Alleinerziehende Väter- ja, auch uns gibt es

April 8, 2018

 

Normalerweise werden in der Kategorie #Mamaste die Geschichten von Frauen erzählt, die ich auf meinen Reisen kennenlerne- meistens anonym. Diesmal ist alles anders, denn ich darf euch einen alleinerziehenden Papa vorstellen: den Martin, der eine fünfjährige Tochter hat.

 

Stell dich zuerst einmal vor, vor allem aber auch deine Situation:
"Es wirkt auf mich manchmal surreal, aber heute führe ich ein Bilderbuch-Familienleben, mit einer liebe- und verständnisvollen Partnerin und einem gesunden und zufriedenen Kind in einer kleinen Wohnung in einem familienfreundlichen Viertel in einer sächsischen Großstadt.
Das war bei weitem nicht immer so und der Weg dahin war harte Arbeit. Als ich mit damals 18 Jahren meine damalige Frau heiratete, ahnte ich nicht, was alles auf mich zukommen würde: Mit 20 Vater, in einer Stadt, die rund 350km von jeglicher Familie entfernt liegt, mitten im Studium und in einer mehr als desolaten Beziehung. Mit 22 getrennt, vor den Scherben einer gescheiterten Ehe und der Frage, wie geht es mit mir, uns und unserer Tochter weiter? Mit 23 dann Status alleinerziehend, geschieden und mit der Tochter alleine in der Großstadt, weil die Kindsmutter wieder zurück zu ihren Eltern zog. Dass ich meine Abschlussarbeit fertiggestellt habe, grenzt für mich bis heute an ein Wunder.
Mit 24 stand ich also da, eine Vita im Gepäck, die manche nicht in 50 Jahren aufs Paket legen."


Alleinerziehender Vater, das ist ja eigentlich keine Seltenheit, wie die Mehrheit denkt, trotzdem wird um euch herum geschwiegen, hast du eine Theorie, wieso es so ist?
"Es wird nicht wirklich geschwiegen, wir sind nur kaum sichtbar. Aber wen wundert das schon, wenn man als einzelne Person oft beide Rollen ersetzen muss, arbeiten geht, sich oft noch mit Rechtsstreitigkeiten herumschlägt und drei Stunden Freizeit pro Woche beinahe utopisch wirken. Denn Geld ist knapp und zuverlässige Aushilfen und Babysitter müssen erst gefunden werden. Aber wann, wenn man erst um 18 Uhr zu Hause ist und im besten Falle um 20 Uhr – wenn nicht noch der Haushalt ruft – die ersten freien Minuten seit fünf oder sechs Uhr morgens hat? 
De facto liegt der Anteil der alleinerziehenden Väter in Deutschland zurzeit bei etwa 20% der Gesamtzahl. Wie hoch er unter Personen aus mit multikulturellen Hintergründen ist, lässt sich schwer bis gar nicht beurteilen. Aus Erfahrung kann ich jedoch sagen, dass es einige gibt. Sie bleiben nur lieber unter sich, weil sie sich leider anstatt als Helden oft als Versager wahrnehmen und selten mit ihrer Rolle in der Gesellschaft anfreunden können oder schlichtweg zu erschöpft für Auseinandersetzungen sind."

Oft ist es so, dass die Mutter das Sorgerecht bekommt, vor allem, wenn die Kinder so jung sind, wie deines. Wie wird man allenerziehender Vater, wenn die Mama noch am Leben ist?
"Das ist weder in Deutschland, noch in Österreich eine Frage dessen, welches Geschlecht die primäre Bezugsperson hat. Das Recht hat sich da mittlerweile glücklicherweise sehr gewandelt. Mein Vater, der mich bereits alleine großzog, hatte es da deutlich schwerer.
Allgemein ist es, wenn die Eltern vernünftig mit der Angelegenheit umgehen, eine Frage der Kompetenz. Es ist eine Illusion, zu glauben, Frauen wären immer der bessere Elternteil. Sie bleiben nur leider oft die einzige Wahl, weil Männer sich in ihre Arbeit flüchten und alte Rollenbilder ausnutzen, um sich aus der Verantwortung zu ziehen. Es gibt wohlgemerkt auch Frauen, die dieses Bild für sich ausnutzen, um sich in ihrer Opferrolle einzunisten. 
An dieser Stelle sei mal ganz klar gesagt, dass Männer in Trennungsfällen hierzulande leider viel zu häufig aus egoistischen Motiven sich aus dem Leben ihrer Kinder entfernen, was diese nachhaltig schwerwiegend schädigen kann. Aber leider ist vor allem unser Arbeitsmarkt auf solche karrierefixierten Personen ausgerichtet."


Was sind für dich alltägliche Hürden? Wo hast du dir am Anfang schwer getan? 


