Weihnachten für eine Muslima

December 22, 2017

Das erste Fest, das ich als Kind feierte und eine große Rolle in meinen Kindheitserinnerungen spielt, ist Weihnachten. Ich war damals neu im Kindergarten und durfte das erste Türchen des Adventskalenders öffnen.


Die Kindergartentanten hatten mich sehr herzlich empfangen und erklärt, dass bald Weihnachten sei. Es ist ein Fest, das ein neues Leben und das Beisammensein von Menschen feiert, die von überall herkommen, sagten sie. Nicht nur die Geburt Jesu, sondern das Leben an sich und das Zusammensein von Menschen steht im Fokus dieses Festes. Es wurden Weihnachtslieder gesungen und am Montag nach jedem Adventssonntag, wurde eine Kerze mehr am Adventskranz angezündet, den wir alle gemeinsam gebastelt hatten. Unsere Nachbarin im Haus hatte meine Mutter darum gebeten, unsere Schuhe draußen bei der Haustüre zu lassen. Am nächsten Morgen waren unsere Schuhe mit Süßigkeiten gefüllt. Wir kamen aus dem Staunen nicht mehr heraus und luden sie und ihren Sohn auf arabische Köstlichkeiten ein. Damals wohnten wir noch in der Nähe vom Kinzerplatz und es war dieselbe Nachbarin, die uns zu unseren ersten Perchten mitgenommen hatte. Sie hatte einen Sohn der so alt war, wie mein Bruder und die zwei wurden schnell Freunde. Lichter schmückten die Stadt, überall roch es nach Apfel und Zimt, Wien wurde zur zauberhaften Schneelandschaft und es war alles bereit für das Christkind. Wir warteten nur darauf. Im Kindergarten mussten wir das Christkind malen. Es durfte alles sein. Ein Kind malte es als Burschen. Ein anderes, mit zwei Köpfen und ich malte meine Nachbarin. Sie war mein Christkind. Die Gesichter der Menschen auf den Straßen waren zwar immer noch mit dem Wienergrant auszuzeichnen, dennoch spürte man irgendwie ihre Zufriedenheit. Heute, als erwachsene Frau, ist für mich dieses Fest wichtiger als je zuvor. Weihnachten ist nichts Österreichisches, sondern Menschliches. Nicht nur ein neues Leben, sondern das Leben an sich wird gefeiert, denke ich. Das Zusammensein von Menschen aus aller Welt, die beisammen sitzen, essen, trinken und weder an Herkunft, noch an Religion anderer ihren Standpunkt diesen Menschen gegenüber festmachen. Einfach Menschsein. Es hat sich aber vieles seit meiner Kindheit verändert, was Weihnachten betrifft. Menschen denken nun anders. Menschen, die Stiefel anderer füllen, um sie herzlich in ihre Bräuche aufzunehmen, sind viel weniger geworden. Menschen würde am liebsten niemanden mehr irgendwo aufnehmen, nicht einmal gedanklich. Wir werden so aufeinander gehetzt, dass man sich nur noch auf das verharrt, was man kennt und darum bangt, es würde einem bald weggenommen werden. Wir gehen keine Schritte mehr aufeinander zu, keinen einzigen, nicht einmal im Kopf. Was wir dabei vergessen ist, die kürzeste Strecke zwischen zwei Menschen ist deren Geschichte und ich glaube noch an sie, die Menschen, die deine Geschichte hören wollen und dir die ihre erzählen. Menschen, die begeisterte Christkinder unserer Zeit sind und fremde Menschen mit Süßigkeiten in den Stiefel und süßen Wörtern auf der Zunge empfangen. Menschen, die keine Berührungsängste haben und gerade zu Weihnachten den Sinn des Zusammenkommens nicht vergessen, sondern ganz groß schreiben. Ich weiß, vor über zwanzig Jahren war das viel weniger kompliziert, seitdem hat sich viel verändert, aber ich sehe uns Menschen so: Wir sind alle einzigartig unterschiedlich, wie viele Puzzleteile, die nur zusammengesetzt ein vollständiges Bild ergeben.

 

Fotocredit: wix.com

 

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