Wahlhebamme - sinnvoll oder rausgeschmissenes Geld?

October 28, 2018

In der Kategorie #Hebammenwissen werden Fragen anonym an erfahrene Hebammen gestellt, die sie dann detailliert für euch beantworten.

Forocredit: wix.com

 

Vorerst soll gesagt sein, dass sämtliche Untersuchungen dazu, ob der Betreuungsschlüssel Einfluss auf den Geburtsverlauf hat, ein gemeinsames Ergebnis haben: JA. „Eine kontinuierliche Unterstützung während der Geburt führt zu einem Absenken der Interventionsraten.“ (Zeitschrift für Geburtshilfe und Neonatologie 2013; 217(05): 161-172

Die Effektivität der Eins-zu-eins-Betreuung während der Geburt. Eine Literaturübersicht) Aber was bedeutet das? Intervenieren bedeutet „Maßnahmen setzen“. Es werden also weniger Maßnahmen gesetzt, weniger Medikamente gebraucht, weniger „drein gepfuscht“ in die Geburt, wenn die Gebärende von einer Hebamme kontinuierlich betreut wird, was Geburten prinzipiell unkomplizierter verlaufen lässt. Im Idealfall kennt die werdende Mutter ihre Hebamme schon aus der Zeit der Schwangerschaft, konnte schon vorab viele Fragen klären und Wünsche äußern, ihre Person vorstellen, sodass die Hebamme ein Bild hat davon, wie viel der Frau zuzumuten ist.

 

Das ist sehr individuell. Fragen wie: „Hast du schon einmal extreme Ausnahmesituationen erlebt und wie bist du damit umgegangen? Was hat dir geholfen, das auszuhalten?“ können zwar auf den ersten Blick Verwirrung stiften, haben aber den Sinn, dass die Hebamme erfährt, wie die Frau tickt und ob sie schon besondere Strategien in ihrem Leben entwickelt hat, die unter der Geburt vielleicht auch helfen können. Im normalen Spitalsbetrieb haben Hebammen meistens 12-Stunden-Dienste. Entweder Tag- oder Nachtdienst, der meist um 7 oder um 19 Uhr beginnt bzw. endet. Verständlich, dass man nach so einem intensiven Dienst auch dann nach Hause gehen will. Immerhin kann’s auch sein, dass man zwei (oder mehr) Tagdienste hintereinander macht, da bleibt dann eh schon kaum mehr Zeit für Privates. Von der diensthabenden Hebamme also zu verlangen, dass sie doch noch ein Weilchen bleibt, weil das Kindlein eh gleich da ist (was man im Übrigen nie so genau wissen kann), ist doch viel verlangt. Auch betreuen die Hebammen oft mehrere Frauen parallel, in kleineren Krankenhäusern ist nur eine Hebamme im (Nacht-)dienst. Da kann es dann schon mal vorkommen, dass die Betreuung sich auf das allernotwendigste beschränkt, weil 3 oder 4 Frauen gleichzeitig da sind. Oft sind dann besonders die Begleitpersonen – meist sind es ja die Väter – gefordert und vielleicht auch überfordert. Die eigene Hebamme ins Krankenhaus mitzunehmen hat also den Vorteil, dass sie vom Beginn bis zum Schluss – und darüber hinaus – diese eine Frau betreut. Sie muss nicht drei Frauen parallel betreuen, ist nicht abgelenkt, kann mit ihrer Aufmerksamkeit bei dieser einen Mama und diesem einen Baby bleiben. Durch dieses Vertrauensverhältnis fällt es leichter, sich während der Geburt wohl zu fühlen, sich zu öffnen, was es ja braucht. Ist ja ein sehr intimer Moment. Du kennst das vielleicht auch aus deinem Beruf: Es sind leider nicht alle gut. So ist das auch bei den Hebammen. Wie in jeder anderen Berufssparte. Auch bei den ÄrztInnen ist das so. Überall gibt es schwarze Schafe. Und nicht jede Hebamme passt für jede Frau. Ich kläre dieses „Zusammenpassen“ gleich beim Erstgespräch. Oft stellt es sich aber auch schon beim ersten Telefonat heraus...