"Alltägliche Hürden zeigen sich besonders in der Jobsuche. In meinem Fall, erwarten viele Arbeitgeber von Personen Mitte 20 viel Flexibilität, einen überdurchschnittlichen Ehrgeiz und Idealismus. Das konnte ich alles nie anbieten. Ich arbeite, um Geld zu haben, nicht um an meinem Arbeitsplatz meine Erfüllung zu finden. 
Aus unter anderem diesem Grund nahm ich etwa einen Job als Kellner an, wo ich beklaut und erniedrigt wurde von Vorgesetzten und erst durch viel Zuspruch von Freunden und meinem Vater den Mut fasste etwas Neues zu suchen. Denn Veränderungen steht jeder Alleinerziehende am Anfang skeptisch gegenüber. Nachdem meine Exfrau gegangen war, hatte meine Tochter oft Abende oder Morgen, an denen sie geweint hat und nicht in ihrem Bett schlafen wollte, oder sich das Familienfoto zum Kuscheln mitnahm. Solche Bilder brechen dir als Vater das Herz.
 Wenn man so eine Phase überwunden hat will man nie wieder Risiken eingehen. Aber leider gehört das zum Leben dazu und ich habe knapp vier Jahre gebraucht, um mich halbwegs von allem zu erholen und wieder Zuversicht fassen zu können. Ohne meine Freunde, wäre ich verloren gewesen."

Gibt es jemanden, der dir ab und zu hilft? Wenn ja, wie schaut das Ganze aus? Was machst du dann, wenn du dein Kind kurz abgeben kannst?

"Mittlerweile lebe ich wieder seit etwas mehr als einem Jahr in einer Partnerschaft, die für mich eine Steigerung meiner Lebensqualität um ungeahnte Ausmaße bedeutete. 
Aber davor habe ich tatsächlich beinahe alles selbst erledigt. Die wenigstens in meinem Alter wissen, wie man mit einem Kind umgeht. Da ist es egal, wie viele Bücher du gelesen oder wie oft du auf deine Schwester aufgepasst hast. Entweder du kannst es, oder nicht. Das hat viele natürlich nach ein, zwei Abenden abgeschreckt.  
Also habe ich gejobbt, studiert, meinen Haushalt geregelt und mich größtenteils alleine um meine Tochter gekümmert. Freizeit hatte ich de facto so gut wie keine. Wenn eine Nachbarin mal ihre Hilfe anbot und ich abends alleine einen Spaziergang um den Block machen konnte, fühlte ich mich für kurze Zeit frei und wenigstens etwas sorglos, was mich über viele Zeiten hinwegtröstete, in denen ich nur noch funktionierte."

Wo siehst du Barrieren in der Gesellschaft für alleinerziehende Menschen? Was könnte man optimieren? 


"Finanzielle Unterstützung gibt es glücklicherweise mittlerweile ausreichend, wenn auch manche Gelder nicht immer dort ankommen, wo sie sollten (Beispiel: Hartz 4). Es gibt in Deutschland Wohngeld, Kindergeld, der Unterhaltsvorschuss ist bis zum 18ten Lebensjahr verlängert worden und durch lokale  kulturelle Teilhabepakete, können Alleinerziehende ihre Kinder auch an Aktivitäten teilhaben lassen, die ansonsten zu teuer wären. 
Was wirklich häufig fehlt ist ein Verständnis dafür, was es heißt, ein Kind zu erziehen UND das finanzielle Rückgrat für alles zu sein. Eine Frau, deren Mann die Woche über arbeiten geht und sich alleine ums Kind kümmert ist vielleicht alleine für den Großteil der Erziehung verantwortlich aber noch lange nicht „alleinerziehend“. 
Alleinerziehende bräuchten manchmal mehr Fürsprecher, die sich ihrer Situation annehmen, ihnen Bühnen bieten oder ihnen Mut zusprechen. Wir sind bei weitem nicht die monetär gesehen produktivsten Mitglieder der Gesellschaft, aber ohne uns wären einige ihrer Mitglieder hoffnungslos verloren. Jeden kann eines Tages eine schlimme Situation mal erwischen, sei es ein Todesfall, eine Scheidung, ein Unfall oder sonst etwas. Steuerhinterziehung, Korruption und spziale Abschottung sind der beste Nährboden für anti-gesellschaftliche Strömungen und brechen jeder Gemeinschaft das Kreuz, weil sie uns momentan einkommensschwachen Mitbürgern die Lebensgrundlage entziehen."


