Krankenhäuser: Über Körper& Menschen

November 18, 2018

Fotocredit: Katharina Roßboth

 

 

Einer der Gründe, weshalb ich es vermeide, ins Krankenhaus zu gehen, ist der Kontrollverlust und der fast völlig fremdbestimmte Umgang mit dem eigenen Körper.
Ich hatte bis gestern das Glück Krankenhäuser nur von meinen zwei Schwangerschaften/Geburten zu kennen. Sonst war ich als Begleiterin, Besucherin und wenige Male für Untersuchungen dort - aber eben nicht akut.
Nachdem ich Dienstag früh nur mehr vor Schmerzen „Anne, Anne“ heulend mich windete und mein Vater zufällig zu Besuch war, sagte er: „Es reicht, wir fahren ins Krankenhaus.“ Dort angekommen mit starken Unterleibsschmerzen kauerte ich noch ca. 40 Minuten bis ich dran war. Die Wartezeit war zwar nicht so kurz – bzw. fühlt sich die Zeit so lang an, wenn man starke Schmerzen hat - aber ich habe in einer so großen Stadt wie Wien in einem öffentlichen Krankenhaus nicht die Erwartung, dass ich sofort drankomme und es keine schlimmeren Notfälle als meine Bauchschmerzen gibt.


Ich wurde zunächst in die chirurgische Ambulanz geschickt, 3 Personen waren dort – eine davon eine Frau. Mir wurde Blut für das Labor abgenommen und ich bekam mehrere Schmerzmittel bis die Schmerzen so weit gelindert waren, dass man mich untersuchen konnte. Während des Abtastens wurde dann auch noch zwecks Beratung ein Oberarzt gerufen. Danach hieß es, bräuchte man eine „sterile Harnprobe“ (oder so ähnlich) und es war eine, die man mit einem dünnen Röhrchen direkt von der Blase entnimmt.


Wenn möglich: eine Frau
Das war für mich der erste Moment, wo ich dachte: Oh ja, jetzt weiß ich wieder, warum ich Krankenhäuser vermeide. Ich sagte: „Wenn möglich, möchte ich bitte, dass dies von einer Frau gemacht wird." Einer der Ärzte oder Pfleger [ich weiß leider nicht, wer Arzt war und wer nicht – die Kleidung gab keinen Hinweis drauf, z.B. war einer Arzt und trug einen grünen Anzug, der andere war auch Arzt und trug blaue Kleidung. Dann kam eine Schwester, die hatte auch einen blauen Anzug.]  reagierte darauf mit etwas ungemütlicher Stimme: „Sie möchten nicht, dass eine männliche Person das macht?“ Ich wiederholte: „Nein, wenn es möglich ist, dass es eine Frau macht, dann möchte ich nicht, dass dies ein Mann macht.“ Er darauf: „Wir sind hier im Krankenhaus, wir haben Notfälle und viel Stress…“ – Ich: „Ja, ich weiß, aber es ist noch immer mein Körper. Und ich weiß auch, es ist etwas umständlich für Sie, aber wenn möglich bitte ich, dass es eine Frau macht.“
Ich weiß ehrlich gesagt nicht, ob die Männer mir diese Bitte durchgehen hätten lassen oder ich nach Hause geschickt worden wäre - jedenfalls reagierte die einzige Frau im Zimmer darauf und sagte, sie versucht es einmal und wenn sie es nicht schafft, müsste man eben den Kollegen holen. Die beiden Männer verließen den Raum. Sie versuchte es und leider klappte es nicht. Daraufhin kamen die Kollegen ins Zimmer während ich noch lag. Sie deckte mich zu und sagte zu ihnen: „Ruft doch mal die XX, sie ist drüben.“ Es folgten wieder einige Bemerkungen dazu, dass wir im Krankenhaus seien und dass das ja nicht ginge, aber sie kamen der Bitte nach. Diesmal gingen sie nicht raus, gnädigerweise drehten sie sich zumindest um. Es kam die Kollegin von einem Untersuchungszimmer nebenan und holte die Probe.
Noch immer ungeklärter Dinge musste ich zu einer urologischen und gynäkologischen Untersuchung. Wieder schmerzfrei und fähig halbwegs zu denken, machte ich mir Gedanken, wer mich wohl jetzt untersuchen würde.


