Weibliche Sexualität- finde dich in dir wieder

#LeibUndLiebe ist eine Kategorie rund um die weibliche Sexualität. Und ich möchte das Tabu rund um dieses Thema aufbrechen. Diese Art von Bildung ist meiner Meinung nach sehr wichtig! Ich bin aber keine Sexualberaterin, deswegen hole ich mir professionelle Hilfe von vertrauenswürdigen Sexualberaterinnen, die mit mir an der Kategorie #LeibUndLiebe arbeiten werden. Ich möchte mit diesem Thema niemanden abstoßen, sondern Frauen informieren, indem konkrete Fragen von Frauen gestellt und professionell beantwortet werden. Es soll nicht um den heißen Brei herumgeredet, sondern endlich zum Punkt gekommen werden. Um das Ganze bildlich zu beschreiben: Es geht nicht um den billigen Grapscher, sondern um die innige Umarmung. Es soll informativ und brauchbar sein, menschlich und seriös.

 

 

 

Illustration: Kathrin Honesta

 

 

Anfang November habe ich mit der Sexualberaterin Petra Steiner über Orgasmus, seine unterschiedlichen Bandbreiten, den Einfluss unserer Gedanken und die Reaktionen in unserem Körper gesprochen (den Beitrag dazu findest du hier). Heute spreche ich inhaltlich anschließend an dieses spannende und informative Interview mit zwei Sexualberaterinnen, Beatrix Roidinger und Barbara Zuschnig von E.R.O.S.& du, Zentrum für Sexualberatung und Selbsterfahrung. Sie führen noch weiter in das Thema Lust, Lustlosigkeit, Orgasmus und Orgasmusfähigkeit.

 

Was ist eurer Meinung nach wichtig, um Lust zu erleben?

Das Wichtigste und der erste Schritt ist unserer Meinung nach, sich selbst, seinen Körper und die Reaktionen gut zu kennen. Viele Frauen (und selbstverständlich auch Männer) wissen zu wenig über den eigenen Körper und das was ihnen gut tut. Unser Körper verfügt aber über unterschiedliche Stimulanzpunkte und erotisierende Bereiche. Diese zu entdecken, erweitert das Potential der sexuellen Begegnung. Je mehr man über sich, über sein Geschlecht und Reaktionsverläufe weiß und unterschiedliche Berührungsqualitäten kennt, desto mehr persönliche Handlungsvarianten stehen offen. Wer unterschiedliche Möglichkeiten kennt, kann den ganzen Körper zum erotischen Spielfeld machen. Diese “Erweiterung” trägt  wesentlich dazu bei, dass sich die Dauer und Intensität der sexuellen Begegnung verlängert.

 

Heißt das, dass man umlernen und Neues lernen kann?

Ja, unser Körper ist wunderbar und lernfähig. So wie man in jedem Alter noch ein Instrument oder eine Sport- bzw. Bewegungsart (z. B. tanzen) lernen kann, so kann man auch neue sexuelle Empfindungen lernen. Jede Empfindung ist ein Wechselspiel zwischen Körper und Geist. Das heißt jeder Vorgang auf emotionaler und kognitiver Ebene hat seine Spiegelung im Körper. Und umgekehrt kann man durch Körperarbeit auch mentale Modelle verändern. Auf diesen Überlegungen basiert die Idee der  Übungen, von denen wir später einige ausgewählte vorstellen.

 

Dieses Lernen erfolgt über ausprobieren. Das Prinzip “Trial and Error” gilt auch für sexuelle Handlungen. Wenn eine bestimmte sexuelle Handlung nicht funktioniert, dann sollten wir andere versuchen. Das Spektrum und die Handlungsspielräume sind groß.

Sexuelles Lernen ist eine Entdeckungsreise, bei der wir alle vorgefertigten Meinungen und bisherigen Erfahrungen einmal zur Seite stellen und uns ganz neu erleben können. Viele Menschen erfahren, dass, wenn sie zu experimentieren beginnen, sie den richtigen Mix aus Reizen, Handlungen und Wahrnehmung noch nicht gefunden haben.

