Machtmißbrauch im Kreisssaal – die dunkle Seite von Geburt

November 19, 2018

In der Kategorie #Hebammenwissen werden Fragen anonym von der erfahrenen Hebamme Margarete Wana beantwortet. Außerdem erzählt sie auch von ihren Erlebnissen in diesem Beruf.

Fotocredit: wix.com

 

Als ich beschlossen habe, Hebamme zu werden, hatte ich keine Ahnung über die Geburtshilfe in den Krankenhäusern. Ich habe Bücher gelesen, Fachbücher, Hebammenromane, Bücher von Michel Odent und Frederic Leboyer,

... mein Bild von Geburt war ein romantisches. 

 

Zuerst wurde ich Krankenschwester. Da lernte ich den Betrieb Krankenhaus kennen und viel von der Romantik verflog schnell. Aber mir wurde bewusst, dass es an jedeR Einzelnen liegt, wie achtsam, würde- und respektvoll Pflege stattfindet. In der Gesundheits- und Krankenpflegeausbildung lernt man das, wenn man es nicht schon in sich trägt.

Dann kam die Hebammenausbildung. 

Zuerst Theorie, das kannte ich ja schon aus der DGKS-Schule. Und dann das erste Praktikum. Ich war sprachlos, hatte noch nie erlebt, wie wenig Aufklärung passiert. In jedem anderen Fach der Medizin steht die Aufklärung an oberster Stelle. Nicht so im Kreisssaal. Es gab einen „Lernziel-Katalog“, den wir als Hebammenstudentinnen abhakeln mussten. Darunter war auch „einen Dammschnitt durchführen“. Als ich in meinem zweiten Kreisssaalpraktikum immer noch keinen „Dammschnitt durchgeführt“ hatte, beschloss die Hebamme, ich sollte die nächste Frau, die zur Geburt aufgenommen wurde, schneiden. „Auch, wenn’s nicht notwendig ist?“ entgegenete ich. „Ich dachte, du willst Hebamme werden!“ war die Antwort. 

Ich schluckte. Und hoffte insgeheim, dass heute keine käme...

 

Selbstverständlich ließ die erste Aufnahme nicht lang auf sich warten. Als die Geburt Richtung Endspurt ging, schob mir die Hebamme unter sterilen Tüchern die Dammschnittschere zu. Ich klärte die Frau über mein Vorhaben auf. Ich erklärte ihr, dass ich am Ende der Geburt, am Höhepunkt der Wehe einen kleinen Dammschnitt machen werde, um dem Baby mehr Platz zu geben. Ich konnte nicht sagen, warum, weil es ja auch gar keinen Anlass dazu gab. Die Hebamme schaute mich grimmig an...

 

Die Frau war einverstanden, genaugenommen war es ihr in diesem Moment einfach egal. Ich schnitt einen halben Zentimeter ins Gewebe. Das Baby flutschte in einem in meine Hände, ich konnte gerade noch rechtzeitig die Schere beiseite legen.

Nach der Geburt holte mich die Hebamme ins Dienstzimmer um mich zu unterrichten, dass man a) den Frauen das auf keinen Fall vorher sagt! Was wäre nur gewesen, hätte sie Angst bekommen und nicht zugestimmt?! und b) welch mickrigen Dammschnitt ich da gemacht hätte, das war ja nix Gscheites. 

 

Ich bekam trotzdem ein Hakerl in meinem Katalog und beschloss, nie wieder einen Dammschnitt zu machen. Mein Gefühl, eine Betrügerin zu sein, der Frau eine absichtliche Körperverletzung zugeführt zu haben, wurde nur dadurch gemildert, dass die Frau mich beschwichtigte, dass es ok war. Zwei Tage später hatte ich wieder Dienst und besuchte sie auf der Wochenbettstation. Es ging ihr gut, sie spürte den genähten Schnitt gar nicht und es verheilte alles wunderbar. 