Gynäkologische und urologische Untersuchung
Während ich auf einer Liege auf die nächste Untersuchung wartete, lag auch eine andere Frau neben mir: sehr alt, gebrechlich und nicht mehr ganz im Hier und Jetzt. „Mama, bitte wart auf mich! Mama! Wart auf mich bitte!“ sagte sie immer und immer wieder. Es war herzzerbrechend. Und ich musste an mich selbst denken, als zuhause im Bett, vor Schmerzen kauernd die einzigen Worte, die aus meinem Mund kamen, dieselben waren: „Anne! Anne!“ Und während ich „Anne“ rufend weinte, fragte ich mich sogar selbst, wie eigenartig es ist, dass ich als erwachsene Frau und selbst Mutter in einem Moment völliger Verzweiflung nach meiner Mutter weinte.
In der Urologie hatte ich Glück, es waren zwei Frauen im Untersuchungsraum: Die Ultraschalluntersuchung der Nieren hätte ich auch bei einem Mann angetreten. Aber die (nun zweite) sterile Urinprobe hätte ich wieder nicht gewollt, wenn es ein Mann hätte machen sollen. Nicht, dass mir die Untersuchungen Freude bereiten, wenn sie von einer Frau durchführt werden – aber es handelt sich einfach um den Intimbereich. Es geht nicht um Bauch, Beine, Rücken, Kopf oder Arme – sondern jene Körperteile, die am Privatesten sind.
In der Gynäkologie dann: ein männlicher Arzt. Und ich muss zugeben, nirgends sind mir Frauen so wichtig wie in der Frauenheilkunde. Ich habe wieder gefragt, ob es möglich sei, dass eine Frau die Untersuchung macht. Doch es hieß, heute sei keine Frau da. Ich frage mich, ob das denn überhaupt möglich ist in einem Krankenhaus mit einer Gynäkologischen und einer Geburtsabteilung. Der Arzt teile mir mit, ich könnte die Untersuchung ablehnen.  Ich sagte, ich möchte es mir kurz überlegen. Die Schmerzen noch frisch in Erinnerung entschied ich für die Untersuchung. Es war das erste Mal außerhalb einer Geburt, dass ein männlicher Arzt mich gynäkologisch untersuchte. Aber gerade eine gynäkologische Untersuchung war bei Unterleibsschmerzen wichtig: Eileiterentzündung, Eileiterschwangerschaft, Zyste,… – da gab es einfach zu viel, das abgeklärt werden musste. Der Gynäkologe nahm meine Frage nach einer Ärztin völlig unaufgeregt entgegen, kommentierte sie nicht, sagte nur, heute sei es nicht möglich, ich könnte die Untersuchung ablehnen und wartete meine Entscheidung ab.


