Der Einsatz

October 31, 2017

Das Projekt #EinefürAlle soll zeigen, dass Frauen gemeinsam viel erreichen können. Internes Womenbashing steigt und diese Arbeit ist die klare Antwort darauf:
*I see all my Sisters together and i see them united*

Zusammenhalt statt Riesenspalt! Ja, wir sind unterschiedlich, aber ist das nicht ein Grund, um erst recht Hand in Hand durch diese Welt zu gehen und zu zeigen, dass unsere Weiblichkeit Gemeinsamkeit genug ist, damit jede von uns für alle anderen steht?
(Vorschauvideo: #EineFürAlle)

Ich bin sehr behütet aufgewachsen. Meine Eltern lebten mir die Gleichberechtigung vor, und es gab nie etwas, dass sie mir abschlugen mit den Worten „Du kannst das nicht, weil du ein Mädchen bist.“

Ich machte die Ausbildung zur Köchin/ Restaurantfachfrau. In der dortigen Schule zeigte sich, dass dies eindeutig eine Männerdomäne ist. Nach der Ausbildung arbeitete ich auch einige Jahre in der Gastronomie, und ich muss ganz ehrlich gestehen: Mir wäre noch nie aufgefallen, dass ich unterdrückt oder bevormundet werde. Auch wurde ich nie zweitrangig behandelt oder schlechter bezahlt als meine Kollegen. Natürlich gab es die eine oder andere Stichelei bzw Witzelei „…weil du ein Mädl bist…“. Nun, meine Antwort darauf ließ nie lange auf sich warten und war meistens in einer kleinen Retourstichelei verpackt. Ich wurde so erzogen, dass ich mir nichts gefallen lassen muss, und dass es am besten ist, Dinge die mir nicht gefallen, sofort anzusprechen bzw. ein Verhalten, dass ich nicht dulde, sofort einzustellen.

                                             

Nach einigen Jahren wechselte ich meinen Beruf und ging zur Polizei. Wieder eine Männerdomäne. Noch immer kann ich behaupten, dass ich mit der Art, die mir meine Eltern in die Wiege gelegt haben, immer gut gefahren bin. Eine Zeit lang habe ich gar nicht verstanden, wie es möglich sein kann, dass Frauen sich überhaupt unterdrücken lassen konnten. Ich verstand es wirklich nicht. Ich war der festen Überzeugung: Solche Frauen suchen sich die Opferrolle selbst aus.

 

Ich sitze mit meinem Funkwagenpartner im Wagen und wir fahren auf Streife. Wir plaudern über unsere Ehepartner und über unsere Kinder. Über Probleme während der Trotzphase und über Ausflugsziele für Familien. Plötzlich kommt ein Funkspruch: „Der Nachbar macht sich Sorgen – er hört Hilferufe einer Frau.“ Wir sind schnell an der Adresse eingetroffen und begeben uns in den 3. Stock. Wir hätten die genaue Türnummer gar nicht gebraucht, so laut hört man die Schreie. Mein Kollege hämmert gegen die Wohnungstüre, plötzlich wird es darin still. Wenige Sekunden danach öffnet uns ein Mann die Wohnung. Überall ist Blut, an den Händen des Mannes klebt noch ein Haarbüschel. Ich frage ihn was passiert ist,  aber er gibt mir keine Antwort. Mein Kollege sichert ihn damit ich in der Wohnung nach der Frau suchen kann. Ich sehe eine nackte Frau am Boden liegen. Blutüberströmt wimmert sie in sich hinein. Ich rufe die Rettung und versuche nochmals die Sachlage zu klären. Sie erklärt mir, dass ihr Mann betrunken nach Hause kam, und sie zu streiten begannen. Danach attackierte er sie. Er schlug sie mehrmals ins Gesicht. Er hat ihr die Kleider vom Leib gerissen, weil er sagt, er habe das bezahlt. Die Frau  wird von der Rettung verarztet. Sie will nicht mit ins Krankenhaus, zu groß ist die Scham über den Vorfall. Ich kann sie überreden mit uns mitzukommen, damit wir ihre Aussage aufnehmen können. Der Mann wird von uns festgenommen und in das Wachzimmer gebracht. Dort arbeiten wir das gängige Prozedere ab. Anzeige – Vernehmung – Maßnahmen. Nach der Aussage der Frau möchte ich den Mann befragen. Ich gehe in das andere Zimmer und stelle meine Fragen. Der Mann beachtet mich nicht. Mein Kollege bemerkt es zuerst:

