"Auch wenn nicht jede Frau gebärt, so sind wir alle von Frauen geboren"

In der Kategorie #Frauenstark werden euch Frauen vorgestellt, die eine inspirierende und motivierende Funktion für ihre Mitmenschen haben. Sie schreiben die Herstories unserer Zeit und Zukunft. Eine gesunde Gesellschaft lebt vom Miteinander und da wir so viele starke weibliche Persönlichkeiten haben, müssen diese mit ihren Ideen und Innovationen in den Vordergrund gestellt werden.

 

Fotocredit: Laura SCHAEFFER
 

Ulli Weish ist feministische Medienaktivistin und arbeitet als Medien- und Kommunikationswissenschaftlerin an der Universität Wien sowie als Geschäftsführerin von ORANGE 94.0 – das Freie Radio in Wien.
Ulli Weish lebt in Wien und hat zwei Töchter (12 und 14 Jahre).

 

1) Feminismus ist im Moment eine Art Modeerscheinung, alle wollen Feministen sein. Wenn es aber um den Kern der Sache geht, handelt es sich eher darum, dass viele Menschen anderen Menschen den Feminismus absprechen. So hat Zana Ramadani und lange vor ihr Alice Schwarzer die Meinung vertreten, dass Frauen in Kopftüchern keine Feministinnen sein können. Auch Mütter, die zu Hause sind, nicht stillen wollen, oder Sex Worker "dürfen" keine Feministinnen sein. Was ist da schief gelaufen? Wieso haben wir das Wesentliche aus den Augen verloren?

"Ich gehe nicht davon aus, dass alle Menschen Feministen oder Feministinnen sein wollen, woraus schließt Du das? Weil das Wort Feminismus neuerdings von Modeschöpfern für medial inszenierte Auffälligkeitsgesten instrumentalisiert wird? Weil Pop-Diven Schriftzüge auf Bühnen oder auf T-Shirts platzieren? Weil in regelmässigen Abständen Missbrauchsskandale als solche benannt werden und wir daher Gewalt an Frauen regelmäßig in den Medien, ob von Tätern, die im öffentlichen Leben eine Rolle spielen (wie etwa Filmregisseure, Theaterdirektoren, Fotografen, Politikern, Sportlern, Priestern etc.) oder im privaten Familienkreis verbrochen wurden und wir heute drüber reden statt zu schweigen?

Ich glaube ganz im Gegenteil, dass der Antifeminismus wesentlich breiter gestreut ist als vor 30 Jahren, dass wir weltweit eine Phase des Backlash erleben, in allen Regionen der Welt kommen rechtspopulistische, konservative, rückwärtsgewandte Gesellschaftsbilder wieder stärker zum Vorschein. Dieser ideelle Raum – wie Frauen und Männer, Interpersonen und  Transsexuelle Menschen  sein oder (gar) nicht sein sollen – wird nur in kleinen Szenen vielfältig debattiert. Dort bilden sich verschiedenste Subkulturen heraus, die sich stark voneinander abgrenzen. Das heißt: In der späten Postmoderne, in der wir uns befinden, existiert ein Gedankenwettbewerb der Vielfalt und der Einfalt zugleich.

Feminismus im Singular ist daher heute unpassend: Es gibt viele verschiedene Feminismen, die verschiedene Lebenskonzepte propagieren. Was sie allesamt als ‚feministisch‘ vereint, ist die Grundannahme, dass individuelle Freiheit und gesellschaftliche Zugänglichkeit zu Macht, Anerkennung und Verfügbarkeit von Ressourcen und Kapital ebenso für  Frauen* bestehen müssen, um überhaupt als demokratisch bezeichnet zu werden.

