Fremde Freundin

August 8, 2019

 

Fotocredit: Asma Aiad

 

Nicht nur auf meinen Reisen lerne ich die unterschiedlichsten Menschen kennen, sondern auch über´s Internet. Das Ding ist doch leiwand, oder etwa nicht? Also ich finde es jedenfalls so. Über´s Internet habe ich vor zirka zwei Jahren Nadja aus Ägypten kennengelernt. Unter einem politischen Beitrag, den eine Nachrichten-Seite auf Facebook gepostet hatte, schenkte sie mir ein Daumenhoch auf meinem Kommentar. Na wenn das nicht das Ego pustet, was tut es sonst?! Sie schrieb mich dann privat an und wir kamen ins Gespräch. Vom Äußeren konnten wir zwar nicht unterschiedlicher sein, denn ich sehe aus wie ein Panda mit Kopftuch, während sie wie ein Victoria´s Secret Angel aussieht. Sie ist eine wunderschöne, arabische Schönheit, mit langem schwarzen Haar, das ihr über die Schultern hängt und sehr großen Augen. Und wer auch immer glaubt, dass das Kopftuch ein Zeichen der Unterdrückung ist, sei bitte informiert, dass ich das Ding trage, um die Gesellschaft vor den Schädelfusseln die ich habe - weil Haare sind das keine - zu schützen. Ihr seid mir also eigentlich etwas schuldig. Aber zurück zu Nadja. Nadja und ich hielten den Kontakt. Wir telefonierten, schickten einander Audio-Nachrichten und Fotos. Es entwickelte sich mehr, als einfach nur eine virtuelle Freundschaft.

Und eines Tages, da rief mich Nadja verweint an. Sie stand vor einer Scheidung. Es war im Frühling 2018 und ich war zirka drei Monate davor, nach Ägypten zu fliegen. Bis ich in Alexandria - wo ich herkomme - war, hatte sie sich schon scheiden lassen gehabt und sie war am Boden zerstört. Meine Tochter war damals achtzehn Monate alt und weil Nadja in Kairo lebte, musste entweder sie zu mir oder ich zu ihr, damit wir einander treffen konnten. Sie schickte mir dann eine Nachricht, sie hätte uns für zwei Übernachtungen in einem privaten Resort in Kairo angemeldet, wo man durch Meditation und was weiß ich wieder zu sich kommen sollte. Sie fragte mich, ob ich mitgehen wollte. Nein, sie bat mich mitzugehen. Und ich musste kurz überlegen, warum sie an mich dachte, sie kannte mich ja noch nicht persönlich. Ein bisschen Angst hatte ich schon, da kam die europäische Paranoia in mir hoch. Ob ich da gerade in einer Falle tappe? Riskier ich da zu viel? Sie bat mich darum. Hatte sie denn sonst niemanden? Oh. Was, wenn sie sonst niemanden hatte? Meine Tochter blieb bei meinem Mann und seinen Eltern und ich blickte auf ein ruhiges Wochenende hin, in dem ich mich hoffentlich richtig lange baden konnte und nicht einfach nur die wichtigsten Stellen aus Zeitmangel wusch. Ich würde schlemmen, schreiben, tanzen, lachen, die Nacht durchmachen - alles mit Nadja. Na gut, einen Pfefferspray nahm ich mit, aber nur für alle Fälle, mich könnt ja auch statt einer Nadja ein fetter Hussein erwarten, der mich umbringt.

Als sie mich nach meiner Ankunft in Kairo abholte, war ich froh, dass mich kein Hussein abholte, sondern tatsächlich meine Nadja. Und sie hatte diese wahnsinnig positive Ausstrahlung, man wollte sie einfach nur umarmen. Man sah ihr den Schmerz schon an, wenn man ihr beim Reden tief in die Augen sah, dann schon, aber das Schöne an ihr, das Fröhliche, das hatte die Oberhand.

In einem Café erzählte sie mir, was geschah:“Ich dachte, er sei ein offener Typ, weil er in Amerika aufgewachsen ist und fast kein Wort Arabisch kann und sonst dieser männlichen Kultur fern ist. Ich dachte, er sei der Mann meiner Träume. Es war auch ein Traum. Ein schöner Traum, bis er ein anderer Mensch wurde. Ich habe mich ein einen Mann verliebt, aber verheiratet war ich mit einem völlig anderen. Und damit er nicht meinen Sohn wegnimmt, muss ich sein Leben finanzieren. Er erpresst mich. Ich tue alles was er will, damit er mir mein Kind nicht wegnimmt. Und ich kann nicht mehr. Ich arbeite für drei Personen, während er nichts tut.“

Wir fuhren dann durch eine der nobelsten Gegenden in Kairo. Eine Frau die vor Jahren den Krebs besiegt hatte, vermietete Zimmer in ihrer riesigen Villa, die von einem noch riesigerem Garten stand und bot dort viele Angebote für Leute an, die in ihrem Leben steckengeblieben waren. Natürlich muss man das nötige Kleingeld haben, um sich diesen psychischen Zusammenbruch leisten zu können, das gehört in Ägypten eher zu den „Luxusproblemen“.

