"Ich war damals 13..."

May 11, 2018

Note: #MAMASTE ist durch Zufall enstanden. In den letzten 10 Jahren habe ich Frauen/ Mütter auf der ganzen Welt zu unterschiedlichsten Themen interviewt und dabei sind einige interessante Geschichten entstanden. Bis dato hatte ich noch nicht die Gelegenheit diese überaus einzigartigen Erzählungen auf eine passende Plattform zu posten. Da ich nun eine eigene Mama-Seite habe (endlich) , wurde aus dem Wort #Namaste für mich #Mamaste. Die Leben dieser besonderen Frauen, die mir höchstprivate Dinge (mit dem Wissen ich würde sie irgendwann veröffentlichen) anvertraut haben, finden nun hier ihren verdienten Ehrenplatz.In diesem Sinne: #Mamaste
 

 

"Ich war damals 13..."

Ich war damals 13. Ich war ein Schulkind. Meine Eltern waren arme, ungebildete Bauern und ich hatte noch weitere sechs Schwestern. Es war damals üblich, dass Kinder in meinem Alter verheiratet wurden. Er hat mich auf der Hochzeit meiner Cousine gesehen, sie war fünfzehn als sie geheiratet hat. Ich war damals 13. Er war vierundzwangig. Er war ein Freund des Bräutigams. Nur eine Woche nach der Hochzeit meiner Cousine, haben mich meine Eltern darauf angesprochen. Sie meinten, ich müsse nicht mehr in die Schule und könne "endlich" heiraten, weil ich einem jungen, reichen Mann gefallen habe. Ich wollte aber nicht. Ich wollte in die Schule. Ich wollte einmal Anwältin werden. Ich habe mit meinem Vater gestritten, als er dann plötzlich meinen Kopf gegen die Tischkante schlug. Ich habe da noch immer eine sichtbare Narbe auf der Stirn. Sie nahmen mich aus der Schule raus und ich war diesem Mann versprochen, denn er hatte meinen Eltern viel Geld gezahlt und versprach ihnen weiter monatlich Geld zu geben. Wie gesagt, ich hatte sechs Schwestern und an meinem Hochzeitstag meinte meine Mutter als sie mich herrichtete zu mir :"Du opferst dein Leben nicht umsonst, deine Schwestern werden dir danken, denn er wird deren Ausbildung finanzieren. Du bist die Älteste und musst deswegen Verantwortung übernehmen, so habe ich es auch getan, so tun es immer die Ältesten."
Sie weinte, sie umarmte mich fest und sagte dann :" Wenn er mit dir schläft, dann zieh´ dir dein Nachtrock über´s Gesicht, dann musst du sein Gesicht nicht sehen, das macht es erträglicher."
Ich hatte keine Ahnung wovon sie sprach. Aber eines weiß ich genau: in meinem Leben hatte ich noch nie so viel Angst. Ich saß dann mit ihm in seiner Wohnung da, er sprach nichts, ich wusste nicht einmal, wie er heißt. Er hatte Puppen und Spielzeug für mich gekauft und es lag alles noch neu verpackt in einer Ecke. Er sprach nichts, aber er versuchte mich auszuziehen. Mein Körper lehnte alles ab, was er tat. Aber im Hinterkopf hatte ich diese Verantwortung meinen Schwestern gegenüber, deswegen sagte ich nichts. Er zog mich ganz aus. Ich konnte mir also nichts über´s Gesicht ziehen, verstand aber was meine Mutter meinte, sobald er in mich eindrang. Er warf mich zu Boden, hielt meine Hände fest, sie schmerzten, er riss meine Beine auseinander und warf seinen schweren Körper auf mich drauf. In dem Moment wurde mir klar, was meine Mama meinte. Sein Gesichtsausdruck, als er in mir eindrang, die Art, wie er mich küsste, festhielt und zu seinem Objekt machte, hat mir damals die Kindheit geraubt. Wissen Sie, die Vergewaltigung eines Körpers ist schon schlimm genug, aber sie verheilt mit der Zeit. Die Vergewaltigung einer Kindesseele ist es, die niemals verheilen kann. Ich ließ es über mich ergehen. Ich war leise, gehörig, dachte an meine Schwestern. Ich fühlte mich von meinen Eltern verraten, denn sie hatten mich nicht beschützt. Ich fühlte mich schmutzig, denn ich hatte ihn in und auf mir. Meine Tränen waren ihm egal. Ich war ihm egal. Ich habe jede Nacht unter der Dusche geweint, nachdem er mit mir fertig war. Tagtäglich habe ich versucht ihn von mir abzuwaschen, aber dieses Gefühl, ich sei schmutzig, ging nicht weg. Ich hatte Selbstmordgedanken, aber ich dachte an meine Schwestern. Ich wurde bald schwanger. Ich trug sein Kind in mir und ich hasste es. Ich hasste es einfach. Aber als es da war, habe ich gemerkt, dass es nicht seines ist- es ist meines, es hatte so viel von mir und nichts von ihm. Es war ganz alleine mein Kind. Ich habe mein Kind- eine Tochter- das erste Mal gesehen und erst da wusste ich was es bedeutet, jemanden wirklich zu lieben. Jemanden bedingungslos zu lieben. Und da war mein Unverständnis meinen Eltern gegenüber noch viel größer: "Wie konnten sie mir das antun?" Ich damals doch erst 13.