 

Wenn Frauen zu Kleiderordnungen – egal ob zu sehr angezogen oder ausgezogen – gegen ihren eignen Willen und Geschmack gezwungen werden, ist ein konservatives und frauenfeindliches Weltbild wirksam. Wenn Frauen der Platz zuhause als Zwang zugewiesen wird oder aus ökonomischen Zwangslagen sofort nach ihrer Geburt zu Erwerbsarbeit gedrängt werden, dann herrscht ein frauen- und babyfeindlicher Geist, ob in der eigenen Familie oder in der Gesellschaft. Es geht um das Verordnen EINES Lebensstils, EINER Lebensweise, und das ist bereits klassistisch, häufig rassistisch, und wenig an der jeweiligen Situation verschiedener Menschen orientiert, hat damit Zwangscharakter und ist daher abzulehnen.

Das Thema Sexarbeit ist noch komplexer und trennte seit Beginn der Debatten - seit der Ersten Frauenbewegung im Kampf um Menschenrechte als Frauenrechte, in Europa seit 1848 in einzelnen Texten auffindbar, in den USA bereits schon früher als Teil der ‚Slavery-Debatte‘ – die beiden Kernpositionen unter Feministinnen. Verbot der Prostitution als Teil der Frauenbefreiung von patriarchaler Gewalt steht der BürgerInnenbewegung um verbesserte Rechte für SexarbeiterInnen gegenüber. Das jeweilige Menschenbild unterscheidet sich (Frauen als Opfer von Männergewalt und Kapitalismus/Frauen als Körper, Männer als Käufer VERSUS Frauen als selbstermächtigte DienstleistungsanbieterInnen, als aktive, autonome Sexanbieterin oder –nutzerin in einer geregelten offenen Gesellschaft). Doch die Motivation – für Frauen mehr Gerechtigkeit und Anerkennung zu schaffen, ist in beiden Extrempositionen dennoch sichtbar. Darüber kann frau lange schreiben und weiter lesen (zum Beispiel in der Ausgabe zum Thema Prostitution oder Sexarbeit. Realitäten. Rechte. Richtungen. In: AEP/Feministische Zeitschrift für Politik und Gesellschaft (Nr.1/2014, ISSN 2072-781X ). Ich selbst stehe nach langem Überlegen, Lesen, Kennenlernen von SexarbeiterInnen mittlerweile auf Seiten der Sexworker-AktivistInnen, dachte aber lange Zeit, dass beide feministischen Flügel doch zusammen kommen müssten. Da irrte ich mich gewaltig, ich habe durch diese Diskussion einen Teil meiner feministischen Freundinnen verloren, die davon überzeugt sind, dass durch das Verbot von Sexarbeit die Gesellschaft insgesamt weniger patriarchal und männermachtgesteuert wäre. Das ist traurig aber man muss zur Kenntnis zu nehmen, dass trotz gleicher Ziele von Feministinnen so unterschiedliche Grundhaltungen existieren. Im Grunde kommen wir dann zu einem der ältesten Spaltungen zwischen Frauen, die Gerda Lerner in ihrem berühmten Buch: Die Entstehung des Patriarchats bereits Mitte der 1970er Jahre geschrieben hat und die Jüdinnen, Christinnen und Muslima in ihren Kinderjahren lernen: Frauen trennen sich in die anständige und in die unanständige Frau. Erstere ist Heldin (aufopfernd, mütterlich, ehrbar etc.) zweitere ist Negativ-Idol (egozentrisch, autonom, verrucht etc.). Diese Spaltung zwischen Frauen, an denen Männer und Frauen beteiligt sind, schwächen ALLE Frauen. Dieser Mechanismus ist uralt und kann als kulturelles Grundmuster in allen historischen Phasen der sog. Hochkulturen, seit dem Babylonischen Reich (in den Gesetzestexten von Hamurapi rund 1750 vor Christus) nachgegangen werden. Diese Spaltung zwischen Frauen ist so alt wie die Kulturgeschichte der Menschheit und kann nach wie vor als Eckpfeiler des Patriarchats bezeichnet werden."