Uns wurden Handys, Laptops, Bücher und Snacks - ja okay, schuldig - weggenommen. Wir durften uns kein Zimmer teilen, jede musste für sich sein, „damit wir uns auf uns konzentrieren konnten und in uns gingen“. Es war nur ein Resort für Frauen und wir mussten um 21 Uhr auf unsere Zimmer sein. Ich fand´s beschissen. Ich wollte fressen bis zum Umfallen und Quatschen bis uns beiden die Ohren bluten. Ich wollte „Sex and the City“ schauen und ganz sicher wollte ich nicht um 21 Uhr im Bett sein.

Und ich musste mich ständig daran erinnern, dass ich nicht meinetwegen hier war. Das war kein Urlaub. Ich war für Nadja da.  

Am Morgen danach mussten wir um sieben Uhr in der Früh auf den Yoga-Matten im Garten hocken. Sonja - die Inhaberin der ganzen Anlage - sah uns an und sprach in einer sehr ruhigen und fast unhörbaren Stimme mit einer fast schon nervenden inneren Ruhe. Sie bat uns, während der Übungen nicht zu sprechen, den anderen bei den Übungen nicht zuzusehen, sondern jede für sich, solle sich bitte auf sich selbst konzentrieren.

Und da schnauzte ich Nadja flüsternd über:“Wir haben nicht einmal gefrühstückt, jetzt soll ich für 45 Minuten den Mund halten? Das geht nicht.“

Nadja:“Das geht schnell vorbei. Yoga ist befreiend.“

Ich:“Ich freu mich schon auf das Frühstücksbuffet.“

Nadja:“Ich mich auch, es ist vegan.“

Und nun hatte ich alle Latten am Zaun verloren:“Was? Nein. Nein. Ich kann nicht den Mund halten UND Scheiße fressen. Das geht nicht.“

Nadja lachte:“Ich bin jetzt auch vegan.“

Ich hielt den Mund. Und ich aß beim Buffet einen beigen, einen grünen und einen pinken Klecks von - ich habe keine Ahnung was es war, es schmeckte alles gleich - mit veganem Brot. Und niemals zuvor war mir Salat so attraktiv. Ich war wegen Nadja da. Das durfte ich nicht vergessen. Und anscheinend brachte ich sie zum Lachen, das war mir wichtig, weil es ihr wichtig war.

Ich konnte nachts nicht schlafen. Seit meiner Mutterschaft träumte ich davon zu schlafen, konnte es hier aber nicht. Ich vermisste mein Kind und meinen Mann. Als ich kurz aus dem Zimmer ging merkte ich, dass bei Nadja ein Licht im Zimmer flackerte. Und ich tat das Unaussprechliche, ich ging da einfach zu ihr hinein. Sie saß auf dem Boden, hatte geschwollene Augen und weinte sich die Seele aus dem Leib. Sie war überrascht mich zu sehen, aber sie schämte sich nicht mir gegenüber. Ich schlug ihr vor, einen Spaziergang im Garten zu machen. Wir schlichen uns hinaus, in Pyjamas und es fühlte sich an, als würden wir gegen Staatsgesetze verstoßen, aber genau das war das Aufregende daran. Wir waren nach 22 Uhr draußen und am liebsten hätte ich bei Sonja angeklopft und ihr Gesichtsausdruck gesehen. Wahrscheinlich hätte sie mich schreiend angeflüstert. 

Wir saßen dann auf der Wiese, da sah Nadja ins Leere und sagte ruhig:
„Ich habe alles richtig gemacht. Ich hatte immer gute Noten. Ich bin immer eine treue Person gewesen, eine gute Tochter, eine gute Schwester und ich schwöre dir, ich war eine gute Ehefrau und bin eine gute Mutter. Aber ich habe mir diesen einen Fehler erlaubt, ich gebe es zu, ich mir einen Fehler erlaubt. Ich habe eine falsche Entscheidung getroffen, weil ich mich verliebt habe, da schaltete sich mein Verstand ab, das leugne ich gar nicht. Aber muss ich nun mein ganzes Leben lang dafür büßen? Für diesen einen Fehler? Ist das jetzt das Ende?“

Und es sind verdammt noch einmal nicht viele Momente, in denen ich nichts zu sagen habe oder voll schlagfertig eine Instagram-Weisheit aus mir geschossen kommt, aber in diesem Moment, sagte ich einfach nichts.
Es kam nichts. Ich konnte nichts darauf sagen.

 

Ich starrte sie nur an und wollte vom Erdboden verschluckt werden, weil ich keine Ahnung hatte, was nun das Richtige wäre. Ich nahm sie in den Arm und sagte einfach einmal nichts. Wir blieben lange so. Dann fiel mir ein:“Ich hab einen Schokoriegel reingeschmuggelt. Magst du den haben?“ Sie lachte dann plötzlich und nickte. Ich musste aber dann doch gestehen:“Der ist nicht vegan.“ Wir hörten beide nicht auf zu lachen. Und das war unendlich schön. Es gibt davon keine Fotos, keine Hashtags, aber die Erinnerung daran haben wir beide noch und es ist eine gute.

 

 

Please reload

  • Facebook Social Icon
  • Instagram Social Icon
Recent Posts

August 8, 2019

July 8, 2019

June 20, 2019

June 13, 2019

November 28, 2018

Please reload

  • Facebook Social Icon
  • Instagram Social Icon

©2019 Made with multicultural Humor since July 2016