Alte Rechnungen- für Mona

August 10, 2018

 

Ich wachte an jenem Morgen auf, schnappte mein Handy und checkte meine Nachrichten ab. Es war eine Whatsapp-Nachricht, die mir den Tod einer geliebten Freundin mitteilte. Ich legte das Handy weg und war mir sicher, es mir eingebildet zu haben. Eine 27-Jährige stirbt doch nicht, oder? So jung, frisch verlobt, das ganze Leben hat die noch vor sich. Dann kam noch eine Nachricht und noch eine und gefühlt tausende Postings auf Facebooks, die mit Abschied, Trauer und Entsetzen voll waren. Am liebsten hätte ich Mona angerufen und sie gefragt, wo sie war. Sie solle bitte allen sagen, dass sie doch eh da ist und das alles nur ein blödes Missverständnis. Ja, ich hätte sie gerne angerufen, aber das konnte ich nicht, denn ich hatte ihre Nummer nicht mehr. Mona und ich hatten in den letzten sechs Jahren kein Wort miteinander gewechselt. Kein Wort.

 

Ich kann mich noch sehr gut an den Streit erinnern. Machte er Sinn? Nein. War es notwendig? Nein. Wer hatte Recht? Keiner, aber natürlich dachte jede von uns, sie hätte Recht. Ich saß da, versuchte die Nachricht zu verdauen, wollte ihre Familie anrufen, wusste aber nicht, was ich sagen würde. Ich glaube es ja noch immer nicht. Ich war den ganzen Tag regungslos, verloren und mich plagten die Schuldgefühle. Ich wollte sie sehen, umarmen, wieder lachen hören. Sie hatte ein ansteckendes Lachen. Sie war einer der schönsten Sonnenstrahlen in Menschenform auf dieser Erde, damit sie uns mit Gelächter ansteckt. Und ich habe mich in diesem Moment gehasst. Ich wusste, dass sie eine tolle Person war und dennoch, hatten wir die letzten Jahre nicht miteinander gesprochen. Wir gingen einander gekonnt aus dem Weg. So fühlt es sich also an, wenn man entdeckt, dass man selbst im Recht Unrecht haben kann, denn das Rechthaben bringt dir gar nichts, wenn eine geliebte Person geht. Ich konnte mich nicht verabschieden. Ich konnte ihr nicht mehr sagen, dass ich ihr längst verziehen habe, aber zu stolz war, um den Draht zu ihr wieder zu finden. Ich konnte ihr nicht mehr sagen, dass ich die letzten Jahre zwar nicht mehr mit ihr befreundet war, dafür aber nie aufgehört habe sie zu lieben.

 

Manche Leute sagen, sobald man auf dem Grab einer geliebten Person steht, glaubt man, dass es vorbei ist. Ich stand auf ihrem Grab. Ich glaube es noch immer nicht. Ich stand mehrmals dort und flehte um ihre Vergebung und ich weiß, dass sie mir verziehen hat, denn sie kannte keine bösen Gedanken. Die Frage ist nur, ob ich mir selber verzeihen kann, denn ich habe mich aus ihrem Leben gezogen und dafür gesorgt, dass nicht einmal ein einziges gemeinsames Foto von uns existiert. Ich habe all unsere gemeinsamen Freunde darum bitten müssen, mir eines zu schicken, sollten sie noch eines haben und nur eine fand eines. Das ist tatsächlich mein letztes Foto mit Mona. Das war 2012 auf der Verlobung einer Freundin, wir saßen nebeneinander, haben gelacht und uns gegenseitig nur das beste vom Leben gewünscht.

 

Noch nie im Leben hat mich der Tod einer Person so mitgerissen. Mona hat viel ehrenamtlich gemacht, vor allem für und mit Kindern. Sie hatte ein so großes Herz, dass ihr Tod ein Weckruf für viele Menschen war, aber noch viel mehr, ein richtiger Schlag ins Gesicht. In ihrem Leben hat sie so viele Menschen bewegt und selbst nach ihrem Tod haben Menschen in ihrem Namen Geld gesammelt, um Trinkbrunnen in Ghana zu bauen. Bei ihrer Beerdigung waren Menschenmassen, die ich so noch nie auf einmal gesehen hatte. Sie war so jung, so stark, so optimistisch, so liebevoll, sie hatte Wirkung und nun ist sie zwar fort, aber ihre Taten bleiben und der Gedanke an sie ist unsterblich.

 

Streitigkeiten, Uneinigkeiten, Eitelkeiten, Rechthabereien und viele ungute Dinge mehr, zerren unsere Liebsten von uns. Hören wir damit auf. Lernen wir, vom innersten unserer Seele zu vergeben und zwar nicht nur, um uns besser zu fühlen, sondern weil wir eines Tages alle gehen werden und wenn es soweit ist, nehmen wir unsere Taten mit. Kein Ruhm, kein Geld, keine Schönheit, keine Bildung, kein Prestige, nichts nimmst du mit, wenn du wieder zu Erde wirst, außer das, was du den Menschen an Taten gelassen hast, damit sie an dich denken, wenn du nicht mehr unter ihnen weilst. Begleiche deine alten Rechnungen heute, denn du weißt nicht, ob es morgen nicht schon zu spät dafür ist.

Ich weiß, dass es ihr gut geht, dort wo sie liegt, neben ihrem Vater, der schon vor Jahren von uns ging. Ich weiß, dass sie die Liebe ihres Lebens gefunden hatte, bevor sie ging und ich weiß, dass ich mit ihr reden kann, wann immer ich es möchte, denn das tue ich ständig, aber wie ich ihren Tod verkraften kann und wann ich ihn realisieren werde, das weiß ich noch nicht.

 

Für Mona,

Einer Freundin,

Einer Schwester,

Einer Seelenverwandten- Möge deine Seele in Frieden ruhen und dein Lachen für immer in unsere Gedanken zu hören sein <3

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