 

2) Dalia Mogahed - eine amerikanische Aktivistin- sagt

"If yours is a feminism trying to recreate me in your image, keep it. This is not dismantling patriarchy, it´s joining it."

Hat der Feminismus nur ein valides Frauenbild?  Müssen alle anderen 

"draußen bleiben"?

"Nein, DER Feminismus ist immer problematisch, es gibt viele verschiedene Feminismen, so wie es verschiedene Lebenswirklichkeiten gibt. Die Positionen eines klassensensiblen Feminismus ist eine Frauenperspektive, die Kritik an Mittelschichts- und Oberschichtsnormen formuliert. Die Positionen eines antirassistischen Feminismus ist eine der differenzierbaren Diskriminierungsalltäglichkeiten, die sich für Gleichheit, Akzeptanz und Wertschätzung von Frauen* einsetzen, die sich sichtbar (Hautfarbe, Augen, Haarfarbe), hörbar (Sprache/Akzent) oder durch andere Sinneswahrnehmungen von Mehrheitsmenschen unterscheiden. Die Schwerpunkte vervielfachen und verlagern sich: Körperlichkeit und Aktivismus zu Menschen mit Behinderungen, zu Altersdiskriminierungen, zu sexuellen Lebensstilen und Begehren. So breit wieder der Begriff Intersektionalität (vgl. Crenshaw. Kimberle Williams. 2012 . Beyond racism and misogyny: Black feminism and 2 live crew. In the Gender and Media Reader, eds. Mary Celeste Kearney, 109-123, New York: Routledge), so breit die Differenzierung individuell und gesellschaftlich je nach den Kategorien Gender, Klassenzugehörigkeit, Alter, Religion/Weltanschauung, sexueller Orientierung, ethnische Zugehörigkeit, Körperliche Beeinträchtigung imKonkreten gezogen werden….

Dalia Mogahed geht es um die Freiheit der einzelnen Frau, um den Standort des ICHs, der nicht durch alte oder neue Normen Gewalt angetan werden darf. Im Zentrum aller Feminismen geht es um die Rechte der einzelnen Frau, die nicht als Pfand für Gesellschaftsnormen eingetauscht werden darf. Nicht für Frauen entscheiden darf der Staat, der Ehemann, die Gesellschaft als Normengefüge, sondern Frauen entscheiden für sich selbst, in der Ermächtigung ihrer eigenen Einschätzungen und Freiheiten. Paternalismus und Patriarchat hängen bekanntlich eng zusammen."

 

3)Es herrscht in vielen Köpfen noch immer das Bild der behaarten, frustrierten, unattraktiven Feministin, die sich aus Frust und Rache an unaufmerksame Männer in den Feminismus treiben hat lassen: Woher kommt dieses Bild überhaupt und wieso ist es noch aktuell?

