Sexualität post partum

#LeibUndLiebe ist eine Kategorie rund um die weibliche Sexualität. Und ich möchte das Tabu rund um dieses Thema aufbrechen. Diese Art von Bildung ist meiner Meinung nach sehr wichtig! Ich bin aber keine Sexualberaterin, deswegen hole ich mir professionelle Hilfe von vertrauenswürdigen Sexualberaterinnen, die mit mir an der Kategorie #LeibUndLiebe arbeiten werden. Ich möchte mit diesem Thema niemanden abstoßen, sondern Frauen informieren, indem konkrete Fragen von Frauen gestellt und professionell beantwortet werden. Es soll nicht um den heißen Brei herumgeredet, sondern endlich zum Punkt gekommen werden. Um das Ganze bildlich zu beschreiben: Es geht nicht um den billigen Grapscher, sondern um die innige Umarmung. Es soll informativ und brauchbar sein, menschlich und seriös.

 

1) Bei vielen Frauen klappt es mit dem Sexualleben nach der Schwangerschaft so, wie es davor war. Bei vielen anderen leider nicht. Ihre Wahrnehmung vom eigenen Körper& die Überforderung mit der neuen Aufgabe als Mutter, spiegelt sich in allem wieder. Woher kommt das& was kann Frau dagegen tun?
"Aus meiner Sicht ist es für Frauen (und auch für Männer selbstverständlich) wichtig, zu verstehen, dass wir immer sexuelle Wesen sind, ganz unabhängig davon, ob wir aktiv Sex haben oder nicht. Sexualität ist eine Kraft im Leben eines jeden Menschen, auch, wenn man - aus welchen Gründen auch immer - gerade kein aktives Sexualleben hat oder leben kann. Dieses Verständnis kann eventuell ein bisschen Erleichterung bringen - im Sinne der Selbstliebe und Selbstakzeptanz. Wir müssen nichts tun, um sexuelle Wesen zu sein, wir sind es ganz einfach.

Klarerweise löst diese Sichtweise aber nicht die Problematik einer frischgebackenen Mutter, welche ihren Körper oder Teile davon ablehnt bzw. nicht mehr attraktiv findet und die sich deshalb nicht mehr so frei ihrer aktiv gelebten Sexualität hingeben kann. An dieser Stelle kann es hilfreich sein, zu unterscheiden, ob die Frau, welche nun auch Mutter ist, Lust verspürt und sich aus Scham und/oder Selbstablehnung nicht mehr sexuell mit dem Partner verbinden kann/möchte oder ob es - durch die genannten Gründe oder aufgrund anderer Ursachen (Schlafmangel, Überforderung, ….) bzw. eventuell durch starke hormonelle Schwankungen - zu einem Libidoverlust gekommen ist, sprich, dass die junge Mutter schlichtweg keine Lust auf Sex hat und unter dieser Lustlosigkeit leidet. Erste Abklärung beim/bei der Gynäkologen/in bzw. auch bei anderen FachärztInnen (Stichwort postpartale Depression) kann in manchen Fällen wichtige Klärung bringen.

Oft ist aber aus medizinischer Sicht alles in Ordnung, und dennoch: Man findet sich als Mutter in einem postpartalen Körper wieder, der nicht mehr jener ist, den man vor der Schwangerschaft/Geburt bewohnt hat. Nun bleibt aber gerade mit einem Neugeborenen wenig Zeit, sich ausgiebig und vielleicht sogar sinnlich um den „eigenen Tempel“ zu kümmern, im Gegenteil: Viele Mütter nicken sicher, wenn ich sage, welcher Luxus eine 2-Minuten-Dusche zwischendurch sein kann, wenn daneben ein Baby die Mama fordert. Das Selbstpflegeprogramm, welches vor der Zeit des Mutterseins selbstverständlicher Teil des Alltags war, wird oft auf ein Minimalprogramm reduziert. In der Beratung nennen Frauen dies oft als einen Grund, sich selbst nicht mehr so attraktiv zu finden. Und hier sind wir an einem wichtigen Punkt angelangt:
Wessen Erwartungen möchte ich erfüllen? Fühle ich mich wirklich unwohl in meinem neuen Körper, der ohnehin ständigen Schwankungen ausgesetzt ist und sich ununterbrochen verändert, oder fühle ich mich unwohl mit mir in meinem Umfeld, weil ich denke, plötzlich nicht mehr dem gängigen, kollektiv kreierten Frauenbild zu entsprechen? Wie sehr und aus welchen Gründen möchte ich überhaupt einem bestimmten körperlichen Ideal entsprechen? Was genau kann ich an meiner momentanen Körperlichkeit nicht akzeptieren - und welche Gründe hat das? Diese und ähnliche Fragen können helfen, in Selbstreflexion, im Austausch mit anderen Müttern und/oder Freundinnen oder auch in einer Beratung klar zu werden, welche Faktoren (mit)verantwortlich für die Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper sind.

