Prestige, my Ass

November 28, 2018

 

Wie wichtig ist dir Image? Überlegst du manchmal, was andere über dich denken, wenn sie dich sehen? Und wie viel Wert legst du auf deren Meinung? Wie tief trifft und beeinflusst dich das? Vor meiner Mutterschaft, habe ich mich nur über meinen Job identifiziert. Als Mensch war ich eine reisende, freie Journalistin, die "ur viel schreibt" und dabei "ur wenig Geld" verdient. Aber: Ich liebte den Job und er machte mich aus. Er war alles, was mich ausmachte.

Seit es Laila gibt, habe ich gar keine Zeit, um an mir zu zweifeln, ich habe ja schon Glück, wenn ich Zeit finde, um die Unterwäsche zu wechseln. Da geschah aber vor einigen Wochen etwas, wo ich wieder überlegte: Wie wichtig ist Prestige und was haben jene, die ihn besitzen, sonst noch so zu bieten? Ich saß mit einer potentiellen Klientin in einem Café. Sie wollte mir für den Blog ihre Kosmetik anbieten. Nach mehreren Abweisungen meinerseits, hatte sie mich doch zu einem Treffen überredet. Ich nehme relativ wenig bis gar keine Werbung am Blog an, weil ich die Leute nicht zuspammen will. Wir saßen also da, sprachen über ihre selbst kreierten Produkte, sie hat sich damit selbstständig gemacht, war super höflich, ihr gefiel der "multi-kulti-Charme" des Blogs und ich muss zugeben: Ihre Pordukte waren fancy verpackt, rochen gut und fühlten sich auch gut an. Unser Gespräch verlief gut, sehr gut, bis sie wegen des "Zuckers im Kaffee" die Kellnerin anschrie. Madame hat seit 12 Jahren keinen Zucker mehr zu sich genommen und die ach so blöde Kellnerin hatte ihr welchen in den Kaffe getan. Sie schimpfte die Kellnerin, verlangte den Geschäftsführer, drohte mit völlig übertriebenen Konsequenzen und mir tat die Kellnerin schrecklich Leid. Die Kellnerin entschuldigte sich, mehrmals, sie hielt ihre Tränen zurück, würde ihr eine gute Fee begegnen, würde sie drei Mal die Zeit zurückdrehen, nur um sicher zu gehen, dass der blöde Zucker nicht im Kaffee landet. Als die Kellnerin dann wieder in der Küche verschwindet, setzt sich die Klientin hin, entschuldigt sich bei mir für ihren Ton sagt dann folgendes:"Es hat schon seinen Grund, warum manche servieren und andere hier dinnieren. Saublödes Weib." Mein Mund fiel mir in den Schoß, so weit hatte ich den geöffnet und meine winzigen Äuglein wurden zu Glubschaugen, so schockiert saß ich da. Ich entschuldigte mich und sagte die Zusammenarbeit ab. Ich kann hinter so etwas nicht stehen. Ich versuchte den Kontakt zur Kellnerin herzustellen. Es dauerte Wochen, bis ich sie wieder im Café antraf. Ich wollte nur kurz mit ihr sprechen, ihr zusprechen, es tat mir weh all das zu sehen und einfach nichts zu tun. Sie erzählte mir:"Ich wollte immer studieren, aber mein Vater sagte, aus mir wird nie etwas werden, weil hübsche Frauen generell dumm sind. Meine Mama hat uns verlassen, er hat mich erzogen, er war auch Kellner. Ich hatte immer nur diese eine Meinung im Kopf. Mir hat nie jemand gesagt was ich kann, immer nur das, was ich nicht kann. Ich bin das gewohnt."

 

Ich hatte einmal eine Chefin, die mir vor meinen KollegInnen sagte, ich sei unfähig. Sie sagte, ich würde nie im Leben etwas erreichen. Das ist fast 5 Jahre her, in meinen dunklen Stunden, höre ich nur ihre Stimme, wie sie genau das immer wieder wiederholt. Nur das. Es gibt in meinem Leben so viele, gute, starke Stimmen. Ihre Stimme ist trotzdem die Lauteste. Die Stärkste. Die einzige, die zwischen mir und mir steht. Immer wieder. Und immer dann, wenn ich ein Erfolgserlebnis habe, höre ich sie auch, wie sie mir flüstert, dass dies was ich erreicht habe, noch lange nicht genug ist.

 

Vor 15 Jahren habe ich nach der Schule in einer Verpackungsfirma gearbeitet. Meine Eltern sind einfache Leute. Mein Papa war lange Fahrer und meine Mama viele Jahre daheim. Ich habe für den Sommer gespart, weil ich ihnen nicht auf der Tasche liegen wollte. 1000 beklebte Kuverts für 15 Euro, oder so ähnlich. Jeden Abend, ich lag schon im Bett, rochen meine Fingerspitzen nach Kleber, ich hatte Nackenschmerzen, war müde, aber ein enormes Gefühl von "Ich bin voll erwachsen" und stolz auf mich. Als Studentin arbeitete ich als Ordinationshilfe, musste also schon oft vor 7 Uhr in der Praxis sein, was beudetete, dass ich schon um 6 Uhr und früher von daheim wegfahren musste. Ich saß damals halbverschlafen in der U-Bahn und sah, wie andere Menschen - auch halbverschlafen-  die Fenster der U-Bahn putzten. Ich dachte mir immer "Die machen das sicher, damit es ihre Kinder eines Tages nicht machen müssen." Und ich sah meine Eltern in ihnen. Ich sah Menschen in ihnen, die wie wahnsinnig für die arbeiten, die sie als selbstverständlich sehen. Oder einfach gar nicht. Die Bäckerin, die mir in der Früh liebevoll mein belegtes Brot verkauft und mich berät, als sei jedes Gebäck eines ihrer Kinder, sie hat meinen vollsten Respekt. Der Zeitungsverkäufer, der stundenlang in der Kälte steht, der hat meinen vollsten Respekt. Die Menschen, die die Straßen über Nacht, wie durch Zauberhand mit Salz und kleinen Steinchen streuen, damit wir nicht ausrutschen und uns die Knochen brechen, haben meinen vollsten Respekt. Die Pädagoginnen, die meine Tochter und eure Kinder so gut betreuen, dass wir in der Arbeit nicht daran zweifeln müssen, ob es unseren Kindern gut geht, haben meinen vollsten Respekt. Jeder Mensch, der in seinem Sein mehr zu bieten hat, als eine beschissene Chanel-Tasche, hat meinen vollsten Respekt.

 

Alles Materielle vergeht. Was bleibt sind deine Taten - egal wohin du gehst. Niemand wird sich daran erinnern, welche Position du hattest, oder wie viel du verdient hast. Die Leute werden an dein Lächeln denken, deine Großzügikeit und dein Wesen. Have a fucking nice Wesen, oida, weil sich alles andere nicht auszahlt. Vor allem: Am Ende des Lebens wird uns ein und dieselbe Erde tragen, so why being an Oaschloch?!

 

 

Please reload

  • Facebook Social Icon
  • Instagram Social Icon
Recent Posts

August 8, 2019

July 8, 2019

June 20, 2019

June 13, 2019

November 28, 2018

Please reload

  • Facebook Social Icon
  • Instagram Social Icon

©2019 Made with multicultural Humor since July 2016