 

 

Lauf!

Es gibt Menschen die sagen, wenn man etwas wirklich möchte, dann passiert es. Ich wollte mit meiner Tochter weg. Weg von ihm und weg von der Gegend überhaupt. Am besten irgendwohin, wo mich keiner kannte. Als Mutter sind dir deine Kinder das Allerwichtigste, alles andere verliert seine Priorität. Ich habe jahrelang geplant ihn zu verlassen. Ich habe jahrelang daraufhin gearbeitet ohne zu wissen, ob es klappen würde. Ich habe heimlich als Änderungsschneiderin gearbeitet, als er in der Arbeit war und meine Schwestern haben mir heimlich Bücher nach Hause gebracht. Ich wusste von einer reichen Schneiderin außerhalb der Stadt, ich hatte einmal einen Bericht über sie in einer Zeitung gelesen, die lose auf der Straße lag. Die Dame suchte nach Nähtalenten. Meine Mama hat mir nicht viel beigebracht, aber nähen konnte ich wie keine andere- das hatte ich von ihr. Als ich nach jahrelange Arbeit etwas Geld und Mut beisammen hatte, mitten in der Nacht, schnappte ich mein Kind und ging. Er schlief damals fest, merkte unseren Abgang, den ich jahrelang zuvor geplant hatte, nicht. Als ich ging, war meine Tochter vier Jahre alt. Ich war damals 19. Wir saßen in einer Eselkarre, die hatte ich angehalten und der Fahrer war so nett, uns für drei Äpfel mitzunehmen. Der hatte keine Ahnung wozu er mir gerade geholfen hatte. Ich saß mit dem Rücken zu meiner Vergangenheit als er wegfuhr und ich sah nicht zurück. Ich sah nur nach vorne, und zu meiner Tochter, die in der Bettdecke gewickelt war und in meinen Armen schlief. Dieses Gefühl der Befreiung ist unbeschreiblich. Dieses Gefühl wünsche ich jedem Menschen. Wissen Sie wie es ist, wenn man vor Freude weint und vor Schmerzen lacht? Das Ausbrechen aus diesem Leben hatte so etwas Bittersüßes an sich, denn ich habe damals und genau in diesem Moment realisiert, dass ich noch mein ganzes Leben vor mir habe. Und ich darf machen was ich will. Das war mir neu.

 

Angekommen...

Diesen Moment werde ich nie vergessen. Was ich damals spürte, werde ich nie vergessen. Andere werden Klassenbesten, tolle Unternehmer, berühmt, oder erfolgreich, ich aber, habe mein Leben zurückgewonnen. Mich kennen nicht viele Menschen, aber ich kenne meine Wahrheit. Ich weiß, was ich geschafft habe, damit meine Tochter niemals ihr Nachtrock über´s Gesicht ziehen muss.
Was danach geschah ist unaufregend. Ich habe bei dieser Schneiderin tatsächlich gearbeitet. Ich kam bei ihr an, erzählte ihr meine Geschichte, zeigte ihr, wie ich nähe und sie nahm mich sofort bei sich auf. Für mich ist sie die einzige Mutter, die ich je hatte.
Später konnte ich die Schule fertigmachen, habe aber nicht studiert, sondern habe meine Nähkunst professionalisiert und meine Tochter finanziert. Ich habe mich nie mit einem Mann gebunden, weil ich ihn in jeden Mann sah. Ich sah seine Gräueltaten in den Augen anderer Männer und konnte dieses Gefühl einfach nicht mehr ablegen. Meine Tochter genoss ein schönes Leben, sie war umringt von vielen, straken Frauen. Meiner Familie habe ich anonym monatlich Geld geschickt, ind er Hoffnung, meinen Schwestern bleibt mein Schicksal erspart. Da ich meinen Namen und den meiner Tochter geändert habe und ich in eine ganz andere Stadt gezogen bin,  später auch in ein anderes Kontinent, bin ich meiner Vergangenheit nie wieder begegnet. Ich sitz´ zwar da und erzähle Ihnen das alles, aber es gäbe so viel mehr. So viel mehr Gefühle, für die es noch keine Worte gibt. Wenn ich meine Enkeltochter in meinen Armen halte und weiß, dass ihre Eltern einander innig lieben, meine Tochter die Schule und ein Studium beendete, ihren Mann als erwachsene Frau kennenlernte und ich diese Kette des Zwanges als Kind gebrochen habe, damit dieses Kind so frei sein kann, dann weiß ich, dass es nichts Schöneres geben kann.

 

Note: #MAMASTE ist durch Zufall enstanden. In den letzten 10 Jahren habe ich Frauen/ Mütter auf der ganzen Welt zu unterschiedlichsten Themen interviewt und dabei sind einige interessante Geschichten entstanden. Bis dato hatte ich noch nicht die Gelegenheit diese überaus einzigartigen Erzählungen auf eine passende Plattform zu posten. Da ich nun eine eigene Mama-Seite habe (endlich) , wurde aus dem Wort #Namaste für mich #Mamaste. Die Leben dieser besonderen Frauen, die mir höchstprivate Dinge (mit dem Wissen ich würde sie irgendwann veröffentlichen) anvertraut haben, finden nun hier ihren verdienten Ehrenplatz.In diesem Sinne: #Mamaste

 

 

 

Fotocredit: wix.com

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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