"Dieses Klischee ist so alt wie die Druckpresse und so alt wie die in Europa entstandene Aufklärung (als Reaktion auf den absolutistischen Monarchismus und die autoritäre katholische Kirche des 18. Jahrhundert). Frauen, die sich für Frauenrechte einsetzten, wurden bereits damals von ihren Gegnern nicht nur inhaltlich abgewertet und als illegitim dargestellt, sondern auch als persönlich unattraktiv gebrandmarkt. Warum? Weil es wirksam ist, durch öffentliche Beleidigungen den Gegnerinnen und ihrer Sache zu schaden. Hedwig Dohm hat bereits in ihrer Streitschrift ‚Die Antifeministen‘ 1904 darauf Bezug genommen, dass Gegner des Frauenwahlrechts bereits die Suffragetten als hässlich, unweiblich, gewaltvoll diffamierten. Diese Beleidigungen treffen meist das unentschiedene weibliche Publikum. Ihnen gilt es durch negative Klischees die inhaltlichen Anliegen von Feministinnen schlecht zu machen, damit sie nicht aktiv werden, sich nicht für Frauenrechte engagieren, um zu verhindern, dass Massenbewegungen tatsächlich soziale und gesellschaftliche Privilegien von Männern hinterfragen und damit abgeschafft werden. Diese Spaltung zwischen Frauen (schöne hier, hässliche dort) funktioniert auch in diesem Aspekt prächtig: Welche junge und noch wenig politische Frau will denn gerne als hässlich, männerfeindlich und unweiblich gesehen werden? Jugendlichkeit funktioniert stark durch Zugehörigkeit, junge Menschen wollen ganz besonders anerkannt, geliebt und bewundert werden, und zu einer beachteten Gruppe dazu gehören. Die Behaarungsgeschichte ist noch ein eigenes Kapitel und in Europa ganz jung. Erst durch die Kosmetikindustrie der US-Amerikanischen Konzerne einerseits und den Enthaarungspraktiken von arabisch-muslimischen Communities, die den Haar-Ekel als Kult verbreiteten, hat die Enthaarungsindustrie begonnen, die vordem nur einer kleinen aristokratischen Elite vorbehalten war. Ich selber muss noch immer lachen, wie sehr sich denkende Menschen mit ihren eigenen Körperhaaren heute befassen, als wäre dies der eigene Kleingarten, der zu bewirtschaften ist. Geht uns die bezahlte Arbeit im Westen nun langsam aus, so können wir uns wenigstens mit den nachwachsenden Gräsern auf unserer Haut beschäftigen. Durch die Kapitalismuslogik der Umsatzsteigerung müssen sich nun neuerdings auch Männer mit ihren Körperhaaren befassen. Diese Selbstoptimierung des zunehmend autoritären Neoliberalismus treibt uns alle zu mehr Körperkontrolle. Schönheit wird zur Pflicht von Männern wie Frauen. Vielleicht macht uns diese Verletzbarkeit durch die Industrieschönheitsnormen insgesamt verletzlicher und damit wieder menschlicher, weil wir gemeinsam beginnen können, diese Schönheitsnormen als Zwänge zu durchschauen."

4) Wenn wir die Stellung der Frau mit jener des Mannes auf allen Ebenen vergleichen, wo waren wir vor 30 Jahren, wo sind wir heute?

"Vor 30 Jahren brach der Eiserne Vorhang auf, es existierte eine kurze Zeit der individuellen Utopien: Reisefreiheit für alle, die Grenzen sind offen, der Kalte Krieg ist vorüber! Heute sind wir an der Schwelle zur Post-Postmoderne: Ein neuer Autoritarismus, als Überwachung, als War against Terror, als Freiheit für den Warenverkehr und Kontrolle über Menschen, die mittellos, und daher schon allein suspekt sind. Konsum wird mit Demokratie verwechselt, Normen werden als Freiheit verkauft. Frauen sind getrennt, in Klassen, Regionen, Religionen mit frauenverachtenden Grundhaltungen. Seit 1990 fanden keine UN-Frauenkongresse mehr statt, der letzte Kongress in Peking, der zu einer Aktion für Frauenrechte, Platform for Action, führte, konnte bislang nicht widerholt werden. Es sieht derzeit leider so aus, als würden Kriege gerade Fraueninteressen bekämpfen, im Westen durch Feindbilder des Islamismus, der die imperialen Machtansprüche des Westens selbst verschleiert, im Osten und Süden durch ein Zerrbild, der Frauen in eine sexistische und unwürdige Objektrolle einengt. Feministinnen waren immer auch international denkend, aktiv und vernetzt. Schwesterlichkeit und Solidarität betonten das Gemeinsame trotz der vielen Unterschiede. Heute sind wir in der Dekonstruktion, damit stärker an den trennenden Aspekten von Frauen* orientiert, getrennt nach ihren Privilegien und Herkunftskulturen. Das macht internationalen Feminismus so prekär im Moment, weil das für-einander-einstehen und Sprechen als suspekt gilt (als eine Konsequenz der Postcolonial Diskurse), andererseits prekäre Frauen selten in der Lage sind sich als Sprechende Gehör zu verschaffen. Das ist ein Doublebind, das nicht abstrakt lösbar ist, sondern nur durch Konkretes benannt werden kann: Durch Einmischung am Beispiel, durch Differenzierung der Fallgeschichten, durch Verstärkung der Debatten von anderen. Wir erleben derzeit eher Gegenteiliges in der Geschlechterdebatte: Der jeweils Redenden wird die Legitimität der Rede in Abrede gestellt. Das schafft ein Klima der Arena: ZuschauerInnen erleben polarisierende Debatten ohne zeitliche und historische Vertiefung dazu, Likes und Dislikes. Da bleibt die Tiefe der Debatte oft auf der Strecke.

