Was Gewalt in uns zerstört

November 6, 2017

Note: #MAMASTE ist durch Zufall enstanden. In den letzten 10 Jahren habe ich Frauen/ Mütter auf der ganzen Welt zu unterschiedlichsten Themen interviewt und dabei sind einige interessante Geschichten entstanden. Bis dato hatte ich noch nicht die Gelegenheit diese überaus einzigartigen Erzählungen auf eine passende Plattform zu posten. Da ich nun eine eigene Mama-Seite habe (endlich) , wurde aus dem Wort #Namaste für mich #Mamaste. Die Leben dieser besonderen Frauen, die mir höchstprivate Dinge (mit dem Wissen ich würde sie irgendwann veröffentlichen) anvertraut haben, finden nun hier ihren verdienten Ehrenplatz.In diesem Sinne: #Mamaste

Meine Mutter hat mich immer schon geschlagen. Immer. Wenn ich an meine Kindheit zurückdenke, dann ist ihre Gewalt gegen mich ein wesentlicher Teil dieser Erinnerung. Für eine sehr lange Zeit. Sicher noch bis zu meiner Pubertät. Ich glaube, dass sie mit mir und meinen Schwestern einfach überfordert war. Sie war alleinerziehende Mutter mit drei Töchtern und ich war die Älteste, ich bekam am meisten ab. Ich glaube echt, dass es ihr einfach zu viel war. Als Kind habe ich natürlich nicht so gedacht. Als Kind war ich wütend, verängstigt und hatte keine Ahnung, warum ich die Watschen einpacken musste. Meine Arme waren oft grün und blau. Sie hat mich oft in die Arme gezwickt, damit man mir im Gesicht nichts anmerkt und in der Schule keine Fragen gestellt werden. Ich wollte so oft zurückschlagen, weil mich die Schläge so wütend gemacht haben, aber ich wusste, sie war viel stärker als ich. Ich habe immer die Schuld bei mir gesucht, aber nichts was ich tat, war es meiner Meinung nach wert, dass ich so von ihr behandelt werde.
Heute bin ich selber Mutter. Ich habe eine Tochter und auch ich bin alleinerziehend. Mein ganzes Leben lang war ich ein Gewaltopfer, bis ich selber eine überforderte Mutter wurde, die ihrer Tochter hin und wieder einen Klaps gibt.
Ich war alleine. Ich hatte niemanden. Mein Freund hat mich verlassen als ich schwanger war und zweifelte selbst nach dem positiven Vaterschaftstest die Vaterschaft an. Es gibt Tage, da wird es mir einfach zu viel. Da möchte ich den blöden Saft nicht zwanzig Mal vom Boden aufwischen, sie dreimal umziehen, Glasscherben aufwischen und erklären müssen, dass man mit Essen nicht herumwirft. Es gibt Tage, da würde ich gerne alleine aufs Klo gehen, alleine duschen und nicht die ganze Nacht unruhig schlafen, das auch noch wochenlang. Es gibt Tage, da möchte ich das Kind sein. An Tagen, wo das alles nicht funktionierte, fraß ich meinen Frust und meine Wut in mich hinein. Und eines Tages, sie hatte wieder ein Glas zerbrochen und wollte sich die Glasscherben in den Mund stecken, da stieß ich sie weg, damit sie es nicht tut. Dieser Stoß tat mir sooooo gut.

In diesem Augenblick habe ich verstanden, wieso mich meine Mutter damals schlug: Sie tat es für sich. Sie ließ ihre Wut an mir aus. Und ich tat nun dasselbe. Mehrmals. Ich fühlte mich in dem Moment gut. Danach, aber mies und voller Reue. Ich habe sie einmal, paar Monate später, im Gesicht erwischt. Damals war sie drei Jahre alt. Sie sah mich an, hielt ihre Tränen zurück und ging in eine Ecke im Haus. Sie stand dort und schlug ihren Kopf weinend gegen die Wand. In diesem Moment sah ich mich selbst in ihr, als ich noch ein Kind war. Ich erkannte meine damalige Hilflosigkeit in ihren fragenden Blick "Was habe ich ihr bloß getan?"

Ich wollte diese Person nicht sein. Ich wollte nicht mehr diese Mutter sein!!! ich wollte nicht mehr meine Mutter sein. Ich rannte zu ihr, nahm sie in den Arm und versprach ihr, das niemals wieder zu tun. Sie umarmte mich zurück, wir weinten beide. Ich habe mich bei ihr entschuldigt. Das ist schon Jahre her und ich habe und werde nie wieder meine Hand gegen sie heben. Nie wieder. Ich habe gelernt, dass wir mit jedem Schlag ein bisschen Liebe in unseren Kindern zerstören. Mit jedem Schrei, nehmen wir ihnen ein wenig Persönlichkeit weg. Ich habe mit Kickboxen angefangen, um meine Wut dort rauszulassen, wo sie keinem schadet. Ich bin einem Anger Managementkurs beigetreten und ich habe einen Tag im Monat, den ich für mich habe. Meine Tochter und ich sind heute unzertrennlich.
Ich habe durch diese Erfahrung sehr viel gelernt:
Wenn wir unsere Kinder schlagen, tun wir das nicht, weil sie etwas Falsches getan haben, sondern, weil wir uns nicht unter Kontrolle haben. Ich hätte mir schon Hilfe holen sollen, als ich das Gefühl hatte, überfordert zu sein. Das habe ich aber nicht getan, weil ich dachte, es sei normal. Mein Appell an Mütter, die ihre Kinder schlagen, oder manchmal kurz davor sind ist, sich Hilfe zu holen. Eine Kampfsportart anuzfangen, Yoga zu machen, oder sich bei der Betreuung Unterstützung zu holen. Ich kann versichern, dass Mütter, die ihre Kinder nicht schlagen, mindestens einmal kurz davor waren. So fing es bei mir an. So fing es wahrscheinlich auch bei meiner Mutter an. Als meine Mutter starb, war ich nicht bei ihr. Ich habe Jahre davor keinen Kontakt mehr zu ihr gehabt. Sie hat mich mehrmals krankenhausreif geschlagen. Sie war meine Mutter und als sie starb, empfand ich nichts. Wissen Sie wieso? Mit jedem Schlag, stirbt ein Stück Liebe und ich hatte keine mehr für sie übrig.

 

Note: #MAMASTE ist durch Zufall enstanden. In den letzten 10 Jahren habe ich Frauen/ Mütter auf der ganzen Welt zu unterschiedlichsten Themen interviewt und dabei sind einige interessante Geschichten entstanden. Bis dato hatte ich noch nicht die Gelegenheit diese überaus einzigartigen Erzählungen auf eine passende Plattform zu posten. Da ich nun eine eigene Mama-Seite habe (endlich) , wurde aus dem Wort #Namaste für mich #Mamaste. Die Leben dieser besonderen Frauen, die mir höchstprivate Dinge (mit dem Wissen ich würde sie irgendwann veröffentlichen) anvertraut haben, finden nun hier ihren verdienten Ehrenplatz.In diesem Sinne: #Mamaste

 

Fotocredit: wix.com

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