 

Als Hebammenstudentin habe ich zahlreiche Situationen erlebt, die ganz klar als Gewalttaten gelten. Ich stand daneben und, obwohl ich eigentlich nicht auf den Mund gefallen bin, war wie gelähmt. Ich sah bei Vergewaltigungen zu. Frauen, die sich aufbäumten, schrieen, alles, was ich machen konnte, war auf der Wochenbettstation mit ihnen zu reden, ihnen zuzuhören, beizupflichten, dass das nicht ok war und sie zu motivieren zum Patientenanwalt zu gehen oder wenigstens an die Öffentlichkeit. Nur die Allerwenigsten taten das.

In meinem letzten Ausbildungsjahr verließ ich fast nach jedem Dienst das Spital weinend. Da dachte ich nach: War es wirklich das, wofür ich mich entschlossen habe, als ich sagte, ich wollte Hebamme werden? Nein. Das musste doch auch anders gehen. Ich ließ mich von der Akademie vesetzen. Die neue Praktikumsstelle war um Welten besser. Dort lernte ich Geburtshilfe. Endlich. Und dann wuchs der Gedanke in mir, die Frauen noch individueller betreuen zu können. Die Entscheidung fiel nicht schwer: Ich wollte frei praktizieren. Geburtsvorbereitungskurse, Geburtsbegleitungen, Hausgeburten, Nachbetreuungen. Und obwohl Gegenwind von Seite der Akademie kam, ging ich diesen Weg und war von Beginn an erfolgreicher als gedacht. 

 

Heute bin ich ausschließlich Hausgeburtshebamme. Ich bin davon überzeugt, dass zuhause der beste Ort für Geburt ist, wenn medizinisch nichts dagegen spricht. Die Frauen gebären in ihrem Tempo, in ihrer Kraft, in ihren eigenen vier Wänden. Ich greife so wenig wie möglich, so viel wie nötig ins Geschehen ein. Ich stelle mich als Hebamme nicht ins Zentrum des Geschehens, die Frau und ihr Kind sind im Mittelpunkt. Frauen wollen selbstbestimmt gebären, können das auch, wenn man sie lässt und bestärkt. Einige meiner Kolleginnen behaupten, Frauen hätten das Gebären heutzutage verlernt. Und da beginnt Gewalt in Wirklichkeit schon. Wenn ich das Gefühl habe, die Frau entbinden zu müssen und davon ausgehe, dass sie eben nicht ihr Kind gebären kann. Doch warum gehen so wenige an die Öffentlichkeit? Warum lassen sich die Frauen das gefallen? Ich behaupte, es hat erstens etwas mit Autoritätshörigkeit zu tun und zweitens ist die Geburtshilfe ein Thema, an dem der Feminismus leider nie angekommen ist. In den letzten Monaten hat sich da etwas verändert. Die MeToo-Debatte führte auch dazu, auf Gewalt in den Kreisssälen aufmerksam zu machen. 

Seit ein paar Jahren gibt es den sogenannten Roses Revolution Day, der immer am 25. November stattfindet. An diesem Tag können Frauen, die Gewalt unter der Geburt erfahren haben, symbolisch dafür eine Rose vor die Kreisssaaltür legen. Manche schreiben auch einen Brief dazu mit ihrer Geschichte. Viele gehen in kleinen Gruppen, weil sie sich gar nicht mehr so nahe an den Ort des Geschehens wagen. Wenn man möchte, kann man die abgelegte Rose auf der Facebookseite von Roses Revolution posten. Ein Sichtbarmachen, das hoffentlich irgendwann Veränderung bringt.

 

Fotocredit: Anna Cordes

Margarete Wana, MSc. ist seit 2007 Hausgeburthebamme in Wien (und Umgebung). Ihre Kinder Moritz und Hermine wurden auch zuhause geboren. Im April 2018 erschien das Buch „Zu Hause geboren – die unglaublichen Geschichten der Hebamme Margarete“ von Judith Leopold im edition riedenburg Verlag. Ihre Website lautet www.deinehebamme.at

 

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