Viele Forderungen der Ersten Frauenbewegung sind nach wie vor offen: Gleiche Bezahlung, gleiche Zugänge zu Ämter und Ressourcen, Gewaltfreiheit; viele Forderungen der Zweiten Frauenbewegung ebenso: Selbstbestimmung über Abtreibung, Verhütung; Freie Wahl des Berufs und der Ausbildung, Lebensentwürfe jenseits von heterosexueller Familie mit Ehegatte und Kind(ern). Heute in der sogenannten Dritten Welle der Frauenbewegung kommt alles wieder zusammen: Alte und neuere Forderungen sind nach wie vor am Tapet, wobei die einen Themen als legitim (Rechtsgleichheit) und andere als illegitim oder übertrieben (weibliche Form der Sprache, der Lebensstile, die den starren biologistischen Dualismus von Mann/Frau ablehnen etc.) bewertet werden. Medien markieren daher viele Diskurse als überholt, übertrieben oder als unrealistisch. Das ist ein weiterer Baustein unseres heutig autoritären Drive: Frauenrechte und Gleichheit als unmodern und überholt, Diversity als utopisch und als gescheitert zu vermitteln."

 

5) Ich muss diese Tage oft an "Can the subaltern speak" denken. Wieso übernimmt #whiteFeminism bis heute noch das Sprechen für viele Frauengruppen, die sehr wohl in der Lage sind, selber für sich zu sprechen und mehr noch: sie versuchen das eigene Bild der Selbstbestimmung auf sie zu klatschen...hört diese Zwangsbemutterung im Namen des Feminismus irgendwann einmal auf?

"In der Phase des Spätkolonialismus – ich gehe nicht davon aus, dass unsere heutige Zeit als postkolonial bezeichnet werden kann, da wir ökonomisch in Globalperspektiven des fortdauernden Imperialismus leben, wo die Westliche Dominanz durch weltweite Konzernpolitik massiven Einfluss in die politischen und geopolitischen Kämpfe unserer Zeit auch Einfluss auf sämtliche Menschen- und daher Frauen*leben haben – werden auch weiße Stimmen, die in Medien als prominent verhandelt werden, stärker kommuniziert als nicht-weiße, nicht privilegierte. Allein der Nachrichtenwert ist nach kultureller Nähe ausgerichtet. Das ist Teil der Hegemonie. Selektion von Nachrichten sind dabei ein demokratiepolitischer Faktor: Wer wählt welche O-Töne aus? Welche Themen kommen überhaupt in den medialen Mainstream-Diskurs, welche davon abweichend haben dennoch einen hohen Nachrichtenwert? Sensation, Eskalation, Unerwartetes, Pompöses, Grausames, Skurriles etc. schafft es dennoch ins vermischte, als Zerrspiegel, als Schablone von Exotik und Unterhaltung, als Teil des Staunens und Wunderns. Die feministische Debatte der Postkolonial Studies hat aber eine hohe Relevanz heute, an den Unis, in den heterogenen zivilgesellschaftlichen Gruppen, in der Parteipolitik, sofern Antirassismen und –sexismen in den jeweiligen Parteien Werte darstellen. Ich glaube, dass wir viele Debatten lebenslänglich führen (werden), denn Geschichte hört nicht auf, Politik ist immer ein Prozess, der kann gar nicht aufhören. Der Aufmerksamkeitskampf um das Hören und Teilen ist heute ein vor allem medial vermittelter, mit diesem Basiswissen treffen Menschen dann Entscheidungen, beispielsweise bei Parlamentswahlen, die wiederum Basis der Gestaltungsperspektiven einer Gesellschaft ist, sei sie konservativ, Unterschiede nach Klassen und Kulturen bewahrend, sei sie progressiv, Veränderungen ermöglichend und Perspektiven erweiternd, und dazwischen: die kunterbunte Welt der Vermischungen im alltäglichen Leben der Widersprüche."

