust grausam entnahm, ohne Wissen, ohne Bildung, sondern einfach nur auf grausliche Art und Weise und dann noch das Mädchen, das gestorben ist. Sie war nicht die einzige, die ich umbrachte. Ich habe sie auf einer bestimmten Art und Weise alle irgendwie umgebracht. Wissen Sie, was der Funfact ist? Keine Frau in meiner Familie, mich eingeschlossen, ist beschnitten. Keine. Und ich persönlich hatte noch nie einen Orgasmus. Noch nie. Und das, obwohl ich dreimal verheiratet war.
Ich schlief in meinem Bett im Gefängnis und träumte von dem Mädchen, das gestorben ist. Sie kam mit einer Botschaft. Ich soll meine Fehler auskorrigieren, sagte sie. Ich soll den Frauen helfen, denen ich die kostbare Lust genommen hatte. Ich habe weitere Bücher zu mir schmuggeln lassen. Bücher über Sexualkunde, Lust der Frau, vaginale Orgasmen, Kräuterkunde, alles Mögliche. Ich habe immer die Adressen der Familien notiert gehabt, wo ich mein Teufelswerk vollbrachte. Ich habe die erwähnten Bücher studiert und meine Zellengenossinnen und mich selbst mit den Übungen aus den Büchern vertraut gemacht. Bei einigen funktionierte es tatsächlich, bei mir aber nicht. Nach meiner Zeit im Gefängnis habe ich mich auf dem Weg gemacht und suchte nach meinen früheren Opfern. Einige waren umgezogen. Andere erkannten mich nach all den Jahren sofort wieder und ließen mich - verständlicherweise- nicht herein. Aber andere ließen mich herein. Sie haben mir gesagt, was sie von mir denken, schrien mich an, weinten und ließen alles raus. Einige von ihnen, hatten Orgasmen erlebt, andere nicht. Ich habe viele von ihnen so lange begleitet, bis sie Orgasmen erleben konnten. Und es war ein schönes Gefühl, einen Teil meiner Fehler wiedergutzumachen. Heute bin ich fast fünfzig und ich habe noch nie im Leben einen Orgasmus erlebt, obwohl ich keine beschnittene Frau bin. Ich bin einer der Gründe, warum es andere Frauen schwer haben, oder es ihnen gar unmöglich ist, einen Orgasmus zu erleben. Ich nehme diese Strafe Gottes an, dass ich diese Lust nicht spüren kann- immerhin habe ich sie vielen genommen."

 

Mein persönlicher Kommentar:

Ich habe die Erzählende kurz vor meiner Hochzeit vor 3 Jahren kennengelernt. Meine Hochzeit war in Alexandria, weil mein Mann Ägypter ist. Auch meine Oma lebt in Alexandria und während meinen Hochzeitsvorbereitungen, lebte ich bei ihr. Eines Tages kommt sie in mein Zimmer hinein und sagt:„Du sprichst doch mit Frauen und erzählst deren Geschichten. Ich hatte da eine interessante Nachbarin. Sie lebt nicht mehr hier im Haus, aber ihre Geschichte würde dich interessieren. Ich werde aber mitkommen, sollte sie daran denken, dir zwischen die Beine zu greifen, geh´ ich ihr an die Gurgel!"
Und genau so war es. Meine Oma kam mit und ich hatte das Gespräch mit der Dame, die früher Beschneiderin und die letzten Jahre vor ihrem Tod, Sexualberaterin war. Sie bot ihre Sexualberatung für beschnittene Frauen kostenlos an. Ich habe noch nie verstanden, wie man seine Tochter beschneiden lassen kann. Heute, als Mutter einer Tochter, verstehe ich es noch viel weniger. Wie kann man bloß die Lust eines Menschen dermaßen beschneiden? Bildung, Bildung, Bildung! Bildung ist die einzige Waffe gegen solche Bräuche und menschenverachtende Traditionen. Dieses Gespräch wurde vor drei Jahren aufgenommen. Warum gehe ich damit heute an die Öffentlichkeit? Weil die Frau vor kurzem gestorben ist, weibliche Genitalverstümmelung aber weiterleben darf. Und ich möchte dieses Tabu "weiblicher Orgasmus" und alles was dazugehört, aufbrechen. Auch DAS ist Bildung! Ich bin aber keine Sexualberaterin, deswegen hole ich mir professionelle Hilfe von vertrauenswürdigen Sexualberaterinnen, die mit mir an der neuen Kategorie #LeibUndLiebe arbeiten werden. Ich möchte mit diesem Thema niemanden abstoßen, sondern Frauen informieren, indem konkrete Fragen von Frauen gestellt und professionell beantwortet werden. Es soll nicht um den heißen Brei herumgeredet, sondern endlich zum Punkt gekommen werden. Um das Ganze bildlich zu beschreiben: Es geht nicht um den billigen Grapscher, sondern um die innige Umarmung. Es soll informativ und brauchbar sein, menschlich und seriös. 

 

Hotel Mama auf Facebook
Hotel Mama auf Instagram

 

Ein ganz spezieller Dank geht an Farbenkind für die äußerst gelungene Illustration
Facebook: FarbenKind
Instagram: Farben_Kind

 

Note: #MAMASTE ist durch Zufall enstanden. In den letzten 10 Jahren habe ich Frauen/ Mütter auf der ganzen Welt zu unterschiedlichsten Themen interviewt und dabei sind einige interessante Geschichten entstanden. Bis dato hatte ich noch nicht die Gelegenheit diese überaus einzigartigen Erzählungen auf eine passende Plattform zu posten. Da ich nun eine eigene Mama-Seite habe (endlich) , wurde aus dem Wort #Namaste für mich #Mamaste. Die Leben dieser besonderen Frauen, die mir höchstprivate Dinge (mit dem Wissen ich würde sie irgendwann veröffentlichen) anvertraut haben, finden nun hier ihren verdienten Ehrenplatz.In diesem Sinne: #Mamaste

Please reload

  • Facebook Social Icon
  • Instagram Social Icon
Recent Posts

August 8, 2019

July 8, 2019

June 20, 2019

June 13, 2019

November 28, 2018

Please reload

  • Facebook Social Icon
  • Instagram Social Icon

©2019 Made with multicultural Humor since July 2016