Wie schaut das Leben für einen alleinerziehenden Vater aus? Wie schaut zB ein Tag bei euch aus, erzähl mal
"Der Tag sieht folgendermaßen aus: Morgens um 5:45Uhr wird aufgestanden, geduscht, Frühstück vorbereitet, dann das Kind geweckt, gegessen. Dann geht es weiter mit den Öffentlichen zum Kindergarten, wo wir um spätestens 8:30Uhr ankommen müssen, damit ich den 45 Minuten Weg zu meiner Arbeit schaffe. Dann sitze ich entweder in einem Callcenter und beantworte stundenlang dieselben Fragen oder sitze den ganzen Tag über meiner Arbeit fürs Studium, nur um danach wieder zum Kindergarten zu fahren, eine Stunde auf dem Spielplatz zu bleiben und dann nach Hause zurückzukehren, um Abendbrot vorzubereiten, danach zusammen mit meiner Tochter eine halbe Stunde Fernsehen zu schauen, um dann das Abendritual einzuläuten. Um 20:30Uhr liege ich meistens endlich auf dem Sofa, schaue noch etwas fern und gehe dann ins Bett. Diese Routine ist anstrengend und monoton aber gut und essentiell. Sie vermittelt uns allen Sicherheit und auch wenn es beizeiten wie eine Szene aus „Und Täglich Grüßt Das Murmeltier“ wirkt, so bildet sie die Basis für alles und ist in ihrem Ablauf beinahe als heilig zu betrachten."


Denkt man, vor allem wenn man so jung ist wie du, da noch an die Liebe, oder eine zukünftige Partnerin, oder hat das im Moment keinen Platz?


"Zu Beginn meiner Zeit als alleinerziehender Vater war für Liebe keinen Platz. Die Enttäuschung und die Angst vor einer erneuten Situation wie dieser saßen einfach viel zu tief. Das sind Narben, die man nicht mal eben so vergisst. Trotzdem hielt ich die Augen offen und lernte eine Menge Frauen kennen, aber die richtige war nie dabei. Erst als ich jegliche Bemühungen dahingehend eingestellt hatte, ergab es sich aus Zufall, dass mir eine alte Freundin über den Weg lief und genau in diesem Moment hat es bei uns beiden gefunkt."

Was hat dein Kind in dir verändert? Wer bist du heute, im Vergleich vor 5 Jahren?!


"Ich bin um ein Vielfaches reifer geworden und genieße mein Leben ganz anders. Früher dachte ich wie meine Altersgenossen, habe mich über vieles definiert, was aber keine stabile Basis für ein gesundes Selbstwertgefühl hätte legen können. Heute bin ich dagegen unabhängig, entspannter und kann mich und mein Leben viel besser akzeptieren als früher. Beispielsweise bedeutet es das Paradies für mich, mit meiner Tochter Fußball im Park zu spielen, oder mit Freunden einen Grillabend veranstalten zu können. Geld ist ein reines Mittel zum Zweck geworden und kein Selbstzweck mehr. 
Die vorausgehende Beschreibung mag viele Leser abschrecken, aber durch die vielen Aufs und Abs habe ich für mich herausgefunden, was ich zum Leben brauche und was mich glücklich macht und das lässt sich nicht kaufen oder in einem Job finden. Oft ist Glück eine reine Frage der Perspektive und gemessen an dem, was ich noch vor fünf Jahren hatte, fühle ich mich wie ein Superheld, der allen Widrigkeiten trotzt, egal wie sehr sie mich oder uns treffen."

Wann wir die Erziehung eine Herausforderung, wenn man alleine ist?


"Wenn Geld knapp ist, wird Erziehung zur Herausforderung. Armut verhindert jede Ruhe, jede Kreativität und jede Gelassenheit. Wenn ich Angst habe vor Rechnungen oder Mahnungen, öffne ich jeden Tag meinen Briefkasten mit einem schlechten Bauchgefühl. Die eigenen Bedürfnisse werden immer weiter heruntergeschraubt, bis man nur noch ein Schatten seiner selbst ist. Und wenn man sein eigenes Leben nicht mehr lieben kann, wie soll man so etwas einem Kind beibringen? 
Armut führt zu Angst, dauerhafte Angst zu Depressionen und Depressionen in die Isolation. Das  muss jedem bewusst sein, der sich dieser Herausforderung stellt, sonst wird dich das in die Knie zwingen und am Ende ist es das Kind als schwächstes Glied der Kette, das diesen Zustand zu spüren bekommt. Somit kann ein gut gemeinter Gedanke am Ende mehr Schaden anrichten, als man sich jemals hätte vorstellen können. Deshalb sollte sich auch jeder Elternteil nach einer Trennung die ehrliche Frage stellen: „Kann ich wirklich ein guter Vater/eine gute Mutter für mein Kind sein?“. Hier ist ein ehrliches „Nein“ zwar für die meisten schwer zu akzeptieren, aber tausend Mal besser als ein gelogenes „Ja“."

Was habe ich ausgelassen, was du aber auf jeden Fall loswerden musst?
"Kinder brauchen zum Wachsen bedingungslose Liebe, Verständnis, Geduld und noch vieles mehr. Geld ist da nicht so wichtig, wie manche glauben. Man kann sich ein glückliches Kind nicht kaufen und da gibt es auch keine Unterschiede zwischen Kulturen, Zeitaltern oder Religionen. Wenn jemand das verstanden hat, dann ist das mehr wert als alle Schätze dieser Welt.
"

 

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