Bin ich eine gute Mutter?

January 31, 2018

 

Ich knie unter dem Esstisch und versuche verkrampft meine Tränen zu unterdrücken. Aus dem oberen Stockwerk höre ich den Großen brüllen, während der Kleine etwas weiter weg in seinem Lernturm steht und mit seinen Saucenfingern auf die am Boden liegenden Scherben und Spaghetti deutet. Es geht mir wieder durch den Kopf: Ich habe mein Kind angeschrien. Ich habe ihn angeschrien, am Oberarm gepackt und in sein Zimmer geschleppt. Ich habe ihm dabei bestimmt wehgetan. Und als mir bewusst wird, dass ich das nicht getan habe um ihn zu bestrafen, sondern um ihn vor mir selbst in Sicherheit zu bringen, ist es vorbei. Die Tränen brechen heraus und ich höre mich sagen: „Ich kann nicht mehr, ich bin die schlechteste Mutter der Welt.“

 

Der Tag hat genauso bescheiden angefangen, wie die Nacht aufgehört hatte. Mein Mann schob Nachtdienst, und die Kinder durften im großen Bett schlafen. Wenn man Kinder hat, relativiert sich der Begriff „großes Bett“ ziemlich schnell. Man legt diese kleinen Wesen in die Mitte des Bettes und innerhalb weniger Sekunden schaffen sie es das Bett so zu okkupieren, dass man selbst nur mehr die Bettkante zur Verfügung hat.

Am Morgen rief mich mein Mann an, er müsse untertags Überstunden schieben und er könne mich leider beim Kinderarzttermin nicht unterstützen. Eine Hiobsbotschaft – aber ich versuchte das Positive zu sehen: Die Rechnungen müssen auch bezahlt werden.

So richtete ich schon etwas mürrisch das Frühstück her. Eigentlich eine leichte Aufgabe, da beide Kinder morgens nur Cornflakes haben wollen. Außer heute – natürlich.

Nachdem das Vorhaben „Frühstücken“ an den siebenhundertfünfunddreißíg Wünschen des großen Kindes scheiterte (ich meine, ich habe einige davon sehr wohl serviert, aber offenbar war immer etwas falsch) packte ich eine Jausenbox und versuchte die Kinder für den Kinderarzt fertig zu machen.

Auch das ging nicht ohne Betteln und Flehen meinerseits sowie Trotzanfall und Lustlosigkeit ihrerseits. Im Hinterkopf behielt ich immer mein Mantra: „Nur dieser eine Termin. Dann haben wir alle Zeit der Welt. Kein Stress - Volle Aufmerksamkeit für die Kinder.“

Nach dem Kinderarzt lagen meine Nerven blank. Der Kleine gebärdete sich fast durchgehend (obwohl er gar nicht untersucht wurde) und der Große zeigte sich von seiner unmöglichsten Seite. (Die Kinderärztin mit den Worten: „Hallo du Kacki! Hast du auch ein Putschi gelassen?“ zu begrüßen hat mich nicht gerade mit Stolz erfüllt, muss ich ehrlich zugeben)

Am Weg nach Hause bekam ich noch den Anruf, dass mein Autoreifen fertig repariert wurde und ich zur Montage kommen sollte. Diesen Termin musste ich annehmen, schließlich haben sie für das Wochenende Schnee angesagt und Winterreifen am Auto sind ohnehin schon die längste Zeit verpflichtend.

Und so kurvten wir zu Werkstatt. Ich versuchte meinen Großen davon zu überzeugen, dass dieser Termin ganz toll werde, schließlich wird das Auto ja hochgehoben und die Reifen werden gewechselt. Er sah es ebenfalls als Abenteuer an, was sich dadurch zeigte, dass er, während ich zahlte, meine Unaufmerksamkeit nutzte und in die Werkstatt rannte. Dort schnappte er sich ein Werkzeug und spielte damit herum. An einem Auto. An einem fremden Auto. Gott sei Dank war ein Mechaniker sofort zur Stelle, und brachte mir den Lauser wieder retour. Gut, nach der Kinderärztin gehört nun der Mechaniker auch zu den Personen, die mich vermutlich nicht als „Mutter des Jahres“ wählen werden.

 

Wir fuhren nach Hause und ich sprach mit meinem Sohn Nr. 1 ein ernstes Wörtchen. Ich versuchte ihm zu erklären, dass nur ein Mechaniker an echten Autos arbeiten darf, und dass manche Aussagen besser nur zu Hause gesagt werden. Ich weiß nicht, ob meine Standpauke bei ihm ankam. Ich hoffe das Beste.

Zu Hause machte ich Spaghetti. Die gehen immer, denke ich mir und servierte voller Stolz das Abendessen meinen Kindern. Der Kleine war begeistert und schlug sich den Bauch voll. Der Große trotzte wieder. Ich zwang ihn nicht zu essen aber ich stellte klar, dass ich bestimmt kein Alternativmenü für ihn kochen werde. Das machte ihn zornig – Er nahm den Teller und schmiss ihn mit vollem Karacho zu Boden. In mir wurde es dunkel. Ich hatte die Schnauze gestrichen voll – Trotzdem reagierte ich ruhig. Ich schnappte mir den Kleinen, welcher sofort beim Aufräumen helfen wollte und stellte ihn in den Lernturm. Dort kann er vorerst nicht so schnell raus. Den Großen erwischte ich am Oberarm und brachte ihn in sein Zimmer. Dort solle er bleiben, bis er sich beruhige, hörte ich mich sagen. In mir kroch ein Gefühl des Zorns und der Machtlosigkeit hoch. Oder ist es Versagen – ich weiß es nicht. Während ich die Scherben unter dem Tisch aufhob, hörte ich all die Erziehungsratschläge der letzten Jahre. „Du musst strenger sein. Er wird dir mal auf den Kopf herumtanzen. Du wirst es bereuen, so locker mit ihm zu sein. Sei konsequenter. etc.“ Nachdem ich mich selbst wieder beruhigt habe, wasche ich mir die Tränen aus dem Gesicht. Ich gehe zum Großen und entschuldige mich für mein grobes Verhalten. Trotzdem will ich wissen, warum er den Teller runterschmeißen musste: „Mami, wir haben heute beide einen schlechten Tag.“ ist seine Antwort. Am Abend lege ich zuerst den Kleinen in sein Bettchen. Er schläft sofort ein, sodass ich mich noch ein bisschen zum Großen setzen kann. Ich kuschle mich zu ihm, und streichle über seinen Strubelkopf. Er gibt mir einen Schmatzer auf die Wange und sagt: „Du bist immer eine gute Mami.“ Und dann schlafen wir beide ein.

 

Fotocredit: Asma AIAD

Maggie ist 32 Jahre alt, verheiratet, Mami von 2 Buben und beheimatet im Burgenland. Neben ihrer Familie hat sie noch ihren Job in Wien, den sie mit ganz viel Freude erledigt. Sie ist Stoffwindelwicklerin, Montessori-Fan, Schokolade-affin, kaffeesüchtig und absolut chaotisch.
Zu ihrem Blog findest zu hier.

 

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