 

6) Wieso feiert der Feminismus Malala, aber nicht Ahed Tamimi? Wieso feiert er den eisernen Willen der iranischen Frauen im Iran, aber nicht jenen der muslimischen Frauen in Europa, wo doch beide für dasselbe kämpfen: Selbstbestimmung. Nach welchen Kriterien sucht sich der Feminismus seine Helden aus?

"Hier sucht sich nicht DER Feminismus Heldinnen aus, sondern hier sind Mainsteam Medien mit zwei sehr verschiedenen Grundproblemen konfrontiert, die nach unterschiedlichen Themenskripten ‚funktionieren‘. (Alle Mainstream Medien, das darf ich salopp so behaupten, sind tief antifeministisch, ich kenne keine hochauflagigen oder reichweitenstarke profeministischen Medienkanäle.) In beiden Geschichten sind junge (schöne) Frauen involviert (Steigerung des Nachrichtenwerts, Sensation, Gewalt an und von Frauen als Skandal) und fungieren als Erzählerinnen in einem jahrzehntelang aufgeheizten Bürgerkriegsumfeld. Beide Staaten haben eine lange Kolonialgeschichte, die ungelöst und voll von imperialistischer Stellvertreterei ist:  Ein Tal in Pakistan als stellvertretender Ort einer zunehmend frauenverdrängende Bildungsgesellschaft als Hintergrund auf Malalas Attentat; ein postkoloniales Bürgerkrieggeschehen, das aufgrund der Naziverbrechen in halb Europa als Tabuland für politische Einmischung steht, indem Ahed vom israelischen Militär Gewalt und Raub (an der Lebensgrundlage Wasser/Quelle) angetan wurde. Iranische Frauen sind ebenso keine einheitliche Klasse und zerfallen in verschiedenste Gruppen, von tiefreligiösen Friedensaktivistinnen bis zu anarchistischen Radikalen, die sich in allen aktuellen Fundistaaten nur Feinde machen.

Feministische Medien (kleinauflagig, zumeist in Ehrenamt auf Basis der Selbstausbeutung hergestellt) haben aber immer wieder versucht, gerade diese politischen Hintergründe, die Zusammenhänge und die Instrumentalisierung von Frauen aufzuzeigen und die Spielräume für Frauen zu vergrößern. Die wenigen feministischen Medienprojekte sind genau mit dieser Aufdeckung befasst: Berichte und Hintergründe über Geopolitik, Gender, Demokratie und internationale Frauenbewegungen haben beispielsweise die Zeitschrift ‚Frauensolidarität‘ zum Thema, deren Grundsubvention zur Zeitungsproduktion von der aktuellen ÖVP Ministerin vor einem Monat gestrichen wurde."

 

7)Wo und was kann ich als Person tun, die gern feministisch aktiv wäre?

Vor allem in Österreich.