 

Ich persönlich finde es überaus wichtig, zu begreifen, dass man nichts gegen diese Gefühle tun muss, sondern dass man Strategien finden darf und kann für das neue (nicht nur körperliche) Selbst als Mutter. Dieser Perspektivenwechsel kann viel Erfüllung bringen, denn er hilft, zu erkennen, dass man durch die Rolle als Mutter auch die Möglichkeit hat, viele Aspekte des Lebens anders, quasi frisch zu betrachten, so auch den eigenen Körper. Die Strategien, die man lernt, um als Mutter zu bestehen, können auch in anderen Lebensbereichen neue und bereichernde Ressourcen sein. Eine aktiv gelebte, erfüllte Sexualität beginnt immer bei einem selbst: Selbstliebe, Selbstfürsorge, sich Zeit lassen, zu entdecken, was man braucht und möchte. Gut sein zu sich selbst. Sich anzunehmen, so, wie man gerade ist (was nicht bedeutet, dass man nichts verändern möchte am eigenen Körper - vielmehr geht es beim Annehmen darum, negative Selbsturteile und -verurteilungen loslassen zu lernen). Das sind definitv Startempfehlungen ins Leben als sexuell aktive und ihre Sexualität genießende Mutter. Ich weiß natürlich, wieviel harte Arbeit dahinterstecken kann, um überhaupt gut zu sich selbst sein zu können, um sich annehmen zu lernen; ganz oft kommen mit dem Mutterdasein grundlegende Lebensthemen ans Licht und man hat die Chance, wieder ein Stück weit mehr die zu werden, die man ist. Ich denke, bei einer Geburt erblickt nicht nur das Baby das Licht der Welt - es wird auch die Mutter neu geboren. Man nährt und sollte auch selbst genährt werden, schauen, wo man sich liebevolle Unterstützung holen und wer helfen und die Mutter selbst mütterlich umsorgen kann. Frauen dürfen lernen, nach Hilfe zu fragen und diese Hilfe auch anzunehmen. In unseren Breitengraden fehlt es oft am sprichwörtlichen Dorf, das man braucht, um ein Kind großzuziehen - kein Wunder also, dass man nach einem Tag alleine (und oft auch isoliert, gerade in den Wochen nach der Geburt, in denen noch alles neu und ungewohnt ist) mit Baby erschöpft ins Bett fällt, um wenigstens ein oder zwei Stunden am Stück schlafen zu können. Sich selbst zu nähren (mit allem, was einem gut tut und zur Verfügung steht) und zu erkennen, wovon und von wem man genährt und unterstützt werden kann als gerade geborene Mutter, ist ein ganz wichtiger Aspekt, der auch untrennbar mit Sexualität verbunden ist."

2) Wie kann der Partner in so einem Fall unterstützen?

"Bei der Geburt werden nicht nur Babys und Mütter, sondern auch Väter geboren. Der Partner hat nun, wie auch die Mutter, völlig neue Aufgaben zu bewältigen, die auch überwältigend sein können zu Beginn. Familienstrukturen existieren nicht per se, sie enstehen und wachsen und sind dynamische Systeme. Wenn man das erste Mal Eltern wird, ist es oftmals aufregend, verwirrend, spannend und manchmal auch frustrierend, den Partner/die Partnerin in der neuen Rolle als Vater/Mutter zu erleben. Ein Teil jener Zeit, die vorm Elternsein für Zweisamkeit zur Verfügung stand, wird nun zur Betreuung des Kindes aufgewandt. Im Idealfall bauen beide Elternteile eine jeweils eigene Beziehung zum Kind auf und auch dies erfordert Zeit und Kraft. Müdigkeit, Schlafmangel und unerfüllte Bedürfnisse bestimmen plötzlich neben der übermenschlich großen Freude über den Nachwuchs den Alltag. Zeit, einander auf sämtlichen Ebenen innig zu begegnen und somit auch Zeit für gelebte Sexualität scheint oftmals auf der Strecke zu bleiben. Mütter und auch Väter setzen sich durch hohe, kaum erfüllbare Ansprüche an sich selbst und an den anderen oft sehr unter Druck.