Die Frage, die sich die schwangere Frau stellen muss, lautet: Will ich mich auf das Glück verlassen, dass ich im Krankenhaus eine Hebamme habe, die zu mir passt? Glaub mir, das willst du nicht. Stellen wir uns vor: Eine recht selbstbewusste, eigenständige Gebärende, kommt gut mit ihren Wehen zurecht, alles läuft wie am Schnürchen. Die diensthabende Hebamme unterstützt sie dort, wo sie es gerade braucht, schlägt vor, dass sie in die Badewanne gehen kann, muss aber nicht... alles harmonisch. Und dann ist Dienstwechsel. Es kommt eine laute, strenge, ungeduldige Hebamme herein mit den Worten: „Na! Jetzt wird’s aber Zeit, dass das Buzzl da raus kommt...“ und beginnt zu intervenieren, manipulieren. So kann ganz schnell aus einer unkomplizierten Geburt im eigenen Tempo eine komplizierte Geburt nach Tempo der Hebamme werden. Unnötiger Weise. Denn wenn etwas medizinisch notwendig ist (also man eine „Not wenden“ muss), ist die Situation eine ganz andere und jede Intervention eine willkommene Hilfe.

 

Wie kommt man zu einer eigenen Hebamme? Zuerst muss man sich fragen, was an erster Stelle steht: das Krankenhaus oder die Hebamme? Wenn es das Krankenhaus ist, dann geht das mit der eigenen Hebamme nur dann, wenn es dort das Angebot der Geburtsbegleitung gibt. Das ist von Spital zu Spital unterschiedlich. In Wien sind es das St. Josef, die Semmelweis Frauenklinik und die Privatspitäler, wo es möglich ist, eine eigene Hebamme mitzunehmen. Auf deren Websites findet man die entsprechenden Hebammen, die mit den jeweiligen Häusern unter Vertrag stehen. Gutes Stichwort. Unter Vertrag stehen. Bedeutet nämlich, dass sich die Hebamme zwar sehr viel individueller um Mutter und Kind kümmern kann, trotzdem aber den hausinternen Regeln unterworfen ist. Sie muss sich an diese Regeln halten, wie alle andern auch. Natürlich gibt es etwas mehr Spielraum. Aber das ist dann meist eine Sache der guten Kommunikation zwischen Arzt und Hebamme. Wenn man diese krankenhausspezifischen Strukturen auch nicht haben will, bleibt nur noch die Hausgeburt. Zwar gibt es auch hier Restriktionen, allerdings ist die Betreuung zuhause so individuell frauen- und kinderorientiert, wie nirgendwo sonst. Näheres zur Hausgeburtshilfe in einem späteren Artikel. Ein anderer Weg wäre, sich auf www.hebammen.at unter „Hebammensuche“ eine Hebamme auszuwählen, die Geburtsbegleitungen anbietet, diese kennenzulernen und dann mit dieser Hebamme in das Krankenhaus zu gehen, wo sie begleiten darf. In jedem Fall gilt, das eher frühzeitig zu tun, wenn man die Wahl haben möchte.

 