"Bei einer der wenigen feministischen Medienprojekte mitarbeiten: bei AEP/Innsbruck, bei Frauensolidarität/Wien, bei an.schläge/Wien, bei Netzaktivistinnen (die leicht im Netz zu finden sind), bei Gewaltschutzorganisationen (wie Amnesty International Frauengruppe,

One Billion Rising Austria), bei autonomen Frauen*projekten und –gruppen (wie Plattform 20000frauen), in feministischen Bildungseinrichtungen (wie der Frauenhetz), bei Künsterlinnenkollektiven (z.B. Fifthytwo/Linz oder intakt/Wien), bei Watchgroups gegen Sexismus in der Werbung (in Wien, Graz und Salzburg) und in vielen Unis an den Frauenreferaten, den queeren Kollektiven in Sachen LGTBIQ und Migration (z.B. Queer base oder TransX)…….und an jedem Tag neue Aktionen und Gruppen, die junge, kreative Frauen heute gründen und durch Social Media zeit- und ortsunabhängig machen! Bei all dem Backlash auch eine der tollen neuen Möglichkeiten des Wandels!

Das Netz birgt Kontrolle und Wandel in einem, ein Tool der Postmoderne!"

 

8) Was wünschen Sie sich von aktiven Feministen, worauf sollten sie Acht geben und mehr arbeiten?

"Männer als Feministen müssen lernbereit sein, selbstreflektiv und reflektierend (was für Menschsein gilt, gilt natürlich auch für Frauen), gewaltablehnend und friedensstiftend, im Konkreten, im Tagtäglichen, nicht nur in der Abstraktion der intellektuellen Rede. Noch immer gilt Simone de Beauvoires Feststellung (Das andere Geschlecht, 1948), dass Menschen die Welt der Transzendenz und der Immanenz brauchen. Damit ist viel Platz für Männer in der Haushaltsarbeit, in der liebevollen Pflege der bedürftigen Angehörigen, ob Alte oder Babys, geschaffen. Wenn Feministen mit ihren Kindern und Eltern in alltagsversorgenden Tätigkeiten in Kontakt sind, dann ist es möglich, dass Feministinnen durch ihre ANDERE Politik die Welt verändern: Friedenspolitiken statt Aufrüstungs- und Militarisierungsprojekte, Bildungspolitiken statt Klassentrennung in der Wissensvermittlung, alternative Ökonomiekonzepte statt zerstörender radikaler Spätkapitalismus auf Kosten von Naturräume, Mensch und Umweltressourcen, um damit den Blick auf unsere gemeinsame Welt zu richten. Ich bin tatsächlich davon überzeugt, würden in den kommenden 100 Jahren nur Frauen weltweit regieren, würde sich unsere Welt radikal ändern. Wenn Männer zu mehr Frieden und Frauen zu mehr gesellschaftlicher Verantwortung erzogen werden, hätte das eine friedliche revolutionäre Perspektive und wäre ein Weltwandel. Frauen sind nicht per se friedlicher, dennoch ist Gewalt keine Tugend, die bei Frauen stark gefördert wird und wurde, das hat positives Potential, das politisch noch immer weitgehend brach liegt."

 

9) Was wünschen Sie sich vom Staat bezüglich Gleichstellung, wo sind wir noch nicht angekommen?

"Ich wünsche mir mehr leidenschaftliche BürgerInnen, die DEN Staat aktiv umgestalten, demokratisch, utopistisch, idealistisch, weniger am eigenen Komfort und Konsum orientiert sind, sondern am allgemeinem Wohlstand und der Verteilung dessen. Wir leben alle in der gleichen Welt, die von Wasser Luft und Agrarland abhängt, und in dieser Welt sind wir trotz aller Unterschiede hineingeboren, durch eine Frau, die die Kette zur nächsten Generation darstellt. Auch wenn nicht jede Frau gebärt, so sind wir alle von Frauen geboren. Diese Grundhaltung ist global relevant, in jedem Staat, in jeder Gesellschaft. Das ist eine universale Wahrheit, die Feministinnen antreibt, seit vielen Generationen. Das ist unser Kontinuum."

 

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