Nach mir die Maares - Über die Identitätsstiftung meines Nachnamens

November 14, 2017

Das Projekt #EinefürAlle soll zeigen, dass Frauen gemeinsam viel erreichen können. Internes Womenbashing steigt und diese Arbeit ist die klare Antwort darauf:
*I see all my Sisters together and i see them united*

Zusammenhalt statt Riesenspalt! Ja, wir sind unterschiedlich, aber ist das nicht ein Grund, um erst recht Hand in Hand durch diese Welt zu gehen und zu zeigen, dass unsere Weiblichkeit Gemeinsamkeit genug ist, damit jede von uns für alle anderen steht?
(Vorschauvideo: #EineFürAlle)

 

2009 zogen mein Freund und ich nach Wien. Bei der Suche nach Freunden bemerkte ich zum ersten Mal in meinem Leben, dass ich im Gespräch mit manchen unsichtbar wurde. Wie in der Scrubs-Folge, in der J.D. Dr. Kim Briggs zum ersten Mal wahrnimmt als sie keinen Ehering mehr trägt, flauten die Gespräche mit Studienkollegen ab, sobald ich erwähnte, dass ich mit meinem Freund zusammenlebe, also vermutlich ernsthaft gebunden bin. War ich bisher mit Menschen befreundet, hatte ich jetzt plötzlich vor allem Freundinnen und später einen kleinen Kreis von Freunden, die wir gemeinsam kennengelernt hatten. Irgendwann wurden wir für diese Freunde „die Webers“, nach seinem Familiennamen. „Gehen wir am Wochenende zu den Webers?“ „Was ist mit den Webers?“ Als ich zum ersten Mal davon hörte, wurde ich wütend, ich fühlte mich vereinnahmt. Ich habe nichts dagegen, als Teil einer Entität wahrgenommen zu werden, doch in dem Namen „Webers“ war ich nicht mehr vorhanden.

 

Vielleicht habe ich eine besondere Beziehung zu meinem Namen. Als meine Eltern 1986 heirateten, entschieden sie sich als Familiennamen für den Nachnamen meiner Mutter, den schöneren. Mein Vater trägt seither einen Doppel-Namen, der sonst eher typisch für Ehefrauen ist und meine Geschwister und ich sind die erste Generation einer matriarchalen Übertragung des Familiennamens. Es ist ein schöner Name und er ist selten; über die Jahre des Buchstabierens „M-zwei A-R-Eh-Es“ habe ich ihn liebgewonnen.

 

Doch gleichzeitig sind meine Erlebnisse auch Beispiele der immer noch verankerten Ungleichwertigkeit der Frauen in unserer Gesellschaft. Die Autorin und Essayistin Rebecca Solnit schreibt davon, wie Mütter und deren Mütter, Väter, Großmütter, Großväter etc. in unseren Stammbäumen und in unserem Gedächtnis ausgelöscht werden durch die Übertragung des väterlichen Nachnamens. Über den Namen ist die Frau Teil des Mannes und der Familie seines Vaters. Die Frau gehört überspitzt ausgedrückt dem Mann, der Name markiert das Eigentum, selbst wenn das Gesetz das nicht mehr zulässt. Das bringt mich zurück zu meiner Un-Sichtbarkeit am Anfang dieses Textes. In dieser Form werden Frauen nicht als gleichwertige Menschen wahrgenommen, sie werden als potentielles Paarungsobjekt gesehen, solange sie frei sind und nicht jemand anderem gehören. Genauso wird das Thema sexuelle Belästigung für manche Männer erst schlimm, wenn sie sich vorstellen, dass es ihre Tochter oder Schwester treffen könnte, wie in aktuellen Wortmeldungen zu #metoo zu lesen ist.

 

Ich wünsche mir, dass wir die schöneren Namen wählen und nicht den väterlichen, nur der Tradition wegen. Dass neue Paare neue Spitznamen bekommen. Und dass Freundschaften durch gleiche Interessen und allgemeine Neugier entstehen und nicht durch das Geschlecht bestimmt.

 

 Fotocredit: Asma Aiad



ENGLISH VERSION:

Maares stay – on maternal names and identity
My boyfriend and I moved to Vienna in 2009. I was looking for new friends and for the very first time I became aware of turning invisible to some people while chatting. Similar to that one Scrubs episode where Dr. Kim Briggs is only noticed by J.D. after she took of her wedding ring, conversations just sagged as soon as I mentioned living with my boyfriend. I used to have close friendships with both boys and girls, but now my friends were suddenly all girls. Today, most of my male friends in Vienna have met me and my boyfriend together. Eventually our closest friends started calling us the “Webers”, my boyfriend’s last name. “Has anyone told the Webers?” “Are we meeting at the Webers this weekend?” “What about the Webers?”. I felt flabbergasted, angry and monopolized, when I first heard about it. I have no problem being considered a part of an entity, but I am not represented in the name “Weber” anymore. I might have a special connection to my name. When my parents married in 1986, they chose my mom’s name, the finer one, for our family. Instead of the wife, my father is the one carrying a compound name, and my siblings and I are the first generation of a maternal transfer of the family name. It is a pretty name, and it is rare. I grew fond of it over the years of almost daily spelling “M-two A-R-E-S”. My experiences are, at the same time, examples of a still persisting disparity of women in our society. The author and essayist Rebecca Solnit writes about how mothers and their mothers, fathers, grandmothers, grandfathers and so on, are continuously erased from our family trees and thus also memories through the transfer of the paternal family name. The woman turns into part of her husband and his paternal family. Exaggerated, she belongs to her husband, his name marks his property, even if modern law does not allow it anymore. Which brings me back to my invisibility at the beginning of this text. For some, women are still not perceived as equal human beings and not equally valued, they are objectified as potential mating material as long as they are seemingly free and do not belong someone else. Similarly, these men can only turn against sexual harassment when they imagine their daughter or sister being harassed (as can be seen in #metoo comments). It should not need these forms of empathetic metaphor to be against this molestation. I hope that we will choose the finer names and not the paternal on, just because that is “how you do it”. That new couples are named innovative nicknames. And that friendships are always sparked by similar interests and curiosity and not gender.

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