"Du musst da jetzt keine Heldin sein!"

May 4, 2018

 

Geister der Vergangenheit

Als ich dreizehn war, kam ich in eine Sprachklasse. Sprachklasse bedeutet in der Norm, dass es viel mehr Mädels als Burschen in der Klasse gibt. Eines der Mädels mochte mich nicht. Aber noch mehr: Sie sorgte dafür, dass das komplette Jahr zum Albtraum für mich wurde. Ich war das tägliche Opfer ihrer Clique und ihr. Sie war das Alphatier der Clique und erinnerte sehr an das Cheerleadermädel aus den amerikanischen Filmen- na dreimal dürft ihr raten was ich war? Ein Nerd. Eine Skaterin. Eine Fußballerin, aber sicher kein Model mit 13. Der Klassenvorstand wusste es, unternahm aber nichts. Die zwanzig anderen Mitschüler sahen still zu, einige schüttelten den Kopf, aber keiner tat etwas dagegen. Ich auch nicht. Ich hatte Angst. Ich hatte sogar Selbstmordgedanken. Ich wurde gestoßen, gedemütigt, über mich wurde vor mir gesprochen, meine Noten wurden so schlecht, dass ich die Klasse wiederholen musste. Ich genierte mich dafür, denn ich war damals keine Heldin. Ich wusste damals ja kaum wer ich war. Später, viel später erfuhr ich, dass das Mädchen Probleme zu Hause hat und dies anscheinend an mir ausgelassen hatte. Heute ist sie Psychotherapeutin. Ich habe sie in den letzten 16 Jahren nicht gesehen, habe aber mein Gefühl der Hilfslosikgeit von damals niemals vergessen. Ich war in der Dunkelheit, die niemals zu enden schien. Ich saß zerbrochen da und konnte mich kaum nach vorne bewegen, weil ich viel zu schwach war und viel zu stark für eine Dreizehnjährige hätte sein sollen.

 

"Du musst da jetzt keine Heldin sein!"

Als ich sechzehn war, war ich mit meiner und zwei anderen Parallelklassen auf Skikurs in Obertraun. Ich persönlich bin ja eher die Snowboarderin. Damals habe ich das Zimmer mit drei Freundinnen aus meiner Klasse geteilt, wir hatten generell eine sehr gute Klassengemeinschaft (was für mich mit meiner Vorgeschichte ein Segen war). Ich war damals eine der Klassenbesten, nur Mathe versaute mir immer das Zeugnis, aber das war eine Zeit, in der ich mich emotional auf jeden Fall als stark bezeichnet und gefühlt habe. Im Snowboarden verliere ich mich einfach, immerhin fliegt man da in unglaublicher Geschwindigkeit über wunderschöne Schneelandschaften. Einmal hatte ich es aber zu gut mit dem Fliegen gemeint, denn der Junge aus der Parallelklasse, in den ich von Kopf bis Fuß verschossen war, fuhr an mir vorbei. Natürlich wollte ich ihm genau in diesem Moment vorführen, was für eine knallharte Pistenfee ich bin und fiel genau da- vor ihm und allen anderen- auf die Nase. Die Snowboardlehrerin kam dann rüber zu mir und sah mir die Schmerzen auch an, ich konnte meinen Fuß kaum bewegen, wollte aber weitermachen. Ich denke, sie checkte sofort was los war, denn leider bin ich ein offenes Buch und könnte schwören, dass alle um uns herum mitbekommen hatten, dass ich in diesen Knaben- der es wahrscheinlich als Einziger nicht mitbekam- verknallt war. Die Snowboardlehrerin sah zu ihm, dann zu mir und meinte dann- fast schon genervt- :"Du musst da jetzt keine Heldin sein. Wenn du deinen Fuß nicht bewegen kannst, dann müssen wir runter von der Piste und ins Krankenhaus."

 

Im Endeffekt war nix mit meinem Fuß, wir gingen auch nicht runter von der Piste, aber ihr Spruch ließ mich nicht mehr los. "Du musst da jetzt keine Heldin sein." Wird uns nicht ständig das Gegenteil gesagt? Ich dachte, wir sollten sehr wohl Helden sein, oder? Verstand ich etwas falsch? Müssen wir nicht Scheiße verdammte immer stark sein und Schwächen so lang und tief unterdrücken, bis wir vergessen, dass sie einen Teil von uns ausmachen?

