Alexandrian Dreams

June 20, 2019


Die Kunst des Reisens:

Wir haben das Glück oft zu verreisen. Diese Reisen unterscheiden sich aber voneinander:
So gibt es berufliche Reisen, Urlaub, Auszeit zu zweit und dann noch eine ganz besondere Sorte der Reisen: Heimatsbesuche. Die Heimat zu besuchen ist die beste Variante des Reisens, weil am Flughafen immer wer sehnsüchtig auf dich wartet, du willkommen bist, dort alles vermisst und es schon vor deiner Ankunft eine Achterbahn der Gefühle gibt.

Für mich sind zwei Städte meine Heimat:
Alexandria, wo ich geboren wurde &
Wien, wo ich aufgewachsen bin.

 

Da wir heuer keinen Sommerurlaub machen, möchte ich hier meine Erlebnisse vom letzten Sommer in Alexandria mit meinen damaligen Notizen, hier festhalten.

 

Keine Trophäen:
Manche Reisende zählen gerne auf, wo sie denn überall waren. Länder und Städte werden zu einer Zahl, die man quasi vorweisen kann.
Als jemand der das Schreiben liebt und mit einer gewaltigen Portion Neugier gesegnet wurde, zähle ich diese Reisen mit einem anderen Parameter: Ich zähle Menschen, Gespräche, Erlebnisse, Erinnerungen, Gefühle und Dinge, die man gar nicht so richtig zählen kann.

 

Das wird jetzt also keine Anleitung für einen Urlaub mit Kindern nach Alexandria, sondern ein Beitrag, in dem selbst so ein bisserl zum Kind wird und einen Einblick im Leben mancher Leute dort gewinnen kann...

 

Hier schlägt die Uhr anders. Hier sind die Leute anders. Hier leuchten nachts sogar die Sterne anders. Hier küsst dich die Sonne am Morgen viel fester, als anders wo. Alexandria. Eines der nicht so reichen Viertel. Ich bin gerne hier, denn hier erkennt man als Mensch, der nicht hier lebt sehr schnell, was für Luxusprobleme man daheim hat. Hier sitzt du am Boden, wenn du isst und trägst eine Abaya oder einen Kaftan. Nix mit hipsterious Clothing. Hier gibt es kein Bobomama-Gerede von glutenfreiem Irgendetwas. Hier leben die Menschen den Tag aus und hoffen, dass sie für den nächsten genug haben. Hätten wir nicht wo anders unterkommen können? Doch, natürlich hätten wir. Aber aus diesem Viertel kommt mein Mann und wir sind bei seiner Familie zu Hause. Nicht als Gäste, sondern zu Hause. Und das ist jenes Ägypten, das ich euch zeigen möchte. Die nächsten Wochen zeige ich euch MEIN Alexandria. Ein bisschen Bobo wird schon auch dabei sein, aber auch vieles, das euch neu sein wird und anders ist, als daheim in Wien.

 

Eine Regenbogenraupe auf einem Tuktuk, vor einer pinken Wand in Alexandria- nichts auf der Welt schreit so laut meinen Namen :D

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

When Life gives you ein Karton, bastel daraus einen Sonnenhut. Das Leben hier ist so viel schwerer als bei uns. Aber die Menschen nehmen es viel leichter hin und rocken es so richtig. Dieser Mann sitzt jeden Tag da, mit seinem selbstgebastelten Sonnenhut, lächelt die Vorbeigehenden an und winkt Kindern zu. Ich habe keine Ahnung was er dort bei den Zuggleisen tut, aber er hat eine ganz besondere Aura. Von vorne wollt er nicht fotografiert werden, aber ich geh dort fast jeden Sommer mindestens einmal vorbei: vieles ändert sich in der Stadt, aber er sitzt immer dort und lächelt, oder winkt.

 

 

"Was machst du jetzt da, wieso bist du nicht in der Schule?" "Aber Madam, ich hab doch schon längst Sommerferien."
"Oh ja, stimmt. Aber normalerweise bist du Schüler, oder arbeitest du auch zur Schulzeit?"
"Ich arbeite auch nach der Schule, mein Bruder und ich wechseln einander ab. Wir helfen meinem Vater, er kann nicht so gut sehen, deswegen zählen wir immer das Geld nach und schauen beim Bauern immer, ob wir eh das gute Gemüse genommen haben. Die Leute sind nicht immer ehrlich, wissen Sie." Oh ja mein Kind, das weiß ich. Ich hätt' dir nur nicht gewünscht, es in diesem Alter schon zu wissen.

 

 

 

 

Wir sitzen in einem sogenannten "Mashru' ". Das sind Vans, wo ca. 15-20 Leute hineinpassen. Auf jedem Mashru' steht drauf, von wohin bis wohin er fährt. Meistens von Bezirk zu Bezirk. Ein Mashru' ist viel billiger als ein Taxi, oder Uber. Ohne Übertreibung: oft fast um das Zwanzigfache billiger. In fast keinem der Fahrzeuge hier sind Kindersitze. Viele wissen nicht einmal, was das ist, oder bevorzugen Nahrung mit dem Geld zu kaufen. Ein Kindersitz ist hier definitiv ein Luxusartikel. Der Platz ist eng, man hört also alle Gespräche, die hier geführt werden mit und manchmal wird dir sogar von Fremden hineingequatscht. Daher mein verwundertes Gesicht, das ist eines der nächsten Interviews.