Ich weiß nicht, ob es vielleicht genau diese völlig unaufgeregte und gleichzeitig respektvolle Art war, die mir wieder das Gefühl von Kontrolle gab. Er kommentierte meinen Wunsch nicht negativ bzw. gar nicht, legte keinen Protest ein, versuchte nicht, mich zu überreden, sondern respektierte es einfach, dass ich als Frau und Mensch meine körperlichen Grenzen selber ziehe und mich bei einem männlichen Gynäkologen nicht wohlfühle.
Mit unauffälligen Ergebnissen der Urologie und Gynäkologie ging ich wieder in die Chirurgie. Nach all den Stunden wusste niemand, was mit mir los war, aber akute Gründe konnten ausgeschlossen werden – und das war auch schon beruhigend, denn zumindest konnten lebensgefährdende Gründe ausgeschlossen werden. Ich möge Schmerzmittel einnehmen und den Schmerz weiter beobachten, bei wieder starken Schmerzen wieder ins Krankenhaus kommen.
Ich habe – Gott sei Dank – keine schreckliche Krankenhauserfahrung gemacht. Um ehrlich zu sein, hatte ich eine solche erwartet. Diese Erwartung war auch der Grund, warum ich bisher Krankenhäuser nicht aufgesucht habe. Ich habe viele Ärztinnen als Freundinnen und ich weiß, dass es in Krankenhäusern aufgrund des Stresses, der großen Verantwortung, den vielen vorgeschriebenen Abläufen und dem Personal, das oft unglaublich lange Dienste leistet, oft mehr um Körper und weniger um Menschen geht.
Ich weiß natürlich auch nicht, wie ich behandelt worden wäre, wenn ich nicht oder schlecht Deutsch gesprochen hätte oder mich möglicherweise auch noch zum Übersetzen ein männlicher Verwandter hätte begleiten müssen. Mit welchen Klischees hätte ich dann zu tun gehabt? Ich weiß es nicht.
Ich kann nur sagen: Das Personal behandelte mich freundlich und es waren alle um mein Wohlergehen bemüht. Dafür bin ich wirklich dankbar und dass wir so gute medizinische Versorgung in unserem Land haben.
Aber ein Gedanke beschäftigt mich sehr wohl: Warum wird so selbstverständlich davon ausgegangen, dass es eine Frau eine sterile Harnprobe von einem Mann entnehmen lassen möchte? Warum wird so selbstverständlich angenommen, dass eine Frau oder ein Mensch kein Problem damit hat, ihre Unterwäsche auszuziehen und sich mit offenem Intimbereich vor andere Menschen zu legen, damit diese dann auch noch einen Fremdkörper in den Körper einführen (wie ein vaginales Ultraschallgerät oder einen Blasenkatheter)? Ich finde diese Harnproben an sich extrem unangenehm, aber so alltäglich wie sie sind, kann es nicht ganz so umständlich sein, wenn man hier auf den Wunsch einer Patientin eingeht. Warum geht man davon aus, dass es für eine Patientin völlig in Ordnung ist, dass während dieser Untersuchungen dann auch noch 3-4 andere im Raum sind? Und ich spreche hier nicht über Notfälle wie Geburten oder Unfälle oder Operationen, sondern um Untersuchungen im Krankenhaus. Ich finde es so interessant, dass man in diesen Momenten sich auch noch rechtfertigen soll für etwas das meiner Meinung nach völlig selbstverständlich ist: nämlich, dass ich auch in einem Krankenhaus das Recht auf Würde, Privatsphäre und meine körperlichen Grenzen habe. Als sei ich die Eigenartige, weil ich meine Intimsphäre nicht plötzlich über Bord werfen kann? Als sei es völlig normal, sich von einem Fremden zwischen den Beinen herumkramen zu lassen?


Ich weiß von Männern, denen es auch unangenehm ist, wenn Untersuchungen im Intimbereich von einer Frau durchgeführt werden. Hier kommt es übrigens noch öfter zu Unverständnis - was mir auch zu denken gibt. Irgendwie scheinen einige diesen Wunsch als Vorwurf aufzufassen. Es geht hier aber nicht um Sexualität oder irgendeinen Missbrauchsvorwurf an das Krankenhauspersonal, sondern lediglich darum, dass ich als Frau gerade im Intimbereich mich lieber von einer Frau untersuchen lasse. Es geht um einen Begriff, den viele als überkommen sehen, aber der für mich wichtig ist: Das Gefühl der Scham, wenn meine Intimsphäre verletzt oder nicht ausreichend respektiert wird. Und auch bei medizinischen Untersuchungen habe ich die Forderung möglichst wenig in meiner Intimsphäre verletzt zu werden – wenn zum Beispiel eine Frau diese ohnehin unangenehme Untersuchung durchführt und nicht ein Mann. Und nochmal: Nein, es geht nicht um einen Vorwurf oder Sexualität, denn ein homosexueller Arzt oder eine lesbische Ärztin würden nichts an meiner Einstellung ändern.


Es geht hierbei nicht um mein Gegenüber, sondern um mich und meine körperlichen Grenzen. Und ich denke, diese kann man auch in Krankenhäusern - nach Möglichkeit - respektieren. Mich begleiten diese Gedanken nur seit meiner Untersuchung und ich wüsste gerne, welche Erfahrungen andere machen und wie es anderen Frauen oder Männern beim Thema Intimsphäre in Krankenhäusern geht.

 

Dudu Kücükgöl ist studierte Wirtschaftspädagogin, ehemaliges Vorstandsmitglied der MJÖ und aktive Feministin.

 

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