Neujahrsvorsätze am Arsch vorbei

January 7, 2020

Wer kennt sie nicht, die guten alten Neujahrsvorsätze? Das ganze Jahr über hat man sich Donut nach Donut in den Mund geschoben, die viel zu teuren Schuhe und Klamotten, auf die man der Umwelt und Frauen anderswo zuliebe verzichten wollte, am Schluss dann doch noch gekauft und damit ein fettes Minus am Konto hinterlassen, hat keinen Sport wie die Jahre davor geplant getrieben, den Führerschein noch immer nicht gemacht und das Zusammenkommen aller Freunde an einem Tisch zum Ende des Jahres, auch das grenzt heutzutage eher an einem Wunder, vom Kind möchte ich gar nicht anfangen….

Was ist aus den Jahresenden geworden, die man einfach nur feiernd mit eben genannten Freunden verbracht hat, in vollen Wohnungen, wo man die eigenen Gedanken nicht hören konnte, weil die Musik so laut spielte und jeder Donut zu viel, als süßes Extra zählte? Wo sind die Jahresübergänge geblieben, in denen man lachend und mit Countdownzählen das neue Jahr in die Arme willkommen hieß und dem alten zum Abschluss winkte, ohne sich gleich am Tag darauf komplett ändern zu wollen? 

Mit der Mutterschaft änderte sich das natürlich, denn ich konnte/wollte mit einem Kind, das noch gestillt wurde, nicht um Mitternacht in Wohnungen herumtanzen, um irgendwen willkommen zu heißen. Zu dieser Zeit schlief ich und wenn ich Neujahrsglück hatte: Das Kind auch. Ohne sich in die Windel gemacht zu haben und ohne noch einmal gestillt werden zu wollen. Ich verschlief also die Jahresübergänge einige Jahre lang und hatte nicht das Gefühl, dabei etwas zu verpassen. Fast nichts. Vielleicht ein wenig Spaß, aber ich bin Mutter, ich habe generell ein bisserl weniger Spaß als andere.

Durchs Erwachsenwerden und die Mutterschaft änderte sich die Stimmung zu Jahresende. Weniger Feierlaune und viel mehr Pläne für das nächste Jahr wurden erstellt. So richtig mit hinsetzen und niederschreiben, was sich mit dem neuen Jahr ändern soll, damit ich zum besseren Menschen werde und somit ein besseres Leben führe. Und meine Pläne waren: Den Job zu behalten, bis sich eine bessere Möglichkeit ergeben würde, die komplette Ernährung umzustellen, dreimal in der Woche müsste gesportelt werden und für den Führerschein müsste endlich Zeit gefunden werden. Dem Kind weniger Süßes geben, sie für einen Sportkurs anmelden, damit es in Bewegung bleibt und sich mehr Zeit für Familie und Freunde nehmen sollte ich auch.

Voller Enthusiasmus und Zuversicht lernt man diese Punkte auswendig und denkt sich „Maaah, ich fühle mich schon anders.“ Und am nächsten Tag wacht man in einem neuen Jahr auf und man hat sogar auf Anhieb den Ernährungsplan geändert: Ich zB bin von Donut auf Knödel umgestiegen. Die Tage, Wochen und Monate vergehen und rückblickend war dieses Jahr noch kürzer als das Jahr davor, da möchte ich meine Bilanz ziehen und merke: 
den Kakao trinke ich noch immer nur mit Schlagobers, für den Führerschein gab es keine Zeit, das Kind isst immer noch hier und da Süßes und ist in keinem Sportkurs und den einzigen Sport den ich treibe, ist der U-Bahn hinterherzulaufen, wenn ich zu spät dran bin, zum Job, den ich gerne mache, der mich aber nicht erfüllt, dafür aber den Kühlschrank und das hat für damals völlig gereicht, weil es das eben musste.

So ging es Jahre lang. Jahr für Jahr hatte ich Forderungen an mich selbst, für die 24 Stunden am Tag nicht reichten und natürlich musste es meine Schuld sein, dass es nicht klappte. Julia Roberts hat auch nur 24 Stunden am Tag zur Verfügung und sie ist toll. Es musste an mir liegen. Es musste an meiner Einstellung liegen. Aber ich wusste nicht was ich falsch machte, immerhin wollte ich doch ein besserer Mensch werden und hart daran arbeiten. Ich arbeitete auch daran, vielleicht nicht hart genug, aber so hart ich nur konnte und das reichte am Schluss doch nicht. Ich fühle mich gegen Jahresende immer beschissen und zu Jahresbeginn noch beschissener.