 

 

Das ist meine Großmutter - vor 40 Jahren. Sie mag nicht, dass ein aktuelles Foto von ihr online ist: "Krankheit und Alter sind keine guten Begleiter. Ich kann zwar nimma tanzen, aber verdammt noch einmal i am still standing."

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bahary. Eines der berühmtesten Bezirke Alexandrias. Weil dort der älteste Fischmarkt ist. Dort wohnt meine Omi und dort habe ich die ägyptischen Frauen interviewt, die in meinem Buch "Wir treffen uns in der Mitte der Welt" interviewt habe.

 

 

 

 

 

Das sind gegrillte Maiskolben vom Strand. Sind hier eine Delikatesse, vor allem im Sommer, am Strand. Gegrillt& verkauft von - meistens - Kindern und Teenagern. Die hier habe ich von Samah gekauft. Samah lernt während sie die Maiskolben verkauft. Die offenen Buchseiten haben auf der rechten Buchseite schwarze Fingerabdrücke vom Ruß. Wenn keine Kunden da sind, lernt sie schon das, was sie nächstes Jahr erst an der Schule lernen sollte. Sie lernt vor. Sie lernt von jenen Büchern, die manche weghauen, oder kauft sie ihnen billiger ab. Samah möchte einmal Wirtschaft studieren. P.S.: Samah ist Arabisch und bedeutet Vergebung.

 

 

 

 

"Kahk" ist Arabisch für "Kekse". Im November backen wir immer Lebkuchenplätzchen für Weihnachten und in der letzten Ramadanwoche wird Kahk für das Zuckerfest gebacken. Laila und ich kochen und backen unglaublich gern& diesmal hatten wir sogar Verstärkung von Papas Muddi.

 

 

 

 

 

 

Come sit with me.
Zwischen all dem Krawall, dem Lärm, der schwindenden Zeit, gibt es diese Momente, wo die Stille, der innere Frieden und die sekundenlange Sorgenfreiheit, einfach alles übertreffen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

"Ibn Hameedo" bedeutet Hameedos Sohn. Das ist einer der berühmtesten ägyptischen Filme überhaupt. Er erschien 1957. Ich stehe zwischen Fotos aus dem Film. Das ist ein Restaurant, der nach dem Film benannt wurde. Ich hatte schon immer eine Schwäche für schwarz-weiß Filme.

 

 

 

 

 

 

 

 

Es ist für dieses Jahr vorbei. Das Fasten. Das Meditieren. Das intensive Beten. Das Zusammenkommen. Die Selbstreflektion. Natürlich ja, das kann man immer alles machen. Aber zu Ramadan, ist das Gefühl anders. Es hat etwas Unbeschreibliches. Für heuer, ist es vorbei. Auf ein baldiges Treffen, alter Freund. Nächstes Jahr wieder, inshAllah
(=so Gott will).

 

 

 

 

 

 

 

 

"Was genau verkaufst du?" "Snacks und Getränke." "Ist das dein Hauptberuf?" "Ich habe Medizin studiert. In der Hoffnung, ich würde eines Tages ein guter Arzt werden& meine Eltern finanziell unterstützen können, habe ich dieses Studium so richtig eingeatmet. Mein Papa ist ein einfacher Beamte. Nach dem Studium habe ich ein Jahr lang in einem Krankenhaus gearbeitet. Das Geld reichte aber vorne und hinten nicht. 100 Euro monatlich für einen Arzt, können Sie sich das vorstellen? Ich habe umsonst studiert. Ich kann mir leider keine eigene Praxis leisten. Dieser Wagen bringt mir monatlich das Fünffache ein. Ich habe umsonst studiert. Kaffee und Schokolade sind mehr wert als humane Medizin.
Ich habe umsonst studiert."

 

 

Dieser Bezirk heißt "Cleopatra" und ist in Alexandria. Hier sind noch ganz viele alte Gebäude& Straßenbahnhaltestellen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

"Und was würdest du Gott sagen?" "Alhamdulillah
(=alles Dank gebührt Gott). Alhamdulillah 1000 Mal." "Obwohl du auf der Straße Gemüse verkaufst? Woher kommt deine Dankbarkeit?"
"Ich sehe Sie. Ich habe zwei gesunde Augen. Ich habe zwei funktionsfähige Arme& Beine. Meine Kinder übernachten mit mir in einem Bett. Mein Mann ist der allerbeste auf der Welt. Jetzt frage ich Sie, wieso sollte ich denn nicht dankbar sein?"

 

 

 

 

"Was tun Sie da?" "Ich sammle sauberes Altpapier." "Was ist "sauberes" Altpapier?" "Altpapier, wo noch keine Essensreste oder sonstiges vom Mist draufgekommen ist."

"Und warum machen Sie das?" "Die sind für Straßenkinder. Quasi Matratzen und Decken. Paar andere werden weiterverarbeitet, damit sie wiederverwendet werden können."

 

 

Das BESTE zum Schluss:

And suddenly i know, where my nose comes from...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Eure Muddi

 

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