Die Wanderlustige

In der Kategorie #Frauenstark werden euch Frauen vorgestellt, die eine inspirierende und motivierende Funktion für ihre Mitmenschen haben. Sie schreiben die Herstories unserer Zeit und Zukunft. Eine gesunde Gesellschaft lebt vom Miteinander und da wir so viele starke weibliche Persönlichkeiten haben, müssen diese mit ihren Ideen und Innovationen in den Vordergrund gestellt werden.

 


Wir leben gerade in einer Zeit, in der es um Wettbewerb und um das Überleben des Stärkeren geht. Alles dreht sich um den Vergleich, den materiellen Besitz und Konkurrenz.

Doch all dies passt so gar nicht zu Ivana Martinovic. Wenn andere Menschen in Wellness- Oasen sind, um dort ihren Stress abzubauen, wandert ihn diese Frau einfach ab.

Wieso bilde ich sie euch hier ab?
Das werdet ihr schon sehr bald in ihren Antworten erkennen. Diese Frau besteht aus Weisheiten, die ich euch nicht vorenthalten möchte...

 

Wer ist Ivana?
Sie ist 35 Jahre alt, wollte mal Journalistin werden und wurde es dann für paar Jährchen, bis sie draufkam, dass es nichts für sie ist. Für ein Medienunternehmen arbeitet sie dennoch. Sie nennt sich selsbt "Teilzeitausreißerin aus dem Alltag" (sofern es die gesetzlichen Urlaubstage erlauben), Hobbyreisende und Weltenbummlerin, die auf der Suche nach neuen Zielen und Wanderwegen ist.

 

1) Wieso hast du überhaupt mit dem Wandern angefangen? Wie bist du darauf gekommen?
"Eine Nachbarin sprach mich an, wie gestresst und müde ich aussehe. Ich meinte, ich komme gerade aus dem Urlaub, was ich auch tat. Aber vom klassischen "in der Sonne gebraten", "herumgelegen" und davon überzeugt, das sei Erholung.
Sie erzählte mir vom Jakobsweg in Spanien und ich hatte bis dahin nie etwas davon gehört.  Sie schwärmte, wie sehr es ihr Leben verändert hätte und wenn mir etwas helfen könne, mich zu erholen und neue Lebenskraft zu tanken, dann diesen Weg zu gehen. Der Gedanke, dass es da etwas gibt, was mir hilft und mein Leben ändern könnte, ließ mich nicht los. Ich hatte private Probleme, der Job setzte mir zu. Und ein Strandurlaub löste das Ganze scheinbar auch nicht. 
Wandern, viel gehen, verband ich aber zu dem Zeitpunkt nicht mit Erholung, sondern mit Anstrengung. Gewandert bin ich davor nur ab und zu an Schulwandertagen … lange her. Das Beste dran waren allerdings die Jausen und Pausen. Mehr hatte ich mit dem Wandern nichts zu tun.
Ich entschloss mich für den Jakobsweg, buchte am Heiligen Abend 2015 den Flug nach Pamplona und im April 2016 war es dann soweit. Abreise nach Spanien. 700 Kilometer vor mir bis zum Ziel Santiago de Compostela.  Rucksack am Rücken, drei Shirts, zwei Leggins, drei Paar Socken, Unterwäsche, eine zu dicke Jacke, Laufschuhe, die beim ersten Regen nass wurden, weil ich keine Wanderschuhe besaß und jede Menge Blasen an den Füßen, weil falsche Schuhe mit."


2) In einer Welt der Selfie-Feeds und materiellem Überfluss, was gibt dir das Wandern?
"Wenn du einen Monat lang nicht funktionieren musstest, wie du es bis dato kanntest, in der Natur bist, abseits vom Großstadttrubel, einen Schlafplatz am Abend zu finden deine einzige Aufgabe ist und du im Gepäck mit drei Shirts auskommst, dann ist plötzlich dein Kleiderschrank zuhause zu voll, wenn du heimkehrst. 

