Stumme Schreie- wenn der Krebs zuschlägt

February 2, 2018

Das Projekt #EinefürAlle soll zeigen, dass Frauen gemeinsam viel erreichen können. Internes Womenbashing steigt und diese Arbeit ist die klare Antwort darauf:
*I see all my Sisters together and i see them united*

Zusammenhalt statt Riesenspalt! Ja, wir sind unterschiedlich, aber ist das nicht ein Grund, um erst recht Hand in Hand durch diese Welt zu gehen und zu zeigen, dass unsere Weiblichkeit Gemeinsamkeit genug ist, damit jede von uns für alle anderen steht?
(Vorschauvideo: #EineFürAlle)

 

 

Ich war 17 als ich die Diagnose 'Osteosarkom' bekam. Wenn ich heute zurückdenke, wann es das erste Mal war als ich bemerkte, dass etwas Ungewöhnliches an meinem Bein war, dann müsste das kurz vor den Sommerferien gewesen sein. Ich war verabredet und war gerade dabei mich herzurichten und als ich mir die Hose über meine Beine streifen wollte, spürte ich  eine Unebenheit unter meinem Knie, die man mit bloßen Augen nicht einmal sehen konnte. Zu diesem Zeitpunkt dachte ich mir nichts dabei, nur dass ich ungeschickt wie ich bin, irgendwo dagegen gelaufen sein müsste, aber konnte mir nicht erklären, wann das gewesen sein soll. Ich habe meine Gedanken auch nicht mehr länger damit verschwendet zu grübeln, woher diese Beule stammen könnte. Als die Sommerferien begannen, war ich mit meiner Familie in Ägypten und ich konnte dort beobachten wie der Tumor unter meinem Knie von Tag zu Tag immer größer wurde, bis er gegen Ende des Sommers die Größe eines Tennisballs erreicht hatte.

 

Ich weiß noch, wie ich einmal aus Neugier die Symptome gegoogelt habe und als erstes auf den Begriff ,Osteosarkom' gestoßen bin und fast alle Symptome mit meinen Beobachtungen übereinstimmten. Aber den Gedanken an Krebs verdrängte ich schnell, denn ich war ja noch so jung und Krebs kriegen die anderen, aber ich doch nicht.

Gegen Ende der Sommerferien war ich wieder in Wien und man kann schon sagen, dass meine Mama mich zwang ins Krankenhaus zu gehen, um mein Bein röntgen zu lassen. Ich habe mich lange mit Füßen und Händen dagegen gewehrt, denn Schmerzen hatte ich keine und ich war felsenfest davon überzeugt, dass sich diese Beule schon von selber zurückentwickeln würde, aber meiner Mama zu Liebe habe ich irgendwann nachgegeben und bin alleine ins Krankenhaus gefahren. Nach einigen Untersuchungen, bat mich die Ärztin ins Behandlungszimmer reinzukommen und sagte mir, dass ein Elternteil kommen müsste, um die Untersuchungsergebnisse miteinander zu besprechen. Nach einer Biopsie wurde mir bestätigt, dass ich einen bösartigen Tumor in mir hatte.

 

Drei Wochen nach der Erstdiagnose bekam ich schon meine erste Chemotherapie verabreicht. Ich war anfangs ziemlich optimistisch und dachte, dass ich alles gut überstehen würde und mein Leben neben der Behandlung ganz normal weiterverlaufen würde. Erst nach und nach verstand ich, was es bedeutet Krebs zu haben. Es bedeutete nicht mehr in die Schule zu dürfen, aufgrund der hohen Infektionsgefahr. Es bedeutete für mich nicht mehr mit meinen Freunden ins Kino zu dürfen oder ins Restaurant, denn im schlimmsten Fall würde das tödlich enden. Es bedeutete für mich Isolation von der Außenwelt. Obwohl ich während der gesamten Behandlung unglaubliche Unterstützung von meiner Familie und von meinen Freunden erhalten habe, hatte ich oft das Gefühl in einem Gefängnis zu sein-gefangen in einem kranken Körper. In den ersten Tagen der Behandlung, habe ich sehr viel geweint und hatte eine große Wut in mir, denn ich begriff langsam, was mich erwartet und bekam es mit der Angst zu tun, die Therapie nicht zu überstehen. Ich merkte wie mein Körper stündlich durch die Chemo schwächer wurde. Mir war durchgehend schlecht und gefühlt alle 5 Minuten hab ich mich übergeben müssen. Meine Gelenke taten weh und ich merkte wie ich anfing auf Gerüche sehr empfindlich zu reagieren. Ich glaube, mit Beginn der ersten Chemo habe ich, während der gesamten Therapie, die letzte richtige Mahlzeit zu mir genommen. Mit weiteren Chemotherapien kamen immer neue Nebenwirkungen hinzu. Die schlimmste Begleiterscheinung war für mich persönlich, die Schleimhautentzündungen. Mein Mund war zeitweise vor lauter Aphthen nur noch weiß und meine Unterlippe hing vom zusätzlichen Gewicht der Entzündung runter. 

 

Wegen den Schmerzen habe ich manchmal tagelang nichts geredet, weil ein Wort zu sagen, hätte bedeutet stundenlang Schmerzen zu haben. Ich weiß noch wie ich wieder mal Entzündungen hatte und Papa täglich zu mir ins Krankenhaus kam und ich ihn jedes Mal aufs Neue anschwieg und irgendwann hat er angefangen zu weinen und sagte mir, dass er meine Stimme hören will und ich endlich mit ihm reden sollte. Das war das erste Mal, dass ich meinen Vater weinen sah nach dem Tod meiner Oma.