 

Plötzlich einsam

Als ich mit dem Studieren anfing, hatte ich meine erste beste Freundin, von der ich auf jeden Fall sagen würde, dass sie meine Seelenverwandte war. Für Jahre. Wir fuhren dann auf Urlaub gemeinsam und danach brach sie einfach den Kontakt ab. Ich versuchte damals eine Heldin zu sein und diese Freundschaft zu retten, obwohl alle Zeichen mich warnten, dies zu lassen. Alles was ich bekam waren eine kalte Abweisung und eine Ungewissheit, die weitere Jahre anhielt, denn ich wusste lange nicht, was der Grund für ihre plötzliche Entscheidung war.

 

Das sind wir

Und diese- für mich- tiefsten Momente der Einsamkeit in der Zeit, in der sich ein junger Mensch erst formt, haben mir einiges beigebracht:
Vielleicht sind wir manchmal erst recht dann Helden, wenn wir keine sind. Vielleicht sind einige Schmerzen es wert, dass wir im Dunkeln, einsam, unsere Wunden lecken, die zerbrochenen Teile unserer Selbst vorsichtig einsammeln und wieder zusammenbasteln. Ist das in Zeiten wie diesen nicht Heldentum genug? Dass du dich wieder sammelst und von Enttäuschungen erholst? Dass du wieder aufrecht stehen kannst? Trotz Schmerzen? Trotz Gebrochenheit? Trotz Unsichrheit?

 

Immer und überall wird uns gesagt, dass wir stark sein müssen, aber keiner sagt wie?

Was bedeutet es stark zu sein? Was bedeutet es eine Heldin zu sein? Die Person die ich heute bin, zu der ich durch noch vielen anderen, guten wie schlechten, Erfahrungen geformt wurde, hätte damals anders reagiert. Aber diese Person war ich mit dreizehn noch nicht. Ich konnte mich mit dreizehn nicht verbal verteidigen und für das was ich bin lautstark auftreten. Mit sechzehn wusste ich eben noch nicht was Liebe ist, denn ich hatte da noch nicht gewusst, welch Schmerz ein gebrochenes Herz bedeutet, wie es sich anfühlt, dieses zerbrochen  an jemanden weiterzuschenken, der es heilt und was man empfindet, wenn man das eigene Kind zum ersten Mal in den Armen hält- nein, von Liebe wusste ich damals nichts. Und mit neunzehn wusste ich sicher nicht, was wahre Freundschaft ausmacht, denn bis dahin hatte ich keine Freundin gehabt, die im Krankenhaus meine Hand hielt, mich durch dick und dünn begleitete, mich zum Spaß ihre "Affäre" nennt und meine Gedanken lesen konnte. Eine Freundschaft, in der beide Personen die jeweils andere vor sich stellen. Eine bedingungslose Verbundenheit zwischen zwei Menschen, die zwecks Augenkontakt miteinander kommunizieren. 

Wenn ich heute an all diese Menschen denke, dann haben sie alle zusammen, ohne einander zu kennen, mich geformt. Mit jeder Träne, jedem Niederschlag, jedem Aufstehen, jedem Gefühl der Freude bin ich unendlicher Dankbarkeit, dass alles so geschah, wie es geschah.

 

Das bist du

Wenn wir lernen Erfahrungen zuzulassen, aber vor allem auch zulassen, von ihnen zu lernen, dann passiert im Moment wahrscheinlich nichts. Aber später, viel später, passiert mit uns Wundervolles. Wir werden empathischer, geduldiger, aber vor allem auch erwachsener. Wir lernen das Licht zu schätzen, weil wir lange im Dunkeln verirrt waren. Es geht nicht darum uns zu verstecken, oder still zu sein sondern darum, dass wir uns eines geben: Zeit. Zeit zum Verheilen. Zeit zu verstehen, dass alles was wir erlebt haben uns zu jenen Helden macht, die wir heute sind. Und jeder von uns ist ein Held in seiner Zeit, seiner Erfahrung, seinem Raum und seinem Sein, denn wir sind alle Des Schmerzens Kinder, der nach langer Sehnsucht ans Licht gekommen ist.

 

 

 

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