Neue Körpererfahrungen lernen wir auch durch Wiederholungen. Es dauert lange, bis sich neue Nervenstränge und Synapsen gebildet haben, die das Belohn- und Lustzentrum aktivieren. Deshalb ermutigen wir jede Frau nicht sofort aufzugeben und sich auf einen längeren Zeitraum einzustellen, indem die ersten Veränderungen spürbar sind. Besonders irritierend kann es sein, dass man bei den ersten Übungen wenig spürt oder sogar negative Empfindungen erlebt. Neues können wir aber nur wirklich spüren, wenn durch Wiederholung die neue Erfahrung in jeder Zelle unseres Körpers abgespeichert ist. Die neuen Handlungen brauchen die Wiederholung bis der Körper lernt, die Reize wahrzunehmen und sie mit positiven Emotionen zu verbinden.

Zusammengefasst kann man sagen: Nichts kann Üben ersetzen. Um Sexualität neu erleben zu können, bedarf es vieler kleiner Schritte. Es gibt keine allgemeingültige Patentlösung für die Veränderung hin zu einer lustvoll erlebten Sexualität. Jede Frau, jeder Mann reagiert einzigartig. Die Veränderung beginnt damit, dass wir uns auf den Weg machen und uns einlassen.

 

Wie kann ich mir solche Übungen konkret vorstellen?

Wie bereits eingangs erwähnt: Wir sehen als ersten und wichtigen Schritt in Kontakt mit sich selbst und seinen eigenen Körperempfindungen zu kommen. Anders ausgedrückt achtsam mit sich selber zu sein. Achtsamkeit beschreibt jenen Zustand, in dem man fühlt und bewusst bemerkt, was im Körper gerade passiert. Ein Mehr an Achtsamkeit eröffnet die Möglichkeit, den Erregungsprozess zu steuern und Reize klarer wahrzunehmen.
Wesentlich dabei ist, den Blick auf das zu lenken was ist und nicht drauf was sein sollte.  Sie fördert man die Bewusstheit für den Augenblick und bringt diesen mit körperlichen und emotionalen Reaktionen in Verbindung. Man kann sich fragen

  • Welche Stärke, welcher Qualität von Berührung nimmt mein Körper auf?

  • Was mag mein Körper mehr, was weniger?

  • Was fühle ich genau?

  • Was spüre ich wo in welchem Körperteil?

  • Was passiert auf mentaler Ebene, welche neue Gedanken tauchen auf?

  • Was bewirken diese Gedanken wiederrum im Körper?

Was ist an diesen Übungen besonders?

Gewünschte Veränderung können nur dann stattfinden, wenn man den Zusammenhang zwischen Reiz und Reaktion erkennt. Überaktivität und Ersatzhandlungen verhindern diese Verbindung und spalten Körperempfindungen von unserer Wahrnehmung ab. Deshalb empfehlen wir Langsamkeit und Achtsamkeit. Sie schaffen wieder den Rahmen für ganz direkte Erfahrungen. In diesen Erfahrungen liegt das Potential für Wachstum und neue, positive Bewertungen. Wenn man sich nicht die Zeit nimmt, bewusst zu fühlen, dann reagiert man wie man es schon immer getan hat. Achtsamkeit verhindert in ein automatisiertes Verhalten abzugleiten.

Mit dem eigenen Körper in Einklang zu sein, ist für das Wohlbefinden und für einen positiven Zugang zu Sex wichtig. Unser Körper reagiert sofort, wenn wir uns in Situationen befinden, die wir als nicht stimmig oder unangenehm empfinden. Unser Atem wird schneller, wir beginnen zu schwitzen, wir verspannen uns. Achtsamkeit ermöglicht, diese Signale wieder bewusst wahrzunehmen. Die Übungen führen behutsam in neue Berührungsarten und lassen uns damit experimentieren. Können wir uns in Situationen hinein entspannen, offen bleiben, können wir die Grenzen sogar etwas auflösen und in dieser Ausdehnung Neues spüren?

 

Für die Übungen selbst ist es uns wichtig zu sagen, dass man nicht darüber nachdenken soll, was eine richtige oder falsche Empfindung ist. Die Frage ist: was empfinde ich? Welche Emotionen kommen hoch? Was ist angenehm und führt mich mehr zu mir selbst? Welche Berührung lässt meine Gedanken abschweifen? Auf diese Weise kann die Landkarte des eigenen Körpers neu gezeichnet werden. Vielleicht werden Landstriche entdeckt, die bisher unentdeckt geblieben sind oder schon lange Zeit unbewohnt sind.

 

Wir haben im Folgenden einige Übungen beschrieben, die Frauen unkompliziert und ohne großen Aufwand durchführen können. Es sind alles Varianten, die frau ausprobieren kann, damit sie mehr über sich und ihre Vulva erfährt. Im ersten Schritt sind es alles Spielarten, die sich auf den äußeren Genitalbereich beziehen. Wir sehen die Vorschläge nicht als Abfolge, sondern als Anregung wie frau sich selbst berühren kann und damit möglicherweise neue Reaktionen entdeckt.