Der Mann hat ein Problem mit Frauen. Das ist mir neu. Ich habe schon oft erlebt, dass jemand ein Problem mit mir hat, nur weil ich ein Uniform trage. Aber niemals, weil ich eine Frau bin. Ich versuche es erneut, aber ich werde noch nicht einmal ignoriert. Mein Kollege fragt den Mann, ob er ein Problem mit dem Gehör hat, schließlich wurde ihm gerade eine Frage gestellt. Nun spricht der Mann, jedoch nur zu meinem Kollegen: „Hören Sie, ich beantworte alle Fragen, aber ich spreche nicht mit Frauen. Die sind nur zum Vögeln da.“

Wir sind sprachlos. Ich bin sprachlos und machtlos - das kenne ich nicht.

Schließlich finde ich meine Fassung wieder und fange zum Schimpfen an. Der Mann lächelt und deutet mir ich solle gehen. Mir wird speiübel ob meiner Machtlosigkeit. Dieser Mann hat gerade seine Frau verprügelt, und nun kommandiert er auf mir herum?

Ich mache eine Kehrtwendung und stampfe in mein Zimmer. Dort sitzt noch immer die Frau mit ihren Verletzungen. Ich erkläre ihr, dass der Mann nun für eine zeitlang nicht nach Hause kommen darf. Sie ist ebenfalls fassungslos, jedoch aus anderem Grund: „Aber wenn er nüchtern ist, ist er ganz ein anderer Mensch!“ Ich gebe ihr sämtliche Kontaktdaten von Opferberatungen, Interventionsstellen, Frauenhäusern und Frauennotrufnummern. Ich beknie die Frau diese Angebote zu nutzen, um von diesem Unmensch loszukommen. Ich appelliere an ihre Vernunft und an ihren Überlebenswillen. Ich halte eine brennende Ansprache über Frauenrechte, Gleichberechtigung und die Stärke der Frau an sich. Ich weiß aber nicht, ob das alles bei ihr überhaupt ankommt. Letztendlich biete ich ihr an, bei Problemen jederzeit hierher kommen zu können.

Nach der Aussage des Mannes rufe ich den Staatsanwalt an. Insgeheim hoffe ich, dass eine Staatsanwältin abhebt, welche mir eine Untersuchungshaft für diesen Unhold verfügt. Ich habe Glück, es hebt eine Frau ab. Ich schildere das Vorgefallene, und bin guter Hoffnung. Leider währt diese nicht lange, da der Man bis dato unbescholten ist und keine Fluchtgefahr oder Wiederholungsgefahr besteht, werde er auf freiem Fuße angezeigt.

Ich koche innerlich vor Wut, aber ich füge mich der Justiz (bleibt mir ja nichts anderes übrig) und gebe das dem Kollegen weiter.

 

Als der Mann das Wachzimmer verlässt sage ich ihm noch, dass er eine Anzeige von mir bekommt. Sein Verhalten mir gegenüber sollte nicht ungestraft bleiben. Er lächelt und schickt mir einen Kussmund.

 

Eigentlich kann mir so ein Mensch egal sein. Ich habe meine Arbeit erledigt. Ich habe ihn aus der Wohnung verwiesen, ich habe ihm verboten in nächster Zeit zurückzukehren. Außerdem ist ein Verfahren eingeleitet worden, und zusätzlich bekommt er noch eine saftige Strafe für sein Verhalten mir gegenüber. Wenn ich Glück habe, bekomme ich diesen Menschen nie wieder zu Gesicht. Insgeheim hoffe ich auf eine Richterin die ihn vor Gericht verurteilt, sofern es nicht zu einem Vergleich kommt.

Trotzdem  ist es mir nicht egal. Ich habe zum ersten Mal erfahren, was es bedeutet einem Mann machtlos gegenüber zu stehen. Und das auch noch in Uniform. Das ist wie eine doppelte Ohrfeige. Es hat mich auf eine Art und Weis gekränkt, die ich absolut nicht kenne.  

Mir war nie bewusst, dass die Tatsache „Frau sein“ ein Angriffspunkt sein kann.

Wieder etwas dazugelernt.

 

Als ich nach Hause komme, umarme ich meine beiden Söhne. Ich nehme mir fest vor, alles in meiner Macht stehende zu tun, um sie zu Männern zu erziehen, die es nicht nötig haben eine Frau, oder überhaupt einen anderen Menschen, zu diskriminieren, herabzuwürdigen oder schlecht zu behandeln. 

 

Fotocredit: Asma Aiad

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