Luxus definierst du danach ganz anders. Deine Komfortzone verschiebt sich. Plötzlich ist ein sauberes Kopfkissen und eine heiße Dusche das größte der Gefühle. Beim Wandern, vor allem alleine in der Natur, bist du einfach nur du. Du benimmst dich im Grunde vor Arbeitskollegen anders als vor deiner Familie. Du bist bei der Arbeit anders gekleidet und gibst dich anders, als im privaten Umfeld. Beim Wandern kannst du all deine Rollen ablegen und einfach nur du sein und über dich nachdenken. Selfie-Feeds und materieller Überfluss sind auf eine Art und Weise mit Geltungsdrang und dem Wunsch nach Bestätigung verbunden. Aber! Ganz so naturburschig und oldschool bin i a net. 
Ja, ich bin auch auf Facebook und Instagram und poste auch Selfies, Reisebilder, schwimme somit auch auf dieser Welle mit.  Zwar etwas gefangen zwischen der Generation, die noch in der Telefonzelle telefoniert hat und der Generation, bei denen das Selfie-Posen und Schmollmund in die Kamera machen schon so selbstverständlich sind, dass sich die Frage nach der Grenze der Peinlichkeit bei vielen gar nicht mehr stellt. 

Ich stelle mir diese Frage noch und versuche eine gewisse Zurückhaltung zu wahren. Warum soll ich wie ein Model posen, wenn ich keines bin? Auf sexy-vamp machen, obwohl ich die Durchschnittstante von nebenan bin? Wie viel Filter ist denn ok, wenn Leute, die mich kennen doch wissen, dass mein Gesicht nicht so glatt und eben ist, wie das einer Porzellanpuppe und vor lauter Filter meine Nase aus dem Gesicht verschwunden ist? Ich poste sehr gern Fotos, mir gefallen auch diese Retrofilter und Schwarzweißfotografie. Und ja, mein Handy kann auch mein Gesicht glatter wirken lassen. Die Versuchung ist auch bei mir groß, die Zornesfalte dann doch wegbleiben zu lassen, die wahrscheinlich keinem Schwein außer mir auffällt. Der Eitelkeit wegen. Bekenne mich schuldig."

"Mein Motiv fürs Veröffentlichen verfolgt aber eher den Gedanken des Teilens, andere mit Reisenzielen zu inspirieren. Dieser Gedanke von Miteinander-teilen gefällt mir an Social Media. Ich selbst habe mich durch Fotos anderer inspirieren lassen, wohin die Reise gehen kann und finde es auf eine Art und Weise schön, am Leben anderer teilhaben zu können, wenn schöne Momente geteilt werden. Jakobswegbilder anderer Leute waren vor meiner Reise wie eine Droge, die den Gedanken aufrecht erhalten haben, sich selbst zu trauen. Motive sind unterschiedlich und man sollte nicht alles als Angeberei verurteilen. Bei wem es allerdings überwiegend um Selbstinszenierung geht, merkt man ja auch schnell. Bei übertrieben gefilterten Selfies und Schmollmundpose mit Titel „Was für ein schöner sonniger Tag!“, denk ich mir- Wo ist da die Sonne? Bild-Text-Schere? Und dein heutiges Selfie sieht aus, wie deine 100 davor. Aber jeder muss selbst wissen, wo er die Grenze zwischen real life und Fake zieht."

3) Woran denkst du, wenn du wanderst und was sind deine Tipps für blutige Anfänger?
"Das Wandern hilft dir den Kopf frei zu bekommen. Am Jakobsweg habe ich das als Spaltung von Körper und Geist das erste Mal in der Form kennengelernt. Auch wenn du nach langen Strecken Schmerzen hast, kannst du dennoch weiter gehen und willst es auch. Dein Körper ist angestrengt, aber in deinem Kopf ist so eine Art Freiheit, mit der du plötzlich im Stande bist über dein Leben nachzudenken, aber so, dass sich Probleme plötzlich nicht mehr nah anfühlen, sondern aus einem anderen Leben anfühlen. Wenn es dir schlecht geht, hilft es dir runter zu kommen. Wenn es dir gut geht, genießt du die Natur und bewunderst die Schönheit in der du dich gerade befindest. Manchmal denkst du über nichts nach, weil die Müdigkeit eine Art Gleichgültigkeit in die auslöst und du einfach Schritt für Schritt weiter gehst. Es hängt auch von der Art des Weges ab, welche Gedanken aufkommen. Deine Gedanken überraschen dich.Auf steilen Wegen, wenn du dich darauf konzentrieren musst, wo du den nächsten Schritt setzt, kommst du am Ende drauf, wie sehr dich diese Ablenkung und Konzentration auf einzelne Schritte in einen Zustand der mentalen Erholung geführt haben. 