 

Durch die Nebenwirkungen, verzögerte sich natürlich alles. Aus geplanten fünf Tagen Krankenhausaufenthalt wurden zwei Wochen und aus einer Woche wurden drei und das ging immer so weiter. Mir fiel es nicht leicht zu akzeptieren, dass nicht alles nach Plan verlief und hab natürlich viel geweint und mich oft gefragt, warum unbedingt ich diese scheiß Krankheit bekommen habe. Was habe ich in meinem Leben gemacht, um das zu verdienen?

 

Die Zeit verging und ich bekam eine Chemotherapie nach der anderen und habe mich ziemlich an jeder Nebenwirkung mindestens einmal bedient.

 

Mittlerweile war ich fast nur noch im Krankenhaus und wenn ich mal nachhause durfte, war das für mich wie ein Ausflug ins Paradies. Ich hätte öfters daheim sein können, aber nachdem ich zuhause zusammengebrochen bin, weil ich tagelang weder gegessen noch getrunken hatte, behielten sie mich lieber auf der Onko, denn dort wurde ich künstlich ernährt. Während der Therapie konnte ich mir nicht mal mehr vorstellen, jemals wieder normal zu essen ohne Eke, oder Übelkeit beim Anblick zu verspüren.  Ich habe es sogar gemieden auf Facebook &Co zu sein, denn während den einen beim Anblick von Burger, Pasta und Torten das Wasser im Mund lief, musste ich mich wortwörtlich übergeben.

 

Nach einigen Chemos und vielen Verzögerungen war der Zeitpunkt der Operation gekommen und somit begann auch mit Abstand die schlimmste Zeit meines Leben. Ich hatte auch hier mir davor den Ausmaß des Eingriffes nicht vorstellen können. Ich konnte mir davor nicht vorstellen, dass solche Schmerzen überhaupt existieren, oder, dass ich danach wie ein Kleinkind das Gehen von neu erlernen musste und mich trotz monatelanger Übung nach 10 Schritten fühlen würde als wäre ich einen Marathon gelaufen. Wie soll ich mir das davor vorstellen können, wenn ich damit nie in Berührung gekommen bin?

 

Wenn ich an die Zeit nach der Operation zurückdenke, dreht sich mein Magen heute noch um. Beim Eingriff wurden die betroffenen Knochenstücke entfernt und durch eine Endoprothese ersetzt. Dabei wurde leider ein Nerv verletzt und das hatte zur Folge, dass ich über drei Monate lang  24 Stunden am Tag unerträgliche Schmerzen hatte. Nur mit intravenös verabreichten Schlafmittel konnte ich manchmal wenige Stunden am Tag Ruhe finden.

 

Zu dieser Zeit hatte ich mit sehr dunklen Gedanken zu kämpfen und war depressiv. Ich wollte nur noch, dass das alles aufhört, egal auf welcher Art und Weise.

 

Durch die ganzen Schmerzmittel, die mir verabreicht wurden, hatte ich das Gefühl den Verstand zu verlieren. Ich war an manchen Tagen einfach nicht bei Sinnen. Mich kamen  beispielsweise Freunde besuchen und egal wie sehr ich mich später versucht habe daran zu erinnern, ich wusste nicht mehr, dass sie da waren.

 

Wenn mir heute im Krankenhaus Krankenschwestern von der Onko zufällig über den Weg laufen, kriege ich im laufe des Gespräches immer sowas zu hören wie:,, Isra, an deine Schmerzen und Schreie kann ich mich so gut erinnern!''

 

Irgendwann wurden die Schmerzen erträglicher und die Ärzte wollten die Dosierung der Schmerzmittel runtersetzen, doch ich merkte schnell, dass irgendetwas nicht stimmte. Ich wurde sehr unruhig und mein ganzer Körper hat gezittert. In der einen Sekunde war mir eiskalt und in der nächsten fühlte sich mein Körper an als würde er in Flammen stehen. Ich war abhängig von den Medikamenten geworden und durch die Reduzierung der Dosis machten sich die ersten Entzugserscheinungen bei mir bemerkbar. Die Dosierung wurde wieder erhöht und in kleineren Schritten reduziert, um die Abgewöhnung komplikationsloser zu gestalten.

 

Nach der Operation hatte ich noch 12 Blöcke chemo, die ich auch irgendwann hinter mir hatte und danach galt ich offiziell als krebsfrei.

 

Vier Jahre danach kann ich offen über meine Krankheit sprechen, wenn mich früher jemand auf der Straße gefragt hat, warum ich komisch gehe und was mit meinem Bein sei, bin ich nachhause gegangen und hab mich in meinem Zimmer eingeschlossen und stundenlang geweint. Heute kann ich besser damit umgehen.

Zu akzeptieren, dass ich immer das Mädchen sein werde, das hinkt, ist bis heute nicht einfach für mich und selbstverständlich habe ich Selbstzweifel, aber ich werde mich nicht von der Außenwelt abschotten, um unangenehmen Fragen auszuweichen.

Der Prozess mich zu lieben und hinzunehmen, wie ich heute bin, kann noch Jahre dauern, aber ich werde nicht aufgeben.

 

 

Fotocredit: Asma AIAD

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