 

Wir empfehlen für alle Übungen sich Zeit zu nehmen, die nicht durch Unruhe und Stress beeinflusst ist. Vielleicht magst du auch den Raum so gestalten wie es für dich entspannend und beruhigend ist. Im Idealfall werden Musik, Temperatur, Licht, Geruch eine heimelige Atmosphäre schaffen.  Öle und Gleitgels, wenn du daran Gefallen findest, kannst du bereitstellen. Wir empfehlen diese zu nutzen, weil sie die Berührungen sanfter und rhythmischer machen.

 

Am Beginn leg dich auf den Rücken, schließ´ die Augen und lass den Atmen fließen. Konzentriere dich auf den Fluss des Atems, der vom Beckenboden hinauf in die Brust und wieder abwärts fließt. Es kann ein richtiger Kreislauf entstehen, der dich trägt.

Reibe deine Hände warm und lege die rechte Hand auf deine Vagina, die linke auf dein Herz. Nun kannst du ganz langsam beginnen deinen Körper zu erkunden, wo immer dich die Hände hintragen, dort streichle dich und verweile ein wenig.

 

Variante 1

Reibe die Hände nochmals ordentlich warm und lege sie nacheinander an die Eierstöcke und deine Gebärmutter.

 

Variante 2
Du kannst kannst dein Becken zu heben, zu kreisen, zu schwingen beginnen. Lass dich leiten von deinem Körper, so wie es sich gut anfühlt. Kreise, wippe, deine Finger und Hände klopfen an den äußeren Venuslippen, am Venushügel.

Du wirst merken wie dein ganzer Bereich warm und weich wird, die Atmung unterstützt diese Entspannung.

 

Variante 3
Berühre deine äußeren Schamlippen. Fahr mit den Fingern entlang bis zum Damm und Anus. Du kannst dich mit dem Fingerdruck spielen, sanfter, fester, klopfend. Beim Klopfen spare keinen Bereich aus, soweit du kommst. Oberschenkel, Po, Schamlippen.

 

Variante 4
Lege deine rechte Hand auf den Venushügel und schüttle sanft den ganzen Bereich. Langsam kannst du mit beiden Fingern von außen die Klitoris drücken. Punktiere einen Punkt, der dir besonders gut tut, bis tief in das Gewebe hinein.

 

Variante 5
Beginne nun zuerst die äußeren, dann die inneren Schamlippen langsam zu zupfen. Hier ist es besonders angenehm, wenn du viel Gleitmittel oder Öle verwendest. Halte die Klitoris zwischen dem Daumen und dem Zeigefinger und drücke sie sanft. Fahre mit deinen Fingern entlang der Schamlippen bis zum Perineum und wieder retour.  

 

Alle beschriebenen Übungen dienen dazu, den Genitalbereich zu lockern, die Muskeln zu entspannen und Nerven zu stimulieren. Keine dieser Übungen hat ein bestimmtes Ziel, auch nicht Erregung herbeizuführen. Spüre nach, wo du dich am wohlsten gefühlst hast? Bei welcher Berührung du nichts gespürt hast? Wo Abwehr hochgestiegen ist oder wo du dich hingezogen gefühlt hast. Es geht nicht um Bewertung, sondern um eine Beschreibung dessen, was du gerade in diesem Augenblick erlebt hast. Diese Übungen erhöhen die Achtsamkeit gegenüber sich selbst und können immer weiter ausgebaut werden, um Erregungsmuster und Schritte zum Orgasmus zu erkunden. Das Wesentlich ist, dass Frauen  über diese Erfahrungen sprechen und reflektieren.

 

Wir unterstützen diese Form der Selbsterfahrung in unseren Beratungen sehr, da wir überzeugt davon sind, dass Frauen (wie Männer) nur über die Reaktionen ihres eigenen Körpers und nicht über vorgefertigte Bilder und stereotype Muster erfahren können, was sie erregt und lustvoll macht. Wir bieten auch Workshops, einige auch nur für Frauen, zu diesem Thema an.



 

 

Beatrix Roidinger und Barbara Zuschnig sind Sexualberaterinnen / Lebens- und Sozialberaterinnen in Wien.

 

 

 

 

 

 

 

Foto: David Payr

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