Tipps für blutige Anfänger? Das ist schwierig, weil ich erst durch den Willen zur Veränderung für mein Leben das Interesse fürs Wandern entdeckt habe. Auf eine, fürs allgemeine Verständnis, radikale Art und Weise mit gleich 700 Kilometer Distanz. Deshalb möchte ich jetzt nicht damit anfangen, dass man sich richtige Wanderschuhe kauft und bisschen wandern geht. Vor allem tun sich die meisten Leute schwer, sich für eine Wanderung alleine zu entscheiden und gehen lieber gemeinsam. Für den Einstieg gibt es in der Nähe genug Rundwanderwege. 1-2 Tagesetappen, die man sich selbst als erste Aufgabe stellt und sich mit der Route beschäftigt. Und das völlig alleine. Kleiner Rucksack, genug Wasser, bequeme Schuhe und ab in die Natur. 
Aber dennoch versuche ich jedem aus meiner Umgebung, der mit den unterschiedlichsten Problemen des Alltags zu kämpfen hat, zu vermitteln, dass der spanische Jakobsweg der richtige Einstieg war. Es gibt einen tollen Reiseführer von John Brierley – Camino de Santiago. Alle Etappen sind bestens beschrieben. Und wer sich keinen ganzen Monat Zeit nehmen kann, kann es mit weniger Etappen probieren. Zwei Wochen erholen auch ungemein und fühlen sich nach länger an."

4) Warum in Spanien?

"Weil die Route des Camino Frances - dem berühmtesten Jakobsweg, am besten für Pilger und Neueinsteiger organisiert ist. Alle paar Kilometer sind Herbergen, Verpflegung. Und man bleibt dort nicht lange alleine, begegnet sehr schnell Menschen, die einem mit Tipps weiterhelfen und eventuell zu Freunden fürs Leben werden. Teuer ist das Ganze auch nicht besonders. Mit Pilgerpass kostet die Herberge etwa 10 Euro pro Bett. Auch diese Erfahrung von low-budget, mit anderen im Schlafsaal die Nacht verbringen, macht einen um eine wichtige Erfahrung reicher. In diesem Schlafsaal sind wir alle gleich, unabhängig wer wie viel zuhause verdient. 
Was die Ausrüstung angeht – Wenn man mal ins Wanderuniversum eingetaucht ist, lernt man plötzlich eine Menge, was es an ultimativ leichter Wanderausrüstung  gibt. Rucksäcke, die wenig wiegen, Klamotten aus Merinowolle, die weniger stinken und schnell trocknen, dass Wanderschuhe bei Regen besser sind als Laufschuhe und sogar wasserfeste Socken existieren. Das alles wird dann auch zur Leidenschaft. Plötzlich freut man sich über ein neues Merinoshirt mehr als über ein neues Kleid, das  eh im Kleiderschrank hängen bleibt."

5) Was hast du über dich selbst gelernt?
"Als ich den Jakobsweg anfing, hielt ich mich für mutig, weil ich nicht fit war und mich dennoch getraut habe. Und bald war es nicht mehr Mut, weil ich dort Leute aller Altersgruppen, aus aller Welt traf, die aus unterschiedlichsten Gründen dort waren. Sich etwas zu beweisen war wahrscheinlich das seltenste Motiv. Am Jakobsweg verdaut man sein Leben. Und das habe ich geschafft. Das machte Lust auf mehr, weil ich merkte, dass das Wandern den Kopf befreit, trotz körperlicher Anstrengung. Du hast das Gefühl länger weg zu sein und kommst erholt zurück. Ich fing an nach weiteren Wegen zu suchen und kam drauf, dass die Welt voller Trails und Wanderwege ist, die einfach nur unglaublich schön sind und eine Naturlandschaft bieten, die man bis dahin nur von Bildern aus fernen Ländern kannte. Vor allem lerten ich, wie wunderschön meine unmittelbare Umgebung vor meiner Haustür ist, die einem an freien Tagen ermöglicht, kurze Abstecher zu machen. Und so fing eine neue Leidenschaft an. Und ein neues Bild, wie Urlaub sein kann. Ich lernte dabei über meine körperlichen Grenzen hinauszuwachsen."