 

Wir haben seit der Geburt unseres Kindes keinen Sex mehr“, ist ein Satz, der in der Beratung immer wieder einmal fällt. Wirklich? Ist das so? Wenn tatsächlich von Geschlechtsverkehr die Rede ist, dann entspricht diese Äußerung oftmals der Wahrheit. Viele Frauen brauchen nach einer Geburt Zeit, um sich körperlich (und auch in anderer Hinsicht) wieder vollständig zu erholen, Geburtsnarben jeglicher Art wollen Ruhe, um heilen zu können. Von welchem Zeitraum sprechen wir hier? Das ist individuell völlig verschieden, es kann sich dabei um wenige Wochen, mehrere Monate oder auch um längere Zeitintervalle handeln, in denen Geschlechtsverkehr für Frauen körperlich schmerzhaft, unangenehm oder einfach kein Thema ist. Abgesehen von Geburtsverletzungen möchten Frauen nach der Geburt manchmal keinen Geschlechtsverkehr, da sie sich selbst nicht als attraktiv erachten oder fürchten, ihr Partner könnte sie als Frau nicht mehr ansprechend finden (hier kann es, wie schon weiter oben ausführlicher erwähnt, sehr wertvoll für das positive Selbstbild der Frau sein, zu hinterfragen, auf welchen (kollektiven) Bildern diese Vorstellungen von Attraktivität eigentlich aufgebaut sind und ob sie nährend und somit dienlich oder eher energieraubend und daher vielleicht verzicht- oder ersetzbar sind). Nicht selten triggern diese Situationen Verlustängste und Frauen fürchten plötzlich nicht nur, ihren Partner zu verlieren, sondern mit ihm auch den Vater ihres neugeborenen Kindes und damit auch eine Stütze, auf die sie vertrauen. Wichtig ist hier Kommunikation. Der Partner, der ja auch erst in seine neue Rolle als Vater hineinwächst, kann nicht automatisch wissen, was in seiner Partnerin vorgeht, ebenso verhält es sich selbstverständlich umgekehrt. Miteinander reden, sich ehrlich mitzuteilen, auch die eigenen Ängste anzusprechen kann heilsam und vor allem effektiv sein, denn man spart wertvolle Zeit der Ungewisstheit in Bezug auf die Befindlichkeit des Partners/der Partnerin ein, indem angesprochen wird, was danach drängt, angesprochen zu werden - vor allem alles, was Angst, Frust und Wut bereitet. Ebenso sollte man den positiven Entwicklungen Gesprächszeit widmen, so dass der Fokus auch auf alle Aspekte des Miteinanders gelenkt wird, die Freude und auch Lust bereiten. Lust ist das Stichwort - denn selbst, wenn aus verschiedenen Gründen kein Geschlechtsverkehr stattfindet/-en kann, heißt das noch lange nicht, dass man als Paar keine Sexualität lebt. Es gilt, lustvoll zu entdecken, wo die Sexualität überall Platz hat. Das kann ein Kuss sein zwischendurch, oder eine innige Umarmung vorm Einschlafen. Selbst ein Blick kann Sex sein. Was als bedrückend oder beengend erlebt wird (z.B. eben, dass man nach einer Geburt eine Zeit lang auf Geschlechtsverkehr verzichten muss/möchte), kann so zu einer Erweiterung des gemeinsamen sexuellen Horizonts führen, kann Grund sein, einander auf andere Art und Weise zu begegenen und zu erleben als bisher. Das Mutter- und Vaterwerden ermöglicht uns so, einander neu und näher kennenzulernen, gerade auch in sexueller Hinsicht. Wenn über einen längeren Zeitraum das Gefühl der (sexuellen) Stagnation vorherrscht, gibt es Hilfe, die man in Anspruch nehmen kann und man sollte sich nicht davor scheuen, dies auch zu tun. Als Paar, welches auch Mutter und Vater ist, hat man vor allem in den ersten Jahren manchmal eine Art Tunnelblick und ist (ganz natürlich) fixiert auf die eigene Familie. Impulse von außen können neue Perspektiven ermöglichen, damit kommen mehr Raum und Bewgungsmöglichkeit in die Beziehung und man nimmt wieder mehr Handlungsspielraum wahr, gerade auch in der Sexualität."

Illustration:Netzfundstück, unknown Artist.

Seen at doulacollective

 

 

 

 

Mag. Bianca Meusburger-Waldhardt ist Pädagogin & Lebens- und Sozialberaterin mit den Schwerpunkten Sexualität und Gewaltprävention. Die Arbeit mit Menschen an ihren individuellen Prozessen von Bewusstwerdung und Entwicklung ist für sie nicht nur Beruf, sondern Berufung. Zu ihrem Workshopangebot zählen auch Kurse speziell für Mädchen & Frauen, darunter auch Workshops nur für Mütter (Workshopangebot 2018 ab November auf der Homepage ersichtlich). 

 

 

 

 

Hast auch du Fragen, die du gern stellen würdest?
Hier werden die Fragen anonym gesammelt und anschließend den Sexualberaterinnen gestellt und von ihnen bearbeitet. Die Antworten kommen dann je nach Thematik online.

Please reload

  • Facebook Social Icon
  • Instagram Social Icon
Recent Posts

July 8, 2019

June 20, 2019

June 13, 2019

November 28, 2018

Please reload

  • Facebook Social Icon
  • Instagram Social Icon

©2019 Made with multicultural Humor since July 2016