Und dann machte es Klick. Warum machte es Klick? Weil ich rundum unglücklich war. Die Liste der Vorsätze war in den letzten Jahren länger geworden und mit ihnen auch meine Enttäuschung von mir selbst. Und da saß ich am Ende des letzten Jahres alleine am Küchentisch und musste feststellen: Okay, ich nehme in Kauf, dass so gut wie nichts von der Liste erfüllt wurde, aber ich habe das ganze Jahr lang geschuftet, ich habe alles was ich brauche, einiges von dem, was ich gerne hätte, ich werde von den mir wichtigsten Menschen auf Erden geliebt und sie wissen, dass ich sie liebe. Dem Kind ging es nie besser und ich sitze hier und mache mich fertig, weil ich noch mit den Öffis fahre und Knödel esse - wen kümmert´s? Verdammt noch einmal, heute wird gefeiert! Und das tat ich dann auch. Zuhause mit meiner Familie, wir tanzten in Pyjamas ins nächste Jahr, aber vorher tat ich noch etwas, das - und ich übertreibe nicht - mein Leben verändert hat:

 Ich habe mir selbst einen Liebesbrief geschrieben. Nicht wegen der im Moment so beliebten Achtsamkeit oder der hochgepriesenen Selbstliebe, der Grund war kein Instagram-Trend, der durch einen Hashtag in mir ausgelöst wurde, nein, ich hatte es einfach satt. Ich hatte es satt, nur an mir zu nörgeln, die kleinen und großen Fehler, Ecken und Kanten auf die große Wand zu malen und als den Untergang meiner Selbst hinzustellen. Es war einfach genug. Ich hatte keine Kritik mehr an mir übrig. Alles was man an einer Person aussetzen könnte, hatte ich schon an mir ausgesetzt, ich stand kartenlos da.
 Ich schrieb mir selbst, dass es okay war, nicht immer okay zu sein. Dass es in Ordnung war, die Prioritäten so zu setzen, dass das eigene Wohlgefühl ab und zu vor anderen Dingen steht, die dieses in den Hintergrund drängen. 
Ich schrieb mir selbst, dass eine Frau von dreißig Jahren die Weisheit von zwei Fünfzehnjährigen hat, noch Fehler machen darf, diese feiern, nicht als Niederlagen zu sehen hat und das Leben sowieso immer weitergeht. Ich schrieb, dass eine Frau von sechzig Jahren die Weisheit von zwei Dreißigjährigen hat und deswegen vielleicht mehr erlebt, hoffentlich mehr gelebt und auf jeden Fall mehr gelernt hat, sich aber dennoch auf die kleinsten Dinge im Leben freuen dürfen sollte. Die kleinen Erfolge, die keiner sieht und dokumentiert, die aber trotzdem stattgefunden haben. Die kleinen Freuden, die nur dann etwas bedeuten, wenn man lächelt und es sich nicht so zu Herzen nimmt, wenn etwas doch nicht so wie geplant klappt.

Kurz nach Jahresbeginn habe ich gekündigt, ohne auf die bessere Möglichkeit zu warten, die sich aber dann unerwartet ergeben hat und mein Buch „Wir treffen uns in der Mitte der Welt“ wurde nicht nur veröffentlicht, sondern sogar ein Bestseller, was für mehr Lesungen, Workshops, Vorträge und somit einem guten Einkommen mit mehr zeitlicher Flexibilität führt. 
Das Kind kam in einen Bastelkurs, weil es das viel lieber mag als Sport auf Kommando zu treiben. Meine Garderobe wurde aussortiert und großteils gespendet, sowie die Garderobe des Kindes. Tauschpartys für Klamotten gehören nun meinen Lieblingsevents, ich liebe Knödel immer noch, habe sogar gelernt diese zu genießen, anstatt sie zu zählen und hinterher zu weinen, Kakao ohne Schlagobers ist einfach keiner, ich tanze wieder regelmäßig, vor allem dann, wenn keiner hinschaut und den Führerschein habe ich nach wie vor nicht gemacht, weil: so ganz ohne den Mief der U6 und den morgigen Grant meiner Wiener, macht das Leben halt auch nur halb so viel Spaß.
 

 

 

Eure
Muddi

 

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