Srebrenica- "Über Leben im Krieg"

In der Kategorie #Frauenstark werden euch Frauen vorgestellt, die eine inspirierende und motivierende Funktion für ihre Mitmenschen haben. Sie schreiben die Herstories unserer Zeit und Zukunft. Eine gesunde Gesellschaft lebt vom Miteinander und da wir so viele starke weibliche Persönlichkeiten haben, müssen diese mit ihren Ideen und Innovationen in den Vordergrund gestellt werden.

 

 

1) Stell dich bitte kurz vor, damit die Leser wissen, wer du bist:
Mein Name ist Adisa Beganovic. Ich bin als achtjährige mit meiner Familie aus Bosnien-Herzegowina geflüchtet und lebe seit 1994 in Österreich. Mittlerweile arbeite ich als freie Journalistin und Autorin.

2) Srebrenica- was wissen Außenstehende nicht? Kannst du die Geschehnisse kurz zusammenfassen?
Vor 23 Jahren haben serbisch-bosnische Truppen in der damaligen UN-Schutzzone Srebrenica einen Genozid an über 8.000 bosnischen Muslimen verübt. Unabhängig davon ob sie ihre Religion praktizierten oder nicht wurden sie während der Kriegsjahre 1992-1995 Hauptziel einer systematischen ethnischen Säuberung, von Vertreibung, Massenmord und Völkermord. Mit General Ratko Mladic und dem früheren serbischen Politiker Radovan Karadzic sind die Hauptverantwortlichen für Europas schwerstes Kriegsverbrechen seit dem Zweiten Weltkrieg mittlerweile verurteilt worden. Bisher konnten 6.575 Opfer des Srebrenica-Genozids mit DNA-Abgleichen identifiziert werden. Mehr als 1.000 Personen gelten noch als vermisst. Um ihre Gräueltaten zu vertuschen, verstreuten die serbischen Militäreinheiten die sterblichen Überreste in primäre, sekundäre und tertiäre Gräber. Das heißt, dass sie die Opfer begraben, danach mit schwerer Maschinerie ausgegraben und an Zweit- und Drittorte wieder begraben haben. Die Suche nach Vermissten ist ein schwerer und langwieriger Prozess und ist mit unglaublichem Schmerz für die Hinterbliebenen verbunden, meistens Mütter, Gattinnen, Töchter und Schwestern, die ihre männlichen Familienmitglieder verloren haben. Heuer werden 35 identifizierte Personen in der Gedenkstätte Potocari, in der Nähe von Srebrenica, beigesetzt.

3) Wieso denkst du, haben wir in der Schule in Österreich nie darüber gelernt?
Das ist eine schwierige Frage. In Österreich leben sehr viele Menschen vom Balkan. Die Aufklärung über die Geschichte des ehemaligen Jugoslawien ist daher von großer Bedeutung. Es sollte endlich Schulstoff werden. Vor wenigen Wochen haben serbische Fußballfans in Wien Ottakring den Slogan „Nož, žica, Srebrenica“ gerufen. Wörtlich bedeutet es „Messer, Draht, Srebrenica". Es ist eine Anspielung auf den Völkermord in Srebrenica. Hier erfordert es mehr Sensibilisierung der Menschen. Hass, Rassismus, Antisemitismus und Islamophobie haben in Österreich keinen Platz.

4) Dein Buch "Über Leben im Krieg" - was kannst du uns über den Inhalt sagen?
Sieben Protagonisten erzählen über den Alltag und die Schule während des Krieges in Bosnien-Herzegowina. Das Leid des Krieges drückt sich manchmal sehr subtil aus. Ich wollte in diesem Buch diese Schmerzen (zerstörte Jugend, verlorene Ausbildungsjahre, Hunger, Verzweiflung) aufzeigen. In einer Geschichte geht es aber auch um die Flucht vor dem Krieg. Meine Intention war geflüchteten Menschen eine Stimme zu geben. Mit ihren Geschichten wollte ich aufzeigen, was es bedeutet, die eigene Heimat verlassen zu müssen und sich in eine ungewisse Zukunft zu begeben. Die Protagonisten leben und arbeiten in Österreich und haben hier eine neue Heimat gefunden.

5) Zum Gedenktag Srebrenicas, wie geht es dir& deinen Verwandten? Wie ist die Stimmung in Bosnien an diesem Tag? Was ist da üblich?
Srebrenica ist in meiner Familie nicht nur am 11. Juli präsent. Wir fühlen mit den Betroffenen aus Srebrenica mit, denn auch einige meiner Familienmitglieder wurden während des Krieges ermordet. Am Gedenktag von Srebrenica, dem Höhepunkt aller Grausamkeiten, die sich in Bosnien-Herzegowina abgespielt haben, mündet unsere Trauer an einem Ort. Im bosnischen Fernsehen und den Tageszeitungen wird intensiv über Srebrenica berichtet und die Politiker reisen zur Gedenkfeier. Am 12. Juli schaut niemand mehr hin und die Betroffenen werden zumeist sich selbst überlassen, bis zur nächsten Gedenkfeier.

6) Es ist eines der größten Genozide, dennoch wissen die Leute weltweit, selbst in den meisten Flecken Europas, nicht viel darüber- wieso ist das so?
Das kann ich mir auch nicht ganz erklären. Der Krieg ist minutiös dokumentiert. Meine Magisterarbeit hat sich zudem mit der Berichterstattung während des Krieges auseinandergesetzt. Die war auch sehr extensiv. Österreichische ReporterInnen wie Livia Klingl waren vor Ort und haben berichtet. Ich weiß leider nicht warum dieser Krieg nicht in das kollektive Gedächtnis haften geblieben ist.


7) welches erzählte Erlebnis aus deinem Buch lässt dich nicht mehr los?
Die Erzählung eines jungen Mannes, der von 93 bis 95 mit seiner Familie in Srebrenica lebte. Täglich Hunger und Angst ausgesetzt gewesen zu sein, ist schier unvorstellbar. Das führte bei ihm zu einem apathischen Zustand, wo es ihm egal war ob er stirbt – und das als Kind! Mittlerweile geht es ihm gut. Er hat eine eigene Familie gegründet, lebt und arbeitet in Wien. Viele der Geschichten von unseren Freunden, Kollegen oder Bekannten aus der Balkan-Region kennen wir vermutlich nicht. Die meisten wollen nicht über den Krieg oder ihre Flucht sprechen, da sie nicht als Opfer reduziert werden wollen.

8) Wie leicht/schwer war es für dich, ein Buch über das Überleben im Krieg zu schreiben, vor allem heute, wo wir doch von Kriegsstimmung umgeben sind?
Ich glaube nicht, dass wir von Kriegsstimmung umgeben sind. Zwar herrschen Kriege weiter weg von uns, aber uns geht es in Österreich gut. Was mich bedrückt ist die Lage der Flüchtlinge. Menschen die nach Europa kommen, um Hilfe zu suchen, werden sich selbst überlassen. Vor etwa 20 Jahren war ich eine von ihnen. Hätten meine Familie und ich damals in Österreich keine Zuflucht gefunden, wäre mein Leben in eine völlig andere Richtung verlaufen. Falls ich überlebt hätte. In Anbetracht dieser Umstände war es für mich eine zweischneidige Angelegenheit. Ich kenne die Situation von geflüchteten Menschen und was es bedeutet in ein fremdes Land zu kommen. Die intensive Auseinandersetzung mit den Protagonisten des Buches, hat mich dazu bewegt mich mit meiner eigenen Geschichte auseinanderzusetzen, was nicht leicht war.
 



 

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