Das Gönnen sei dir gegönnt

May 28, 2018

 

Von Nachhaltigkeit und Gönnerlaune

Wir lesen seit einigen Jahren fast tagtäglich von der Nachhaltigkeit. Ein Lebensstil der uns erlaubt, endlich mehr auf unsere Umwelt zu achten. Somit verringern wir nicht nur den von uns produzierten Müll, sondern verwenden diesen sogar noch für anderes weiter. Aber was ist mit dem Prinzip der Nachhaltigkeit für zwischenmenschliche Beziehungen? Wer verringert da den Müll? Wer verarbeitet dort Neid, Missgunst und Hass so, dass daraus etwas Gutes entsteht? Jeder kennt die Redewendung "Gönn´ dir was", aber damit sind fast ausschließlich materielle Dinge gemeint. Was aber wenn wir uns gönnen, anderen deren Leben, Erfolg, Freude und alles Gute, einfach zu gönnen? Auch dann, wenn wir diese Personen nicht zwingend mögen, denn darum geht es gar nicht. Es geht um die negative Energie, die man in sich trägt, wenn man anderen Menschen mit Missgunst und unkontrolliertem Neid begegnet und darum, was es für Menschen aus uns macht.

 

"Du schwimmst doch im Luxus!"
Erst kürzlich hat mir eine entfernte Bekannte unter die Nase gerieben, ich würde "doch eh alles auf Instagram posten" und hätte "ein traumhaftes Leben". Eine andere meinte in einem halb ernsten halb scherzenden Ton, ich würde "ständig auf Urlaub sein". Lange davor kam ein Kommentar einer Unbekannten mit dem Inhalt "Du schwimmst doch im Luxus".

Und ich stelle mir die Frage "Werfen der Blog und die sozialen Netzwerke ein falsches Licht auf mein Leben?" Wieso denken einige Leser, ich sei reich? Selbst jene die mich- auch wenn entfernt-  persönlich kennen, denken so. Und wäre ich reich, wäre dies ein angemessener Umgang mit mir? Wären dann dieser Ton und die unüberhörbare Missgunst denn in Ordnung? Hätte ich dann diese Art der Kommentare "verdient"? Ich denke nicht. Die nackte Wahrheit jedoch ist: Ich bin selber auch so. Sind wir alle. Auch ich habe diese Momente, wo ich mich in fremden Feeds verliere und wünschte, nicht auf der Couch, sondern bei Sonnenuntergang am Meer zu sitzen, Werbung für große Namen zu machen, in teuren Lokalen zu essen und wirklich im Luxus zu schwimmen.

 

Ramadan- ich faste
Im Prinzip kennen dich nur wenige Menschen in Echt. Und das finde ich sehr gut, denn es rettet die letzten Teilchen der Privatsphäre. Deine Gedanken gehören dir, der Moment in dem du in der Ecke oder unter der Dusche heulst, die gehören dir. Menschen, die nicht nur deine Tränen und Ängste kennen, sondern diese mit dir bekämpfen, die sind echt und erreichbar, das sind viele Menschen hinter den Likes nicht. Zu Ramadan bin ich sehr selten online, weil ich in dieser Zeit versuche, mich auf mich zu konzentrieren, meine Gesundheit, meinen Körper, meinen Glauben, Mediation und das Bittgebet für meine Mitmenschen und mich.

 

Es hat mich aber zufällig ein Video erreicht das zeigt, wie ein kleines Mädchen in einem Kriegsgebiet weinend neben dem leblosen Körper seiner Mutter sitzt und nach ihr ruft. Das Kind war blutgebadet, die verstorbene Mutter ebenso. Alles um sie herum war zertrümmert, das Kind schrie weinend "Mama" und es war niemand da, der das Kind umarmte.

 

Es zerriss mir das Herz, weil das Kind so alt war wie meine Tochter und Ähnlichkeiten mit dieser hatte. In diesem Moment war ich für alles dankbar, was ich habe und auch für das dankbar, was ich nicht habe. Ich war einfach dankbar, dass mein Kind nicht nach mir rufen brauchte und würde es doch nach mir rufen, wäre ich da. Lebendig. Und würde ich gehen, so hätte mein Kind die endlose Liebe vieler Menschen, die sich um ihm kümmern würden.

Und es führte mir so schön vor Augen, wie oberflächlich wir zu sein wagen. Alles Materielle vergeht und hat im schlimmsten Fall nicht die geringste Bedeutung. Nicht. Die. Geringste.

Wir wagen es anderen die Freude am Leben nicht zu gönnen, weil uns die Gier von innen heraus zerfrisst. Wir wagen es anderen den Erfolg nicht zu gönnen, weil wir erfolgreicher sein wollen. Wir wagen es andere niederzuziehen, damit wir höher stehen, auch wenn dies bedeutet, auf andere zu steigen. Wir wagen es, ein Wettbewerb aus dem Leben zu machen, Ellenbogen und Krallen auszufahren, einen Kampf aus allem zu kreieren und wissen nicht einmal, wieso wir dies tun. Dabei vergessen wir eine grundlegende Sache: Wir kommen hier nicht lebend heraus. DAS ist es nicht wert. Kein Bisschen.


Andersrum ist es viel schöner. Sich wahrlich für andere zu freuen, sie zu ermutigen, ihnen Kraft zu geben und unerwartete Komplimente zu verteilen, das macht glücklich. Das fehlende Puzzle-Teil einer anderen Person zu sein und eine richtige Stütze für andere Menschen zu sein, das macht glücklich. Aber viel mehr noch: Es macht dich für andere relevant und sie behalten dich in guten Gedanken. Gute Gedanken und Energien ziehen einander an und wachsen ziemlich schnell. Wir brauchen einander. Wir wachsen miteinander.


Ich faste also. Ich faste Hass. Ich faste Neid. Ich faste sinnlosen Konsum. Ich faste Lästereien. Ich faste Konkurrenz. Ich faste endlose Vergleiche. Ich faste.


 

 

 

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