Wie ist das mit den Kosten? Eine private Geburtsbegleitung muss, wie der Name schon sagt, privat bezahlt werden. Die gesetzlichen Krankenkassen zahlen dabei nichts (im Gegensatz zu Hausgeburten). Meist verrechnen Hebammen eine Pauschale für die Rufbereitschaft und die Geburt, die meist um die 1.500 Euro liegt. Dazu kommen natürlich noch die Hausbesuche vor und nach der Geburt, wovon allerdings wieder die Krankenkasse einen Teil refundiert. Kassenhebammen rechnen die Hausbesuche direkt mit der Krankenkasse ab. Bei Wahlhebammen zahlt man die Honorarnote der Hebamme und reicht diese dann ein. Ein Hausbesuch einer Wahlhebamme kostet 80-90 Euro und rund 30 Euro davon gibt’s retour. Eine bestehende Zusatzversicherung übernimmt meistens die restlichen Kosten, auch die der Geburtsbegleitung ins Spital. Allerdings sollte man sich da vorher beim Versicherer informieren, ob dem auch wirklich so ist.Was kriegt man für sein Geld? Man lernt seine eigene Hebamme schon in der Schwangerschaft kennen. Wieviele Hausbesuche das im Vorfeld sind, ist individuell. Ich sehe meine Frauen 6-8 Mal, weil ich finde, dass eine gute Schwangerenvorsorge der Grundstein für eine gute Geburt ist. Die Hebamme ist 24/7 rufbereit, springt auch nachts aus dem Bett für die Geburt, muss eventuell Babysitter für die eigenen Kinder bezahlen, abgesehen von der Organisation drum herum. Das Auto ist immer getankt. Viele Hebammen fahren zuerst mal zu den Frauen nach Hause und begleiten sie dort bis ein guter Zeitpunkt für die Fahrt ins Krankenhaus besteht. Somit erspart man sich auch Fehlalarme, die auch wieder zu verfrühten Interventionen führen können. Im Krankenhaus angekommen kümmert sich die Hebamme um den geschützten Ort für ihre private Geburtsbegleitung. Redet mit den diensthabenden Hebammen und Ärzten und führt nebenbei die klinische Dokumentation. Wenn das Baby geboren ist, bietet es sich an, ambulant nach Hause zu gehen, die Hebamme schaut, ob dann noch alles Notwendige zuhause ist, die Familie gut versorgt ist und kommt dann die ersten Tage täglich zum Hausbesuch.

 

Im Wochenbett kommt sie immer wieder, auch individuell vereinbart, zu dir nach Hause und schaut nach dem Baby, wie es mit dem Stillen geht, wiegt es ab, kümmert sich um alle notwendigen Untersuchungen, schaut auf die Rückbildung, das seelische Befinden der Frau usw. Das ist mal so der grobe Überblick einer Betreuung. Ja, manchmal ist es leichter verdientes, manchmal sehr schwer verdientes Geld. Es ist also schon ein Luxus, die eigene Hebamme mit ins Spital zu nehmen. Allerdings, rechne mal zusammen, wie viel Geld du für Babyerstausstattung und Co. ausgibst. Da bekommt das dann schon wieder eine andere Dimension. Viele Hebammen geben auch die Möglichkeit, den Betrag in Raten zu zahlen oder kommen irgendwie anders mit den Frauen auf einen grünen Zweig, sollten die Kosten das Problem sein. Ich betreute mal ein junges Studentenpaar, die eine Wette ausschrieben und alle Freunde durften auf einen Tag tippen, an dem das Baby geboren werden sollte. Jeder Tipp kostete 5 Euro. Der Gewinner bekam 10% des Geldtopfes. Ich habe mich auch beteiligt (und gewonnen) und somit konnte sich die Familie die Hausgeburt leisten. Deinem Einfallsreichtum sind keine Grenzen gesetzt und wie auch immer, es sei gesagt, dass sich dieses Geld allemal lohnt. Sprich mit Frauen, die diese Erfahrung gemacht haben, sie werden dich bestärken.

 

Fotocredit: Anna Cordes

 

Margarete Wana, MSc. ist seit 2007 Hausgeburthebamme in Wien

(und Umgebung). Ihre Kinder Moritz und Hermine wurden auch zuhause geboren. Im April 2018 erschien das Buch „Zu Hause geboren – die unglaublichen Geschichten der Hebamme Margarete“ von Judith Leopold im edition riedenburg Verlag. Ihre Website lautet www.deinehebamme.at

 

Please reload

  • Facebook Social Icon
  • Instagram Social Icon
Recent Posts

July 8, 2019

June 20, 2019

June 13, 2019

November 28, 2018

Please reload

  • Facebook Social Icon
  • Instagram Social Icon

©2019 Made with multicultural Humor since July 2016