6) Was hat dich beim Wandern überrascht? Was hat sich an dir verändert?
"Mein Durchhaltevermögen hat mich überrascht. Und das es kein Zwang war, sondern zu einer Gehleidenschaft wurde. Ich habe gelernt auf meinen Körper zu hören. Wenn nichts mehr geht, dann gönn dir eine Auszeit. Du musst niemandem etwas beweisen, sondern tust es nur für dich. Meine Einstellung zum Leben hat sich verändert. Ich strebe keine große Karriere an, in der ich beweisen will, was ich kann und wie gut ich bin. Ich liebe die Harmonie, meide Konflikte, will mich auch mit Konflikten nicht belasten.  Mag sein, dass es auch eine Art Egoismus geworden ist, für sich selbst zu suchen, was einem am besten gut tut. Aber damit schade ich niemandem, sondern mache mein Leben dadurch besser. 
Meine größte Lektion war, dass der Anfang für Veränderung bei mir war. Ich habe aufgehört die Schuld bei anderen zu suchen, sondern setzte da an, wo es am besten ist. Bei mir selber. Ich suche die Gesellschaft von Menschen, die mir gut tun und meide die, die mir schaden. Es gibt ja diese Energiesauger, die alles ins Negative ziehen und dich mit gleich runter. Das ist mein gutes Recht, meinen Weg so zu gehen, dass ich das Positive suche und die meide, die es nicht tun. Ich kann ihnen nur raten, bei sich selbst anzufangen und etwas zu ändern. 
Mir fehlt dazu immer der Spruch ein "Nicht das Leben ist unfair, wir sind unfair zum Leben". 
Und körperliche Veränderung? Man nimmt beim Wandern ab. Pummelig bin ich dennoch. Die Kalorien fress‘ ich mir danach wieder an, weil ich verdammt nochmal gerne esse."

7) Wanderst du lieber alleine, oder in Gesellschaft und warum?
"Die erste große Wanderung habe ich bewusst alleine gemacht. Ich wollte lernen in einem fremden Land, auf einem Weitwanderweg auf mich alleine gestellt zu sein, es zu schaffen. Ich habe mich deshalb bewusst keiner Gruppe am Jakobsweg angeschlossen, wie es viele andere tun. Obwohl ich sehr oft die Gelegenheit hatte nette Gespräche zu führen und am Abend gemeinsam in der Herberge zu sitzen. Und wenn du dich wieder verabschiedest und alleine weitergehst, nimmt es dir niemand übel. Alleine Wandern hatte den Vorteil, dass ich auf niemanden Rücksicht nehmen musste. Nur das eigene Tempo spielt eine Rolle. Du gehst, wenn du gehen willst und machst Pause, wenn du sie brauchst. Die Einsamkeit wird als negativ gesehen. Ist sie allerdings nicht mehr, wenn dich deine Umgebung unterhält, in dem Fall die Natur, der Ort. Es müssen nicht immer Menschen sein, die deine Einsamkeit durchbrechen. Zitat von Goethe fällt mir dabei ein - Um die Einsamkeit ist’s eine schöne Sache, wenn man mit sich selbst in Frieden lebt und was Bestimmtes zu tun hat.

Es gab allerdings danach genug Wanderwege, die ich nicht alleine ging. Die Erfahrung ist eine etwas andere, weil dann gegenseitige Rücksichtnahme eine Rolle spielt. Das Tempo, die Kondition, das Aufeinander warten. Aber auch hier lernt man diesen Menschen, Wanderpartner, auf eine spezielle Art und Weise kennen. Es ergeben sich spontane, interessante Gespräche, bei denen man viel übereinander lernt. Beim Wandern merkt man auch, mit wem man schweigen, lachen und reden kann  - und das alles in einem Paket. Deshalb gibt es nicht dieses Lieber alleine oder lieber in Gesellschaft. Ich mag beides. Es muss für beide Varianten Platz im Leben sein, weil es wichtig ist, sich auch die Zeit für sich alleine zu nehmen – ohne Begleitung."

 

 

Kurz gefasst: "Ich sehe das Leben wie eine große Leinwand, die man so interessant wie möglich gestalten sollte, weil es sich nicht von selbst schön gestaltet. Der Wille etwas zu tun oder zu ändern muss bei einem selbst vorhanden sein.  Ich versuche diese Leinwand mit neuen Pfaden, Wegen und schöne Momenten zu füllen, die mein Leben zu einer großen, interessanten Reise machen, auf die ich am Ende zurückblicken kann und ein großes Gesamtkunstwerk ergibt."

Please reload

  • Facebook Social Icon
  • Instagram Social Icon
Recent Posts

August 8, 2019

July 8, 2019

June 20, 2019

June 13, 2019

November 28, 2018

Please reload

  • Facebook Social Icon
  • Instagram Social Icon

©2019 Made with multicultural Humor since July 2016